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Rorschacher Steinfachgespräche
Nachhaltige Energieeffizienz versus Lifestyle-Produkt
 
Mit Blick auf möglichst moderate Unterhalts- und Betriebskosten bei Gebäuden plädiert Werner Binotto, Kontonsbaumeister St.Gallen, für «Lowtech»-Gebäude. Dabei stellt er die Frage einer angemessenen Energieeffizienz ins Zentrum seiner Überlegungen. Weil unser Verhalten auf immer mehr Energiekonsum ausgelegt sei, könne unser «Energieproblem» nicht allein technisch gelöst werden. Binotto ist überzeugt, dass nachhaltiges Bauen mit generationenübergreifender Wirkkraft auf den beiden Grundsätzen einer umfassenden Sicht der Dinge und einer Wahrnehmung des Unmittelbaren basiert.

Rorschacher Stein-Fachgespräche
Der in dieser COVISS-Ausgabe publizierte Artikel ist eine gekürzte und überarbeitete Version eines Referats von Werner Binotto, dipl. arch. HBK/BSA/SIA, anlässlich des Rorschacher Stein-Fachgesprächs 2012. Veranstalterin der jährlich wiederkehrenden Fachgespräche ist die Bärlocher Steinbruch und Steinhauerei AG in 9422 Staad-Buchen.


Unsere Bauten sollen energieeffizient sein. Mittlerweile glauben wir, eine nachhaltige Bauweise zu besitzen, ist doch die Energieeffizienz der baulichen Infrastrukturen ein wesentlicher Indikator für einen ressourcenschonenden Umgang mit unserer Umwelt. Gleichzeitig stellen wir fest, dass der Energiekonsum in der Schweiz jährlich zwischen drei bis fünf Prozent zunimmt und der CO2-Ausstoss anhaltend hoch bleibt beziehungsweise keine wesentlichen Veränderungen erfährt. Man kann aber auch fragen, ob jemals nicht energieeffizient oder energiebewusst gebaut wurde.

Setzung und Konstruktion archaischer Bauten zeichnen sich durch einen Dialog mit der Umgebung aus. Alle Vorteile des regionalen Klimas und des Ortes wurden ausgelotet, und man prüfte diese Vorteile und setzte sie möglichst effizient und zweckdienlich ein. Daraus entwickelte sich ein Bautypus, der programmatisch, also konzeptionell aus den unterschiedlichen Randbedingungen heraus reagiert. Erst in einem zweiten Schritt wurde die verfügbare Technik, in der Regel eine Feuerstelle, so in das Gebäude integriert, dass diese wiederum effizient ihre Wirkung entfalten konnte. Die Strategie solcher Konzepte basiert auf einer umfassenden Sicht der Dinge und der Wahrnehmung des Unmittelbaren.

Wenn also der Mensch in unseren Breitengraden immer energieeffizient gedacht und gebaut hat, dürften wir eigentlich kein derartiges Aufheben davon machen. Trotzdem wurde unsere Auslegung von Energieeffizienz inzwischen sogar stilbildend. Wir wurden zu einem neuen konstruktiven Denken gezwungen. Nur generiert die Botschaft «Energieeffizienz» allein weder Architektur noch nachhaltiges Bauen. Vor diesem Hintergrund dürfte die aktuell definierte «Energieeffizienz» kaum nachhaltig sein, da es sich letztlich um ein marktwirtschaftlich definiertes «Lifestyle-Produkt» handelt.

Marktstrategische Komponente in der Wohlfühlgesellschaft
Zwei Ereignisse aus den 70er Jahren haben zur heutigen Situation geführt. Das Ölembargo und die Wegwerfgesellschaft. In der Folge des sogenannten «Ölschocks» entstand ein neues Bewusstsein in Bezug auf den Umgang mit Energie. Allerdings bleibt trotz vermehrter Umsetzung «energieeffizienter» Gebäude in den letzen zehn bis fünfzehn Jahren ein anhaltendes Wachstum im Energiekonsum bestehen. Der stete Anstieg des Energiebedarfs und der unbestrittene Klimawandel führen zur aktuellen Diskussion der Energiequalität. Mit dem beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie wird diese Frage noch evidenter. Es ist wenig prophetisch zu vermuten, dass wir bei unserer Definition von Lebensqualität das Rennen verlieren werden, egal welchen Weg der Energiebeschaffung wir wählen.

Bauen wurde seit Ende der 60er Jahre zu einem Markt. Marktwirtschaftliche Überlegungen prägen seither zunehmend die Baukultur. Unter anderem hat das zum fast vollständigen Verschwinden des Bauherrn und zu dessen Ersatz durch den Investor geführt. Ein scheinbar kleiner Unterschied. Es ist jedoch von einiger Bedeutung, ob ein Bauherr ein konkretes physisches Bedürfnis erfüllt haben muss, oder ob ein Investor eine möglichst hohe Rendite generieren möchte. Die «Energieeffizienz» wurde zur marktstrategischen Komponente in der Wohlfühlgesellschaft.

