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Spurensuche in der Tiefe
Unbunte Welt aus Schwarz, Weiss und Grau
 
Unser allgemeiner Überfluss ist auch im Bereich der Farbe spürbar. Die Vielfalt an Pigmenten und Bindemitteln ist kaum mehr überblickbar, geschweige denn die Produkte, die auf dem Markt angeboten werden. Die Beschränkung auf eine vermeintlich unbunte Welt aus Schwarz, Weiss und Grau bildet deshalb die Grundlage für eine Spurensuche in der Tiefe und für den folgenden Essay.

Gestalterische Konzepte können durchaus auf einem reduzierten Farbspektrum basieren. Das schottische Architekturbüro Reiach & Hall zum Beispiel kreiert laut eigenen Aussagen Bauten des Schattens und Bauten des Lichts. Diese sind je nachdem vornehmlich in Schwarz und Grautönen oder in unterschiedlichen Weissnuancen gehalten. Die Farbigkeit entsteht dabei durch die Materialien an sich, durch Anstriche, Lasuren und durch Strukturen. Über diese möglichen Varianten wird im Folgenden exemplarisch nachgedacht.

Bei der Suche nach schwarzen und weissen Pigmenten findet man einen erstaunlich grossen Reichtum an traditionellen und modernen Vertretern. Man denke nur an die in der Handwerkstradition gebräuchlichen Variationen von kohlehaltigen schwarzen Pigmenten mit ihrer Bandbreite an Farbstichen, von rot-violetten bis bläulich glitzernden. Zu nennen sind hierbei Rebschwarz aus Holz, Früchteschalen, Samen und Kernen, Beinschwarz aus Knochen und Elfenbein sowie Flammruss aus der unvollständigen Verbrennung von Wachsen und Ölen, und viele andere. Mischt man unbunte Pigmente untereinander und verarbeitet sie mit unterschiedlichen Bindemitteln, eröffnet sich bereits ein Gestaltungsspielraum, der überraschende visuelle und haptische Erlebnisse bietet.

Kalkweiss − seine Farbigkeit ist nicht eindeutig messbar
Da ist zuerst der Kalk zu nennen. Pigment und Bindemittel in einem, ist er ein traditioneller Baustoff der ersten Stunde. Farblich gibt es Kalk in zahlreichen Nuancen, und seine Eigenfarbigkeit zu nutzen war früher eine Selbstverständlichkeit. So waren weiss getünchte Haufendörfer früher alles andere als Weiss, sondern abwechselnd farbstichig ins Ocker, Grau oder Grünliche tendierend. Sehr hellen, sehr weissen Kalk gab es allerdings auch (Abb. 1). Kalkweiss ist nicht normierbar, seine Farbigkeit nicht eindeutig messbar, auch weil der Untergrund und allfällige Zusätze die Erscheinung immer beeinflussen. Die Verwendung von Kalk bringt also stets einen eigenen Farbcharakter ins Spiel, der die Erscheinung eines Baus bei wechselndem Licht und Wetter beeinflusst.

Titanweiss – der Farbton als messbarer Wert tritt in den Vordergrund
Der heutige Gegenpart von «Kalkweiss» ist das Pigment Titanweiss, das in praktisch allen Bindemitteln eingesetzt werden kann. Mit seiner hohen Deckkraft und seinem Färbevermögen prägt Titanweiss heute das Gesicht von vielen frisch gestrichenen Bauten. Dass sich dieses Pigment als ungiftiger Ersatz von Bleiweiss ab den 1930er Jahren sukzessive und fast im Alleingang durchsetzen konnte, erklärt zusätzlich seinen enormen Erfolg. Es ist in der Tat als weisses Pigment und Aufheller in praktisch allen industriellen Farben vorhanden. Allein verwendet, ist es blendend weiss und wirkt in seiner Erscheinung fast klinisch. Aufhellungen mit Titanweiss, auch wenn sie technisch vorteilhaft sind (mit seinem Einsatz lassen sich deutliche Helligkeitsabstufungen erzielen), bringen stets eine leichte Vergrauung mit sich. Mischungen mit stark bunten, insbesondere organischen Pigmenten lassen dazu den aufgehellten Farbton oft kühl und süsslich wirken. Insofern hat Titanweiss eine technische Note und ist berechenbar in seiner Wirkung, erzeugt aber auch eine Art «Homogenisierung» der Farbwelt, womit die Materialität des Anstrichs an Bedeutung verliert und der Farbton als messbarer Wert in den Vordergrund rückt.

Oberflächenmustersammlung widmet sich «unbunten Pigmenten»
Eine Musterserie der Oberflächenmustersammlung am Haus der Farbe widmet sich dem Thema «unbunte Pigmente» und zeigt eine Reihe von Farbanstrichen, die nur mit einer kleinen Auswahl von schwarzen und weissen Pigmenten realisiert wurden, wobei der Spielraum durch Variationen von Untergründen, Bindemitteln und Schichtenaufbau zusätzlich ausgelotet wurde.

Leimfarbe auf Weissputz (Abb. 2) bietet den optimalen technischen Rahmen, um die Eigenfarbigkeit von Pigmenten zur Geltung zu bringen. Leimfarbe wirkt samten und weich, die Pigmente scheinen greifbar und können sinnlich erlebt werden. In dieser Technik erlebt man zum Beispiel die stoffliche Tiefe von reinem Spinellschwarz oder die Eleganz eines bläulichen kühlen Grautons bei der Mischung mit Titanweiss.

