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Fugenlos und mit Farbnuancen
Stampflehmboden erlebt Renaissance
 
Stellen Sie sich vor, in Ihrem Wohnzimmer liege der Ackerboden von nebenan. Die pure Erde. Erdfeucht eingestampft. Getrocknet ohne Bindemittel. Ein Krakel von Mikrorissen untermauert die haptische Wirkung dieser Bodenart. Und stellen Sie sich weiter vor, Sie laufen barfüssig und haben direkten Kontakt mit «Mutter Erde». Der vorliegende Artikel zeigt auf, dass Lehmböden ein gutes Gefühl auslösen können, darüber hinaus jedoch eine dauerhafte und ästhetische Besonderheit darstellen.

Dem Fussboden wird im Vergleich zu seiner Wirkung im Allgemeinen viel zu wenig Beachtung geschenkt. Materialität und Ästhetik der Fussböden wirken sich enorm auf den Innenraum als ganzen aus und beeinflussen das empfundene Raumgefühl. Die derzeit erhältliche Produktpalette reicht von Parkett, Stein, Keramik zu Textil und Kunststoffen. Erde scheint dieser Palette als Anachronismus beziehungsweise Baustoff der Vergangenheit entgegenzustehen.

Blosser Erdboden hat – so sagt es unsere Erfahrung – etwas Verletzliches. Der Boden kann leicht ausgespült oder verweht werden, Witterung setzt ihm zu, zeichnet sich in den Untergrund. Dennoch bestehen gute Gründe für eine Renaissance des Lehmbodens. Die Nachfrage geht vermehrt in Richtung hochwertiger, fugenloser, in ihrer Wirkung zeitloser Beläge. Aufgrund seines geringen Energieaufwandes bei der Fertigung und aufgrund der problemlosen Entsorgung, die auf dem Kompost erfolgt, ist der Lehmboden ökologisch äusserst wertvoll. Lehm weist plastische Eigenschaften auf, weshalb der Boden leicht und unsichtbar repariert werden kann; Fussbodenheizungen lassen sich mühelos integrieren. Stampflehmböden sind feuerfest – sogar Feuerstellen direkt auf dem Boden sind möglich. Die natürliche Oberflächentemperatur ist äusserst angenehm und lädt zum Barfuss laufen ein; direkter Bodenkontakt oder «Erdung» ist gegeben, was heute wieder einem breiten Bedürfnis entspricht. Denn Berührungspunkte mit der Erde ergeben sinnlichen Genuss auf allen Ebenen – von der Bauphysik über die Ökologie bis zur Haptik und Ästhetik. Gerade Lehmhäuser werden mit einem Lehmboden und die dadurch entstehende Materialstimmigkeit aufgewertet. Ein Beispiel hierfür ist zum Beispiel die Kapelle der Versöhnung in Berlin.

Regionale Bodeneigenheiten sichtbar gemacht
Lehm entsteht bei der Verwitterung oder beim Zerfall von Gesteinsschichten infolge geologischer Vorgänge und Erosionseinflüssen zum Beispiel von Wasser, Frost, Wind und Temperaturwechsel. Die so entstandenen Verwitterungsreste werden vorwiegend durch Wasser, aber auch Wind (Löss) verfrachtet und abgelagert. Unser Planet ist durch Erosion nachhaltig geprägt, und deshalb ist Lehm auch überall vorhanden und nutzbar. Lehme sind je nach Fundort sehr verschieden. Der Anteil an Ton, Schluff, Sand und Kies variiert. Diese Anteilsverhältnisse bestimmen oft die örtlich unterschiedlichen, historischen Lehmbauweisen. Auch die Grundfarbe dieser Lehme ist regional sehr verschieden. Regionalbezogene Bauweisen waren immer einfache Bauarten. Mit primitivstem Handwerkzeug und mit menschlicher Kraft wurden Hütten, Häuser und Paläste errichtet. Weltweit gesehen ist Lehm eines der wichtigsten Baustoffe – beinahe die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute (noch) in den unterschiedlichsten Lehmgebäuden.

Vom weichen Lehm zum widerstandsfähigen Boden
Der gestampfte Lehmboden war in vielen historischen Gebäuden obligatorisch, wurde jedoch von den Bewohnern gering geschätzt und oft nur als Notlösung betrachtet. Die prinzipielle Weichheit des Lehms wurde durch verschiedenste Rezepte der Oberflächenvergütung mit organischen Extrakten, Ölen und Wachsen verbessert. Vor der Mechanisierung des Dreschvorgangs wurden Getreidedreschböden vorwiegend aus Lehmschlag errichtet. Jeweils zum Generationswechsel auf dem Bauernhof wurden diese Dreschböden erneuert und durch qualitätsvolle Verdichtung, Materialmischungen und Zuschlägen ausserordentlich harte und widerstandsfähige Lehmböden errichtet. Mit handwerklicher Ausführungsqualität und entsprechenden Lehm- und Tonmischungen lässt sich heute noch an diese historische Qualität anknüpfen. Heute besteht die erweiterte Möglichkeit, auch moderne Techniken einzusetzen wie zum Beispiel Verdichtungsgeräte aus dem Strassenbau. Damit kann der Arbeitsaufwand verringert, in erster Linie jedoch die Oberflächenqualität entscheidend verbessert werden. Dennoch ist der Arbeitsaufwand erheblich, weshalb man vom «Herstellen» und nicht vom «Verlegen» eines Lehmbodens spricht.

