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Ungewöhnliche Oberflächen in zwei Treppenhäusern
Von der Lust und Freude, Maler/in zu sein
 
Was sind die Voraussetzungen für die Entstehung von ungewohnten, ungewöhnlichen Oberflächen in der Architektur? Zuerst einmal Raum, Räume, Flächen, die eine neue Haut erhalten sollen, dann eine offene Eigentümerschaft, Handwerker, Handwerkerinnen mit esprit, Witz, die souverän die dekorativen Techniken beherrschen, die zündende Idee, Geduld und die Bereitschaft, den grösseren Aufwand und Einsatz auch zu honorieren.

Im Zürcher Seefeld verwaltet die begeisterungsfähige Bea Grünig, Sekretärin des 2011 gegründeten Schweizer Fachverbands für Kalk calcina, deren Antlitz stets von einem verschmitzten Lächeln überspielt wird, zwei grosse, familieneigene Mehrfamilienhäuser der hufeisenförmigen Hofrandbebauung im Geviert Mühlebachstrasse – Reinhardstrasse – Eisengasse. Auf der Suche nach einem Maler für die 2005 geplante Renovation des Hauses an der Mühlebachstrasse lernte sie 2003 den Maler Carlo Vagnières kennen, der damals noch allein arbeitete und vor allem Farben nach den Regeln des traditionellen Malerhandwerks, das heisst vor allem natürliche, schadstofffreie Farben, herstellte.

2005/2006 renovierte ein Malergeschäft gemäss den Anleitungen von Carlo Vagnières und mit seinen natürlichen Farben und Verputzen alle Wohnungen an der Mühlebachstrasse. Nur beim Treppenhaus handelte der Maler nicht nach den Anweisungen, und so war das Treppenhaus unversehens in eine grelle, titanweisse Plastikfarbe getaucht. Das war ziemlich enttäuschend, denn das Treppenhaus entsprach in keiner Weise den Wohnungen. Die Eigentümerin grämte sich und entschied sich nach fast 10 Jahren, das Malheur zu korrigieren. «Und wie!» (Carlo Vagnières).

Und die zündende Idee? Bea Grünig, die selbst künstlerisch tätig ist, bewundert den spanischen Maler, Grafiker, Bildhauer und Keramiker Joan Mirò (1893-1983), dessen spielerische und magische Zeichen Teil unserer gemeinsamen Bildvorstellungen geworden sind. Und so war der inspirierende Funke da: «Wir − Carlo Vagnières arbeitet unterdessen mit einer kleinen Equipe (Firma feinraum) – verwandeln das missglückte Treppenhaus 2016 in eine hommage à Joan Mirò! Eigenhändig, mit unseren Materialien und Farben!»

Die Häuser
Die Hofrandbebauung ist in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, mitten im Krieg, erbaut worden. Mehrstöckige Mehrfamilienhäuser mit einer Grünfläche im Hof, die durch Wege und einer das Niveau überwindende Treppe durchzogen wird, ein Ort, wo einst die Wäsche hing und die Teppiche geklopft wurden. Die Architektur gleichförmig, mit einem Anflug von tristesse, doch nicht ohne eine gewisse Grosszügigkeit. Bei der Erinnerung an die ursprüngliche Fassung der Treppenhäuser drängt sich der vielzitierte Kohlduft auf, wenn auch den feingliedrigen, sich vom Keller ins oberste Geschoss hinauf schwingenden Treppengeländern eine gewisse Eleganz nicht abzusprechen ist.

