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Boden – Ornament – Architektur
Bodenornamente erschliessen Räume neu
 
Vreni Spieser, Künstlerin und Dozentin am Haus der Farbe in Zürich, setzt sich seit Jahren mit dem Themenschwerpunkt Boden – Ornament – Architektur auseinander. Fasziniert vom Ornament auf Bodenflächen und dem, was es bei den Menschen auslöst, erschliesst die Künstlerin mit ihren Arbeiten einzigartige und unverwechselbare Raumwelten. Wer den Boden betritt, ist vom Muster in seinen Bann genommen. Und die Überraschung ist perfekt. Denn der Bann leitet über zu einer veränderten Wahrnehmung des Raums als
gan-zen. Dieser offenbart sich neu als Quelle bisher unbeachtet ge-bliebener Details, die nun plötzlich in einer erstaunlichen ästhetischen Qualität in das Bewusst-sein rücken.
Ornament der ganzheitlichen
Raumwahrnehmung
Vreni Spiesers langjährige intensive -Auseinandersetzung mit dem Ornament mündet in eine Bodengestaltung, die ein ganzheitliches Raumerlebnis ermöglicht.

Das auffällige Bodenmuster zieht den Blick an, damit es ihn wieder freigibt für eine -differenzierte Wahrnehmung des Raums mit seinen vorher kaum be-achteten, aber Raum bestimmenden Details.

Die aussergewöhnlichen Bodenkreationen von Vreni Spieser widerspiegeln einen experimentell-spielerischen Zu-gang zu Material und Form, der zu -neuen Ideen und Verwirklichungen am Bau führt.

Infoabend
Am 22. Juni 2006, 18.30 bis 19.30 Uhr, informiert das Haus der Farbe in Zürich über die Nachdiplomlehrgänge «Muster und Ornament im Raum» und «Farbe im städtischen Raum». www.hausderfarbe.ch

Mit ihren architekturbezogenen, ornamentalen Arbeiten hat Vreni Spieser in den Jahren 1996/1997 begonnen. Damals hielt sich die Künstlerin und Gestalterin in Halle auf, wo sie ihr begonnenes serielles und räumliches Arbeiten vertiefte. Bis heute stehen in Halle unzählige Häuser leer, und solche unbewohnten Bauten nutzte die Künstlerin damals zum Experimentieren – vor allem im Bereich der Bodengestaltung. Mit ihren Interventionen stellte Vreni Spieser einen Bezug zum Körper her, verschob die Proportionen des Raumes, lenkte die Wahrnehmung des Betrachters auf Einzelheiten, die er sonst leicht übersah. Sie nahm zum Teil bestimmte, vor Ort sich befindende Elemente wie -Vorhänge auf und setzte sie zu einem Pattern um, das sie in den Raum zog. Spieser setzte Kontrapunkte und lud den Ort mit gezielt gesetzter Ornamentik auf (Bild 1).

Raum für aktuelle Kunst in Luzern
Vreni Spiesers Kreationen können an Ausstellungen im In- und Ausland betrachtet und erlebt werden. «Ich schaue mir, wenn möglich, die Ausstellungsräume vorher an und lasse mich vom Ort lenken und auch von den andern Künstlern. Wie viel Platz brauchen sie? Wo werden sie was hinstellen? Ich wähle bevorzugt Orte, die man übersieht oder die übrig bleiben – auch aus pragmatischen Gründen: Wie viel Zeit bleibt für den Aufbau? Wie gross ist das Budget? Muss ich die Sachen nachher wieder entfernen oder kann ich sie vor Ort lassen?» Ein Werk mit dem Titel «Des robustes popinées oder schwerfällige Urvögel» stellte Vreni Spieser 2003 im Raum für aktuelle Kunst in Luzern aus. Neunzig Zentimeter breite Plankopien bildeten die Grundlage für die zuletzt mit kreisförmigen Intarsien ausgestattete Pa-piertapete. Diese kleisterte Spieser auf den Holzboden und versiegelte sie mit einer selbstklebenden, durchsichtigen Plastikfolie. Letztere erwies sich als dauerhaft genug für die gesamte Dauer der Ausstellung (Bild 2).

«Lupidrom» in Zürich
Ein weiteres sehenswertes Resultat des gezielten Experimentierens mit Oberflächen, Materialien und Techniken ist das 2005 entstandene «Lupidrom» – ein ta-pe-zierter Küchenboden in einer bewohnten Privatwohnung in Zürich. Auf den bestehenden Kunststoffboden wurde eine ge-malte und kopierte Tapete geklebt. Auf-fällig ist das Punkte-Muster ohne jeden Rapport. Vreni Spieser beantwortete die floralen Vorlieben der Auftraggeberin mit zwei Varianten, einer geblumten und einer getupften. Letztere setzte sich durch und präsentiert sich als kreative und eigenwillige Antwort auf das Blumthema der Bestellerin. Mal- und Kopiertechnik, vereint in einem Überdruckverfahren, ergaben die aussergewöhnlich bemusterten papiernen A3-Bögen, mit denen Spieser den Boden tapezierte und anschliessend mit fünf Schichten Acrylbodensiegel versiegelte, damit seine Oberfläche die geforderte geschlossene, feste und dauerhafte Schicht erhielt (Bild 3).

