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Farbstrategien in der Architektur
Das raumgestalterische Potenzial von Farbe
 
Die vom Haus der Farbe herausgegebene neue Publikation «Farbstrategien in der Architektur» will Fachleute dabei unterstützen, die vielfältigen Möglichkeiten der Farbgestaltung zu erkennen und zu nutzen. Anhand von praktischen Beispielen wurden sechs Farbstrategien ermittelt und beschrieben. Sie zeigen, wie sich das Zusammenspiel von Farbe und Raum schon früh im Entwurfsprozess planen lässt.

Farbe ist ein wesentliches und vielseitiges Mittel der Raumgestaltung, weit mehr als Dekoration oder oberflächliche Baukosmetik. Wird Farbe als integraler Bestandteil des Entwurfs verstanden und gekonnt eingesetzt, schafft sie einen gestalterischen und funktionalen Mehrwert. Idealerweise entstehen die ersten strategischen Ansätze zu einem Farbkonzept schon früh im Entwurfsprozess in Verbindung mit der Entwicklung von Grundrissen, Volumetrien und Bauformen. Eine im Gesamtkonzept verankerte Farbgestaltung berücksichtigt somit die verschiedenen Aspekte der Architektur wie Raum und Licht, Architektursprache und Kontext, Funktion und Atmosphäre, Materialität und Textur.

Bei solch vernetztem konzeptionellen Vorgehen kann Farbe Vielfältiges bewirken. In einem Fall stärkt und klärt die Farbe die architektonische Form, in einem anderen kommentiert und interpretiert sie diese auf spielerische Weise. Einmal fühlt sich, wer den Raum betritt, wie in einem Farbbad, ein andermal verlockt die Farbe dazu, den Raum zu begehen und verschiedene Blickpunkte einzunehmen. Mal ist die Farbe eine Interpretation des Lichts, mal bildet sie mit Material, Mobiliar und Raum ein ausgeklügeltes Ganzes.

Das raumgestalterische Potenzial von Farbe wird aktuell jedoch nur teilweise ausgeschöpft. Hier gibt es noch Einiges zu entdecken. Um die konzeptionelle Vielfalt von Farbgestaltung aufzuzeigen, haben das Haus der Farbe und die Universität Edinburgh in einem interdisziplinären Team die Farbigkeit bestehender Architektur untersucht.

Forschungsmethode und Darstellungsformen
Die in der Studie angewendete Methode verfolgt eine empirische und phänomenologische Annäherung an Farbe und Architektur. Der Prozess konzentrierte sich in einem ersten Schritt auf eine genaue Beobachtung, um die Farben und ihren Bezug zum Raum zu erfassen. Die Farben wurden vor Ort mit Farbfächern abgenommen und dann im Atelier sorgfältig von Hand gemischt und auf Papier gestrichen. Wo die Originalfarbigkeit nicht mehr sichtbar war, wurde diese aufgrund von vorhandenen Farbuntersuchungen, Archivrecherchen und historischen Fotografien so genau wie möglich bestimmt und nachgemischt.
Dieser handwerkliche und kognitive Prozess ist dem Anfertigen von Aufmassen und Zeichnungen von bestehenden Gebäuden ähnlich und hat vielfache Wirkungen: Er führt zu einem vertieften Verständnis von Massstab und Dimension, und die Beziehungen zwischen architektonischen Elementen, Farben und räumlichen Kompositionen werden unmittelbar erlebt. Ausserdem wird im Nachmischen der Farben von Hand das Kolorit der Bauten intensiv nachempfunden und im wahrsten Sinne des Wortes begriffen. Dieses vom Einzelnen zum Allgemeinen führende Verfahren eröffnet somit eine von der Wahrnehmung und Beobachtung erschlossene Bedeutungsebene und unterstützt ein umfassendes Verständnis für den Einsatz von Farbe in der Architektur. Der Ansatz ist auch deshalb sinnvoll, weil Farbe selten statisch ist und auf vielfältige Art und Weise zum Raum Bezug nehmen kann.