Investoren definieren mittels Lobbying Standards, die Bauten zu erfüllen haben. Damit diese Standards gewährleistet sind, werden entsprechende Labels definiert. Um diese zu etablieren, wurden gängige marktwirtschaftliche Konzepte und Mittel eingesetzt. Gerade im Bereich des energieeffizienten Bauens hat man diesen Weg gezielt beschritten − und wurde dadurch zu einem Teil der auf Konsum ausgelegten Marktwirtschaft. Diese orientiert sich an einem ständigen Wachstum, dessen goldenes Kalb die Wegwerfgesellschaft ist. Vor dem Hintergrund dieser marktwirtschaftlichen Überlegungen muss die Lebensdauer aller Dinge gezielt beschränkt werden, natürlich auch diejenige von Gebäuden.

Steigende Betriebs- und Unterhaltskosten
Inwieweit sind wir in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft tatsächlich an nachhaltigem Bauen interessiert? Hat ein Konsument, ein Verbraucher überhaupt eine Wahl für die Nachhaltigkeit? Kann er anders denken und entsprechend anders leben und bauen? Darf er das überhaupt oder wird er dadurch zum Reaktionär? Inwieweit haben wir überhaupt ein Energieproblem? Oder stellt sich vielmehr die Frage nach der Definition von Lebensqualität, wenn man bedenkt, dass wir derzeit prüfen, wie man Behaglichkeit messbar machen könnte. Die Aufrechterhaltung unserer Lebenskultur mittels sauberer und nachhaltiger Energiegewinnung kommt der Entdeckung des Perpetuum mobile gleich… Selbst bei einer Deckung unseres Energiebedarfs mittels sauberer Energie bleiben offene Fragen des Betriebs und der Ressourcen. So werden die neuen, technisch hoch ausgerüsteten Bauten in den nächsten Jahrzehnten zu steigenden Betriebs- und Unterhaltskosten führen. Diese technischen Standards entstanden im Rahmen der verbesserten Energieeffizienz! Die Fassaden wurden zur dichten Aussenhaut, die bis zum heutigen Tag klimatische Fragen des Innenraums auslösen. Solcherart geschaffene Innenraumprobleme versuchen wir primär mit technischen Mitteln zu lösen, was zu einem rasanten Ausbau der IT-Technologien führt. Gebäude werden in der Folge als komplexe Maschinen gedacht und erstellt, und nicht mehr als einfache, additive Strukturen. Neben dem Flächenzuwachs ist es vor allem die kürzere Lebensdauer der soeben beschriebenen Bauteile, die zu einem unerfreulichen Wachstum führen. Eine marktwirtschaftlich orientierte Bauindustrie hat ein natürliches Interesse an kurzen Lebenszyklen.

Energiebilanz verschiedener Bauten nach 20 Jahren
In den letzten zwei Jahren machte das Hochbauamt des Kantons St.Gallen verschiedene Untersuchungen zu diesem Thema. Unter anderem interessierte, wie die Energiebilanz verschiedener Bauten nach 20 Jahren effektiv aussieht. Dabei zeigten sich erstaunliche Dinge. Das Schulhaus Engelwies in St.Gallen wurde als homogener Massivbau erstellt. Die Aussenwände bestehen ausschliesslich aus Backstein und sind nicht isoliert. Das Haus ist nach Süden orientiert und besitzt einen mehr oder weniger geschlossenen Rücken und ein Kaltdach. Die erste Frage war, wie der gemessene, reale Energieverbrauch des zirka 20-jährigen Hauses im Vergleich zum gleichen Haus als aktueller Minergie-Bau steht. Das Hochbauamt St. Gallen erhoffte sich eine nur gering schlechtere Bilanz. Es stellte sich dann aber überraschend heraus, dass der nicht isolierte Massivbau sogar besser abschneidet. Diese Beobachtungen wurden durch weitere Untersuchungen des Bauphysikers Werner Waldhauser aus Basel bestätigt.

Wie kann ein solches Haus 2000-watt-gesellschaftsfähig werden? Auch hier stellte sich heraus, dass der Massivbau mit gewissen Nachisolationen im Dach- und Kellerbereich und mit neuen Fenstern problemlos nachgerüstet werden kann. Nicht aber der Minergie-Bau, dessen technische Ausrüstung demnächst ersetzt, das massiv gemauerte Schulhaus aber lediglich neu gestrichen werden muss.

Die Zunahme der kurzlebigen Steuerungstechnik und die verstärkte Vernetzung von Gewerken sind ein grosser Kostentreiber im Bereich der Unterhalts- und Betriebskosten. Aktuelle Bilanzen zeigen, dass sich die Zusammensetzung der Energiebezugsquellen verändert hat: die Produktion von Wärme und Warmwasser, was ursprünglich unsere Hauptanliegen waren, machen heute nur noch einen geringen Teil der Gesamtenergiebilanz aus.

