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Erweiterungsbau Stadtcasino Basel
Dauerhaft in Stein gehüllte Holzfassade
 
Im Sommer 2020 wurde der renovierte und erweiterte Konzertsaal des Stadtcasino Basel wiedereröffnet. Der Erweiterungsbau von Herzog & de Meuron zeichnet sich durch eine spezielle Holzfassade aus, die sich optisch an die neobarocke Steinarchitektur des 1876 erbauten Gebäudes anlehnt. Das von den Architekten wie auch der Denkmalpflege gewählte mineralische Farbmaterial spielt für den Ausdruck und die Dauerhaftigkeit einer bewusst steinern zu wirkenden Holzfassade eine entscheidende Rolle.

In einer Volksabstimmung 2007 wurde ein Neubauprojekt abgelehnt, das den 1939 erstellten Casinosaal der Kehlstadt & Brodtbeck Architekten ersetzen sollte. Das aus einem Architekturwettbewerb hervorgegangene Siegerprojekt von Zaha Hadid fand wegen seiner mächtigen Kubatur beim Volk keine Mehrheit. Als Folge davon wurde das Architekturbüro Herzog & de Meuron mit einer städtebaulichen Studie für eine Neuordnung des knappen und qualitativ ungenügenden Raumangebots beauftragt, das dem historischen Musiksaal von 1876 infrastrukturell zudienen soll. Diese Anstrengungen sollten sich in einem ersten Schritt auf den eigentlichen Musiksaal konzentrieren, der heute zu den ältesten und bedeutendsten Musiksälen Europas zählt und Stammhaus des Sinfonieorchesters Basel ist. Auch das renommierte Kammerorchester Basel und die Basel Sinfonietta veranstalten hier ihre Konzerte. Der Saal mit seinen 1400 Plätzen wird für seine hervorragende Akustik international gerühmt. Beim Bau mussten 1876 jedoch aus Kostengründen erhebliche Abstriche bei den Servicebereichen in Kauf genommen werden, was 1939 teilweise durch den Saal umschliessende Anbauten behoben werden konnte. Diese vermochten mit ihrer in die Jahre gekommenen Atmosphäre den stark veränderten Anforderungen an ein zeitgemässes Konzerthaus nicht mehr genügen. Neben der dringend erforderlichen baulichen Sanierung war eine Erweiterung mit grosszügigen Foyers, Künstlerbereichen und Serviceräumen unumgänglich.

Aus sich herauswachsender Palazzo
Um dem bestehenden Musiksaal mehr Freiraum für die benötigte Raumerweiterung zu verschaffen, wurden diverse Möglichkeiten und Varianten untersucht. Dazu konzentrierten sich Herzog & de Meuron auf den Raum zwischen dem Musiksaal und der Barfüsserkirche, der im Mittelalter mit Klosteranlagen verbaut war und deshalb aus der Sicht des Denkmalpflegers für bauliche Veränderungen freigegeben wurde. In Analogie zu diesen ehemaligen Klosteranlagen haben die Architekten in ersten Studien kreuzgangartige Anbauten zwischen Barfüsserkirche und Musiksaal geprüft. Aus städtebaulichen, architektonischen und betrieblichen Gründen haben sie diese jedoch bald schon verworfen. Der Stehlinsche Musiksaal war ursprünglich als souveräner Palazzo konzipiert, und sämtliche Versuche, Aufbauten anzudocken, ähnelten einer Bastelarbeit. Wie schon die Zubauten von 1939, wurden die kirchenseitigen Anbauten als Rückseiten wahrgenommen, minderwertig im Vergleich zur Schaufassade am Steinenberg. Die einzige überzeugende Lösung war, den Musiksaal als autonomen, vom 1939er-Casinobau freigespielten Baukörper zu begreifen. Die Erweiterung musste wie selbstverständlich aus dem historischen Kernbau herauswachsen. So war es wichtig, den Erweiterungsbau in der – zumindest für den flüchtigen Blick – gleichen, neobarocken Sprache zu gestalten. Als Modell dazu diente die bestehende Stehlinsche Rückfassade, die man mit digitaler Technologie erfasst und in originaler Grösse nachgebaut hat.

Die beiden denkmalgeschützten Säle wurden mit viel Sorgfalt in Absprache mit der Denkmalpflege renoviert. So wurde zum Beispiel der Musiksaal dem historischen Ursprung angeglichen; dazu gehörten Veränderungen wie die Farbgestaltung insgesamt, die Erneuerung des Bodens in Eichenparkett, eine auf dem historischen Vorbild abgestimmte Bestuhlung, die Beleuchtung und die natürliche Belichtung. Eine neue Orgel wurde in den historischen Prospekt installiert, sowie eine zeitgemässe automatisch verstellbare Bühne eingebaut. Mit der betrieblichen Entkoppelung von Musiksaal und Stadtcasino und dem damit einhergehenden Abbruch des damaligen Eingangs- und Treppenbereichs entstand zwischen Steinenberg und Barfüsserplatz wieder eine direkte Verbindung in Form einer offenen Gasse. Eine solche bestand bis zum Abbruch des Berri-Baus im Jahre 1938 und dem Neubau des Stadtcasinos 1939 und diente als Kutschenvorfahrt. Der Musiksaal orientiert sich somit heute zur ehemaligen Kulturmeile des Steinenbergs hin und neu auch zum Barfüsserplatz; er steht nun wirklich auch auf dem Platz und tritt neben der mächtigen Barfüsserkirche als gleichwertiger Baukörper in Erscheinung. So entsteht ein neuer öffentlicher Raum zwischen Kirche und Musiksaal, der bisher bloss als eine Art Hinterhof wahrgenommen wurde.

