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Müll als Rohstoffmine der Zukunft
Möglichkeiten des Bauens mit der Ressource Müll
 
Müll ist in unserer Gesellschaft seit Jahrhunderten ein Material, das weder als natürlicher Rohstoff noch als Produkt gesehen wird, sondern als etwas, das wir schnellstmöglich verbrennen oder vergraben möchten. Müll ist sozusagen ein Nebenprodukt, das wir nicht in unser dialektisches Verständnis von «roh» oder «verarbeitet»1 kategorisieren können. Auf der anderen Seite kann man Müll jedoch auch als einen integralen Bestandteil unserer Ressourcen betrachten und auf diese Weise das Potential dieses Wertstoffs als Grundlage für die Herstellung von neuen Produkten erkennen.

So kann das Produkt selbst − nach dem Durchleben eines ersten Lebenszyklus − als Quelle für weitere Erzeugnisse fungieren. Innerhalb dieses metabolischen Ansatzes versteht sich die gebaute Umwelt als Materialzwischenlager, oder, wie Mitchell Joachim es ausdrückt: «Die Stadt der Zukunft unterscheidet nicht mehr zwischen Abfall und Vorrat»2.

Dem Worldwatch Institut zufolge wird sich die jährliche Menge an Hausmüll aufgrund des weltweiten Bevölkerungs- und Wohlstandszuwachses bis zum Jahre 2025 von den heutigen 1,3 auf 2,6 Milliarden Tonnen verdoppeln.3 Werden wir es schaffen, diese Materialmengen für den Bau unserer Städte zu aktivieren? Wenn ja, könnte dies die Grundlage für einen Kreislauf darstellen, in dem die Stadt konstant die Materialien produziert, welche sie für ihr Wachstum benötigt, ohne weitere natürlich Rohstoffe auszubeuten. Konzepte für unsere Zukunftsstädte fragen in diesem Denkansatz nach ganzheitlich gedachten Strategien von Architekten und Entwerfern, welche die ökologischen, ökonomischen und sozialen Prinzipien in einem effizienten System vereinen, in dem Materialien verschiedene Lebenszyklen durchlaufen, ohne jemals als Abfall zu enden.

Das Modell der linearen Ökonomie
Die vorherrschende Ökonomie unseres momentanen Abfallmanagements wurde von Annie Leonard − der Autorin des Buches und gleichnamigen Films «The Story of Stuff»4 – als «Nehmen, Verarbeiten, Wegwerfen» beschrieben. Dieses Prinzip ist nicht in sich selbst unnachhaltig, da es theoretisch erlaubt, dass der Rohstoff, den ich «nehme», vorher bereits «weggeworfen» wurde. Unglücklicherweise ist dies nicht der Fall. Wir folgen eher einem linearen Verlauf, in dem die Folge unseres Konsums nicht als Rohstoff geschätzt, sondern als ein Produkt wahrgenommen wird, das sich ausserhalb des Wirtschaftskreislaufes bewegt und nach einem einmaligen Gebrauch einer Vernichtung zugeführt wird.

Absurderweise bezahlen wir unsere Gemeinden und Städte dafür, unseren Abfall einzusammeln und bestätigen dadurch unser modernes Verständnis, dass Müll offensichtlich keinen Wert für uns besitzt. Heute werden lediglich 87 der jährlich 251 Millionen in den USA produzierten Tonnen Hausmüll überhaupt wiederverwertet. Der Rest, ungefähr 164 Millionen Tonnen, endet in Verbrennungsanlagen oder Deponien.5 Diese Verschwendung von Müll bedeutet etwa dasselbe wie Vernichtung von Rohstoffen − schon wenn man nur die Energie, das Wasser und die Rohstoffe betrachtet, die notwendig waren in der Erzeugung des Endprodukts. Die Herstellung einer Plastiktüte benötigt Rohöl nicht nur als Rohmaterial, sondern auch als Energiequelle. Zusammen genommen wird auf diese Weise in die Erzeugung von fünf Plastiktüten eine Tonne CO2 in die Atmosphäre freigegeben.6 Fast die Hälfte könnte durch die Wiederverwendung von wiederverwertetem Plastik eingespart werden. Abgesehen von der Tatsache, dass durch die Verbrennung der Tüte nochmals weiterer Kohlenwasserstoff und auch giftige Bestandteile freigegeben werden. Diese Zahlen sind in anderen Industriezweigen sogar noch höher. Die Wiederverwertung von Stahl kann im Vergleich zur Herstellung aus Eisenerz bis zu 75 Prozent der Energie einsparen. Und die Erzeugung von einer Tonne neuen Papiers verbraucht 98 Tonnen natürlicher Rohstoffe, obwohl das Recycling von Papier ein bekannter und sehr einfacher Prozess ist und Teil eines etablierten Kreislaufdenkens in unserem Stoffkreislauf sein könnte.7

