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Einsatz von Rotpigmenten in Raum und Zeit
Rotpigmente in der Architektur
 
Der erste Teil des Artikels von Dr. Katrin Trautwein und Michaela Petermann widmete sich in COVISS 1/2005 den Aspekten der Gewinnung und Verwendung der roten und gelben Naturerden. Der zweite Teil behan-delt die synthetische Ausweitung der Rotpalette in den Bereichen der anorganischen und organischen Pigmentgruppen.

Die in COVISS 1/2005 bereits besprochenen natürlichen Pigmente werden heute nicht mehr oder nur noch am Rande von darauf spezialisierten Firmen eingesetzt. Im 18. und 19. Jahrhundert erweiterte sich die Rotpalette um vier bedeutsame Pigmentgruppen: Chrom-, Kadmium-, Einoxydrot und Ultramarinrosa konnten auf synthetischem Wege hergestellt und industriell angeboten werden. Die synthetisch hergestellten Pigmente aus anorganischen (nicht von Lebewesen oder fossilen Brennstoffen stammenden) Substanzen bildeten noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die bedeutendste Gruppe von Körperfarben für den Einsatz am Bau. Der Sammelbegriff Mineralpigment umschreibt diese ausserordentlich wichtige Gruppe von Pigmenten mit einer Weltproduktion von etwa 1 Mio. Ton-nen pro Jahr, wovon gut zweidrittel auf die synthetisch hergestellten Eisenoxyde anfallen.

Synthetische Eisenoxyde–homogener in Farbe und Zusammensetzung
Der steigende Bedarf an Eisenoxydpigmenten konnte mit der Zeit nicht mehr mit den natürlichen Eisenoxyden befriedigt werden. Ende des 19. Jahrhunderts begann man mit der grosstechnischen Produktion der synthetischen Eisenoxyde. Diese synthetischen Pigmente weisen eine höhere Reinheit auf – sie sind deshalb homogener in Farbe und Zusammensetzung als die natürlichen. Die synthetischen Eisenoxydpigmente entstehen meist durch Oxidation der anfallenden Eisenspäne aus der Anilinproduktion und führen entweder Markennamen wie Bayferrox® oder Namen der farbtonverwandten Naturpigmente. Die Eigenschaften der Pigmente wie Teilchen-grösse, Farbe und Transparenz lassen sich über die Reaktionsführung steuern. Rote Eisenoxydpigmente entstehen in einem Glühprozess in einem Drehofen bei 750° C. Die roten Färbungen reichen von Ziegelbraun über Rotbraun bis zum stumpfen Purpur des Caput mortuums – entstanden als völlig ungiftiges Unfallprodukt eines frühen Alchemisten, dem die braunvioletten Rückstände seiner Eisenvitriolerhitzung zu wenig wertvoll erschienen, um ihnen einen romantischeren Namen als «Totenkopf» zu geben.

Ein Grossteil des heutigen Fassadenfarbenangebots hat seinen Ursprung bei dieser Gruppe von äusserst beständigen Pigmenten. Eine weitere wichtige Pigmentgruppe, die der «komplexen anorganischen Buntpigmente», rundet das heutige Fassadensortiment ab. Darin enthalten sind alle Nuancen des Kobaltblaus, Kobaltgrüns, Nickeltitangelbs, Mangan- und Eisenbrauns sowie tiefe Schwarztöne. Da es keine roten Vertreter dieser äusserst beständigen, eher neueren Pigmenten gibt, werden sie hier nicht weiter erwähnt.

Schwermetallhaltige Mineralpigmente – verbotene Substanzen
Im Rotbereich aus anderem Grunde bedeutungslos geworden, sind die weiteren Errungenschaften der frühindustriellen Chemiker. Die Bleichromate erreichten nach dem zweiten Weltkrieg den Höhepunkt ihrer Produktion. Sie werden allerhöchstens noch in der dritten Welt ein-gesetzt (!). Der Bedarf am vergleichsweise teuren Cadmiumrot ist rückläufig seit den Cadmiumdiskussionen der 1970er, und Ultra-marinrosa, ein schwefelarmes Ultramarinblau mit einem kühlen Altrosafarbton, führt seit jeher eine Randexistenz neben dem farbstärkeren, beliebten Ultramarinblau.

Ersatzstoffe – weniger Körper
Mit dem Rückgang der beiden Zinnoberersatzstoffen Chrom- und Cadmiumrot verlor die Architektur satt leuchtende, gut deckende Farbgebungen. Das von den De Stijl und Bauhausarchitekten einst eingesetzte «Primarrot» entstand aus diesen schwe--ren, süffisanten Rotpigmenten. Die Ersatzstoffe aus der modernen Chemie bieten weder den Körper noch die Deckfähigkeit der schwermetallhaltigen Mineralpigmente.

