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Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur
Object Lessons − Material begreifen in 8 Lektionen
 
Die Ausstellung erzählt in acht Lektionen die Geschichte des Lernens mit, über und durch Material – in den Wissenschaften und in der Schule, im Handwerk, Handel und Haushalt, im Roman und Film, im Archiv und Internet. «Object Lessons» kann noch bis 1. Oktober im Gewerbemuseum Winterthur besucht werden.

Ausgangspunkt sind das Buch «Lessons on Objects» (1830) und die dazugehörige «Object Lesson Box»: ein kleiner Kasten, der über hundert Materialien enthält – von Gips über Blattgold bis Zucker und Reis – und dazu auffordert, durch Schauen, Anfassen, Riechen oder Schmecken die unterschiedlichen Materialien zu erforschen. Die Ausstellung «Object Lessons» führt dieses Prinzip weiter, um die Vermittlung von Materialwissen exemplarisch zu zeigen. Denn Wissen um Material, seine Herkunft und Verarbeitung ist heute begehrt wie selten zuvor. So wird denn auch in der achten Lektion das Material-Archiv – permanent im Gewerbemuseum Winterthur eingerichtet – als zukunftsweisendes Projekt für Materialbildung vorgestellt. Vom Berliner Werkbundarchiv –
Museum der Dinge konzipiert, lässt nun «Object Lessons» auch das Schweizer Publikum erfahren, wie aktuell Materialbildung schon immer war, warum sie verloren ging und wie sie morgen aussehen kann.

Wie wird expertengebundenes Materialwissen wieder zum Allgemeinwissen? – Wer Kerzen aus Fett und Schreibfedern aus Fischgräten machen kann, überlebt im Kerker. Wer sich mit der Verbindung von Blut und Zitronensaft auskennt, entfernt hartnäckige Flecken. Wer Abfallstoffe wiederverwertet, kann aus Altem Neues schaffen. Wer weiss, warum Polylactid nachhaltiger ist als Polyethylen, kann die Welt verändern. Wissen um Material, seine Herkunft und Verarbeitung ist heute begehrt wie selten zuvor und erscheint dennoch – im Zuge fortschreitender Industrialisierung, Globalisierung und Digitalisierung – immer spezialisierter und ungreifbarer. Wollen wir etwas über Material wissen, lesen wir Verpackungsrückseiten und Testberichte oder installieren Apps, die uns die verschiedenen Inhaltsstoffe von Waren entschlüsseln. Grundsätzlich gilt, dass die so erlangten Einsichten nur produktbezogen sind. Wie wird nun ein expertengebundenes Materialwissen wieder zum Allgemeinwissen? Wie wird Vermittlung über Material gestaltet und wo findet sie statt?

Schaut man genauer hin, gab es bereits im 18. Jahrhundert ein explizites Lernen mit, über und durch Material. Eine «Materialbildung» also, die sich in der Pädagogik und der Wissenschaft, in Handwerk, Handel und Haushalt, aber auch in der Populärkultur manifestierte. Ihre faszinierende Geschichte wird anhand aussergewöhnlicher Objekte und Materialien veranschaulicht. Von Baumbüchern, Schlackenschotter, Korkstoppeln, Muschelseide, Hasennudeln, Wolkenleder und Bioplastik über die frühesten DIY-Ratgeber bis hin zum ersten digitalen Materialarchiv zeigt die Ausstellung, wie aktuell Materialbildung schon immer war, warum sie verloren ging und wie sie morgen aussehen könnte.

Object Lessons / Lektionen
Im Zentrum der Präsentation stehen, wie schon erwähnt, ein Buch und ein kleiner Kasten, der über hundert Materialien enthält – von Gips über Blattgold bis Zucker und Reis. Die Publikation «Lessons on Objects» (1830) und die dazugehörige «Object Lesson Box» sind das tastbare Erbe der Geschwister Charles und Elizabeth Mayo, die den Anschauungsunterricht des Schweizer Reformpädagogen Johann Pestalozzi in ein eigenes, verbindliches Konzept überführten, um es in ihrer Schule im Süden Londons anzuwenden. Das Buch enthält beispielhafte Dialoge, in denen Kinder aufgefordert werden, durch Schauen, Anfassen, Riechen, Schmecken die unterschiedlichen Materialien im Kasten zu erforschen. So werden über die Eigenschaften der Dinge hinaus auch Kenntnisse zu Sprache, Landeskunde, Geschichte und Naturwissenschaften vermittelt. Die Ausstellung nimmt das dialogische Prinzip der «Object Lessons» als Basis, um die Vermittlung von Materialwissen in insgesamt acht Lektionen exemplarisch zu zeigen, die anhand einprägsamer und markanter Exponate auf die Diversität der Materialbildung aufmerksam machen und ihre vergessene Geschichte erzählen.

Die erste Object Lesson ist ihrer eigenen Geschichte gewidmet und erklärt, wie die Idee einer ganzheitlichen Wissensvermittlung und Erziehung von «Kopf, Herz und Hand» (Pestalozzi) durch direkte Auseinandersetzung mit der Umwelt in der Schweiz, Deutschland und England entsteht − dies im Gegensatz zu text- und bildorientierten Erziehungsbüchern (z. B. Johannes Comenius, Orbis Pictus, 1658; Stoysche Bilder-Akademie, 1784).

