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Stellenwert der Farbe in der Architektur
Das Handwerk ist mitverantwortlich
 
«Der gute Farbenhandwerker ist derjenige, der diesen Namen verdient, die anderen kann man unter Anstreichern zusammenfassen. Ein guter Handwerker ist fähig, Farben selbst auszumischen. Der schlechte Handwerker blättert in einem Farbsystem, merkt sich eine Nummer und telefoniert in die Farbfabrik, um die gewünschte Farbe zu bestellen.» Der Ausschnitt aus dem Interview mit Peter Jenny zeigt, dass der Professor für gestalterische Grundlagen an der ETH Zürich viel vom echten Handwerk hält und zu Recht fordert.

COVISS: Welchen Stellenwert hat Farbe heute in der Architektur?
Peter Jenny:
Farbe hat heute in der Architektur einen grösseren Stellenwert als noch vor zwanzig Jahren, weil sich Farbe respektive das Bedürfnis nach Farben ähnlich verhält wie der Appetit: Der Sättigung folgt die Ablehnung und dem Hunger die Nachfrage. Und ähnlich wie beim Essen würden auch hier das Mass und die Angemessenheit eine Rolle spielen. Einfach bunt wäre kein qualitatives Merkmal.

COVISS: Wo steht das Farbenhandwerk?
Peter Jenny:
Dem Handwerk würde ein grosser Stellenwert zukommen. Leider sind die meisten Handwerker angelernt, und damit ist ihr Fachwissen sehr beschränkt. Zeit- und Preisdruck tun das ihre, um Ausbildung und Beratung auf der Handwerkerseite zu schmälern.

COVISS: In der Praxis wählen oft die Architekten und die Bauherren die Farben aus. Letztere werden dann vom Handwerker vielleicht noch gemischt, verarbeitet und aufgetragen. Wie beschreiben Sie die Zusammenarbeit dieser Berufs- und Interessengruppen? Wo orten Sie Handlungsbedarf?
Peter Jenny:
Die Auswahl findet nicht allein zwischen Architekten und Bauherren statt. Kulturelle und örtliche Gegebenheiten beeinflussen, neben den Konventionen, ebenfalls die Farbwahl. Die kulturelle Identität eines Ortes wird stark durch Farben beeinflusst, weil sie eben augenfällig sind. Ebenfalls spielt die Angemessenheit in Bezug auf die Farbwahl eine grosse Rolle und ist ein weiteres Kriterium, um nicht in die Beliebigkeit respektive Geschmacksecke abgedrängt zu werden. Das Blättern in Fachzeitschriften ist das eine, die Betrachtung eines Orts das andere. Die meisten Bauherren gehen davon aus, dass ihnen etwas gefällt. Dies ist ein Vorrecht der Laien. Von Architekten wird etwas anderes verlangt, nämlich Argumentation. Wenn man in einer öffentlichen Diskussion eine Saalschlacht vom Zaun brechen möchte, muss man das Thema Farbe einbringen, um bei 200 Anwesenden 200 unterschiedliche Farbbekenner ausfindig zu machen. In der Lehre gilt es, den Entwerfern ein Rüstzeug zu vermitteln, das eine Überprüfbarkeit erlaubt im Zusammenhang mit der Farbwahl.

COVISS: Inwieweit beeinflussen das unterschiedliche Material von Farben und der mehr oder weniger bewusste Umgang damit das Farbenhandwerk und die Resultate am Bau?
Peter Jenny:
Acryl, Dispersion und Kunstharzlacke sind die gebräuchlichsten Produkte, die in der Architektur verwendet werden. Sie lassen sich gut verarbeiten, sind billig und darum auch suggestiv im Zusammenhang mit dem Kostendruck. Ihre Nachteile sind die schwere Reparierbarkeit und bei einem Neuanstrich die Entsorgungsprobleme, die im Zusammenhang mit dem alten Farbanstrich entstehen. Mineralfarben und Ölfarben sind teurer, setzen Fachkenntnisse voraus in der Verarbeitung und werden dadurch auch kaum angewendet. Ein grosser Vorteil würde aber in der Reparierbarkeit dieser Farben bestehen.

