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Architekt Quintus Miller, Restaurator Rino Fontana
Nie gesehene Farbeffekte
 
Farbe hat für viele den Beigeschmack von Buntheit. Und wer möchte schon mit dem Attribut des Bunten im Sinne des Kunterbunten, Zufälligen in Verbindung gebracht werden? Zu-rück-haltung in der Farbgebung scheint deshalb nach wie vor eine unausgesprochene, aber doch sehr wirksame Forderung unserer Zeit zu sein? Ja und nein. Weiss in der Farbgebung bedeut zwar noch immer Helligkeit, aber auch Dezenz und Schlichtheit, und ist wohl deshalb in Innen- wie Aussenräumen beliebt. Aber nur schon Weiss in all seinen Nuancierungen der Mischungen und Anwendungstechniken ist nicht einfach nur weiss. Wer genau hinsieht, entdeckt Welten des Weiss und Felder der feinsten Farben und Farbnoten. Unbekannte, nie gesehene, kaum zu beschreibende. Architekt Quintus Miller arbeitet mit solchen «Farben», mit Farb- und Lichteffekten. Und Restaurator Rino Fontana begleitet ihn auf der Suche nach gezielter Mehrdeutigkeit in der Farbgebung. Ein aufschlussreicher Rundgang.

November 2004. Architekt Quintus Miller und Restaurator Rino Fontana treffen sich im Wohnquartier Gellert in Basel vor dem neu erstellten Wohnhaus Schwarzpark. Hier beginnt der Farbenrundgang der beiden Meister der Architektur und des Handwerks, geht weiter zum Voltaschulhaus, das sich in unmittelbarer Nähe zur Industrie befindet und endet in Aarau auf dem Färberplatz vor der Markthalle. Die beiden Fachleute unterhalten sich über Farben, über deren Wirkung und Mehrdeutigkeit – vor Ort bei Objekten, die das Architekturbüro Miller & Maranta realisiert haben. Miller beschreibt seinen Kontakt zu Rino Fontana als äusserst wertvoll, «weil Rino Fontana, wie ich selber auch, über Grenzen hinaus zu denken wagt, dabei aus konventionellen Mustern ausbricht und aus lange schon Vorhandenem und Gewesenem etwas völlig Neuartiges hervorbringt». Und Fontana ist dem Ruf Millers gerne gefolgt, Objekte zu besichtigen und zu kommentieren, an denen er selber direkt nie beteiligt war. «Ich staune und bin be-rührt, wie frei Quintus Miller der Farbthematik begegnet und wie er in ganz neue, noch nie gesehene Farbenwelten aufzubrechen wagt.»

Schwarzpark in Basel
Farbe, Farbgebung oder Farbwirkung sind bei den Objektbeschreibungen auf der Internetseite von Miller & Maranta kaum wirklich thematisiert. «Farbe» entpuppt sich aber im Gespräch zwischen Quintus Miller und Rino Fontana als ein zwar sehr weites, aber zentrales Feld der differenzierten geistigen Auseinandersetzung vor, während und nach der Realisierung eines Objektes. So erhält Farbe nicht im Vornherein den Wert einer in sich geschlossenen Materialität zugesprochen; Farbe muss ihn sich erst noch im Dialog mit dem ihr zugeordneten Untergrund und mit der ihr kommunizierenden Umgebung «erwirken». Deshalb ist Farbe für Quintus Miller «ein Material, mit dem man vielschichtig umgehen kann.» Sobald Farbe den Topf verlässt, tritt sie mit andern Materialien, mit Umgebungseinflüssen wie Licht und Wetter in Beziehung. Der Architekt, der eine bestimmte Idee realisieren will, wird sich deshalb bei der Frage der Farbgebung kaum mit zwar hilfreichen, aber im Detail ungenügenden RAL- oder NCS-Angaben zufrieden geben. Erst nach zahlreichen Bemusterungen vor Ort und in entsprechend grosszügigen Ausmassen fällt der Entscheid für diese oder jene Farbnuance in dieser oder jener Applikationstechnik.