Nachdem alle Farbmuster gestrichen waren, wurden sie auf dem Hintergrund der architektonischen Gegebenheiten analysiert, um die Farbpalette zu charakterisieren und die Rolle der Farbe im Entwurf, also die übergeordnete Farbstrategie, zu entschlüsseln. Die Ergebnisse der Studie werden mit zwei unterschiedlichen Darstellungsformen sichtbar gemacht.

Die Farbporträts der einzelnen Gebäude sind abstrakte Darstellungen des jeweiligen Farbklangs eines Gebäudes und zeigen Quantitäten, Nachbarschaften und Beziehungen zwischen den einzelnen Farben auf.

Die Farbportraits wurden mit den handgemalten Farbmustern collagiert, wobei es sich um künstlerische Kompositionen handelt, die nach dem Augenmass gestaltet sind. Sie haben primär den Anspruch, das Farbklima eines Gebäudes wiederzugeben, indem sie bildhaft das Kolorit zeigen. Im Idealfall erkennt eine Betrachterin oder ein Betrachter ein Gebäude im Farbporträt wieder.

Für die Visualisierung der Farbstrategie wurde eine räumliche Darstellungsform entwickelt, die ebenfalls mit den handgemalten Mustern als Collage gestaltet ist. Die dargestellten Räume lehnen sich zwar an die jeweils untersuchten Gebäude an, sind aber fiktiv. Es handelt sich um stark abstrahierte Kompositionen, die in erster Linie sichtbar machen, wie Farbe in verschiedener Art und Weise zu Raum und Architektur in Beziehung treten kann.
Die ermittelten Farbstrategien können also als spezifische farbgestalterische Haltungen verstanden werden.

Sechs Architekturbüros – sechs Farbstrategien
In der Studie wurden Bauten von sechs in Berlin, Edinburgh und Zürich beheimateten Architekturbüros farbgestalterisch untersucht. Sie zeigen in ihrem architektonischen Entwurf im Umgang mit Farben, Materialien und Oberflächen eine Vielzahl von konzeptionellen Ansätzen. Ausserdem umfassen die Bauten eine Zeitspanne, die vom frühen zwanzigsten Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht, wobei auch unterschiedliche Bautypologien berücksichtigt wurden. Das Einfamilienhaus fand also genauso Beachtung wie eine Wohnsiedlung für mehrere hundert Menschen, ein Konzertsaal oder eine U-Bahn-Station. Und neben der Architekturikone entdeckt man im Buch auch das eine oder andere versteckte Kleinod. Aufgrund dieser differenzierten Auswahl konnten schliesslich sechs unterschiedliche Farbstrategien in der architektonischen Gestaltung beschrieben und dargestellt werden.

1 Malerische Promenade am Beispiel Lux Guyer
Lux Guyer (1894–1955) war eine Pionierin der Architektur in Zürich, die eine Reihe von innovativen Projekten entworfen und realisiert hat. Das erste von ihr geplante Fertighaus wurde 1927 als Exponat in der Ausstellung SAFFA gezeigt, an der die Leistungen von Frauen gefeiert wurden. Ihre Einfamilienhäuser können als malerische Promenade durch einzelne, teilweise raffiniert zu öffnende oder zu schliessende Farbräume erlebt werden, wobei die sich ändernden Durchblicke für das Erlebnis der Architektur entscheidend sind. Der Grundriss ist weder frei noch offen, dagegen sind die Räume flexibel und auf die Bedürfnisse des Familienlebens zugeschnitten. Lux Guyers Einsatz von Farbe ist atmosphärisch und unterstützt die Definition einer räumlichen Sequenz oder Promenade.

Analysierte Bauten: SAFFA-Haus, Stäfa (1928), Haus Sunnebüel (1929/1930) und Haus Obere Schiedhalde (1929), Küsnacht-Itschnach

2 Geklärte Tektonik am Beispiel Basil Spence
Basil Spence (1907–1976), der vor allem als Architekt der Kathedrale von Coventry in England bekannt ist, war von den 1930er-Jahren bis in die 1980er-Jahre tätig. Farbe und Materialien verwendet er, um die Lesart der tektonischen Struktur, des Rhythmus und der Volumen zu artikulieren und zu verstärken. Er war als versierter Zeichner bekannt, und seine prägenden Jahre beinhalten Arbeiten an bedeutenden Nachkriegsausstellungen wie dem Festival of Britain (1951), für das er den «Sea and Ships»-Pavillon entwarf. Seine Farbpalette, die sich durch grossflächig markante Bunt- und Hell-Dunkel-Werte auszeichnet und mit lebendigen Farbakzenten spielt, spiegelt diese Zeit des Optimismus und wird durch zwei Edinburgher Wohnprojekte veranschaulicht.