Das Modell der zirkularen Ökonomie
Was wir heute als Kreislauf- oder metabolische Ökonomie bezeichnen, ist bereits seit Jahrzehnten im Denken von Wirtschaftlern und vornehmlich auch Architekten verankert. In den USA hat der Landschaftsarchitekt John T. Lyle bereits in den späten 70er Jahren ein theoretisches Konzept entwickelt, wobei Gemeinschaften ihr tägliches Leben auf die Grenzen von erneuerbaren oder wiederverwertbaren Ressourcen ausrichten sollten, um eine weitere Ausbeutung unserer Umwelt zu verhindern. Seine Arbeit und Visionen, die er zusammen mit seinen Studenten an der Cal Poly Pomona Universität entwickelte, stiessen auf grosses Interesse weltweit. Nicht zuletzt auch aufgrund der weiterführenden Studien von Walter R. Stahel – ETH Alumnus des Departements Architektur der ETH Zürich von 1971 und Mitgründer des Product-Life Instituts in Genf. Als Vordenker in seinem Feld bewarb er die «Lebenszeit-Verlängerung von Waren» und führte als einer der ersten die drei «R» (Reuse, Repair and Remanufacture) in die Kategorisierung von Produkt-Lebenszyklen ein.
Walter R. Stahel wird auch als Erfinder des Ausdrucks «cradle to cradle» gehandelt, der später unter anderem durch den Architekten William McDonough − einem ehemaligen Studenten von John T. Lyle − in das heute weltweit bekannte Prinzip vermarktet wurde. Zusammen mit dem deutschen Chemiker Michael Braungart entwickelte McDonough das Cradle to Cradle Zertifikat um die Idee voranzutreiben, dass alle Materialien in industriellen Produktionsprozessen als Teile eines kontinuierlichen Kreislaufs zu verstehen sind. Analog zu einem biologischen Wertstoffkreislauf entwickelten die Autoren einen technischen Metabolismus für Industrieprodukte, die nicht zu mischen sind. Die Grundidee ist dabei offensichtlich: Die Zusammensetzung und das Design der Produkte sollte die erneute Verwendung aller Grundmaterialien in einem kontinuierlichen Prozess ermöglichen. Sie agieren dabei als «Nährstoff» in einem globalen Metabolismus, ohne jemals als nutzlose oder wertlose Substanz «ausgeschieden» zu werden. Der Argumentation von McDonough und Braungart folgend müssten Systeme installiert werden, die kontinuierlich den gespeicherten ökonomischen Wert eines Produkts zurückgewinnen; ein Prinzip, das alle Beteiligten in eine soziale Verantwortung nimmt.

Urban Mining
Urban Mining ist ein relativ neues Phänomen, basierend auf der Rückgewinnung von wertvollen Bauteilen oder Elementen aus Müllhalden oder abgerissenen Gebäuden. In ihrem Artikel «Mine the City» beschreiben Ilka und Andreas Ruby die wachsende Erkenntnis, dass mehr und mehr Rohstoffe zukünftig nicht mehr in ihrem «natürlichen» Umfeld zu finden sein werden, sondern in einem «artifiziell kultivierten» Bereich unserer gebauten Umwelt. «Die Rohstoffreserven unserer Bauindustrie sind an den ursprünglichen Quellen vermehrt ausgeschöpft, während sich diese Materialien umgekehrt in unseren Gebäuden ansammeln. So findet sich zum Beispiel bereits heute mehr Kupfer in Bauten als in der Erde. Je leerer unserer Bergwerke werden, umso wichtiger werden unsere Gebäude in Ihrer Funktion als Bergwerke.»8 Ihrer Ansicht nach sollten wir unsere Städte gleichzeitig als Ansammlung von Gebäuden und, daraus resultierend, auch als Bergwerke ansehen, die sich gegenseitig zur Weiterentwicklung bedingen und benötigen. Thomas E. Graedel von der Yale School of Forestry and Evironmental Service hat seine Studie über Urban Mining mit der Frage verbunden, wie viel Energie durch die Wiederverwendung von Materialien in Deponien und Gebäuden eingespart werden kann. In seiner Ansicht speichern unsere Gebäude nicht nur Rohstoffe, sondern ebenfalls grosse Mengen an Energie, die reaktiviert werden könnte. So benötigt die Wiederverwendung von Aluminium aus alten Gebäuden lediglich fünf Prozent der Energie, die zur erstmaligen Produktion des Materials eingesetzt wurde. «Aluminium wird in unseren Gebäuden weitverbreitet angewandt, bleibt jedoch selten lange an einem Einsatzort. Bauten werden oft umgebaut oder sogar abgerissen, wodurch eingebautes Aluminium wieder freigesetzt wird. Daher ist es nicht falsch, diese Aluminiumvorkommen als ‹städtische Ressource› zu bezeichnen.»