Ganz anders als Titanweiss verhält sich das traditionelle Pigment Champagnerkreide. Im Gegensatz zu Titanweiss färbt es schwach (in bestimmten Bindemitteln dient es sogar als farbloser Füllstoff) und hat einen ausgeprägt warmen, ins Ocker tendierenden Farbstich. Gemischt mit Manganschwarz entsteht eine Reihe von bräunlichen Grautönen, die eine eigene faszinierende ästhetische Welt bilden. Allein die Verwendung dieser beiden Pigmente und ihrer Mischungen hat ein gestalterisches Potential, das Grundlage eines ganzen Farbkonzepts sein könnte und das in historischen Räumen auch zur Anwendung kam.

Auch bei den Kalkanstrichen auf Kalkputz sind deutliche Farbstiche sichtbar, je nach gewähltem Schwarz, so zum Beispiel stark bläulich beim Einsatz von Rebschwarz und rötlich-braun bei Eisenoxydschwarz (Abb. 1). Allein die Wahl des schwarzen Pigments eröffnet also einen gestalterischen Spielraum, der das Gesicht eines Gebäudes prägen kann. So wurde seit dem Altertum Rebschwarz bei kalkgestrichenen Fassaden eingesetzt, um die Palette von aufgehellten und eher warmen Erdtönen mit bläulichen, kostengünstigen Nuancen zu ergänzen.

Bei den Mustern in Ölfarbe auf Holz (Abb. 3) wurde nicht die Pigmentmischung variiert, sondern die Verdünnung und Auftragsart des Anstrichs sowie die Grundierung des Untergrunds. Die Exponate zeigen deutlich, wie die gleiche Ölfarbe durch die blosse Variation von einfachen handwerklichen Parametern in ihrer Farberscheinung eine grosse Bandbreite entwickelt, die Helligkeit, Farbstich, Transparenz, Tiefenwirkung betrifft.

Was heisst eigentlich neutralgrau?
Laut Lexikon wird ein neutraler Grauton «ohne einen Farbstich» wahrgenommen. Mischungen mit unterschiedlichen charaktervollen Schwarz- und Weisspigmenten, wie sie weiter oben beschrieben wurden, sind demzufolge kaum je neutralgrau. Bei diesen farbstichigen Grautönen ist das Thema der Metamerie besonders brisant. Die Farben wirken in unterschiedlichem Licht jeweils anders, erwachen zu Leben, versinken in der Dämmerung, erscheinen bunt im Schatten und gedämpft bei Schnee. Ist nicht auch dies allein schon ein Thema für die Gestaltung von Fassaden?

Grau muss nicht immer zwingend eine Mischung aus Schwarz und Weiss sein. Graue Funktionspigmente wie Zinkstaub oder Aluminiumpulver, sowie perlmutt-, glimmerartige oder metallisch wirkende Effektpigmente bieten ebenfalls eine Möglichkeit, Graunuancen mit eigener Aussagekraft zu erhalten.

Grau kann auch vom Bindemittel an sich kommen, man denke an Zement bei Beton, an hydraulische Kalke oder unbunten Lehm bei Putzen. Die Eigenfarbigkeit der Materialmischung kann natürlich auch durch ausgewählte Zuschläge wie Kies, farbiger Sand, Glassplitter oder Korund von farbstichigem Grau bis ins kristalline Schwarz gesteuert werden, ohne dass Pigmente im engeren Sinn ins Spiel kommen müssen.

Schliesslich können unterschiedliche Schattierungen von Grau im wahren Sinne des Wortes auch durch Schatten entstehen. Die Topografie einer Oberfläche bestimmt dieses Spiel, das durch die Körnigkeit von Material oder Spuren von Werkzeugen entsteht (Abb. 4). Hell und Dunkel, Schattenwurf und Veränderlichkeit im Lauf des Tages, der Jahreszeit und der Witterung können mit strukturierten Oberflächen vielfältig thematisiert werden.

Viele dieser Gestaltungsmittel sind im Prinzip einfach und beruhen auf der Reduktion auf wenige Materialien. In der Wirkung sind sie vielfältig, jedoch eher subtil und leise. Auf jeden Fall sind es Möglichkeiten, um einem Gebäude einen ausgeprägten Charakter zu verleihen, ohne dem Zwang zu unterliegen, laut zu werden.



Fachgespräch «unbunte Welt»
Leitung: Matteo Laffranchi, Leiter Materialwerkstatt Haus der Farbe
Datum: Montag, 29. Juni 2015, 18.00 bis 19.30 Uhr
Kosten: CHF 85.– / CHF 30.– (Studierende)
Teilnehmerzahl beschränkt


Informationen und Anmeldung
Haus der Farbe
Fachschule für Gestaltung in Handwerk und Architektur
Langwiesstrasse 34
8050 Zürich
Telefon 044 493 40 93
info@hausderfarbe.ch
www.hausderfarbe.ch



Innovative Prototypen ausgestellt
In der Mustersammlung für Oberflächengestaltung am Bau am Haus der Farbe sind auch innovative Prototypen ausgestellt: Bei ihren Arbeiten mit «textilem Putz» orientieren sich die beiden Farbgestalterinnen Jolanda Dessì und Graziella Piccirilli mit Vorliebe an den Aussteuern ihrer Mütter und Grossmütter. «Wir haben zahlreiche Versuche gemacht, diesem Putz andere Farben zu geben, die erhabene Oberfläche hell zu fassen oder gar zu vergolden.» Nichts davon hat Jolanda Dessì und Graziella Piccirilli zufriedengestellt. Einzig die vorliegenden Varianten, die sich innerhalb der natürlichen Tönung des Materials bewegen, erschienen ihnen stimmig – und richtig im Sinn einer Würdigung der Vorlage von Hand gefertigter Häkelspitzen (Abb. 5). www.materialundfarbe.ch 
 
Ausgabe "2015/3 - Juni/Juli" bestellen
 
Text Matteo Laffranchi, Lino Sibillano und Stefanie Wettstein
Bild Haus der Farbe, Zürich
 
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