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Doppelhofhaus in Widnau
Kluges Raumkonzept – befreites Wohnen
 
«Doppelhofhaus» heisst die Antwort der carnier carnier loher architekten auf die nicht alltägliche Herausforderung in Widnau, mit knappen finanziellen Mitteln auf engem Raum überdurchschnittlich hohe Wohnqualität zu erreichen. Das planerisch, konstruktiv und materialtechnisch bemerkenswerte Resultat wird den hohen Ansprüchen der Bauherrschaft an Baumaterial, Ästhetik und Individualität gerecht. Das Doppelhofhaus überzeugt durch seine aussergewöhnlichen Ausmasse, durch sein durchdachtes Raumkonzept und durch eine beinahe archaisch anmutende Einfachheit, die aber zugleich auch Reichtum in Bezug auf Lebensqualität bedeutet. Aussen- wie Innenräume sind so geplant, dass die Bewohner deren Funktion und Nutzung an die individuellen und sich verändernden Bedürfnisse anpassen können. Das kluge Innenhofkonzept gewährt Aus- und Einblicke, die trotz schmalen Raumverhältnissen Weite und Geborgenheit zugleich vermitteln. Akustischer Kontakt und Sicht zur Nachbarschaft sind genauso möglich wie absolute Intimität. Die Architektur lässt beides zu, je nach dem, wohin es die Bewohner gerade bewegt.

Materialtechnische Aspekte im Überblick

Verzicht auf eine Materialität, die nur auf der optischen Wirklichkeit der Oberfläche beruht.

Intensive Beschäftigung mit verschiedenen Putzen und entsprechendem Farbauftrag. Einfache, direkte und spannungsvolle Umsetzung eines «lebendigen» Aussenputzes. Bearbeitungsspuren bleiben bewusst sichtbar. Feinkörniger Putz, weil damit die Gebäudekubatur an den Kanten schärfer hervortritt.

Die Fensterfarbe wurde so gewählt, dass ein weicher Übergang von der Putzfarbe zum schwarz wirkenden Glas gewährleistet ist. Die Fenster sind aussen bündig in die Fassade eingelassen und erscheinen nicht punktförmig ausgeschnitten, sondern gleichsam mit der Fassade verwoben.

Der Konstruktive Aufbau ist einfach und kann im Innern der Häuser abgelesen werden. Das Grundprinzip, dass die Aussenhülle innen spürbar bleiben sollte, fand seinen Niederschlag auch in der Farbwahl. Das Farbkonzept innen ist bei beiden Häusern unterschiedlich und weist doch Gemeinsamkeiten auf: Die Aussenwände sind auf der Innenseite überall in einem anderen Farbton gestrichen als die inneren Trennwände. Die Grundfarben sind der Keim Farbskala von 1928 entnommen.


Die Situation, wie sie sich den Planern von Wohnhäusern in den 50ern und 60ern Jahren gestellt hat, erscheint aus heutiger Sicht als wahres Eldorardo. Die Quadratmeterpreise der Grundstücke bewegten sich bei einem Bruchteil der heute üblichen Preise. Boden war genügend vorhanden – man konnte meist aus mehreren Parzellen auswählen. Die Aussenräume waren ausreichend, der Abstand zum Nachbarn grosszügig. Privatsphäre und Einsichtschutz waren gegeben und wurden demzufolge kaum thematisiert.

Privatsphäre im Aussenraum – ernst zu nehmendes Bedürfnis
Heute präsentiert sich die Situation ganz anders. Das Angebot an Baulandparzellen ist knapp und teuer geworden, und die Parzellen schrumpfen zu immer kleineren Einheiten. So definiert sich heute das Volumen eines Gebäudes oft durch die gegebene Parzellengrösse. Die Gebäude werden aber weiterhin nach dem Vorbild früherer Zeiten geplant und gebaut – mit entsprechenden Folgen: Die Aussenräume bleiben auf der Strecke, und Verdichtung wird als blosses Zusammenschieben von Häusern missverstanden.