Urban Mining ist ein Beispiel für die mögliche und nötige Wiederverwertung von Abfallprodukten nach Ablauf ihrer Lebenszeit und der Überführung dieser Werte in einen zweiten oder sogar dritten Lebenszyklus durch eine mechanische und/oder chemische Verwandlung.

Building from Waste
Das kürzlich erschienene Buch «Building from Waste» bietet einen konzeptionellen wie praktischen Einblick in die Möglichkeiten des Bauens mit der Ressource Müll. Das Buch stellt einen Katalog von Projekten und Produkten vor, die bereits heute aus Abfall hergestellt werden, von vermarkteten Bauteilen wie Fassadenelementen aus Stroh oder selbstheilendem Beton bis hin zu Forschungsansätzen mit Zeitungspapier-Holz oder Dämmstoffen aus Jeans. Es beleuchtet innovative Konzepte, wie Abfallmaterialien zu Baumaterialien verarbeitet werden können, und geht weit über traditionelle Recyclingkonzepte hinaus. Durch die Vielfalt der Produkte zeigt das Buch die Möglichkeiten von Abfallstoffen auf und zielt darauf ab, die Wahrnehmung dieses «erneuerbaren» Werkstoffs zu verändern.


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1 Hebel, Dirk E., Marta H. Wisniewska and Felix Heisel (2014). Building from Waste, Recovered Materials in Architecture and Construction. Berlin, Basel: Birkhäuser.

2 Joachim, Mitchell (2013). Turning waste into building blocks of the future city, BBC Online News, accessed on-line: 06.02.2014: http://www.bbc.com/future/story/20130524-creating-our-cities-from-waste.

3 Kumar, Supriya (2012). Global Municipal Solid Waste Continues to Grow, Worldwatch Institute, accessed on-line: 25.01.2014 http://www.worldwatch.org/global-municipal-solid-waste-continues-grow.

4 Leonard, Annie (2010). The Story of Stuff: The Impact of Overconsumption on the Planet, Our Communities, and Our Health - And How We Can Make It Better, Free Press, New York City, USA.

5 The United States Environmental Protection Agency (2014) Municipal Solid Waste Generation, Recycling, and Disposal in the United States: Facts and Figures for 2012, accessed on-line: 23.03.2014 http://www.epa.gov/osw/nonhaz/municipal/pubs/2012_msw_fs.pdf.

6 Timeforchange.org (2009). Plastic bags and plastic bottles - CO2 emissions during their lifetime, accessed on-line: 27.04.2014 http://timeforchange.org/plastic-bags-and-plastic-bottles-CO2-emissions.

7 Sarantis, Heather (2002). Business Guide to Paper Reduction, ForestEthics, San Francisco and Belingham, USA, cited from Liedtke, C. (1993). Material Intensity of Paper and Board Production in Western Europe, Fresenius Environmental Bulletin, Freising, Germany.

8 Ruby, Ilka und Andreas (2010), Mine the City, Re-Inventing Construction, edited by Ilka and Andreas Ruby, Ruby Press, Berlin, Germany, pp. 243 – 247. 
 
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Text Dirk E. Hebel, Marta H. Wisniewska, Felix Heisel, ETH Hönggerberg, Zürich
Bild z.V.g.
 




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