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Von der Ursache des Mangels
Pfusch am Bau beginnt in den Köpfen
 
Bei seiner Tätigkeit als Sachverständiger muss Joachim Schulz die Ursache des «Mangels» feststellen. Er kommt dabei zum Schluss, dass viele seiner Architekten-Kollegen anscheinend lieber bunte Bilder malen und über Farben diskutieren, statt den ausführenden Firmen Details zur Verfügung zu stellen. Sie würden Bauwerke mit Bühnenbildern verwechseln, obwohl ein Architekt alle Erkenntnisse zu beschreiben habe, sei es mit Worten im Leistungsverzeichnis oder anhand von Zeichnungen. Ein Plädoyer zum Nachdenken.


Zusammenfassung

«Der ‹Pfusch am Bau› beginnt nicht am Bau, sondern in den Köpfen der Architekten und Ingenieure, Jung-Projektsteuerer, Produktberater, der Hochschul-Ausbildung, der selbsternannten Sachverständigen, Hausverwaltungen und der Bauherren.»

«Es ist leicht und schnell gesagt, der ‹Pfusch beginnt am Bau›.»

«Fehler können in jeder Arbeitsstufe produziert werden. Erst eine eindeutige und erschöpfende Planung und Ausschreibung bringt die Qualitätssicherung, die jedoch nicht zum Nulltarif zu haben ist.»

«Qualitätssicherung beginnt im Kopf und nicht anhand von Checklisten.»

«Wir Architekten und Ingenieure haben einen tollen Beruf, jedoch müssen wir ihn beherrschen − durch Selbststudium. Beruf kommt von ‹Berufung›.»

Der Autor dieses Beitrags, Joachim Schulz, ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schäden an Gebäuden (www.igs-schulz.de). Der hier veröffent-lichte Artikel basiert auf einem von Joachim Schulz im Rahmen der KABE Fachgespräche 2014 und unter dem Motto TIMEOUT gehaltenen Referat.


«‹Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln: durch Nachdenken − das ist der edelste, durch Nachahmen − das ist der leichteste − durch Erfahrung, das ist der bitterste.›

Auf Grundlage meiner Sachverständigentätigkeiten kann ich das Zitat nur bestätigen. Was bereits 479 v. Chr. (Konfuzius) galt, trifft heute genauso zu: ‹Edel›-Männer und -Frauen scheint es immer weniger zu geben, denn die wenigsten lernen aus Bauschäden oder denken über deren Ursachen nach. Dies verwundert nicht, wird doch mit einem Überangebot von neuen Büchern und CAD-Fertigdetails das Nachahmen leicht gemacht. Nicht nur junge Kollegen übernehmen gedankenlos fertige Details und müssen später die bittere Erfahrung machen, dass sie für ihre Fehler haftbar gemacht werden. Ausführungszeichnungen müssen alle für die Ausführung bestimmten Einzelangaben − unter Berücksichtigung der Beiträge anderer an der Planung fachlich Beteiligter – enthalten, also auch Materialangaben, Materialstärke usw. Diese Angaben dienen als Grundlage der Leistungsbeschreibung und Ausführung der baulichen Ausführung.

Gesucht − faires Miteinander von Auftraggeber und Auftragnehmer
Aufgrund relativ kurzer Planungszeit wird häufig auf Ausführungsdetails verzichtet. Deren Lösung wird dem örtlichen Bauleiter überlassen, der damit überfordert ist. Der Architekt kann sich bei einem Baumangel nicht herausreden, ‹die Firma hätte ja Bedenken anmelden müssen ...›. Wogegen hätte sie Bedenken anmelden müssen, wenn keine Details vorlagen?

Wenn im Rahmen der Planungspflichten entscheidend wichtige Detailpunkte gar nicht dargestellt werden wie im Fall einer sogenannten ‹Nullplanung›, ist bei Eintritt eines Schadens im direkten Zusammenhang mit dieser Detaillösung von einem Planungsfehler auszugehen. Fehler- sowie lückenhafte Planungsunterlagen und Leistungsbeschreibungen sind an der Tagesordnung. Die fehlerhafte Planung wird Vertragsbestandteil für den Auftragnehmer. Zur Verhinderung eines daraus resultierenden Ausführungsfehlers sind Bedenkenanmeldungen und Nachträge des Auftragnehmers erforderlich.

