Home
| Home |   | Sitemap |   | Testimonials |   | Partner |   | Links |   | Stichwortverzeichnis |   | Inscreenum |  

| Aktuelle Ausgabe
| Archiv
| Anzeigen
| Abo/Einzelausgaben
| Veranstaltungen/Dienste
| Über COVISS
| Redaktion/Verlag
| Leserbriefe
| Kontakt
| Impressionen
| Bestellung Buch




 
Die Nachhaltigkeit − Vom Werfen und vom Halten
Der Weg in eine generationengerechte Zukunft
 
Vieles scheint heute «nachhaltig» zu sein: die geistreiche und somit unvergessliche Rede, das biogasbetankte und somit CO2-neutral angetriebene Fahrzeug, die effizienten und somit ausgewogenen Baustoffe, die grundsätzlich nicht mehr verbrauchen als irgendwo nachwachsen oder regenerieren kann… Nachhaltigkeit im ursprünglichen Sinn des lateinischen Worts «perpetuitas» meint das Beständige und Unablässige wie auch das ununterbrochen Fortlaufende, das Wirksame und Nachdrückliche oder einfach der Erfolg oder die Wirksamkeit einer Sache. Das hat auch mit uns persönlich zu tun. Ein Blick in Denk- und Handlungsmuster im Spannungsfeld von Halten und Wegwerfen.

«Nachhaltig» erscheint vorwiegend positiv – trotz des mittlerweile inflationären Sprachgebrauchs. Wer möchte nicht im Licht der Nachhaltigkeit erstrahlen, vorbildlich auffallen − mit seinem nachhaltigen Verhalten, seinem nachhaltigen Denken, seinem nachhaltigen Handeln? «Seht, wie nachhaltig ich bin und wie nachhaltig meine Produkte sind!», heisst die so wichtige Botschaft an die Mitmenschen im privaten wie beruflichen Umfeld. Nach aussen gekehrte, zur Schau gestellte Nachhaltigkeit: Sie erscheint allgemein als erfolgversprechendes Markenzeichen − und manchmal sogar als Unterscheidungsmerkmal zwischen Richtig und Falsch…

Unter solchem Vorzeichen erstaunt es kaum, dass nachhaltige Produktion von der Öffentlichkeit zunehmend mit speziellen, meist dunkelgrün gefärbten Gütesiegeln in Verbindung gebracht wird. Die einen Label-Produkte sind dann besser als die anderen, vielleicht nur noch hellgrün gekennzeichneten oder gänzlich ohne Qualitätssiegel auskommenden Waren und Dienstleistungen. Oder ich selber stehe besser da... Was so plakativ-einleuchtend und patent erscheint, entspricht immer auch einer gewissen Vereinfachung. Und wie Vereinfachungen durch Kürzungen hervorgehen, bleiben auch auf dem Label-Weg von den eigentlich komplexen Zusammenhängen rund um eine Produktwirklichkeit − gewollt und durchaus gut gemeint − nur noch ein paar wenige im Blickfeld. Manchmal mit Gewinn. Aber nicht selten mit nachteiligen Folgen für die Sache der Nachhaltigkeit selber. Im schillernden Gewand des Marketings zum Beispiel, egal mit oder ohne Umwelt-Labels, haftet dem bemühten Nachhaltigkeitsgedanken häufig etwas verborgen Unvollständiges, etwas verdeckt Halbherziges an. Im vermeintlichen Dienste der Ökologie überschallt dann lautes Verkaufsgebaren schnell einmal die leisen Töne eines unaufdringlichen, verinnerlichten und dafür umso glaubwürdigeren Nachhaltigkeitsverständnisses. Setzt ein solches nicht erst einmal still voraus, dass unsere Wirtschaften (und damit stehen wir alle in der Verantwortung) die Chancen der nachfolgenden Generationen intakt lassen?

Kritisch hinschauen ist angesagt. Denken. Unterscheiden. Scheiden. Was ist wirklich nachhaltig? Was nicht? Was weniger? Was einfach nur Marketing? Was gehaltene und folglich ernst zu nehmende Nachhaltigkeit, die sich aber nicht weniger einem erfolgversprechenden Marketing dienstbar erweisen kann?