Elastischer Boden
Ausgangsbasis für die Lehmmischung ist krümeliges, auf zirka zwei Zentimeter Stärke gesiebtes, bindiges und nichthumoses Aushubmaterial. Je nach Beschaffenheit kann es notwendig sein, die Lehmmischung durch Beigabe von Schotter oder andern mineralischen Zuschlägen, oder auch durch Beigabe von Ton zu modifizieren. Der Feuchtigkeitsgehalt der Lehmmischung ist von entscheidender Bedeutung. In der Regel wird die erdfeuchte, krümelige Lehmbodenmischung in einer Stärke von 12 Zentimetern sorgfältig ausgezogen und eine ausgesuchte, feine Lehmmischung von Hand dünn darüber gestreut. Die Lehmbodenmischung wird mit Glättschuhen vorverdichtet und mit drei verschiedenen Rüttelplatten mit ansteigendem Gewicht weiterverdichtet. Die verwendeten Rüttelplatten wiegen zwischen 30 und 240 Kilogramm. Die Einbauteile und Ränder werden von Hand mit Hammer, Brett und Kleingeräten nachverdichtet. Auf diese Weise wird das Schüttvolumen um etwa 40 Prozent verdichtet. Die Intensität der Verdichtung ist entscheidend für Härte und Erscheinungsbild der Lehmoberfläche. Zum Abschluss kann die Lehmstampfoberfläche mit einer Einscheibenmaschine fein poliert werden. Je nach Witterungsverhältnis und Situation trocknet der feuchte Lehmboden innerhalb von drei bis fünf Wochen komplett aus. Durch das Trocknen schwindet der Lehm, und der Boden ist übersät mit vielen kleinen Rissen. Das Schwinden des Lehms und die Entstehung der Mikrorisse sind verantwortlich dafür, dass der Lehmboden keinerlei Spannungen aufbaut und als relativ elastischer und sensibler Boden empfunden wird.

Unterbrochene Schallübertragung
Der Einbau einer Bodenheizung in den Lehmboden ist möglich. Letzterer schmiegt sich dabei ohne Randstreifen an die Mauern. Durch das Schwinden löst sich der Boden automatisch etwa einen Millimeter von den Wänden, die thermische Ausdehnung ist ohne Folgen und die Schallübertragung wird dadurch unterbrochen. Nach dem Trocknen kann die Lehmoberfläche mit verschiedenen Techniken und Materialien behandelt werden, um sie staubfrei und pflegeleicht zu erhalten. Die Oberflächenbehandlung ist eine sehr intensive und sensible Tätigkeit, die immer der gegebenen Situation entsprechend angepasst werden muss. Dank der speziell für Lehmböden entwickelten Carnauba-Wachssystemen wird eine hervorragende Oberflächenqualität erreicht. Einer der härtesten Pflanzenwachse wird von der brasilianischen Carnauba-Palme ausgeschieden, ist hart und splittrig und weist einen Schmelzpunkt von über 90 Grad Celsius auf. Die Oberflächenbehandlung ist eine vielschichtige Prozedur, die mehrere Arbeitsgänge beinhaltet und durch handwerkliche Intensität eine entsprechende Qualität erreicht.

Jeder hergestellte Lehmboden ist auf seine Weise ein Unikat und, je nach Erdart und Einbaumöglichkeit, unterschiedlich. So ist der Einbau von Lehmböden in kleineren Räumen schwieriger und arbeitsintensiver als in grossen Hallen. Für die Masstoleranz und Festigkeit gibt es bei Lehmstampfböden bis jetzt keine Norm. Die Referenzprojekte des Autors (12 Projekte mit insgesamt etwa 1500 m2) entsprechen der Qualitätsnorm desselben. Jeder ausgeführte Lehmstampfboden hat seine eigene Charakteristik und ist ein Unikat. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die Auftraggeber Referenzprojekte vor der Bestellung besichtigen. Denn nur so kann vermieden werden, dass falsche Erwartungen in einen Lehmboden gesetzt werden. Stark beanspruchte Stellen – zum Beispiel im Türdurchgang oder bei Sitzplätzen – können eine natürliche Abnützung zur Folge haben, die sich jedoch mit regelmässiger Pflege sehr gut vermeiden lässt. Grundsätzlich sind die Stampflehm- und Kaseinlehmböden ähnlich belastbar wie geölte und gewachste Holzböden. Dementsprechend sind sie auch zu benutzen und zu pflegen.

