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Neue Felsenwelt – Gletschergarten Luzern
Zeitreise in Epochen weit vor unserer Zeit
 
Nach dreijähriger Bauzeit eröffnete der Gletschergarten Luzern die Felsenwelt als neue Attraktion für das Publikum. Der unterirdische Rundgang und Aufstieg zur neu erschlossenen Parkanlage bilden eine spektakuläre Museumserweiterung. Sinnliche Erlebnisse werden im Museumsensemble mit wissenschaftlichen Einsichten ideal kombiniert.

Drei Jahre lang war der Gletschergarten Luzern voll von platzraubenden, lautstarken Baumaschinen. Auf engstem Raum wurde gesprengt, abgerissen, gebaut und gepflanzt. Nun hat die Bautätigkeit ein Ende genommen. Dem Publikum präsentiert sich eine neue Attraktion – ein unterirdischer Rundgang im Berg mit einzigartiger Dramaturgie. Geologische Besonderheiten des Luzerner Sandsteins, Schichtungen und Kluftsysteme verraten die Urkräfte, die hier über Jahrmillionen wirkten. Subtile Lichtspiele am Fels formen sich zu Bildern ehemaliger Landschaften mit deren Flora und Fauna.

Handwerk und Baukunst
Das Architekturbüro Miller & Maranta aus Basel hat die Entwicklung der Felsenwelt massgebend geprägt. «Uns faszinierte die Idee der Felsenwelt als Zeitmaschine. Sie erweitert das Gesamterlebnis um eine neue Dimension. Gleichzeitig ermöglichte dieses Projekt, die Situation des Schweizerhauses durch Rückbau von Anbauten zu klären und somit die Fläche des Parks zu vergrössern», erklärt Quintus Miller von Miller & Maranta das architektonische Konzept. «Dadurch entstand die Möglichkeit, die gesamte Parkanlage als grossen Landschaftsgarten neu zu fassen und in inhaltlich zusammenhängende Bereiche zu gliedern». Der gesamte Planungs- und Bauprozess wurde durch die Denkmalpflege des Kantons Luzern konstruktiv begleitet sowie finanziell unterstützt.

Neue, markante Bauten ergänzen die bestehenden «Follies» im historischen Alpengarten. Da ist das verwinkelte, in Kunststein gegossene Portal zur Felsenwelt. Pyramidenförmig präsentiert sich der neu gestaltete Zugang zum Spiegellabyrinth sowie der Ausgang aus der Felsenwelt. Das filigrane Muster im Gussbeton ist das Ergebnis gekonnter Steinmetzarbeit. Im vertikalen Gartenhof vereint sich nackter Fels mit präzis eingepassten Kunststeinwänden und -formen.

Entstehungsgeschichte
Der Gletschergarten liegt am Fusse eines grossen Sandsteinfelsens am Wesemlinhügel im Norden der Stadt Luzern. Die Entstehung des Sandsteins geht auf einen Meeresstrand zurück, der vor 20 Millionen Jahren die damals tropische Gegend von Luzern geprägt hatte. Seit dem Mittelalter wurde der Fels als Steinbruch bewirtschaftet und Anfang 19. Jahrhundert durch den Bildhauer Thorvaldsen für das bekannte Löwendenkmal künstlerisch nachhaltig bearbeitet. Nach der Freilegung der 1872 durch Zufall entdeckten Gletschertöpfe entwickelte sich der Gletschergarten bis zur Jahrhundertwende schnell zu einer Attraktion in der durch den Tourismus geprägten Region um den Vierwaldstättersee. Die rund siebzehntausend Jahre alten Gletschertöpfe wurden für die von der Alpenwelt faszinierten Touristen nach und nach in einen geführten Rundgang eingebunden. Von dieser Entwicklung zeugt die inhaltliche Dichte des baulichen Ensembles innerhalb des entstandenen Parks, der mit der dezentralen und objekthaften Setzung von einzelnen Attraktionen an englische Landschaftsparks erinnert. In kurzen zeitlichen Abständen entstand in und um die geologischen Phänomene ein Wegsystem mit Schweizerhaus, Aussichtsturm, Kassenhaus, Clubhütte mit Diorama, Pumpenhaus für Wasserfall und Teiche und diversen gedeckten Passagen. Der Einbau des von der Landesausstellung 1896 übernommenen Spiegellabyrinths steigerte nicht nur die Attraktivität des Museums, sondern auch die Skurrilität der Gesamtanlage. Auch die Wegführung lebte stark von der Inszenierung der unterschiedlichen baulichen, geologischen und landschaftlichen Elemente. Die Wege wurden zum Teil pergolaartig gefasst, um bestimmte Ausblicke in Szene zu setzen. Die Ausstellung war entlang dieser Wege durch den alpinen Garten in und um das Schweizerhaus organisiert.