Kultur der Nachhaltigkeit versus Kultur des Wegwerfens
Das oben erwähnte Hinschauen und Unterscheiden mündet schliesslich in einen Akt des Ent-Scheidens. Durchdrungen von Staunen sowie vom Innehalten vor der Schöpfung, gehalten vom vertikalen Denken und Leben und somit von einer Kultur des Dialogs und der Begegnung, entscheiden wir uns klar zu Gunsten einer Ökologie der Umwelt und damit des Menschen selber. Mit einer grundsätzlichen Mentalität des achtlosen Wegwerfens, die vor allem Geld und Prestige ins Zentrum des Handelns stellt, des horizontalen Denkens und Tuns also, lässt sich die beschriebene Haltung der Sorgfalt und Achtsamkeit im Nachhaltigkeitskontext kaum vereinbaren. Spätestens hier scheiden sich die Geister; Licht fällt auf die Frage, was denn bei allen möglichen und unmöglichen Erscheinungen den Weizen von der Streu unterscheidet.

Tatsächlich hat sich die Bedeutung des Wegwerfens in der Zeit verändert. So hatte weggeworfener Abfall vor der Industrialisierung ein anderes Gewicht als heute, belastete die Umwelt kaum, war meist verrottbar, kompostierbar, liess sich naturgemäss in etwas Neues, Nutzbringendes umwandeln. Selbst ein unachtsames Wegwerfen zeitigte kaum schädigende Wirkung auf Mensch und Natur, blieb folgenlos. Rang und Bedeutung eines eigentlichen «Kults des Wegwerfens» bildete sich erst später, als Menschen begannen, Produkte im Überschuss und mit Hilfe der Robotik in immer weniger Arbeitsstunden zu fertigen. Systemgegeben lohnte es sich seither, Dinge wegzuwerfen. Sie zu reparieren wurde immer kostspieliger, erschien zu teuer – und folglich sinnlos. Geboren war der gesellschaftlich gepflogene «Gestus des Wegwerfens». Als eigentlicher Wirtschaftsmotor erwies er sich als evidenter Teil des Systems – mit den inzwischen genauso anerkannten unerwünschten Folgen für Mensch und Umwelt. Ins Ungleichgewicht kam dadurch nicht nur die Ökologie einer einst intakten Natur, sondern auch jene des Menschseins überhaupt. So verblasste zunehmend die Haltung, es lohne sich, mit Ressourcen sorgfältig umzugehen, es sei sinnvoll, auf die Alten zu hören, es sei aufbauend und zielführend, deren Know-how und Erfahrung wie auch die eigene sinnbringend in die Gegenwart einfliessen zu lassen. Erfahrung als hilfreicher Deutungs- und Lebensschatz verlor im Umfeld von omnipräsentem Expertentum und ausgeklügeltem Marketing an Wert – wenn auf einmal vom Lotus-Effekt einer Farbe oder von der Anti-Aging-Wirkung einer Gesichtscrème die Rede ist… Aber deshalb gleich seine eigene Vernunft, sein richtungsweisendes Gefühl und Gewissen, seinen Erfahrungshorizont verleugnen? Wohl lässt sich nicht jede alte Erfahrung einfach kopieren oder gewinnbringend in die Gegenwart übertragen. Aber vielleicht kompostieren? In ein neues Brauchbares umwandeln? Seine persönliche Erfahrung, also seine «biografische Masse» unter dem Eindruck neuster Technologien und Angebote voreilig wegzuwerfen, ist Verschwendung in gesellschaftlicher, technischer und kultureller Hinsicht.

Renovierbarkeit der Baustoffe – Reparaturfähigkeit des Handwerks
Dies zeigt sich exemplarisch im Zusammenhang vom Bauhandwerk und Baustoffen. Bewährte Erfahrungen im Handwerk sind heute gerade im Umfeld immer kundenfreundlicher (?) und immer exklusiver (?) sich präsentierender industrieller Erzeugnisse notwendiger denn je. Es wäre bedauerlich, ja mit schädlichen Folgen verbunden, diese technischen und ästhetischen Erfahrungen angesichts gegebener moderner Entwicklungen und Tendenzen zu ignorieren oder gar wegzuwerfen. So stellt die Renovierbarkeit eines Baustoffs oder einer Bautechnik einen unschätzbaren Wert dar – auch und gerade in unserer Zeit. In der Reparaturfähigkeit des erfahrenen Handwerks findet dieser Wert eine adäquate und würdige Entsprechung.

Nachhaltigkeit im Sinne des eingangs erwähnten Beständigen, Unablässigen, des ununterbrochen Fortlaufenden, der Wirksamkeit einer Sache wie des Tuns, des Erfolgs … ist gehalten: im vertikalen Denken und Handeln. Hier erst entfaltet «Nachhaltigkeit» ihre grundlegende Wirkkraft − ist lebensfreundlich und generationenübergreifend. 
 
Ausgabe "2017/2 - April/Mai" bestellen
 
Text Gregor Eigensatz
Bild COVISS
 




Lifecom


Xen-On


Verkehrshaus