Mineralisierte Holzfassade
Während es sich bei der bestehenden historischen Fassade um ein massives Gemäuer handelt, ist die Fassade des Neubaus aus bautechnischen und energetischen Gründen als gedämmte Stahlbetonwand mit einer hinterlüfteten Verkleidung ausgebildet. Hierfür stellte sich Holz als das geeignetste Material heraus. Die von der Originalfassade übernommenen Geometrien wurden leicht verändert, um den konstruktiven Anforderungen des Naturwerkstoffs gerecht zu werden.

Bereits bei der Erstellung des Musiksaals im 19. Jahrhundert wurden gewisse Bauteile entgegen ihrer eigentlichen Erscheinung in Holz ausgeführt und dem beabsichtigten gestalterischen Ausdruck entsprechend mit Spachtel, Farbe und Pinsel gestaltet. Zum Beispiel wurde das massiv erscheinende Dachgesims damals zur konstruktiven Vereinfachung vollständig in Holz ausgeführt und im selben Farbton wie die steinerne Fassade gestrichen. Auch die Säulen des Musiksaals wurden aus akustischen Gründen in Holz beziehungsweise Gips erbaut und mit einer steinern anmutenden Bemalung verziert.

An dieser historischen gestalterischen Besonderheit orientierte man sich nun auch bei der Ausgestaltung der holzverkleideten Erneuerungsbau-Fassade. Für diese verbaute man Accoya-Holz, ein natürliches Holz, das mittels ungiftigem Acetylierungsverfahren beindruckende Dauerhaftigkeit und Formstabilität erhält. Accoya-Holz wird aus schnellwachsendem, nachhaltigem Holz hergestellt und verfügt über zahlreiche Nachhaltigkeitszertifikate wie «FSC» und «Cradle to Cradle». Für das Stadtcasino wurde diese Holzart verwendet, weil sie die konstruktiven und formalen Ansprüche der Architektur gut umsetzen kann und weil sie ideal für Beschichtungen ist. Accoyas hohe Masshaltigkeit bedeutet, dass sich das Holz kaum bewegt oder aufquellt, auch bei sehr feuchtem Klima. Da sich so keine Spannung an der Oberfläche bildet, halten Beschichtungen nachweislich deutlich länger und brauchen weniger Wartung, als dies bei anderen Holzarten der Fall ist. Siebzehn verschiedene Profile aus Accoya-Holz wurden gehobelt und beschichtet. Um die gewünschte steinerne und nachhaltige Wirkung der Holzoberfläche zu erzielen, wurde industriell eine mineralische, nicht filmbildende Holzfarbe dreimal aufgetragen und anschiessend intensiv gebürstet. So konnte die Tiefenwirkung der Holzstruktur zusätzlich hervorgehoben werden.

Absicht der Architekten war es ja, den Anbau mit einem «interessanten» und «überraschenden» Element zu versehen. Aus der Entfernung wird man beim Anblick der matten und mineralisch-leuchtenden Fassadenoberfläche einer unaufgeregten Ähnlichkeit zur bestehenden, historischen Steinfassade gewahr. Erst beim Nähertreten erschliesst sich der natürliche, nachhaltige Ursprung des neuen Erweiterungsbaus deutlicher: Hier handelt es sich nicht um ein Steingemäuer, sondern um eine remineralisierte Holzverkleidung, um Holz, das gewissermassen mit Mineralien (Stein) sanft umhüllt ist. Die Überraschung ist perfekt.

Die Bedeutung des sorgfältig ausgewählten Farbmittels wird an diesem Objekt besonders deutlich. Man erahnt, dass Farbe nicht einfach nur Farbe bedeutet. Im Zentrum steht ein mineralisch-nachhaltiges Material ohne bioziden Filmschutz, das bauphysikalisch-ästhetisch ähnlich wie Naturstein funktioniert, offenporig ist und Feuchtigkeit beim Austritt in keiner Weise behindert. Mit dieser Farbe wird das Holz mineralisiert und nicht mumifiziert. Wie gesund wachsendes Holz seit Urzeiten auf Mineralien (Steine) angewiesen ist, kommt mit dieser Art der mineralischen Beschichtung auch dem Bauholz jener Schutz zuteil, nach dem es als dauerhaft und natürlich-schön gestaltetes Fassadenholz aus architektonischer, ästhetischer und ökologischer Selbstverständlichkeit heraus verlangt: Mineralien.



Bauinfo

Objekt: Stadtcasino Basel, Erweiterungsbau

Architektur: Herzog & de Meuron

Denkmalpflege: Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt

Holzbau-Ingenieure: Pirmin Jung Schweiz AG, 6026 Rain, www.pirminjung.ch

Mineralischer Holzschutz / Mineralische Holzästhetik: Keimfarben AG, 9444 Diepoldsau, www.keim.ch 
 
Ausgabe "2021/1 - März/April" bestellen
 
Text Gregor Eigensatz
Bild Ruedi Walti; Pirmin Jung
 




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