Ab den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts – wohl auch als Reaktion auf die Eröffnung des schnell erfolgreichen Verkehrshauses 1959 – fand eine zweite Phase der baulichen und inhaltlichen Erweiterung statt: Für das Spiegellabyrinth und verschiedene Projektions- und Ausstellungsräume wurden eigene Räume um das Schweizerhaus angelagert, die die Stellung des bisher freistehenden Gebäudes aber stark kompromittierten. Die bis anhin selbstverständliche Verteilung von einzelnen Attraktionen in einem grösseren Garten verlor durch die Konzentration um das Schweizerhaus an Überzeugungskraft. Auch die Orientierung innerhalb der Anlage und die Gewichtung der einzelnen Teile war durch die Verlagerung und Ballung der Nutzungen aus dem Gleichgewicht gebracht worden.

Architektonisches Konzept
Das realisierte Projekt klärte durch den Rückbau der Anbauten die Situation des Schweizerhauses. Durch den Einbezug der Sommerau konnte die Fläche des Parks erheblich vergrössert werden, womit die Möglichkeit entstand, die Parkanlage als grossen Landschaftsgarten neu zu fassen und in inhaltlich zusammenhängende Bereiche zu gliedern. Neben dem Schweizerhaus entstand ein zentraler Platz, von dem aus die unterschiedlichen Ausstellungsteile zugänglich sind: Die Gletschertöpfe, der Saumweg auf die Sommerau, die Zugänge in die Felsenwelt, in das Schweizerhaus und in den neuen Sandsteinpavillon im Norden.

Die Eingriffe im Gletschergarten sind aus dem naturwissenschaftlichen Eifer des 19. Jahrhunderts inspiriert. Die romantische Neugierde, mit der man damals die Natur erforschte und auch unheimliche Phänomene durchdringen wollte, soll auch die Besucher durch den Gletschergarten führen. Ähnlich wie die Protagonisten in einem Abenteuerroman von Jules Verne reisen die Besucher allein oder in kleinen Gruppen in eine fremde Welt. Die Geschichte entwickelt sich quasi von selbst – der Weg ist das Ziel. Bei der Luzerner Reise zum Mittelpunkt der Zeit werden die Besucher einfallsreich unterhalten, und es können diverse naturwissenschaftliche Phänomene erkundet und erforscht werden. Es ist ein vielfältiges Nebeneinander von Naturwissenschaft, Abenteuerroman und utopischen Elementen.