Es gibt in der VOB/C (Allgemeine Technische Vertragsbedingungen für Bauleistungen) 63 Gewerke − von den Erd- bis zu den Gerüstarbeiten. All diese Gewerke muss der Architekt oder der planende Ingenieur eindeutig und erschöpfend durchdenken, ausschreiben und überwachen. Damit ist er häufig überfordert. Planungs- und Ausführungsfehler sind daher vorprogrammiert.

Ein faires Miteinander von Auftraggeber und Auftragnehmer wird immer seltener. Baufehler werden nicht sofort beanstandet, sondern erst bei der Abnahme regelrecht ‹gesucht›, und dort beginnt das Spiessrutenlaufen. Auch setzt sich immer mehr durch, dass Baufirmen ihre letzten Zahlungsraten nicht mehr erhalten. Der Bauleiter ist verpflichtet, zur Schadensminderung beizutragen. Dies wird häufig vergessen.

Architekten-Wettbewerbssieger – häufig sogenannte ‹Fassaden-Architekten› – nehmen keine Rücksicht auf die Gebäudekonstruktion. Sie ignorieren, dass bautechnische Anforderungen Vorrang vor gestalterischen und vegetationstechnischen Aspekten haben. Jung-Projektsteuerer, die nur ihre Termine im Kopf haben, wissen wenig oder fast gar nichts über zum Beispiel ‹Restfeuchte› im Estrichbelag, ‹Ausschalfristen› beim Beton oder zulässige Bautoleranzen, Rissbreiten usw.

Normen
DIN-Normen, Merkblätter, Zulassungenwerden unkritisch übernommen. DIN-Vorschriften oder Inhalte aus Merkblättern zu übernehmen, nützt nichts, auch Produktzulassungen helfen nicht weiter, wenn beim Einsatz trotzdem ein ‹Restrisiko› verbleibt und daraus Schäden entstehen können. Der Werksvertrag schuldet eine Erfolgssicherheit. DIN-Vorschriften sind keine Kochbücher im Sinne ‹… man nehme …›. Bei den DIN-Normen handelt es sich um Vereinbarungen interessierter Kreise, die eine bestimmte Einflussnahme auf das Marktgeschehen bezwecken. Den Anforderungen, die etwa an die Neutralität und Unvoreingenommenheit gerichtlicher Sachverständiger zu stellen sind, genügen sie deswegen nicht.

Hochschulstudium
Viele Lehrende nehmen das Wort ‹Vorlesung› zu wörtlich. Sie lesen ihr Skript mehr oder weniger ab. Der Lehrstoff muss mit Leidenschaft überzeugend vorgetragen werden. Dies erfordert jedoch überdurchschnittliches Einfühlungsvermögen und Wissen, was leider nicht immer vorhanden ist. Baukonstruktion (lat. ‹zusammenfügen›) muss an den Hochschulen wieder verstärkt gelehrt werden.

Studenten gehören heutzutage zur ‹abkupfernden› Generation, das heisst Details − wenn vorhanden – werden gedankenlos aus Vorlagen kopiert, sei es per Mausklick im Internet oder aus Büchern. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass Firmen in Details nur ihr Produkt richtig und die angrenzenden Gewerke nur schemenhaft und meist falsch darstellen. Wirkliches Lernen würde nicht nur Theorie, sondern auch Beispiele aus der Praxis enthalten – wie zum Beispiel in Bauschäden-Seminaren.

So werden die Bauschäden heute nicht weniger, sondern mehr. Es wäre hilfreich, wenn zum Beispiel Studenten bereits im zweiten Semester anhand von Bauschadensfällen aus den Fehlern lernen und so unter anderem an die erforderliche ‹trockene› Baustoffkunde /Bauchemie herangeführt werden. Es gibt nur gute Baustoffe – wir machen jedoch oft schlechte Bauteile daraus.

