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Faszination Stahl und Oxidation
Stahloberflächen leben von der Veränderung
 
Die Faszination «Stahl» gründet im vielschichtigen Prozess seiner Herstellung und Verarbeitung sowie in seiner besonderen, sich verändernden Ausstrahlung. Stahl ist nicht einfach Stahl. Im glühenden Zustand geschmeidig und formbar, ist abgekühlter Stahl, nachdem er gewalzt und wieder gewalzt, geformt und umgeformt worden ist, hart und dauerhaft. Blank erscheint Stahl bläulich schimmernd oder aber, je nach Menge und Beschaffenheit des Zunders, anthrazit bis rötlich schimmernd. Eigenschaften und Eigenheiten der verschiedensten Stahlsorten und -qualitäten macht sich der Metallbauer für seine zu bearbeitenden Objekte zu Nutze. Er weiss genau, welches Blech mit welcher Struktur und Ausstrahlung wo einzusetzen ist. Stets auf der Suche nach dem passenden Stahl, ist der Metallbauer auf eine gut funktionierende Zusammenarbeit mit dem Stahlhändler angewiesen.

Stahl durchläuft im Laufe seines langen Lebens die verschiedensten Erscheinungsformen mit unterschiedlichen Eigenschaften. Wird der Stahl erhitzt, gewinnt er an Volumen, wird geschmeidiger, anpassungsfähiger: Zwar lässt der grosse, schwere Stahlkubus, wie er glühend aus dem Ofen kommt, noch keine Menschennähe zu; im Walzwerk auf der Rollbahn nimmt er, hell-orange glühend, vorerst den Weg seiner individuellen Walzung. Meter lange Stahl-Kuben werden unter Brachialgewalt zu hunderten von Metern in Flach- oder T-Stahl umgeformt. Im extrem heissen Umfeld von Feuer und Glut ist der Stahl äusserst geschmeidig – aus Stahlkuben entstehen Halbfabrikate, Profile und Bleche, die der Metallbauer weiter bearbeitet, umformt und zusammenfügt. Der Metallbauer ist es auch, der sich Physik und Chemie des Materials, dessen Eigenschaften und Oberflächenstrukturen zu Nutze macht. Das Grundmaterial sucht er sich nach seinen eigenen Ermessenskriterien sorgfältig aus. Manchmal ist die Suche nach der genau passenden Stahlqualität sehr aufwändig. Eine gut harmonierende Zusammenarbeit mit dem Stahlhändler, der versteht, was der Handwerker auch wirklich sucht, macht das Suchen zu einer sinnvollen Aufgabe, wenn zuletzt auch die alles entscheidenden Details stimmen. Welches Stahlblech der Metallbauer schliesslich auswählt, jenes mit viel oder mit wenig schwarzem Zunder, jenes mit einer gerillten oder gefleckten Oberfläche, jenes mit mehr oder weniger Masse, entscheidet der erfahrene Metallbauer vor Ort und gemäss seiner jetzt schon klaren Vorstellung vom Objekt, wie es dereinst Küche, Badezimmer oder Garten prägt und seine eingeflossene, eingewalzte, eingeformte und eingehauene Sprache sprechen darf.

Spuren der Bearbeitung und der Zeit sind erwünscht
Jedes Herstellungsverfahren, jeder Arbeitsschritt hinterlassen beim Stahl sichtbare Spuren. Stahl, der im glühenden Zustand verformt wird, ist im Walzwerk brachialer Gewalt ausgesetzt. Bei der Herstellung oxidiert der teigige Stahl bei einer Hitze von etwa 1‘250 bis 1‘300 Grad Celsius und bildet eine harte, spröde, schwarze Zunderhaut. Diese platzt bei einem nächsten Arbeitsschritt wieder auf, um sich am Sauerstoff erneut zu bilden. Dieser Zunder ist für das so individuelle Aussehen des Stahls verantwortlich und macht ihn für den Handwerker wie auch den Bauherrn mindestens so einzigartig wie ein Stück Holz. Je heisser die Verarbeitungstemperatur ist, umso stärker ist die Zunderhaut auf dem Stahl, die diesen vor weiterer Korrosion schützt. Wird ein Profil oder Blech kalt hergestellt, platzt der Zunder ab, und der blau-graue Stahl tritt hervor.