Über das Zugangsportal erreicht man die im Felsen liegende ureigene Welt. Durch den verwinkelten Zugang wird das Tageslicht gefiltert, und die Besucher treten schrittweise in den Berg ein. Allmählich wird man vom Klima des Felsens umfasst: eine feuchte und von den Jahreszeiten weitgehend unabhängige Umgebung der in den Felsen getriebenen Räume. Auf dem leicht abfallenden Weg in die Tiefe können unterschiedliche Phänomene der Erdgeschichte entdeckt und erfahren werden: Die Naturerscheinungen können mit naturwissenschaftlichem Blick erforscht oder mit kulturphilosophischem Geist hinterfragt werden und führen so die Besucher zu subjektiven Erkenntnissen. Die starke räumliche Stimmung wird durch das vorherrschende Material Stein und die elementaren Erfahrungen von Licht und Dunkel, Enge und Weite, Klang und Stille geprägt. Die Geometrie und Lage der Räume orientiert sich an der vorherrschenden, durch die Alpenfaltung aus dem Lot geratenen Schichtung des Sandsteins und den vorhandenen Klüften. Dies führt zu schrägen Querschnitten von Gängen und Kavernen, was die spezifische Wahrnehmung der Räume verstärkt. Der Fels ist an vielen Stellen sichtbar belassen und nur dort für die Besucher unsichtbar gesichert, wo es notwendig ist. Der Weg mündet in eine grosse Kaverne, die das von der Erdoberfläche eindringende Regenwasser in einem unterirdischen See sammelt. Über eine Treppe, die sich an einer Seite des Gartenhofs an der Felswand emporzieht, erreichen die Besucher die Sommerau. Aus rund dreissig Metern Tiefe steigt man Schritt für Schritt dem Licht entgegen und erfährt elementare Naturphänomene und Wahrnehmungen: Auf den Felsoberflächen findet sich mit zunehmendem Sonnenlicht Vegetation. Hier führt der Rundgang auf die Sommerau, einen verwunschenen Ort zwischen den Bäumen, der den Blick auf die Stadt Luzern freigibt: Die Besucher sind nach der elementaren Erfahrung der Unterwelt wieder auf der vom Menschen kultivierten Erdoberfläche angelangt. Der Rundgang führt am Aussichtsturm vorbei über den bestehenden Felsenweg auf den zentralen Platz zurück.

Die neuen Museumsräume werden im nördlichen Teil der Anlage als künstliche Erweiterung des Bergs unter Verwendung des Ausbruchmaterials als Betonbau erstellt. Die äussere Betonschale ist eine geometrisch reduzierte Form: ein gegossener Kunstfels, der in seiner rohen Form dem Wetter ausgesetzt ist und mit der Zeit verwittert. Die innere Struktur, die die Ausstellungsräume aufnimmt, wird nachträglich in Holz hineingebaut und ist von der äusseren Betonschale abgelöst. Der Sandsteinpavillon wird auf Ende 2021 fertiggestellt.

Das Schweizerhaus selbst wurde in seinen Qualitäten gestärkt. Es ist ein typisches historisches Wohngebäude mit bemerkenswerter Innenausstattung. Das bestehende Kuriositätenkabinett mit ausgestopften Tieren, Fossilien, Stichen, Möbeln, Karten und Reliefs inszeniert die Museumsgestaltung des ausgehenden 19. Jahrhunderts und steigert so die Qualität des Hauses. Im Erdgeschoss des Gebäudes wurde Richtung Süden ein kleines Bistro mit Museumsshop eingebaut, von dem aus auch die Terrassenflächen bespielt werden. Die im nördlichen Bereich des Schweizerhauses liegende grosse Treppenhalle wurde von allen Wandverschlüssen befreit und steht dem Museum neu als grosszügiger und heller Ausstellungs- und Empfangsraum zur Verfügung. Das sich im Untergeschoss des Hauses befindende Relief der Urschweiz von Franz Ludwig Pfyffer wurde mit einer neuen Treppenanlage und einen neuen Lift an die Ausstellungsflächen des Schweizerhauses angebunden.

Der Gletschergarten-Besuch ist eine faszinierende Reise durch die Zeit hin zu den Wundern der Geologie und der Natur, die im ganzen Park überliefert und zu entdecken sind. 
 
Ausgabe "2021/4 - November/Dezember" bestellen
 
Text COVISS
Bild Gletschergarten Luzern
 




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