Wahl der Nachbarkontakte – Freiheit des heutigen Wohnens
Der Wechsel von der Agrar- beziehungsweise Produktionsgesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft hat in den Wohnansprüchen deutliche Spuren hinterlassen. So ist heute Privatsphäre im Aussenraum ein Bedürfnis, dem aber nur selten nachgekommen wird. Wird dieser wichtige Aspekt nicht in die Planung einbezogen, kann er zum Problem werden, das schliesslich von den Bewohnern mit Hilfe von Produkten aus den Baumärkten in Eigenregie korrigiert wird. Dass solche Massnahmen die Gesamterscheinung nicht gerade verbessert, ist offensichtlich. Auch ist der erzeugte Effekt nicht der gewünschte: Das Problem des Sichtschutzes lässt sich so vielleicht noch beheben, nicht aber jenes der Akustik. Grundsätzlich ist ein offenes nachbarschaftliches Verhältnis zu begrüssen. Die Parteien sollten aber wählen können, ob sie den Kontakt zu den Nachbarn wollen oder nicht. Diese Wahlmöglichkeit, ob genutzt oder ungenutzt, ist die Freiheit, die das heutige Wohnen braucht.

Konzept Doppelhofhaus – intimer Aussenraum nach Mass
Aufbauend auf den oben geschilderten Überlegungen haben die Architekten das Konzept des Doppelhofhauses entwickelt. Das formulierte Ziel war die Schaffung von Wohnraum für zwei Parteien mit einem intimen Aussenraum. Den Bewohnern sollte zudem die Wahlmöglichkeit gegeben werden, mit dem Nachbarn in Kontakt zu treten oder nicht. Diese Zielsetzungen und Erwartungen führten zur Schaffung differenzierter Übergänge vom öffentlichen zum privaten Bereich. Die Abstufungen gehen vom öffentlichen Raum (Strasse, Wiese) über eine halböffentliche Zone (Eingangshof) und eine halbprivate (Veranda) in den privaten Bereich (Wohnraum, Innenhof).

Die beiden Häuser sind als U-förmige Körper konzipiert, die sich um einen Innenhof entwickeln und gegen Westen orientiert sind. Auf der offenen Seite der Innenhöfe ist eine gedeckte Veranda als zusätzlicher Filter eingeplant. Durch die Versetzung der Pultdächer um 90° entstehen aussen wie innen differenzierte Raumsituationen mit optimierter Besonnung bei beiden Häusern.

Betonte Massivität der Mauern – reduzierte Erscheinung
Von der Strassenseite her wirken die Gebäude geschlossen, massiv und karg. Die grossflächigen Wände sind nur durch ein paar quadratische Fensteröffnungen unterbrochen. Eine schmale, mit Kupfer eingefasste Dachscheibe schliesst das Volumen gegen oben ab. Die aussen bündig angeschlagenen Fenster lassen eine reduzierte Erscheinung zu. Im Gegensatz dazu verstärken im Innern die dadurch entstehenden tiefen Leibungen den schützenden Charakter der Aussenwände und betonen deren Massivität. Die Westseite zeigt die Einschnitte der Innenhöfe mit der vorgesetzten Holzveranda. Die Innenhöfe sind im Gegensatz zur Umfassungsmauer vollständig verglast. Durch diese grosszügige Verglasung wird der Hof optisch in den Innenraum einbezogen und repräsentiert quasi ein äusseres Zimmer ohne Dach.

Die Häuser sind im Grundriss und in der Höhenentwicklung leicht gegeneinander versetzt. Die an die Strasse gesetzte Holzbox schliesst den Eingangshof gegen die Strasse ab und generiert so einen Aussenraum mit halböffentlichem Charakter. Dieser ist im Sommer auch als schattiger Aussenbereich gedacht – ein zusätzlicher Sitzplatz mit anderen Qualitäten.

Massiv wirkende Volumen – Ziel der Konstruktion und Materialisierung
Das angestrebte Ziel der Materialisierung war die Schaffung von massiv wirkenden Volumen. Die Architekten suchten bei der Materialisierung Einfachheit und Ruhe umzusetzen. Die Oberflächen sollten bewegt und lebendig sein, damit die grossen Mauerflächen nicht steril und kalt wirken. Die äussere Erscheinung sollte von einer gewissen Selbstverständlichkeit geprägt sein, das Materialkonzept einfach, direkt und spannungsvoll wirken.