Auf diese Weise entsteht eine Vielfalt von Profilen: Vollmaterial, Hohlprofile, Formstähle, Bleche bis 600 Millimeter Dicke, die alle eine sehr individuelle Oberfläche von Schwarz bis Blank aufweisen. Nahtlose, runde Stahlrohre, die im glühenden Zustand mit spiralförmig sich bewegenden Walzen die gewünschte Wandstärke erhalten, sind zuletzt von einer Spiralstruktur gezeichnet. Genau so schreiben die Walzen, die ein Blech dünner machen, mit jedem Walzschritt ihre Sprache unwiderruflich auf das Blech. Die bei der Herstellung entstandenen Oberflächen haben alle ihre unverwechselbare Aussage und ihren je eigenen Reiz. Bei der Weiterverarbeitung durch Laser, Feuer, Lichtbogen oder Schere entstehen Schnittkanten, die wiederum in einer ihnen je eigenen, besonderen Struktur erscheinen: Der Feuerschnitt bringt eine rau gewellte, und der präzise Laserschnitt eine sehr feine Kantenoberfläche hervor. Jede Schnittkante wird immer hell sein.

Stahl und Korrosion gehören zusammen
Gegensätze prägen das faszinierende Gestaltungsmaterial Stahl. Da ist der Zunder, der den glühenden Stahl in Windeseile schützen will, und da ist anderseits der Rost, der bei blankem Stahl und Regen schon nach Minuten entsteht und den Zunder über Jahre verdrängen will, um sich in Oxyd zu verwandeln und zurück zur Natur zu gehen. Bei einem sechs Millimeter starken, schwarz verzunderten Blech wird dieser Vorgang unter freiem Himmel etwa zwanzig bis dreissig Jahre dauern, bis das Blech an Stabilität einbüsst, und fünfzig bis hundert Jahre, bis es sich auflöst. In dieser Zeit der ständigen Veränderung erhält der Stahl in Farbe und Struktur unzählige verschiedene Gesichter. Dieser Aspekt des ständigen Wechsels vom Einen ins Andere, der im Stahl verkörperten Lebendigkeit, liegt wohl das Geheimnis der Faszination Stahl.

Ist der Rost zum Beispiel in der Aussenanwendung nicht erwünscht, ist die altbewährte und moderne Oberflächenbehandlung wie Verzinken oder Lackieren immer möglich und in vielen Fällen auch angebracht. Solch behandeltes Material soll noch dauerhafter sein, als es der Stahl an sich schon ist. Betrachtet man all die am Markt erhältlichen Metalle und Halbfabrikate, sind der handwerklichen Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Stahlbleche, weiterverarbeitet zu acht Millimeter starken Stahlstelen (statt Steinstelen), können als Sichtschutz im Garten dienen. Der Stahl ist oberflächenbehandelt und der Korrosionsprozess damit wirkungsvoll gestoppt, oder die Stahloberfläche ist roh, natürlich belassen, damit sie sich im Laufe der Zeit verändern kann.

Will man Stahl im Innenbereich anwenden, stellt sich das Rostproblem kaum, ausser bei Gips- oder Mörtelanschlüssen, die Wasser enthalten und nicht fachgerecht zum Stahl abgetrennt wurden. Ein Geländer aus verzundertem Vierkantstahlrohr, zum Beispiel, wird so geschnitten, geschweisst und verschliffen, dass der blanke Stahl an den Schweissstellen hervortritt. Die Oberfläche wird durch den Metallbauer veredelt, gereinigt und mit Wachs bedingt versiegelt. Dort wo ständig die Hand darüber gleitet und Zunder, aber auch Flugrost abgerieben wird, bleibt das Geländer ewig blank, und es wird Jahre dauern, bis sich die Zunderhaut sichtlich verändert beziehungsweise zurückgeht. Bei einer Kochinsel mit einer Arbeitsfläche in verzundertem Stahl haben die Besitzer, je mehr sie die Stahlfläche nutzen, kaum gegen Rost anzukämpfen. Die Oberfläche lebt vom Gebrauch und wird durch denselben zunehmend vor Rost geschützt. Ähnliches gilt für den Stahlboden. Dieser bleibt dort schwarz, wo er im Verborgenen liegt und wenig begangen wird. Die Gehwege hingegen treten von Jahr zu Jahr mehr in polierter Fasson hervor. Jedes Stahl-Objekt verhält sich individuell, je nach äusseren Einwirkungen wie Luftfeuchtigkeit, Handschweiss, Fette und Abrieb.