Analysierte Bauten: Wohnhäuser in Canongate (1959–1969) und Wohnsiedlung Claremont Court (1958–1963), Edinburgh

3 Umfassendes Zusammenspiel am Beispiel Hans Scharoun
Hans Scharouns (1893–1972) Philharmonie und Staatsbibliothek befinden sich wie zwei goldene Schiffe Seite an Seite, nahe des Potsdamer Platzes in Berlin, wo sich einst freies Ödland neben der Berliner Mauer befand. Der Einsatz von Farbe ist im Werk Scharouns integraler Bestandteil seiner ganzheitlich gedachten Architektur und dient der subtilen Artikulation der ungezwungenen Geometrie und der Orientierung des Besuchers in den räumlich komplexen inneren Landschaften. Die Farbe verschmilzt mit der architektonischen Form, und das Zusammenspiel von Oberfläche, Form, Licht und Farbe ist entscheidend für die Atmosphäre jedes Raumes.

Analysierte Bauten: Philharmonie (1957–1963) und Staatsbibliothek (1964–1978), Berlin.

4 Immersive Pop
Rainer Rümmler (1929–2004) war in den Jahren zwischen 1960 und 1990 für die Gestaltung von zahlreichen U-Bahn-Stationen in West-Berlin verantwortlich. Das gestalterische Konzept hatte die Aufgabe, die U-Bahnhöfe unmissverständlich im Stadtraum zu verorten. Jede Station erhielt durch einen intensiven Gebrauch von Farben und Formen ihre unverwechselbare Identität mit einer eigenständigen Raumatmosphäre. Die für die vorliegende Studie untersuchten Stationen der 70er-Jahre vermitteln das Gefühl einer zeittypischen Lounge – modisch, anregend und lebendig, zugleich auch äusserst pragmatisch in der Verwendung der Materialien und hilfreich bei der Orientierung. Die Erfahrung ist eindringlich und spiegelt diejenige einer Fahrt mit der U-Bahn wider. Das Eintauchen in diese intensiven Farbwelten bedeutet eine plötzliche Veränderung und bewirkt ein intensives Raumerlebnis, das der potenziellen Langeweile des Reisens im Untergrund entgegengehalten wird.

Analysierte U-Bahn-Stationen: Fehrbelliner Platz (1971), Rathaus Steglitz (1974) und Konstanzer Strasse (1978), Berlin

5 Stille Tonalitäten am Beispiel Reiach & Hall
Auch wenn Reiach & Hall schon seit den 1960er-Jahren existieren, hat das Werk dieses Architekturbüros eine Kontinuität, die wechselnde Führungspersönlichkeiten überstrahlt. Der aktuelle Entwurfschef Neil Gillespie ist sich bewusst, dass die Arbeiten des Büros diese Kontinuität, die sich durch eine feinsinnige, zeitlose Annäherung an die Architektur als Unterstützung und Reflexion des Lebens auszeichnet, weiterführen sollen. Die Verwendung einer fast monochromen Farbpalette reflektiert zwei verschiedene Themen der Architektur: Gebäude des Lichts und verkohlte Gebäude des Schattens. In jedem Fall steht das Gebäude in engem Kontext zur umgebenden Landschaft, und die Farbe der Natur ist ein wesentlicher Bestandteil der weichen und gedämpften Farbigkeit.

Analysierte Bauten: Forth Valley College (2011) und Gedenkstätte Bannockburn (2013), Stirling

6 Second Layer am Beispiel Knapkiewicz & Fickert
Die zeitgenössischen Schweizer Architekten Kaschka Knapkiewicz und Axel Fickert applizieren Farbe direkt auf die Oberflächen, um Massstäbe zu verändern, Volumen und Tektonik zu verunklären und so alternative Interpretationen oder Bedeutungen der Architektur vorzuschlagen. Die Farbe eröffnet somit als zweite Schicht eine erzählende Ebene und eine zweite Lesart des Baus. Sie wird fast wie eine Maske aufgesetzt und verschiebt die Wahrnehmung der Skalen, Flächen und Volumen. Die Farbe ist rebellisch und bewusst verspielt, mal unterstützend, manchmal widersprüchlich und immer wieder auch provozierend.