Eingangsraum und Küche in -Küsnacht
«Oft war meine Arbeit eine sehr atmosphärische und in letzter Zeit auch performative, das heisst, ich erfand bestimmte Szenarien für bestimmte Personen und Aktivitäten, die dann an der Vernissage live geschahen oder einmal auch in Form von Workshops während der Ausstellung. Mittlerweile hat sich dieses für mich nach wie vor sehr wichtige Gefüge etwas verlagert – mit konkreten Aufträgen in privaten Wohnungen, bei denen nebst ästhetischen Interessen auch die Frage der (Ab-)Nutzung eine Rolle spielt. Ob sich solche Ar-beiten in Zukunft weiter fortsetzen lassen, hängt von der Qualität des Auftrags beziehungsweise der Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber oder der Auftraggeberin ab.» Die kunstvolle Bodengestaltung im Rahmen eines Hausumbaus in Küsnacht war ein solcher Wunschauftrag. In konstruktiver Zusammenarbeit mit den Architekten gestaltete Vreni Spieser einen Teil der Böden um. «Bei diesem Auftrag liegt der Unterschied darin, dass ich nicht nur auf eine schon gegebene Situation reagieren kann, sondern auch Einfluss habe auf die Neugestaltung.» Der geschaffene Boden steht in Beziehung mit der gegebenen Ausstrahlung des in den 50er-Jahren entstandenen Gebäudes und widerspiegelt trotzdem die Situation im Jetzt der Zeit beziehungsweise der heutigen Bewohner. Markant stellen Form und Farbe des Bodens diesen Bezug in der sonst schneeweissen Hochglanzküche her. Die gemalte und kopierte Tapete liegt auf dem fugenlosen mineralischen Bodenspachtel «Terrazzofino» und ist mit einem Epoxydharz versiegelt (Bild 4).

Verführerische Musterarbeit
Bei ihren Arbeiten lässt sich Vreni Spieser vom Thema der Verführung leiten. Wie bringe ich die Betrachter dazu, etwas anzuschauen, sich längere Zeit auf etwas einzulassen, ohne dass direkt eine Geschichte erzählt oder ein Film gezeigt wird? Für Spieser ist wichtig, dass man sich nicht «nur» gedanklich auf etwas konzentriert, sondern sich auch körperlich berühren lässt – und dabei die Wahrnehmung vom Ort, aber auch die eigene Körperwahrnehmung für einen Moment intensiviert oder verschiebt. Mit ihrer ornamentalen Bodenkunst provoziert Vreni Spieser bewusst solche Momente der Intensivierung und Verschiebung.

Vreni Spieser setzt ihr Kunstschaffen vermehrt auch im Nutzungsbereich von bewohnten Wohnungen um und bewegt sich somit im Spannungsfeld von Kunst und konkretem Verwendungszweck. Bei den von ihr realisierten Böden, zum Beispiel, rücken nun plötzlich auch Kriterien der Dauerhaftigkeit oder des zu erwartenden Alterungsprozesses ins Blickfeld. Umso mehr erwies sich beim Objekt in Küsnacht die Zusammenarbeit mit den Architekten und Handwerkern als eigentlicher Glücksfall. Die Künstlerin erhielt von Anfang an das erforderliche Gehör einerseits und die notwendige Unterstützung auf der Suche nach geeigneten und in Bezug auf das Alterungsverhalten vertretbaren Materialien andererseits, ohne sich in ihrer Kreativität und in ihrem persönlichen Anspruch auf künstlerisch-gestalterische Freiheit je eingeschränkt und behindert gefühlt zu haben. «Ein Wort, das im Design, aber auch in der Kunst immer wieder fällt, ist Reduktion. Oder Konzentration auf das Wesentliche. Aber wer bestimmt, was das Wesentliche ist, wie viel ‹man› braucht? Wieso nicht übertreiben? Schamlos alles zeigen, was man hat?» Im Dialog mitei-nander fanden Vreni Spieser und das Architekturkollektiv in Winterthur einen Weg, der zu einem erfreulichen Resultat für alle Beteiligten führte.

Die von Vreni Spieser im Wechselspiel von der Hand zur Maschine und von der Maschine zur Hand geschaffenen Muster sind räumlich gedacht und im konkreten Raumzusammenhang umgesetzt. Man will sie betrachten und betreten. Sie machen süchtig. Erzählen Geschichten. Sind ambivalent. Man braucht sie nicht. Sie sind da.
Text:
Bilder: Hendrik Rauch, Berlin (Bild 1), Vreni Spieser (Bilder 2-4)

 
 
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Text Gregor Eigensatz
Bild Hendrik Rauch, Berlin; Vreni Spieser
 
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