Mitte der Neunzigerjahre entwickelte die Firma Rhône Poulenc eine auf dem Mineralstoff Cersulfid beruhende Pigmentgruppe mit opaken Färbungen von Orange bis Bordeaux. Sie werden als Alternative für Blei- und Cadmiumpigmente angeboten und bislang hauptsächlich im Kunststoffbereich eingesetzt. Diese dumpfen Rotpigmente könnten nicht nur dem Skischuhhersteller, sondern auch der Architektur eine neue Alternative zu den braunroten Eisen-oxyden und den lackähnlichen Erzeugnissen der Petrochemie bieten.

Petrochemische Farbtöne– weniger lichtecht
Im Zusammenhang mit der petrochemischen Produktion ist folgendes zu sagen: Die Nomenklatur wird schwierig, und noch schwieriger wird es, einzelne Farbtöne oder Pigmente als architektonisch signifikant festzustellen. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und liegen in der Art, wie Farbkarten und Farben selbst heute zustande kommen. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass die petrochemischen, also organischen Erzeugnisse auf die Frage der Lichtechtheit kaum eine befriedigende Antwort zu geben vermögen–dies ganz im Gegensatz zu den anorganischen Eisenoxyden, die hervorragend beständig und lichtecht sind.

Künstler und Textilfärber der Antike benutzten erste organische Pigmente und erweiterten damit ihre auf natürlichen anorganischen Pigmenten basierende Farbtonpalette um brillante Farbtöne. Die Brillanz der organischen Pigmente ist eines ihrer Unterscheidungsmerkmale. Zudem übertrifft die Breite der erreichbaren Farbtonpalette die der anorganischen Pigmente, und die Farbstärke bei gleicher Menge ist wesentlich höher als bei Mineralpigmenten und Naturerden.

Mit der Entdeckung des Mauveins 1856 durch Perkin trat ein Umschwung ein, dem eine Reihe von Neuentwicklungen und eine schier unendliche Zahl von Anilinfarben folgten. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte folgten weitere wichtige Farbstoffe aus Steinkohleteer. Der veraltete Begriff «Teerfarbstoffe» hat hier seinen Ursprung. Der Begriff «Anilinfarben» verweist auf die Chemie der ersten wichtigen, synthetisch hergestellten organischen Pigmente – ebenso der Firmennamen «Badische Soda und Anilin Fabriken», heute einfach BASF.

Teerfarbstoffe–komplizierte Nomenklatur
Mit der Einführung der Teerfarbstoffe verkomplizierte sich die Nomenklatur der Pigmente, da die chemische Zusammen-setzung von chemisch nicht versierten Kunden unaussprechbar und vor der Konkurrenz geheim zu halten war. Man denke zum Beispiel an das Pigment «Phthalocyaningrün»–hinter dem Zungenbrecher verbirgt sich eine genaue chemische Bezeichnung. Die Anilinfarben wurden «von ihrer Erscheinung an mit Fantasie-namen belegt, bei deren Auswahl man sich in poetischer Überschwänglichkeit ebenso wenig Zwang antat wie in irreführender, die chemische Zusammensetzung möglichst verschleiernder Bezeichnung. Man denke an das morgenrotleuchtende Eosin, das rosenfarbene Rhodamin, das fuchseinrote Fuchsin, das alpenveilchen-violette Alizarin-cyclamin. Man denke an Alizaringelb, das mit Alizarin nicht das Geringste zu tun hat. Unter Orange III verstehen zwei verschiedene Firmen zwei ganz verschiedene Azofarbstoffe» (zitiert aus H. Kittel, Pigmente, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft M.B.H., Stuttgart 1960).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen die ersten Mono- und Disazopigmente sowie purpurfarbenes Thioindigorot auf den Markt. Ihnen folgten 1950 und 1955 die Perylen-, Perinon- und Chinacridonpigmente. In neuerer Zeit gesellten sich die Diketo-pyrrolopyrrolpigmente (DPP-Pigmente) dazu–eine Entwicklung der Baslerchemie, die eine empfindliche Lücke im Angebot der wetterechten Rotpigmente schloss.

So zahlreich die roten Vertreter dieser Gruppe sind, so wenig unterscheidbar sind sie nach ihren Namen oder in der Art, wie sie für Farben eingesetzt werden. Die Literatur dazu ist rein technischer Art. Im Moment erscheint es so, als seien die grossen Persönlichkeiten einer homogenen Masse gewichen. Spektakuläre Gewinner fehlen, dafür auch die spektakulären Miss-erfolge wie die der Sakralmalereien mit bräunlich verfärbten Roben an ehemals in leuchtendem Zinnoberrot gekleideten Jüngern. 
 
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Text Katrin Trautwein, Michaela Petermann
Bild kt. COLOR
 
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