Lasur statt eingefärbter Beton
Am Schwarzpark in Basel spielte der Preis eine entscheidende Rolle. Deshalb kam ein eingefärbter Beton nicht in Frage. Eine günstigere Variante musste gefunden werden, die aber den anspruchsvollen Bedürfnissen des Planers gerecht werden konnte. Mit einer mineralischen Lasur ist die gewollte Vereinigung der Farbe mit dem Untergrund sehr wohl möglich – und somit war die optimale Lösung gefunden. Die dünne Farbe nimmt das Charakteristische des Betonuntergrundes auf; die Eigenart des Betons kommt durch die Farbe hindurch deutlich zum Vorschein.

«Der erzielte Aubergine-Ton ist ein Wurf, ein Novum!», bemerkt Rino Fontana, den vor allem das Zusammenspiel der «Zufälligkeiten» am Schwarzpark fasziniert. Mit «Zufälligkeiten» beschreibt Fontana all die Unregelmässigkeiten im Duktus des mit einer pigmentierten mineralischen Lasur bearbeiteten Betons. Struktur und Farbe des grauen Untergrundes sind damit nicht aufgehoben oder überstrichen, sondern in veredelnder und fast schon verfremdender Weise hervorgehoben und neu interpretiert. Der hart-kalte Beton, zusammen mit den ebenfalls kalten, grossflächigen Glasscheiben strahlt eine eigenartig anmutende Wärme aus, die mit dem herbstlichen Park sanft korrespondiert. Und die heterogene Oberfläche ist wandelbar, passt sich den Umgebungseinfüssen an und erscheint wie eine «Vorpatina, mit der sich das mächtige, aber beinahe schwebende Wohngebäude der variierenden Parksituation integriert», präzisiert Miller.

Rino Fontana freut sich über die gute Be-ständigkeit des gewählten, lichtechten mine-ralischen Anstrichs, der so bleibe, wie er sei, und schön altere. «Bei einer solchen Far-be liegt das Pigment an der Oberfläche, was eine besondere Oberflächenstrahlung ergibt.»

Der integrale, mächtige Bau wirkt alles andere als klotzig und düster; Architektur und Farbe verleihen ihm etwas Filigranes, so wie das Astwerk der alten Bäume im Park. Wie sie, steht auch der Wohnblock fest auf der Erde und scheint gleichzeitig zu schweben. Widersprüche? Jedenfalls vom Architekt geplante Effekte, die schon bei einem unbedachten Überstreichen der Fassade verloren gehen würden.

Voltaschulhaus in Basel
Beim Beispiel Schwarzpark war die Rede von «Zufälligkeiten», die bei der Anstrichoberfläche für das erwünschte heterogene Erscheinungsbild verantwortlich sind. Deshalb anzunehmen, dass Miller & Maranta selber den Gesetzen des Zufalls ganz unterworfen wären, würde dem komplexen Vorgang des kreativen Suchens der Architekten nicht gerecht. Vor allem dort nicht, wo sich Fragen der konkreten Umsetzung stellen und wo unnachgiebiges «Pröbeln», Verwerfen und wieder Ausprobieren den zu begehenden Weg darstellt, bevor endlich die Lösung geboren ist. Wie komme ich zum changierenden Oberflächenglanz, den ich in Gedanken oder in der Natur schon so oft gesehenen oder erahnt habe? Mit was für Pigmenten? Mit welchen handwerklichen Techniken. «Bei solchen und ähnlichen Fragen erweist sich eine echte Zusammenarbeit zwischen Architekt und Handwerksspezialist als wahren Segen», betont Quintus Miller.

