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Einsatz von Rotpigmenten in Raum und Zeit
Rotpigmente in der Architektur
 
Die Natur lieferte dem Menschen seine ersten Pigmente, zum Beispiel die rote Erde. Kaum ein Pigment wurde in der Architektur aller Epochen so universell eingesetzt wie die roten und gelben Naturerden. Über deren Gewinnung und Verwendung berichtet der erste Teil des Artikels von Dr. Katrin Trautwein und Michaela Petermann. Der zweite Teil folgt in der COVISS-Ausgabe vom 1. April 2005 und widmet sich den modernen Erweiterungen der Rotpalette.

Sprachgeschichtlich ist Rot nach Schwarz und Weiss in allen Sprachen das erste Wort, das eine bunte Farbe beschreibt. Rot ist auch die häufigste Farbe von Flaggen, da es von weitem am besten gesehen wird. Der rote Ocker, ein natürliches Rotpigment, schmückte schon vor 15’000 Jahren die Höhlen von Altamira. Unsere Vorfahren beherrschten schon vor 5’000 Jahren die Brennungsvorgänge, mit denen be-stimmte gelbe Ockersorten in kräftige Ziegelrottöne umgewandelt werden können. Diese Vorfahren gaben ihren Verstorbenen Steine des roten Ockers als Symbol der lebenserhaltenden Kraft mit auf den weiteren Weg, und der althebräische Namen Adam bedeutet sowohl «lebendig» als auch «rot».

Laut Kandinsky erinnert Rot an den Klang von Trompeten. Ohne Zweifel handelt es sich beim Rot um eine dynamische, aktivierende Farbe. Da nicht jede Trompete die gleiche Röte anklingen lässt–es gibt metallische, erdige, vornehme, grelle, dumpfe, brillante, stumpfe–, geht es im Folgenden nicht um die psychologische Wirkung des Rots, sondern um architektonisch wichtige Rotpigmente mit Angaben zu Zeit und Ort ihres Einsatzes.

Adam aus roter Erde
Die Natur lieferte dem Menschen seine ersten Pigmente, mitunter die rote Erde, aus der Gott den biblischen Adam schuf. Die natürlichen roten Erden kommen bereits in prähistorischen Malereien zum Einsatz und dienen als Körperfarbe zur Ausmalung von Wänden und Decken («Körperfarbe» im Gegensatz zu den «Spektralfarben»). Die Eisenerze (Roteisenstein) aus vulkanischen Gegenden und ihre ebenfalls roten Verwitterungsprodukte (Rotocker) sind vielfältig und zahlreich vorhanden. In Rom spielte die ägyptische Sinopia eine bedeutende Rolle; um Neapel herum findet sich die fleischrote, unnachahmbare Pozzuolierde. Persischrot be-schreibt ein leuchtendrotes, in Aufhellungen zart pfirsichrotes Pigment aus dem Iran, und Spanischrot ein bläulicheres, im Mittelmeerraum sehr geschätztes Rotpigment. Weitere Bezeichnungen und Typen wie Roter Bolus, echter Rötel, Hämatit, Blutstein, Terra di Pozzuoli, Venetianischrot oder Pompejianischrot belegen die Vielfalt und das breite Einsatzspektrum des reinen Naturprodukts.

Der Verbrennungsprozess der Naturocker, der sich in den Rotockern in der Natur selbst abgespielt hat, wurde schon zu prähistorischen Zeiten künstlich herbeigeführt. Die Verbrennung der goldgelben Erde aus der Gegend um Siena liefert zum Beispiel ein tiefes Orangerot von grundsätzlich anderer Zusammensetzung als alle anderen gebrannten Ockerarten. Die Reinheit und Tiefe macht den speziellen Reiz des Farbtons aus.

Kaum ein Pigment wurde in der Architektur aller Epochen so universell eingesetzt wie die roten und gelben Naturerden. Eine Begründung dafür liegt in ihrer Verfügbarkeit. Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass sich die verschiedenen, mit natürlichen Erden gefärbten Ockertypen mühelos in jede Stilrichtung und Zeitepoche einfügen. Die architektonisch festigende Qualität des Rots wird gar bei den vollsten Rotockertönen um eine warme Erdigkeit ergänzt. Lässt sich das Spektrum der architektonischen Rotwirkungen von stark dominant bis zu sanft belebend beschreiben, dann finden sich die satten und aufgehellten Rotockerklänge am sanften, wärmenden Ende des Rotspektrums.