Die Sache mit dem Rosenwasser
Bevor das feinraum Team eine Wand neu verputzt, malt und gestaltet, wird sie mit Rosenwasser gewaschen, einem Hydrolat, das bei der Ausscheidung der Rosenessenz zum Rosenöl zurückbleibt. Ganz bewusst knüpft feinraum an die Jahrtausende alte Symbolik der Rose an, die vielgeliebte Blume, die vom Osten schliesslich in unsere Gärten gewandert ist. Im Orient werde man als Gast mit einigen Spritzern Rosenwasser empfangen und auch verabschiedet, ein wohltuendes Ritual, erzählt ein historischer Bericht. In unseren Breitengraden ist eher das Räuchern mit Weihrauch bekannt, wenn der Raum von der Vergangenheit befreit und in eine neue Zukunft überführt werden soll. Abgesehen vom symbolischen Hintergrund, die manchen als esoterische Handlung in den falschen Hals kommen mag, ist Reinigen immer mit nachfolgendem Wohlbefinden verbunden – und das Reinigen mit Rosenwasser riecht erst noch gut, weitaus besser als das Reinigen mit Salmiak! «Ich wusste bald, das ist der richtige Maler, da er uns vom Reinigen mit Rosenwasser erzählte, und da ich damals schon wusste, wie wichtig das Reinigen mit Rosenwasser ist, begann die Zusammenarbeit mit Carlo.» (Bea Grünig)

Technisches
Es erwies sich aus technischen, zeitlichen und finanziellen Gründen als unmöglich, den gut haftenden, leblosen Plastikverputz von 2006 zu entfernen. Als Untergrund für die Wandbilder wurde in beiden Treppenhäusern ein sehr hartes Kalk-Gipsmaterial aufgebracht, geglättet und mit einer Kaseinemulsion grundiert. Im Übrigen wurde eine feine Kalkschlämme mit Quarkzusatz entwickelt mit dem Ziel, die unschöne Oberfläche des Plastikverputzes mit den Gemälden verschmelzen zu lassen. Die Schlämme wurde mit der Streichbürste (Quast) aufgetragen und mit einem Siebdruckspachtel abgezogen. In mehreren Schichten wurden die Hintergrundfarben verteilt, die die Treppenhäuser in einem unbestimmbaren, leintuchmatten Licht erscheinen lassen, wobei die Atmosphäre in den Treppenhäusern sich im Wechsel von Jahreszeiten und Wetter verändert.

Die 80-jährige Haut aus Schmutz und Rückständen diverser chemischer Putzmittel auf den Treppenstufen und Zwischenpodesten aus Kunststein entfernte die Equipe in mühsamer Hand- und Kniearbeit mit einem Gemisch von Sumpfkalk, Schmierseife und Wasser und rieb den Kunststein nach der Neutralisation mit heller Pflanzenseife ein.

Mirò mit einem Augenzwinkern
«Wie dachte ich mir all die Ideen für meine Bilder aus? Nun, ich kam spät nachts in mein Atelier in der rue Blomet zurück und ging zu Bett, manchmal ohne etwas zu Abend gegessen zu haben. Ich sah Dinge, ich hielt sie in meinem Notizbuch fest. Ich sah Erscheinungen an der Decke (...)» (Joan Mirò)

Und die Malerinnen und Gestalter spielten im Treppenhaus der Mühlebachstrasse das Spiel Miròs weiter, setzten da und dort lustvoll ein von Mirò inspiriertes Zeichen oder wandelten so bekannte Bilder wie l’homme à la pipe ab.

Ich stelle mir vor, dass unter den Akteur/innen eine gute, entspannte Stimmung herrschte und dass ob den einfallsreichen Notizen oft gelacht wurde. Doch ist dieses Spiel alles andere als anspruchslos. Eine zittrige Linie zu ziehen oder ein Kreis verlangt eine ruhige, sichere Hand!

Das feinraum Wandgemälde an der Eisengasse
Im Treppenhaus der Eisengasse hingegen wurde ein über mehrere Stockwerke reichendes feinraum Wandgemälde realisiert, das seinerseits durch die eigenen Nicht-Werke inspiriert wurde, Musterplatten, auf denen Farben und Formen ohne Absicht, ein Werk zu schaffen, getestet werden. Mit etwas Phantasie erkennen Aufmerksame an der Wand einen aufrechten, hellblauen Wal und zwei Bären, die auf einem Schiff in seiner Nähe stehen. Im Übrigen durchziehen freie Linien den Raum, und als Pünktchen auf dem i zwitschert ein realistisch gemaltes Vögelchen an der luftig leichten Himmelsdecke des obersten Geschosses.