Der richtige Verputz – damit das Projekt nicht ins Banale kippt
Materialität, die nur auf der optischen Wirklichkeit der Oberfläche beruht, suchen die carnier carnier loher architekten zu vermeiden. Daher war die Wahl der Konstruktion bereits eingeschränkt. Betonbauweise fiel auf Grund der Kosten aus, da die Häuser als Low-Budget-Projekt ausgelegt sind. Die Wahl fiel schliesslich auf ein Einsteinmauerwerk – auf Grund der Qualität seines monolithischen Charakters. Da der konstruktive Aufbau simpel und im besten Sinne gewöhnlich ist, war der entscheidende Punkt der Verputz. Mit einem herkömmlichen Putz besteht die Gefahr, dass das Projekt ins Banale kippen könnte. Daher hat man sich intensiv mit verschiedenen Putzen und entsprechendem Farbauftrag beschäftigt. Das Ziel eines lebendigen Putzes konnte mit einem Kalkzementputz am besten verwirklicht werden. Der Deckputz ist eingefärbt, um hier eine erwünschte Homogenität zu erreichen. Die Architekten legten Wert darauf, dass beim Putz die Bearbeitungsspuren sichtbar blieben. Sie wählten einen feinkörnigen Putz, da bei diesem die Gebäudekubatur an den Kanten schärfer hervortritt. Diese Wahl ist bei einem Gebäude mit extremer Form und kubischer Wirkung wichtig, weil damit die Entwurfsabsicht nicht verunklärt wird. Bei einem grobkörnigen Putz wirken die Kanten in der Wahrnehmung verschwommen. Die Massivität und Verwurzeltheit, die traditionellen Engadinerhäusern eigen sind, hängen zum grossen Teil mit der Putzstruktur, den knappen Dächern und den spärlichen Öffnungen zusammen – der Effekt des massiven, verputzen Hauses kann an den Engadinerhäusern gut studiert werden.

Die Fensterfarbe wurde so gewählt, dass ein weicher Übergang von der Putzfarbe zum schwarz wirkenden Glas gewährleistet ist. Da die Fenster aussen bündig in die Fassade eingelassen sind, ist diese Art des Übergangs gut geeignet, die Fenster nicht punktförmig ausgeschnitten, sondern gleichsam in die Fassade verwoben erscheinen zu lassen.

Das Grundprinzip – Aussenhülle innen erlebbar
Der konstruktive Aufbau ist ebenso einfach und kann im Innern der Häuser überall abgelesen werden. Die Konstruktion ist offensichtlich und harmonisch in das Innenraumkonzept integriert. Die Dachelemente wurden auf der Innenseite mit OSB-Platten beplankt. Die Dachplatten bilden einen Kontrast zu den Bodenflächen in Farbe und Struktur. Da überall grosse Raumhöhen vorhanden sind, wirkt die OSB-Struktur flächig und nicht so aufdringlich, wie wenn man sie von nahe betrachtet. Der Innenputz hatte wiederum dieselben Anforderungen an eine belebte Oberflächenstruktur zu erfüllen. Das Farbkonzept ist bei beiden Häusern unterschiedlich und weist doch Gemeinsamkeiten auf. Das Grundprinzip, nämlich dass die Aussenhülle innen spürbar bleiben sollte, hatte auch ihren Niederschlag in der Farbwahl. So sind die Aussenwände auf der Innenseite überall in einem anderen Farbton gestrichen als die inneren Trennwände. Beim nördlichen Haus herrschen Sandtöne vor, wobei beim südlichen Haus zwei Blautöne zur Anwendung kamen. Die Grundfarben sind allesamt der Keim Farbskala von 1928 entnommen.

Zusammenfassung
Leitgedanke der von carnier carnier loher architekten ausgeführten Planung ist vor allem die gegebene und deshalb auch bewusst abgebildete Einfachheit in Konstruktion und Ausdruck. Einzelne Teile werden miteinander verbunden, bleiben aber in ihrer Eigenständigkeit sichtbar erhalten. Jedes Teil ist gleichwertig, weil es ja wesentlich zum Gesamten beiträgt.

Die carnier carnier loher architekten erzielen simple Konstruktionen – nicht im abwertenden Sinne, sondern vom Geist der Vereinfachung getragen. In der aktuellen Architektur sind Gebäude weit verbreitet, die einfach und reduziert aussehen. Betrachtet man jedoch die Ausführungspläne, wird sichtbar, dass dahinter hochkomplexe Konstruktionen verborgen liegen. Solches suchen die carnier carnier loher architekten zu vermeiden. Damit die Oberfläche ehrlich widerspiegelt, was dahinter liegt. 
 
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Text carnier carnier loher architekten, Gregor Eigensatz
Bild carnier carnier loher architekten
 
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