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Höhere Fachschule für Farbgestaltung
Raum–Zeit–Farbe
 
Gewisse Raumtypologien sehen in ihrer Funktion und Nutzung einen Bruch mit dem alltäglichen Zeitfluss bewusst vor oder ziehen einen solchen unweigerlich mit sich. Der Besuch im Kino lässt die Zeit vergessen. Im Wartezimmer wird sie hingegen zum eigentlichen Objekt unserer Aufmerksamkeit und kriecht im Schneckentempo dahin. Inwiefern unterstützen, steuern, beeinflussen oder evozieren architektonische Struk-turen und farbgestalterische Konzepte diesen «Rhythmus-wech-sel», den Bruch mit der objektiven Zeitmessung? Wie «verkürzen» gestal-te-rischen Eingriffe endlose Tage im Krankenhaus, wie «verlängern» sie den Zeit vergessenden Genuss in einer Wellnesslandschaft? Fragen nach den architektonischen und innenraumgestalterischen Stra-te-gien, die in eine Art vierte Dimen-sion greifen.

«Im Anfang war der Rhythmus.» Mit diesem biblischen Satz begann ein Vortrag über «die Einheit der Architektur», den Hermann Muthesius 1908 in Berlin hielt. Der Architekt und Theoretiker, der den Gemeinsamkeiten von Architektur und Handwerk das Wort redete, versuchte den Rhythmus gleichsam als Urinstinkt des Menschen zu erklären. Sowohl in Orna-mentik wie auch in ursprünglichster Archi-tektur beobachtete er nämlich geometrische Grundformen, die in ihrer Regel--mässigkeit und Gesetzmässigkeit auch Rhythmus be-deuten. Seine Ausfüh-rungen münden in die Aussage, dass das architektonische Gestalten ganz natürlich sei und dass der Mensch gar nicht anders könne, als regelmässig, rhythmisch, architektonisch zu gestalten. Dies ist, betrachtet man die Baukunst genauer, nachvollziehbar. Von Säulenhallen bis zur «façade libre» mit ihren langen Fensterbändern, von Raumfolgen in Museen oder Palästen bis zu Grundrissen von Passagen und Shopping Malls: Rhythmus ist in der Architektur tatsächlich allerorts aus-zumachen.

Gefühlsqualität von Räumen subjektiv erfasst
Diese Rhythmen werden besonders gut sichtbar auf exakten Plänen in Linien-zeichnung und auf streng geometrisch komponierten Fotografien–Hin-weise auf Tageszeit und Wetter sucht man oft vergebens. Architekturfotografien sind meist menschenleer, sehr oft wird auch auf Farbe verzichtet. Dadurch erscheinen die Bilder gleichsam unatmosphärisch, rein und scheinbar aus der Zeit katapultiert. Atmos-phäre hingegen bezeichnet die Gefühls-qualität von Räumen, und diese wird erst durch subjektive Wahrnehmung geschaffen. Der Architektur sind folgerichtig verschiedene Rhythmen inne: der Rhythmus der reinen, menschenleeren Baukunst einerseits, und der Rhythmus des atmosphärischen, also belebten und erlebten Raumes anderseits. Dieser atmosphärische Rhyth-mus bleibt logischerweise bis zu einem gewissen Grad subjektiv, er ist abhängig von der Person, die ihn wahrnimmt.

Bruch mit dem alltäglichen Zeitfluss gestalterisch umgesetzt
In einem Ausstellungsprojekt haben sich Studierende der Höheren Fachschule für Farbgestaltung mit dem atmosphärischen Raum und dessen Rhythmen auseinandergesetzt. Ziel war es, den raumspezifischen Rhythmus fotografisch einzufangen und gestalterisch umzusetzen. Der Blickwinkel wurde dabei auf Räume mit einem «Rhythmuswechsel» fokussiert. Damit sind Räume gemeint, die in ihrer Funktion und Nutzung einen Bruch mit dem alltäglichen Zeitfluss bewusst vorsehen oder unweigerlich mit sich ziehen. Der Besuch im Kino lässt die Zeit vergessen. Im Wartesaal eines Provinzbahnhofs wird sie hingegen zum eigentlichen Objekt unserer Aufmerksamkeit und kriecht im Schnecken-tempo dahin. In den Arbeiten der Studentinnen und Studenten treten Fotografien von solchen Räumen mit farbigen Streifenbildern in einen Dialog. Die Fotoarbeiten haben ihren Fokus auf der räumlichen Situation mit ihrem spezifischen Zusammenspiel von Farbe, Licht, Architektur und Nutzungskontext. Sie sind bewusst atmosphärisch und betont subjektiv. Die Bilder erzählen dadurch Geschichten, die von Miss- und Wohl-klängen, von Gleichförmigkeit und Vielfalt, Endlosigkeit und Enge, von Harmonie und Disharmonie handeln. Die Streifenbilder reflektieren ihrerseits diese Raumsituation und versuchen die jeweilige «Raumzeit» wiederzugeben, also die subjektiv wahrnehmbare Zeit im Raum. So wird der Farbklang zum begleitenden Rhythmus, der hier fast tonlos in einem Adagio verweilt, um dort in ein quirliges Allegro überzugehen.

Farbgestaltung – mit und für die Architektur gedacht
Der Schluss liegt nun nahe, dass Farbe und Farbgestaltung weniger ein Teil der reinen Baukunst als vielmehr ein Atmosphäre stiftendes Element der Architektur sei. Tatsächlich ist Farbe stimmungsstiftend und Charakter verleihend, sie kann einen Raum erhaben oder heiter, aber auch bedrückend oder muffig machen. Das Vermögen, einem Raum einen bestimmten Charakter zu geben, ist das Prädikat einer qualitätvollen Farbgestaltung. Wenn Farbgestaltung jedoch nur aufgesetzt, reine Dekoration oder gar die Architektur missachtende Hülle ist, dann vermag sie keine eindrückliche Atmosphäre zu schaffen. Deshalb wäre es ein Fehlschluss zu glauben, Farbgestaltung sei eine rein emotionale Angelegenheit. Die Entwicklung eines differenzierten und nachhaltigen Farb-konzepts erfordert neben gestalterischem Feingefühl und fundierten Material-kenntnissen auch historisches Bewusstsein, analytisches Denken und kommunikative Kompetenzen. 
 
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Text Stefanie Wettstein, Kunsthis-to-ri-kerin
Bild Stefanie Wettstein
 
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