Die zweite Object Lesson «Proben, Reihen, Referenzen» ermöglicht mit filigranen Tierhaarproben zum einen und schwergewichtigen Steinen zum andern Einblicke in die Rolle des Materials für die naturwissenschaftliche Lehre: Hier wird scheinbar Gleiches endlos ausdifferenziert, aber auch Material zerstört, um es ganz genau kennenzulernen. Ein Drogenkasten aus der Pharmakologie-Lehre bildet die Brücke zur nächsten Lesson.

Die dritte Object Lesson «Kalk, Kohle, Papier» zeigt eine Sammlung von Lehrmittelkästen, in denen tastbare Materialbildung hinter Glas wanderte.

In der vierten Object Lesson «Muster, Macher, Händler», die den Herstellern und Handwerkern gewidmet ist, erzählen unter anderem Hühnerfedern, Tonproben, Glasmuster und Kaffeebohnen, warum der österreichische Kaiser zu Beginn des 19. Jahrhunderts dazu aufrief, sämtliche «innländische Fabricks- und Manufacturprodukte» zu inventarisieren. Darüber hinaus offenbart eine Gegenüberstellung historischer und zeitgenössischer Material-Musterkollektionen die besondere Ästhetik industrieller Präsentationsformate, und es wird eine Auswahl der Chemisch-Technischen Bibliothek gezeigt; eine frühe, über 400 Bände zählende How To-Reihe.

Die fünfte Object Lesson «Sand, Seife, Soda» zeigt den Haushalt damals und heute als traditionsreichen Ort der Weitergabe von Materialwissen: früher mündlich, handschriftlich und in Form von Ratgebern für die Hausfrau, heute im Zuge einer ungeahnten Renaissance in zahlreichen Internetforen.

Gespräche über Material und seine Eigenschaften ist Thema der sechsten Object Lesson «My Dear Watson», die dem Abenteuer-, Kriminal- und Science Fiction-Roman gewidmet ist. Hier ist Material ein Motiv, mit dem sich in dialogischer Struktur – der originalen Object Lesson der Mayos ähnlich – spannende und geheimnisvolle Geschichten erzählen lassen. So zum Beispiel Sherlock Holmes, der seinem Sidekick Dr. Watson erklärt, wie er mithilfe von Material-Analyse Mordfälle löst (Arthur Conan Doyle) oder Captain Nemo, der dem staunenden Professor Aronnax die neuartigen Verwendungen von Meeresmaterialien demonstriert (Jules Verne). Neues und altes Material, so zeigt sich hier, enthält einen potenziell unendlichen Schatz an Wissen, und wer etwas über Material weiss, kann sich retten und rächen, kann überleben und überführen.

Die siebte Object Lesson «Gut und Schön» problematisiert die Materialbildung als geschmackserzieherische Massnahme und widmet sich den sogenannten Werkbundkisten der 1950er- und 1960er-Jahre, einer speziellen Form der Materialbildung für Schüler durch den Deutschen Werkbund, der sich bereits seit 1907 der Vermittlung von Produktqualitäten in Hinblick auf Funktion, Form und Material widmete und den Begriff der Materialgerechtigkeit mitprägte. Um die Aktualität des scheinbar hoffnungslos veralteten Konzepts der Geschmacksbildung durch schöne und «richtige» Materialverwendung zu zeigen, wird in der Ausstellung die alte Werkbundkiste mit zahlreichen neuen Materialien gefüllt und die moralische Aufladung von nachhaltigem und recyceltem als automatisch «gutem» Material kritisch befragt.

In der achten und letzten Object Lesson «Archiv, Bibliothek, Netzwerk» ermöglicht das Schweizer Netzwerk Material-Archiv dem Besucher eine sinnliche, hands-on-Auseinandersetzung mit Material. Das Material-Archiv verbindet digitale Informationsvernetzung elegant mit tastbaren Mustern und steht als zeitgenössische «Object Lesson Box» der historischen Kiste der Mayos exemplarisch gegenüber. Während aber das Format des Kastens diese in ihrem Anspruch begrenzte, die ganze Welt des Materials in sich zu tragen, kann das digitale Archiv potenziell alle Materialien endlos aufnehmen und zeigt damit eine mögliche, zukünftige Form der Materialbildung.

Museum des Materials
Die Ausstellung «Object Lessons» beschäftigt sich mit der Frage, was vor den fertigen Produkten und Dingen liegt und hinterfragt damit auch das Verhältnis und die Grenzen dieser beiden Kategorien. Jede Lektion lotet auf unterschiedliche Weise die Spielräume zwischen Material und Ding, oder «Rohem und Gekochten» aus, wie der Anthropologe Claude Lévi-Strauss die Zustände der Dinge charakterisierte (Le Cru et le Cuit, Mythologiques 1, 1964). Damit fordert die Ausstellung auch das museale Denken heraus, das sich traditionell dem fertigen Objekt verschrieben hat und selten «rohe» Materialien in seine Arbeit einbezieht.



Aktuelle Ausstellungen im Überblick

Object Lessons. Material begreifen in 8 Lektionen: Bis 1. Oktober 2017

Bike I Design I City: Bis 30. Juli 2017,
Material-Archiv. Interaktives Labor für Materialrecherchen – permanent
 
 
Ausgabe "2017/2 - April/Mai" bestellen
 
Text Luzia Davi
Bild Gewerbemuseum Winterthur (Armin Herrmann, Amélie Rehm & Benjamin Heinrich)
 




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