Kreuzweise gestrichen
Diese fast schon spielerische Auseinandersetzung mit dem, was bereits ist und dem, was daraus neu entstehen will, bezeichnet Miller als den Anfang seines vertieften Umgangs – auch mit Farbe. «Vorher übten wir mit Buntheit. Beim Voltaschulhaus wollten wir etwas ganz anderes: nämlich selbst bei trübem Wetter das real nicht vorhandene Sonnenlicht in den offenen Innenhof zaubern, eine Atmosphäre der Freundlichkeit mit Hilfe eines geeigneten Anstrichs erreichen.» Und tatsächlich: Der Sonneneffekt, herbeigeführt durch einen beigen Grundton und durch die unzähligen Goldplättchen in der Farbe, ist perfekt. Der Autor ist übrigens beim Test durchgefallen – er glaubte an die Mär des plötzlich einfallenden Sonnenlichtes…
Raffiniert auch der changierende Glanz-Effekt an den kreuzweise gestrichenen Innenwänden: Ein grauer Grundton dominiert, der aber aufgebrochen, ja transzendiert wird mit horizontalen Bürstenstrichen (die Farbe enthält hier Silber-Glitzer-Pigmente) und vertikalen Pinselstrichen (die Farbe ist mit Gold-Glitzer-Pigmenten durchsetzt). Aus einer Idee wurde erlebbare Realität.

Markthalle in Aarau
Auch über die Markthalle beim Färberplatz kann auf der Homepage von Miller & Maranta oder in Architekturzeitschriften Interessantes in Erfahrung gebracht werden. COVISS befasst sich auch bei diesem sensibel in einen historischen Kontext eingefügten Objekt mit dem Aspekt der Farbgebung. Denn die Halle ist nicht etwa aus unbehandeltem Holz gefertigt. Eine fein pigmentierte Leinölfarbe verwandelt den aus Holzlamellen konstruierten, je nach Standort des Betrachters offenen oder geschlossenen Holzkörper in ein edles «Stadtmöbel»; die metallische Künstlichkeit des Anstrichs verleiht dem Bauwerk eine unaufdringliche Note von Noblesse. Man fühlt sich zurückversetzt in vergangene Zeiten – der Neubau steht mit den um-liegenden historischen Gebäuden in einer Verbindung des Respekts.

Ungekanntes Perlglanzpigment
«Hier wird die Farbe zum Bedeutungsträger. Das Perlganzpigment – Alumosilikate in Form von Glimmer, bedampft mit Metalloxiden – in Verbindung mit dem Holz und dessen Struktur ergibt einen Farbton, den wir bisher nicht kennen!» Weiter kommentiert Rino Fontana die erzielte Veredelung des Materials mit Farbe als ein im Mittelalter bekannt und gängig gewesenes Verfahren. Unter Verwendung von Farbe habe man das verwendete Material zum Beispiel in kirchlichen Bauten bedeutungsvoller gemacht, galt doch Farbe als ein Vermittler der geistlichen Inhalte. Nun habe auch Miller aus gewöhnlichem Holz etwas völlig Neues gemacht.» Quintus Miller betont in diesem Zusammenhang die Vieldeutigkeit der Massnahmen, die hier besonders interessierten. Da steht eine moderne Holzhalle mitten in einem historischen Stadtteil; eine völlig neuartige, moderne Farbe veredelt das raue Material so, dass es zur historisch gewachsenen Umgebung in lebendige Beziehung tritt …

Handelt es sich bei der Markthalle am Färberplatz um einen Bau aus dem Mittelalter? Oder doch eher um einen Kasernenbau? Oder vielleicht gar um einen einfachen Holzschopf? Um eine Kirche? Um ein Geldinstitut? Oder doch um eine Markthalle? Die Antworten ergeben sich je nach Standpunkt, Alter, Geschichte oder kulturellem Kontext der verschiedenen Betrachter und der mannigfaltigen Betrachtungsmöglichkeiten. Die vielen möglichen Schichtbezüge sind Ausdruck des offenen (?) geschlossenen (?) modernen (?) mittelalterlichen (?) Holzlamellen-Raumes mit sanft metallischem modernem Charakter. Deutlich spürbar auch hier wieder die Elemente des «Zufälligen». Sie ermöglichen den individuellen, sinnlichen und vielschichtigen Zugang zu einer nicht alltäglichen Formen- und Farbensprache. 
 
Ausgabe "2004/3 - Dezember" bestellen
 
Text Gregor Eigensatz
Bild Ruedi Walti
 
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