Nachdenken statt nachahmen
Seminare, in denen über Denkprovokationen das Nachdenken (und nicht Nachahmen) trainiert wird, werden nur von wenigen besucht, vor allem von denjenigen, die es meist nicht nötig haben. Aus der Statistik ist bekannt, dass auf den meisten Bauschadensseminaren nur rund 40 Prozent Architekten oder Ingenieure vertreten sind. Der Rest sind (hier provokativ gemeint) Mitarbeiter von Behörden oder Verwaltungen, die den Tag ‹abbummeln›. Vom Sport weiss man, dass Höchstleistung auch nur durch intensives und ständiges Training erreicht wird. Auch das Erkennen von Baumängeln muss trainiert werden, um Schäden zu vermeiden. Nur – Training erfordert Zeit, viel Zeit.

Hausverwaltungen
Verwaltungen von Gebäuden beauftragen häufig keine Planungen, sondern holen kostenlose Firmenangebote ein. Die Firmen, die Angebote unterbreiten, vergessen fast immer, dass sie mit ihrem kostenlosen Angebot auch gleichzeitig Planungsleistungen übernehmen und auch dafür haften. Die Preise werden vom Auftraggeber gelöscht, und das ‹Angebot› wird als Leistungsvereinbarung neu verschickt. Da vom Auftraggeber meist kein Anforderungsprofil erstellt wird, bieten die aufgeforderten Firmen unterschiedliche Leistungen an, die meist vom Laien nicht erkannt werden. Der einzige Unterschied, der auch vom ‹Laien› sofort erkannt wird, ist der Preis, so dass fast immer der ‹Billigste› den Auftrag erhält. Nur − billig ist noch lange nicht preisgünstig. Das Dreiecksverhältnis ‹gut – billig – schnell› wird häufig verkannt: Gut und billig ist nicht schnell, gut und schnell ist nicht billig, billig und schnell ist nicht gut.
Bauherren

Immobilien-Käufer oder Bauherren sind teilweise auch selbst schuld. Wer als Auftraggeber grundsätzlich dem billigsten Anbieter, sei es in der Planung oder Ausführung, ohne Prüfung seiner Qualifikation den Auftrag erteilt, der trägt in nicht geringem Umfang die Mitschuld für spätere Planungs- und Ausführungsfehler.

Für fast alle Produkte gibt es Prospekte, Betriebsanleitungen und Handbücher. Nur bekommt der zukünftige Hausbesitzer keine ‹Betriebs- oder Gebrauchsanleitung› für sein Haus. Wer klärt ihn zum Beispiel darüber auf, dass ein Flachdach oder eine Terrasse gewartet werden muss? Wer sagt ihm etwas über das richtige Lüftungsverhalten zur Vermeidung von Schimmelpilzen?

Sachverständige
Der ‹öffentlich bestellte und vereidigte› Sachverständige muss überdurchschnittliche Fachkenntnisse aufweisen, was bei einem ‹selbsternannten› Sachverständigen nicht immer der Fall ist. Die Meinungsfreiheit oder Neutralität des Sachverständigen wird durch Baustoffproduzenten und auch Verbände immer mehr unterdrückt. Forschungsergebnisse werden – je nach Interessenlage des Geldgebers – veröffentlicht oder fallen unter den Tisch. Einige selbsternannte ‹Sachverständige› lassen sich engagieren bzw. werden engagiert, um durch ein Mehr (hinzufügen) oder Weniger (weglassen) im Interesse des Auftraggebers die Mängel oder die Mängelfreiheit zu bestätigen. Früher wurden schwarze Schafe aussortiert. Heute traut sich – aus Angst vor Mitgliederschwund – kein Verband mehr, seine zahlenden Mitglieder zu verwarnen. Wie soll man Sachverständigen vertrauen, wenn sie sich als ‹Mietmäuler› benutzen lassen? Hier ist der ‹öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige› gefordert.» 
 
Ausgabe "2014/5 - Juli/August" bestellen
 
Text Joachim Schulz, öbuv Sachverständiger für Schäden an Gebäuden
Bild Joachim Schulz, öbuv Sachverständiger für Schäden an Gebäuden
 




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