Sonderfall Schwedenrot
Ein Sonderfall des roten Ockers stellt das Schwedenrot oder Falunrot dar: Die Kiesgrube Falun liefert seit über 150 Jahren den beliebtesten Hausanstrich Schwedens. Die rote Farbe wird aus den Abraumhalden von verwittertem Schwefelkies, mit den Hauptbestandteilen Eisenocker und Kieselsäure, gewonnen und nach folgendem Rezept zubereitet: «2 Kilogramm Eisenvitriol werden in 50 Liter kochendem Wasser gelöst und darin 2 bis 2,5 Kilogramm feingemahlenes Roggenmehl eingerührt. Nach einer Viertelstunde Kochzeit werden der Lösung unter fleissigem Rühren 8 Kilogramm Rotfarbe zugesetzt. Nach einer weiteren Viertelstunde Kochzeit ist die Mischung fertig zum Auftragen.» Das kupfrige Rot wurde zum Markenzeichen nördlicher Romantik. Zuerst nur auf noblen Bauten als Ziegelimitation eingesetzt, schützt der Anstrich Hölzer, ohne sie zu verstecken.

Blut des Adonis
Laut griechischer Sage entstanden rote Rosen aus dem Blut des Adonis. Die Suche nach leuchtenden Farbtönen wie das Rot der Rose begann in der Antike. Die ersten karminroten Färbungen kamen von der Krappwurzel und der Kermeslaus, deren Gebrauch die Ägypter aus der Textilfärberei übernahmen. Krapplack, Kermes, Purpur und Cochenille (aus mexikanischen Schildlausweibchen) wurden in erster Linie als Farbstoffe zur Einfärbung von Textilien eingesetzt. Kunsthandwerker machten sich die löslichen Farbstoffe zunutze, indem sie daraus unlösliche Salze oder Verkollerungen mit farblosen Weisspigmenten herbeiführten. Architektonische Einsätze sind nicht bekannt oder nicht mehr zu belegen, den geringen Lichtechtheiten der pflanzlichen und tierischen Rotpigmenten zufolge.

Brillanter Zinnober
Im Gegensatz dazu kennt die Architektur den brillanten Zinnober schon aus der Antike. Das leuchtende Rot aus dem Mineral Zinnober (= cinnabaris, in Frankreich Vermillon genannt) war bei den alten Kulturvölkern des Ostens in Persien, Indien und China als Farbmittel für Wand- und Tafelmalerein im Einsatz. Dem flächigen Gebrauch der sanften roten Erden steht ein punktueller Einsatz des leuchtenden Zinnobers entgegen. «Das Auge wird mehr und stärker von den helleren Farben angezogen und noch mehr und noch stärker von den helleren, wärmeren: Zinnoberrot zieht an und reizt, wie die Flamme, welche vom Menschen immer begierig angesehen wird» (Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, 1912).

Vitruvius, Baumeister zur Zeit des Augustus, beschreibt die Bereitung und Konservierung des mineralischen Pigments eingehend: «Wenn aber jemandem besonders daran liegt und derselbe will, dass der Zinnoberanstrich Farbe halte, so trage er mit einem Borstenpinsel punisches Wachs auf, dann reibe er es mit einer Wachskerze und mit einem Linnenlappen ab, wie man dies auch bei nackten Marmorstatuen vorzunehmen pflegt». Plinius schreibt ebenfalls vom «cinnabarium», doch stellt Restaurator Otto Breitschedel 1911 nüchtern fest: «Gefälscht wurde der Zinnober schon im alten Rom und zwar mit Mennige und mit Ziegelmehl. Das cinnabarium des alten Schriftstellers ist das Harz des Drachenbaums, das mit Ziegenblut geschönt wurde» (aus Technische Mitteilungen für Malerei, XXVIII, 1911).

Der Gebrauch des noch heute zu bestaunenden Zinnobers in den Fresken der Villa dei Misteri in Pompeji lässt den Wohlstand des Eigentümers erahnen und die technischen Expertise der frühen Kunsthandwerker. Die Eigenschaft des Nachdunkelns war schon damals bekannt. Was die mittelalterlichen Kunsthandwerker mit jungfräulichem Knabenharn oder Wachspolituren versuchten zu erreichen–die Verhinderung der Umwandlung des roten Sulfids in ein schwarzes Oxidationsprodukt–, gelang den Pompejanern vermutlich durch Zugabe von Mennige nach Rezepturen, die später in Vergessenheit gerieten.

Mennige selbst, auch Saturnrot, Bleimennige, Kristallmennige, Minium (franz.) oder künstlicher Sandarak genannt, wurde einem Bericht des Dioskorides zufolge per Zufall beim Brand im Hafen von Piräus entdeckt, als zahlreiche Fässer Bleiweiss in ein stark leuchtendes Orange übergingen. Der Entstehungsgeschichte der Mennige folgte eine ausserordentliche Erfolgsgeschichte, denn das Pigment weist nebst einer einzigartigen Koloristik auch korrosions- und bewuchshemmende Eigenschaften auf. Im Rom diente die Mennige der Wand- und sogar der Gesichtsmalerei, und auch zur Renaissancezeit wurden bedeutende Mengen des Bleipigments verarbeitet. Lehrbücher der 1960er Jahre stellen noch fest, dass es keinen besseren Rostschutz gebe; das Bleipigment sei aber nicht als Deckanstrich zu verwenden, da Anstriche daraus unter Lichteinwirkung verspröden würden. 
 
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Text Katrin Trautwein, Michaela Petermann
Bild Katrin Trautwein
 
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