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Küche neu interpretiert
Natürliche Materialien – geklickt statt geleimt
 
Für ihre Facharbeit zum Titel Bauökologe/Baubiologin SIB (siehe Kurs-angebot auf Seite 27) hatten sich Schreiner Roger Lindauer und Architektin Susanne Stamm ein anspruchsvolles Ziel gesteckt: Neu interpretiert, sollte die zu entwerfende Küche ökologisch, gesund und kostengünstig sein. Dieser Ansatz hatte Konsequenzen auf Entwicklung, Materialauswahl und Ausführung. Gefragt waren neue, sparsame Konstruktionen und eine patente «Klick-Technik», die ein konsequent leimfreies Verarbeiten von Holz auch in wirtschaftlicher Hinsicht zulässt. Sorgfältig wurde das passende Material aus der Region ausgesucht, zum Beispiel Mondholz oder Stein, die höchsten Ansprüchen an Langlebigkeit und Design entsprechen sollen.

Die Suche nach geeigneten, kostengüns-tigen Materialien verlangt einen fantasievollen und neuen Einsatz von ökologischen Stoffen für zum Beispiel Tablare und Böden: Statt teures Holz kommt in den «verborgenen» Bereichen gebrauchtes Glas zum Einsatz (Bild 1). Die Floatglasscheiben aus Abbruchobjekten werden gesäubert, geschnitten und nur die Kanten (aus Sicherheitsgründen) gefast. Die Gebrauchsdauer des Glases wird auf diese Weise verlängert. Diese Nutzungsumwandlung benötigt kaum Energie, womit die Ökobilanz markant verbessert wird. Der Effekt der durchsichtigen, Lichtreflexe wiedergebenden Glasböden spricht sowohl die Sprache der Transparenz wie auch des Gegensatzes: Die glatte Oberfläche steht im Kontrast zu den natürlichen Materialien aus Holz und Naturstein (Bild 2).

Quarzsandstein aus der Innerschweiz – Holz vom Nachbarn
Auf der Suche nach geeigneten Materialien waren Lindauer und Stamm fasziniert von den verschiedenartigen Sandsteinen, wie sie in der Innerschweiz, am obern Zürichsee und im Aargau vorkommen. Der Guber Quarzsandstein in Alpnach, der häufig als Kopfsteinpflaster eingesetzt wird, überzeugte vor allem wegen seiner interessanten Oberflächenbeschaffenheit (Bild 3) – und der Baustoff für eine moderne Küchenabdeckung war gefunden. Im Gegensatz zu den beiden harten Materialien Glas und Stein, steht das «lebendige», «weiche» Mondholz (Bild 4), das in der kürzesten Jahreszeit und zum richtigen Zeitpunkt von Bauern aus der Umgebung geschlagen wird. Die Baumstämme sind mit einem Zertifikat versehen, das Standort und exaktes Fälldatum nachweist.

Klick statt 50 Kilogramm Leim
Ideen waren auch bei der Konstruktion selber gefragt, um Material einsparen zu können. Verleimte, kostengünstige Holzwerkstoffe kamen aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen nicht in Frage. Berechnungen ergaben, dass eine Küche aus Spanplatten und von durchschnittlicher Grösse zirka 50 Kilogramm Leim (!) enthält. Die Alternative aus Massivholzplatten ist um das X-Fache teurer und stellt im beschriebenen Projekt auch nicht wirklich eine Lösung dar. Damit das Erscheinungsbild einer modernen Küche entspricht, wollte man möglichst glatte Oberflächen. Schreiner Roger Lindauer hatte sich bereits früher mit der leimlosen Möbelkonstruktion befasst und hierfür das patente «Klick-System» entwickelt (Bild 5). Dieses System wurde nun für die spezifischen Ansprüche eines Küchenmöbels verfeinert und neu angewendet. Zuerst befassten sich Roger Lindauer und Susanne Stamm mit der Küchenfront, also dem prägenden Erscheinungsbild einer Küche. Der dreiseitig umlaufende Rahmen stabilisiert die in der gleichen Ebene liegende Füllung, die zugleich den unteren Abschluss des Rahmens bildet (Bild 2). Beim Schwinden und Quellen verändert sich die Grösse der aus einzelnen Teilen zusammengeklickten Füllung, die mit einer Nut-Federverbindung an den aufrechten Friesen gehalten ist. Die Füllung ist so konstruiert, dass sich dabei die Breite der Griffnut unterhalb des oberen Rahmenteils, und nicht das Aussenmass der Front, verändert. Die Herstellung dieser massstabilen Massivholzfront ist sehr rationell, da die einzelnen Teile in wenigen Arbeitsschritten mit leimfreien Verbindungen zusammengebaut werden. Mit dieser ökologischen und gesunden Konstruktion kann eine moderne und preiswerte Naturholzfront angeboten werden. Das Zusammenspiel der einzelnen Teile ergibt ein lebendiges, spannendes architektonisches Erscheinungsbild (Bild 4).