Fugenlose Anfertigung
Stampflehmböden sind besonders hochwertige Lehmböden: Sie lassen sich in verschiedenen Farbnuancen, ohne Eigenspannung und somit fugenlos anfertigen. Stampflehmböden sind feuerfest, widerstandsfähig und pflegeleicht aufgrund der Oberflächenvergütung mit Wachs, Öl oder Kasein. Damit diese Qualitätseigenschaften auch wirklich zum Tragen kommen, ist ein materialgerechter Einsatz und grosses Fachwissen bei der Anfertigung unabdingbar. Der Arbeitsaufwand ist hoch. Er bewegt sich bei zwei bis drei Stunden pro Quadratmeter, was den Boden in Mitteleuropa mit zirka Fr. 300.– bis Fr. 400.– pro Quadratmeter relativ teuer macht.

Pflege des Lehmbodens
Der Boden besteht aus einem Gemisch aus Lehm, Flüschgestein, Sand und Kies und ist durch hoch verdichtete Tonmineralien verfestigt. Die Bindekraft kann jeder Zeit durch die Zugabe von Wasser beeinträchtigt werden. Daher ist bei der Reinigung mit Wasser mit entsprechender Sorgfalt vorzugehen. Die Oberflächen von Stampflehm- und Kaseinlehmböden sind, auf Wachs- und Naturölbasis versiegelt und poliert, ähnlich belastbar wie geölte und gewachste Holzböden. Dementsprechend sind sie auch zu benutzen und zu pflegen. Lang anhaltende Feuchtigkeitsbelastung der Lehmoberfläche ist zu vermeiden. Besonders in Sauna- und Eingangsbereichen sollten auf dem Boden liegen gebliebene, nasse Handtücher oder nasse Teppiche vermieden werden.

Sprache des Lehms sichtbar gemacht
Aufgrund von den zahlreichen, bisher realisierten Projekten und durch die immer stärkere Nachfrage, scheint die Zeit reif für weitere, grosse Stampflehmprojekte im kommunalen wie auch privaten Bereich. Wenn Lehmprojekte heute nicht durchgeführt werden können, liegt es meist an der Finanzierbarkeit oder am Mangel von entsprechend ausgebildeten Handwerkern und ausführenden Firmen. Bisher hat der Baustoff Lehm keine industrielle Lobby. Es wäre wünschenswert, dass dieser umweltfreundliche Baustoff wieder einen entsprechend höheren Stellenwert erhält. Bauen mit Lehm sollte wieder zu einer Selbstverständlichkeit werden – damit moderner Lehmbau auch in Zukunft möglich ist. Lehm als Baustoff hatte bisher in Mitteleuropa vor allem die Funktion, billige Behausungen zu schaffen. Die Sprache des Materials wurde hinter Fassaden versteckt. Um jedoch die Möglichkeiten des Lehms voll ausschöpfen zu können, sollte gerade diese Sprache sichtbar gemacht werden. Die Vielfältigkeit des Materials stellt eine Herausforderung für die Architekten, die Bauherren und die Handwerker dar.

Lehmkaseinböden – preiswerte Alternative
Die Technik der Lehmkaseinböden ist eine preisgünstige und erprobte Methode, auf dem Boden eine strapazierfähige Lehmoberfläche einzubauen. Der Lehmkaseinboden besteht aus einer ausgesuchten Lehmrezeptmischung, die mit Kasein (Milcheiweiss) vergütet wird und auf entsprechend vorbehandelte Untergründe dünn aufgezogen und wie der Lehmstampfboden mit Öl und Carnaubawachs öberflächenbehandelt wird. Lehmkaseinböden sind fugenlos in einem Arbeitsgang einzubauen; der Untergrund muss fest sein und sorgfältig vorbereitet werden. Die Farbpalette ist unbegrenzt und reicht von allen Erdfarben bis hin zu mit Farbpigmenten eingefärbten Böden. Die im Handel verfügbaren Mischungen weiss, gelb, rot und schwarz können je nach Zwischentönen miteinander vermischt oder je nach Bedarf mit bis zu fünf Prozent Erdpigmenten ergänzt werden. Beim Lehmkaseinboden ist wiederum die Handarbeit für Erscheinungsbild und Bodenqualität entscheidend. Faszinierend an den Kaseinböden ist die ökologische und gestalterische Qualität. Alle verwendeten Materialien sind ungiftig. Bodenreste können problemlos über den Kompost entsorgt werden. 
 
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Text Martin Rauch
Bild Bruno Klonfer; Martin Rauch
 
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