Kurzlebige Ansprüche mit Folgen
Nachhaltige Bauweise fordert aber ebenso die Auseinandersetzung mit der Entwicklung einer Stadt und der formalen, architektonischen Umsetzung. Der städtebaulichen Setzung und der Qualität des architektonischen Entwurfs sowie dem Design kommt eine zentrale Bedeutung zu. Unsere von modischen Trends und mit marktwirtschaftlichem Hintergrund geprägte Zeit macht das Erneuern und Ersetzen von Bauten und Bauteilen notwendig, noch bevor diese technisch überholt oder nicht mehr funktionsfähig sind. Sie werden ersetzt, weil sie nicht mehr gefallen. Nicht zu unterschätzen ist auch das gestiegene Sicherheitsbedürfnis der mitteleuropäischen Gesellschaft, welches dazu führt, dass neu erstellte Bauten nach kurzer Zeit nicht mehr den aktuellen Normen und Vorschriften entsprechen. Diese drei Aspekte: die Technik, die Mode und die Sicherheit, gefährden unsere Bausubstanz wohl am meisten und lassen die Lebenszyklen schrumpfen wie Schnee im Frühling. Aber sie sind auch die zukünftigen Wachstumsmärkte der Bauwirtschaft.

Setzung, Struktur und Architektur basieren heute oft auf individuellen Interessen der Besteller und Nutzer. Ihre Betriebskonzepte überdauern keine Generation mehr, halten oft nur wenige Jahre. Beim Bezug öffentlicher Gebäude sind die Businesspläne und die Betriebskonzepte meist bereits überholt. Und falls nicht, kann davon ausgegangen werden, dass im Laufe eines Lebenszyklus dieser Fall eintritt. Fazit: Wir arbeiten in mehr oder weniger falschen Gebäuden. Wo liegt das Problem? Bei der kurzfristigen Denkweise des Bestellers oder beim Ersteller der Bauten? Oder etwa der Bauindustrie, die den Menschen suggeriert, unserer Bauten seien so flexibel, dass sie ihre Bedürfnisse jederzeit neu definieren könnten? Wurde die Bauindustrie vielleicht von der eigenen, technischen Entwicklung überholt − in dem Sinne, dass diese Flexibilität zunehmend nur noch mit hohem technischen Aufwand und enormen Kosten umsetzbar ist?

Flexibilität im Kopf statt in den Gebäuden
Historische Bauten stehen häufig im Widerspruch zu unseren aktuellen Bedürfnissen. In der Regel handelt es sich um statische, einfache und rationale Bauten meistens aus der Gründerzeit. Sie sind nicht flexibel und haben nur einen minimalen technischen Ausbau. Über die ganze Lebensphase betrachtet, sind sie jedoch vermutlich die nachhaltigsten und energieeffizientesten Bauten. Nicht zuletzt deshalb, weil ihre Strukturen einfach und klar sind. Eigenartigerweise kommen auch von den Nutzern kaum Reklamationen und Umbaubegehren − sie fühlen sich offenbar in den Räumlichkeiten mehr oder weniger wohl, können ihrer Arbeit nachgehen und offensichtlich auch aktuelle, betriebliche Konzepte umsetzen.

Die Gründe für solches Wohlbefinden sind natürlich vielfältig. Sicher tragen grosszügige Strukturen im Grundriss wie im Aufriss zum positiven Befinden bei. Die Architektur ist einfach, klar, fassbar. Und die meisten der Bauten sind städtebaulich gut in die Umgebung eingepasst, besitzen ein angemessenes Umfeld und gute Aussenräume. Und weil die Menschen diese Bauten offenbar mögen, sind sie bereit, ihre neuen, aktualisierten Betriebskonzepte im Rahmen dieser Bauten umzusetzen. Bauten können durchaus einfach und statisch sein, wenn die Flexibilität in den Köpfen der Menschen ist.

Wenn die Bauten des Kantons St.Gallen wieder hundert und mehr Jahre erfolgreich betrieben werden sollten, hat das einen direkten Einfluss auf die Architektur. Ganzglasfassaden werden wir uns dann vielleicht nicht mehr leisten, aber auch keine hochinstallierten Bauten. Wir werden uns vermutlich von den heutigen flexiblen Bauweisen verabschieden und eine andere Flexibilität suchen. Und wir müssen uns über die Dichtigkeit unserer Bauten Gedanken machen. Idealerweise würde man bei der Ausbildung der Architekten ansetzen, ebenso der Techniker, und man würde neue Modelle der Logistik, des Baumanagementes, der Beschaffung erarbeiten. Eine echte Nachhaltigkeit hätte somit auch Auswirkungen auf die Betriebswirtschaftslehre, die sich vermehrt mit dem «As Found» und der Improvisation auseinandersetzen würde und weniger mit der zweifelhaften Idealform eines Betriebs, die erfahrungsgemäss immer nur für einen kurzen Zeitraum stimmig ist. 
 
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Text Werner Binotto, Dipl. Arch. HBK/BSA/SIA, Kantonsbaumeister St.Gallen
Bild Werner Binotto, Dipl. Arch. HBK/BSA/SIA, Kantonsbaumeister St.Gallen
 
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