Auswirkungen und Absicht
Fragt man nach den Auswirkungen der beiden Treppenhäuser, so ist einerseits von jenen für die Bewohner und Bewohnerinnen und andererseits von jenen für die Maler und Gestalterinnen zu sprechen.

Die neu gestalteten Treppenhäuser sind keine Durchgangsräume mehr, die gezwungenermassen durcheilt werden müssen, um in den eigenen Wohn- und Lebensraum zu gelangen. «Schöne Farben laden zum Verweilen ein.» (Katrin Trautwein, kt.COLOR), wechselnde Lichtstimmungen machen aufmerksam, Geschichten und ungewohnte Zeichen an der Wand regen zum Gespräch an. «Die Baustelle ist Lebensort auf Zeit für die Handwerker und Handwerkerinnen.» (Carlo Vagnières) Sie setzen sich mit ihrem Können und Wissen für die Gestaltung von Lebensräumen ein. Durch Reinigen, Verputzen und Malen wird jeder Quadratzentimeter der Oberfläche mehrmals mit der Hand berührt. Bedingungen und Atmosphäre müssen stimmen, damit ein gestalterisches Werk gelingt. Ein harmonischer Rhythmus im Arbeitsablauf und keine Quadratmeterhetze aufgrund des Kostendrucks, was natürlich seinen Preis hat.

«Farbe ist ein vernachlässigtes Kulturgut», davon ist Katrin Trautwein überzeugt. Sie beschreibt Farbe als «Energieaustausch zwischen Licht, Oberfläche und Sehapparat, als ein Liebesverhältnis». Mit diesem Wissen im Hinterkopf erscheint der Beruf des Malers, der Malerin als etwas höchst Anspruchsvolles, ja höchst Verantwortungsvolles. Doch, wie sieht es heute in der Regel aus?

«Betrachtet man die Entwicklung des Malerhandwerks von seinen Ursprüngen bis in die Gegenwart, so ist dies eigentlich die Geschichte eines Niedergangs», schreibt Thomas Sturzenegger in seiner Diplomarbeit mit dem Titel «Wie das Handwerk seine Seele verlor» (1988). «Der mittelalterliche Maler kannte noch keine Unterteilung von Handwerk und Kunst. Das damalige Denken hatte beides als ein Ganzes verstanden. Kunst als überhöhtes HandWERK, das KunstWERK als Ausdruck reifer Meisterschaft.»

Die beiden Seefelder Treppenhäuser sind der HANDgreifliche Versuch, dem Malerhandwerk die Kunst, das Malerische und die persönliche Handschrift, Würde und Wertschätzung zurückzugeben, eine wohltuende Atmosphäre zu schaffen, dem Licht Oberflächen zum Spielen zu schenken. Dass dabei Lust und Freude, Humor und Witz nicht vergessen gegangen sind und dass durchwegs gesunde Materialien verwendet wurden, versteht sich von selbst.



Kontakt
Wer die beiden Treppenhäuser besuchen möchte, wende sich an Bea Grünig, Obere Kehlstrasse 4, 5400 Baden, 056 222 31 58, greenco@bluewin.ch, www.grünewellen.ch


Weiterführende Hinweise
– feinraum, www.feinraum.ch
– Farbenmanufaktur kt.COLOR, Katrin Trautwein, www.ktcolor.ch
– calcina, Schweizer Fachverband für Kalk, www.calcina.ch
– Diplomarbeit Thomas Sturzenegger, Wie das Handwerk seine Seele verlor, 1988 (Typoskript, zugänglich im Mitgliederbereich von calcina) 
 
Ausgabe "2017/3 - Juni/Juli" bestellen
 
Text Annegret Diethelm, AD&AD, 6675 Cevio, www.adad.ch
Bild Rita Palanikumar, Annegret Diethelm
 




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