Wechselnde Stahleffekte von der Küche bis in den Garten
Für einen geübten Metallbauer ist in Stahl oder Metall alles möglich. So entstehen durch sein Handwerk ganze Badezimmer, Küchen, Kochinseln, Kamine, Feuerstellen, Möbel, Schränke, Regale, Stahltreppen, Grabsteine, Skulpturen und sogar filigrane Stahlrosen. Die Kraft dieses Handwerks erneuert sich von Mal zu Mal in der Faszination, aus Stahl individuell an die Situation angepasste Einzelstücke mit ausgesuchter Oberfläche hervorbringen zu können. Denn für den Metallbauer beinhaltet Stahl, der Vielen in seiner zähen, kalten und widerstandsfähigen Form bekannt ist, zusätzlich Muster, Farben, Strukturen und natürlicher, tiefgründiger Glanz. Wer seine Unterarme im Hochsommer am Stahltisch abstützt, erfährt, dass Stahl eine erfrischende Wirkung entfalten kann. Dabei entzieht es aber dem menschlichen Körper Wärme und gibt sie wegen seiner guten Leitfähigkeit wieder an die Umgebung ab (Stein und Glas haben dieselbe Oberflächentemperatur, lassen sich jedoch punktuell besser erwärmen, weil sie die Wärme schlechter weiterleiten). So hat Stahl seine Eigenschaften, die von jedermann anders empfunden werden. Sinnvoll eingesetzt, professionell verarbeitet und gekonnt in den Wohnraum integriert, wirkt Stahl fördernd für das Wohlbehagen. Und vor allem faszinieren die Stahloberflächen mit ihrem tiefgründigen Eigenleben im Wechselspiel des Lichts immer wieder neu.

Wertvolle Oxidationsreise
Stahlobjekte und deren Oberflächen dürfen ganz natürlich einen Hauch von Rost erhalten und sich im Laufe der Zeit verändern. Ein gewachstes Möbel im Innenbereich kann vielleicht nach fünf bis zehn Jahren, vielleicht infolge eines Umzugs, nachbehandelt werden, muss aber nicht. Eine gründliche Reinigung und frischer Wachs lassen ein Objekt immer wieder neu schön erscheinen. Die Zunderhaut ist so hart, dass selbst der Reinigungsvorgang mit (den richtigen) Schleifmitteln immer wieder angewendet werden kann, ohne die Stahloberfläche zu zerstören. Im Extremfall steht ein Stahlmöbel für Jahre zugedeckt und unbeachtet im feuchten Keller und geht seinen ganz persönlichen Weg in der Oxidation. Deckt man das Objekt ab und sieht in erster Linie einen rostigen Stahlkörper, so muss dieser vielleicht wieder zurück in die Schlosserei, wo die etwas gröberen Schleifarbeiten verrichtet werden und wo der anfallende Schleifstaub keine Unannehmlichkeiten verursacht. Dies allerdings nur im äussersten Fall, denn neuer Glanz kann dem Stahl in der Regel einfach und mit geringem Aufwand vor Ort verliehen werden. Die besondere Grundstruktur, die bei der Herstellung im Walzwerk entstanden ist, bleibt trotz Schleifvorgang erhalten, nur erscheint sie in einem neuen Licht. Stahlobjekte verlieren nie an Wert, vielmehr gehen sie einfach ihren Oxidationsweg.


«Seit über 10 Jahren stellen wir Stahlobjekte her, deren Oberflächen ganz natürlich einen Hauch von Rost erhalten und sich verändern dürfen. Ein gewachstes Möbel im Innenbereich kann vielleicht nach fünf bis zehn Jahren, vielleicht infolge eines Umzugs, nachbehandelt werden, muss aber nicht. Eine gründliche Reinigung und frischer Wachs lassen ein Objekt immer wieder neu schön erscheinen.»

Max Müller, Metallbauer und Geschäftsführer der GeSTAHLter GmbH, St. Gallen
 
 
Ausgabe "2007/4 - Juni" bestellen
 
Text Max Müller; Gregor Eigensatz
Bild Can Asan, St. Gallen
 
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