Eine weitere Herausforderung stellte die Konstruktion des Küchenkorpus dar. Hier brachten die Einsparungen von Korpusteilen die geforderte kostengünstige Lösung. Böden und Deckelplatten werden im Gegensatz zu einer konventionellen Küche durch unbehandelte Holztraverse von 110 Millimetern Breite ersetzt. Eine spezielle Traversverbindung ermöglicht ausserdem die Einsparung einer der beiden, üblicherweise nebeneinander liegenden, Korpusseiten (Bild 6).

Zitronen und Naturstein
Die Oberflächenbehandlung von Holz und Quarzsandstein forderte die beiden Pioniere ebenfalls heraus. Einerseits soll die Oberfläche vor Flecken geschützt werden, und andererseits soll sie den Charakter des natürlichen Materials voll zur Geltung bringen (Bild 3). Der einzuhaltende Kostenrahmen führte auch hier zu unkonventionellen Vorgehensweisen. Die üblichen polierten oder geschliffenen Oberflächen des Natursteins sind zu teuer und entsprechen nicht den Vorstellungen einer natürlich wirkenden Oberfläche. Umso besser erfüllt die rohe, seilgesägte Variante die beiden Bedingungen des Schutzes und der Materialcharakterisierung, und die langen Transportwege nach Italien für die Oberflächenbearbeitung entfallen. Ausserdem verhält sich der fein erkennbare Sägeschliff (Bild 3) besser gegenüber Flecken als polierte oder geschliffene Steine; die leicht archaisch anmutende Struktur bildet einen reizvollen Gegensatz zu den glatten, fein glänzenden Holzfronten. Allein die Beschaffenheit der Oberfläche genügt nicht für einen wirkungsvollen Fleckenschutz, weshalb jetzt die Zitrone zum Einsatz kommt: Quarzsandstein reagiert sehr empfindlich auf Säuren wie Essig, Wein und Zitronensaft. Deshalb wird der Stein vorgängig mit Zitronensaft vollflächig abgesäuert, anschliessend erhitzt und mit Naturöl behandelt. Diese Vorgehensweise führt zu einem ausgezeichneten Resultat, so dass der seilgesägte Quarzsandstein für Küchenabdeckungen im Einfamilienhausbereich empfohlen werden kann.

Mondholz statt Chemie
Wird das Holz in der kürzesten Jahreszeit während der abnehmenden Mondphase geschlagen, erhält man ein Rohmaterial, in dem sich kaum Nährstoffe befinden. Das gelagerte Holz bietet keinen Nährboden für Schädlinge und muss daher nicht chemisch behandelt werden. Das zu verarbeitende Holz für die Küche wird also nur gegen Flecken mit natürlichen Ölen behandelt.

Design und Ökologie
Die intensive Zusammenarbeit von Handwerker und Planerin hat das Zusammenwirken von Architektur und Handwerk neu aufleben lassen. Die innovativen Konstruktionen und Oberflächenbehandlungen haben die Wahrnehmung für die sinnliche Ausstrahlung von naturbelassenen Baustoffen sensibilisiert. Die Beschäftigung mit handwerklichen Verarbeitungsmöglichkeiten hat aber auch das ästhetische Empfinden neu geprägt. Diese Erfahrungen werden die künftige Raumgestaltung und die handwerkliche Ausformung, wie sie Roger Lindauer und Susanne Stamm realisieren, stark beeinflussen. Die Zusammenarbeit zwischen Planerin und Handwerker wird sich intensivieren, wobei dem Handwerk wieder der zentraler Stellenwert im Prozess der gestalterischen Lösungsfindung zuteil wird. Schreiner Roger Lindauer und Architektin Susanne Stamm werden künftig vermehrt moderne Designmöglichkeiten innerhalb des ökologischen Gestaltens ausloten.

«Der Prototyp der Abschlussarbeit vom Herbst 2006, «Eine ökologische gesunde und preiswerte Küche», die hier im Magazin COVISS vorgestellt wird, kommt bei Planern und Kunden sehr gut an. Deshalb sind wir bereits wieder daran, eine neue Küche mit dem Schwergewicht ‹Design und Ökologie› zu entwickeln.»

Roger Lindauer, Schreiner und Mitinhaber der Schreinerei Lindauer in Steinerberg/SZ, Weiterbildung zum Innenausbauzeichner und Baubiologen SIB

Susanne Stamm, Architekturstudium an der ETH, seit 20 Jahren eigenes Architekturbüro in Zürich, Weiterbildung zur Baubiologin SIB
 
 
Ausgabe "2007/4 - Juni" bestellen
 
Text Susanne Stamm; Roger Lindauer; COVISS
Bild Giorgio Hoch, Zürich
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