COVISS: Worin unterscheidet sich Ihrer Meinung nach gutes Farbenhandwerk von mittelmässigem oder gar unverantwortbarem?
Peter Jenny:
Der gute Farbenhandwerker ist derjenige, der diesen Namen verdient, die anderen kann man unter Anstreichern zusammenfassen. Ein guter Handwerker ist fähig, Farben selbst auszumischen. Der schlechte Handwerker blättert in einem Farbsystem, merkt sich eine Nummer und telefoniert in die Farbfabrik, um die gewünschte Farbe zu bestellen. Diese Zettelwirtschaft entfernt uns vom eigentlichen Metier, die Folge davon sind Farbberater, und damit wird ein Spezialistentum gefördert, das wiederum einem Verantwortung-Abschieben gleichkommt. Der Architekt sollte diese Domäne nicht freiwillig aus den Händen geben. Farbe ist ein Baumaterial wie Glas, Holz, Metall, Beton. Farbberater, die losgelöst vom eigentlichen Metier ihre Tätigkeit ausüben, orientieren sich häufig an Moden, was dem widerspricht, was erstrebenswert wäre, nämlich eine ästhetische und materielle Haltbarkeit von zirka zwanzig Jahren. Anders verhält es sich bei einer interdisziplinären Zusammenarbeit. Dort wird nicht einfach delegiert und ausgelagert, sondern zusammengearbeitet. Eine Gruppe von Künstlern stellt sich dieser Zusammenarbeit. Trotzdem sollte der Architekt die Entscheidungen nicht aus den Händen geben, und wenn, müsste er wenigstens fähig sein, Materialien für die Überprüfung zu entwickeln. Es gibt wenige Berufe, bei denen die Zusammenarbeit von mehreren Spezialisten eine so grosse Rolle spielt wie in der Architektur. Teamfähigkeit ist sehr wichtig, aber die Verantwortung ist nicht im selben Masse aufteilbar.

COVISS: Welche Rolle spielen heute traditionelle, beinahe vergessene Handwerkstechniken in der modernen Architektur?
Peter Jenny:
Traditionelle Handwerkstechniken spielen nicht nur in der Denkmalpflege eine Rolle, sondern auch in der zeitgenössischen Architektur. In der Denkmalpflege werden die Handwerker gefordert, was sich auch auf andere Bauaufgaben auswirken kann. Die Sorgfalt dürfte in verschiedenen Betätigungsfeldern willkommen sein, was sich nur positiv auswirken würde. Die geistige Flexibilität kann natürlich nicht allein im Bewahren und ewigen Rekonstruieren bestehen, und gerade hier wäre der Dialog, der zwischen Alt und Neu vermittelt, sehr wichtig. Ihr Magazin leistet auch in diese Richtung einen wesentlichen Beitrag.

COVISS: Was könnte das Farbenhandwerk von der Architektur lernen und umgekehrt die Architektur vom Farbenhandwerk?
Peter Jenny:
Das Farbenhandwerk profitiert, wenn der Stellenwert der Farben, der gegenwärtig in der Architektur herrscht, erkannt wird. Das Handwerk muss ebenfalls lernen, mitverantwortlich zu sein am Erscheinungsbild des öffentlichen Raumes. Und der Architekt seinerseits muss erkennen, dass Farbe nicht allein auf dem Papier bestimmt werden kann, sondern nur im Massstab 1:1 abschliessend zu beurteilen ist. Die Bemusterung ist somit Teil des Entwurfsprozesses.

Peter Jenny ist seit 1969 in der Lehre tätig, 1977 wurde er als Professor für gestalterische Grundlagen an die ETH Zürich berufen. Mit zahlreichen Veröffentlichungen, unter anderem «Bildrezepte» und «Bildkonzepte» (mit dem Kodak-Fotobuch-Preis 2000 ausgezeichnet), machte er sich auch über die Schweiz und Europa hinaus einen Namen. 
 
Ausgabe "2005/4 - Juni" bestellen
 
Text Gregor Eigensatz, Peter Jenny
Bild Keystone
 


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