Analysierte Bauten: Wohnsiedlung Klee (2006–2011) und Wohnhäuser am Rigiplatz (1997–2010), Zürich

Jede dieser sechs Farbstrategien zeigt einen spezifischen konzeptionellen Ansatz für die Planung des Zusammenspiels von Farbe und Raum. Die eigens für die Publikation entwickelten, von Hand gefertigten Darstellungsformen unterstützen das Verständnis der Ausführungen. Durch den sowohl visuellen als auch analytischen Zugang dient das Buch Fachleuten nicht nur zur Inspiration. Es bietet ihnen auch Ideen und Unterstützung dafür, verschiedene Wege in der Farbgestaltung zu begehen.


Fachschule für Gestaltung in Handwerk und Architektur
Stefanie Wettstein, Dr. phil. I, Kunsthistorikerin, und Lino Sibillano, lic. phil. I, Kunsthistoriker, führen gemeinsam das Haus der Farbe, das dieses Jahr sein 20-Jahr-Jubiläum feiert. Seit ihrer Gründung setzt sich die Fachschule für Gestaltung in Handwerk und Architektur für eine hochwertige Handwerks- und Baukultur ein. Im Speziellen fördert das Haus der Farbe die Farbkompetenz in der Architektur, die Gestaltungskompetenz im Handwerk und den disziplinenübergreifenden Dialog am Bau. Dies geschieht in Form von praxisorientierten Aktivitäten in den Bereichen Bildung, Forschung und Beratung.
hausderfarbe.ch


Die Publikation Farbstrategien in der Architektur
Fiona McLachlan, AnneMarie Neser, Lino Sibillano, Marcella Wenger-Di Gabriele, Stefanie Wettstein, von Iain Boyd Whyte (Vorwort), Barbieri Bucher, Stephanie Cuérel (Gestaltung), Farbstrategien in der Architektur, Haus der Farbe – Fachschule für Gestaltung in Handwerk und Architektur, Schwabe Verlag, Basel 2015, 168 Seiten, 20,4 x 27,0 cm, 18 Farbtafeln, 6 Klapptafeln. Gebunden. Die Publikation erscheint in Deutsch und Englisch.

ISBN 978-3-7965-3420-1
(deutsche Ausgabe)
ISBN 978-3-7965-3421-8
(englische Ausgabe)

Die Faksimile-Sonderedition
Anlässlich seines 20-Jahr-Jubiläums bietet das Haus der Farbe auch eine Faksimile-Sonderedition an. Die Mappe enthält sechs Faksimile-Drucke der Farbstrategien im Originalformat 570 x 570 mm. Offsetdruck sechsfarbig mit einer Modulationsfarbe im Steindruck.

Subskriptionsangebot
Gemeinsam mit der Schweizerischen Zentralstelle für Baurationalisierung CRB bietet das Haus der Farbe den Leserinnen und Lesern eine Subskription an. CHF 56.– statt CHF 68.– (inkl. MwSt., exkl. Porto/Verpackung), Faksimile-Sonderedition CHF 580.– statt CHF 650.– (inkl. Porto/Verpackung).

Bestellung: shop.crb.ch (Rubrik: Fachliteratur) oder info@crb.ch. Die Subskriptionspreise gelten bis zum 12. April 2015. Das Buch wird ab 8. Juni 2015 ausgeliefert.

Wanderausstellung
Ergänzend zur Publikation wird eine Wanderausstellung gezeigt. Die Eröffnung findet zusammen mit der Buchvernissage am Samstag, 6. Juni 2015, 16.00 Uhr im Gewerbemuseum Winterthur statt. 
 
Ausgabe "2015/2 - April/Mai" bestellen
 
Text Lino Sibillano und Stefanie Wettstein
Bild Haus der Farbe; Urs Siegenthaler
 
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