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La chalchera / der Kalkofen in S-charl
Eine Art Erlebnisbericht
 
Von Mitte Juli bis Mitte August 2014 wurde die chalchera / der Kalkofen in S-charl, Schmelzra, durch den jungen Engadiner Maurer Joannes Wetzel und zahlreiche, kalkbegeisterte Helfer wiederbelebt. Der nach jahrzehntelanger Pause im Rahmen des Jubiläums «100 Jahre Schweizerischer Nationalpark» in diesem Sommer in Betrieb genommene Kalkofen in Schmelzra war während eines guten Monats ein magnetischer Anziehungspunkt, ein intensiver Begegnungsort, wo Wissen ausgetauscht, die oft strenge Arbeit mit Stein, Holz und Feuer geteilt, wo Geschichten erzählt wurden, wo gelacht, gekocht und gegessen wurde.

«Der Kalkofen in Schmelzra strahlte nicht nur Hitze und Licht aus, das uralte Wissen um den hellgrauen Unterengadiner Kalkstein, seine Verwandlung durch das Feuer, seine Möglichkeiten in Bau und Dekoration wurde von den Kalkbrennern- und Kalkbrennerinnen den interessierten Besuchern bereitwillig und geduldig weitergegeben. Als Kalkbrennerin auf Zeit will ich versuchen, etwas von der Faszination dieses einzigartigen Ereignisses mit der folgenden Schilderung wiederzugeben.

Der Ort
Vom 1250 Meter über Meer gelegenen Kurort Scuol führt eine schmale Strasse durch das wildromantische, steinreiche Val S-charl, der Clemgia entlang, an Geröllhalden vorbei zum 1800 Meter über Meer gelegenen, 13 Häuser und eine kleine -Kirche umfassenden Sommerdorf S-charl, das im Winter nur mit Pferdeschlitten erreicht werden kann. Durch S-charl führt der Weg von Scuol über den Pass da Costainas ins Val Müstair bzw. ins italienisch Vinschgau.

Kurz vor dem Dorf liegt Schmelzra (Schmelze, Bergwerkshütte). Hier befinden sich die Ruinen des ehemaligen Bergwerksdorfs und das 1987 bis 1989 von der Fundaziun Museum Schmelzra S-charl errichtete Bergwerksmuseum, das sich der Pflege der Minen, der Erforschung und Präsentation des in der Gegend von 1317 bis 1652 und dann nochmals in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aktiven Abbaus von Silber- und Bleierz widmet (www.schmelzra.ch).

Beim Museum befindet sich in einem kleinen Wiesenhang am Rand des Strässchens der alte, gegen Ende des 20. Jahrhunderts reparierte Kalkofen. Das Rauschen der nahen Clemgia, ab und zu ein Postauto, Wanderer, Arvenwälder prägen den Ort; im Nordwesten schiebt sich der Riegel des Dreigestirns der grauen Berge Piz Mingèr, Piz dals Vadès und Piz Pisoc vor die Weitsicht, heiter, klar im Sonnenlicht, hinter Wolkenschleiern unnahbar, fast transparent.

Der Kalkofen
Der Kalkofen in S-charl gehört zu den einfachen Feldöfen, die nach antikem Vorbild zum periodischen Kalkbrennen gebaut worden sind. Der aus kristallinem Gestein gemauerte, zylinderförmige Ofen ist in den Wiesenhang hineingebaut, so dass nur die Ofenbrust mit der Schnauze (Feuer- und Schürloch) unverdeckt sichtbar sind. Eine beidseits in die Mauer eingelassene Steinplatte unterteilt das Feuerloch ins untere Zugloch und das obere Auffüllloch. Diese Konstruktion mit den bis zu einem Meter dicken Trockenmauern und dem grossen, gegen oben offenen Hohlraum im Innern bleibt bestehen, bereit, mit den zu brennenden Kalksteinen gefüllt zu werden (mehr zu den Bündner Kalköfen unter www.regiun.ch).

Mit den auf ihre Reinheit geprüften Kalksteinen aus dem Val S-charl bauten Joannes Wetzel und seine Mitarbeiter über dem Feuerraum den Himmel, ein Gewölbe aus genau eingepassten, ohne Mörtel gefügten Kalksteinen, das durch Verkeilung der Steine hält. Sie fügten Stämme ein, die nach dem Verbrennen als Kamine für den Luftabzug wirken. Weitere Hohlräume sorgten zusätzlich für die gleichmässige Verteilung der heissen Luft. Den bis oben gefüllten Ofen deckten sie mit einer Schicht ungebrannten Lehms. Die zwischen Steinen und Lehm eingefügten Lärchenäste sorgten für die Abdichtung. Der Raum zwischen Ofen und den Kalksteinen im Innern kann zur Wärmeregulierung je nach Temperatur mit verschiebbaren Schamottsteinen zugedeckt werden. Der Ofen erhielt sodann ein Schutzdach aus Holz.

Die Feuertage
Und dann setzte Joannes Wetzel auf traditionelle Weise mit Feuerstein und Holzspan den zündenden Funken, und die Zeit des ununterbochenen Feuerns begann. Das Feuer, das die Feuerleute pausenlos mit Arvenholz (70 Ster) fütterten, brannte während neuen Tagen und acht Nächten, bis auch die obersten der insgesamt 30 Tonnen Kalksteine die Temperatur von 1000 ° Celsius erreicht hatten.

Was technisch im Feuer geschieht, ist schnell gesagt. Dem Kalkstein, Calciumcarbonat (CaCO3), wird das Kohlenstoffdioxid (CO2) entzogen. Die grauen Kalksteine verwandeln sich durch diesen Vorgang in weissen Branntkalk (CaO). Nicht in einer chemischen Formel zu fassen ist hingegen das emotionale Geschehen am Feuer: ‹Der Kalkbrand ist einfach unbeschreiblich, das will erlebt sein. Ich habe ein Bild vom Feuer beigefügt und im Hintergrund sieht man die glühenden Steine. Doch das Bild ist nur eine kleine Annäherung ans Erlebte, die Hitze spürt man nicht, man hört das Holz nicht knistern und lodern …› (Bea -Grünig, Sekretariat von calcina, Schweizer Fachverband für Kalk, www.calcina.ch)

Höhepunkt der Feuertage war das Aufzischen der vulkanartigen Flammen aus den Luftlöchern im Lehmdeckel, das Zeichen, dass die 1000 ° Celsius das ganze Ofeninnere erfüllen und das Ende der Feuerzeit erreicht ist.

An der chalchera in S-charl haben sich die unterschiedlichsten Menschen in immer wieder anderer Zusammensetzung versammelt, mitgearbeitet, mitgedacht, mitspintisiert und miterlebt: Joannes -Wetzel mit seinem inneren Drang, die Verwandlung von Kalkstein durch Feuer von Grund auf kennenzulernen, zu begreifen und die Tradition wieder zum Leben zu erwecken, Maler, Architektinnen, Schreiner, Sekretärinnen, Künstler … Uns alle verbindet eine alchemistische Ader, die Neugier, die Lust und die Bereitschaft, sich auf den seit über 12’000 Jahren bezeugten Baustoff einzulassen. Kalk ist ein starkes Bindemittel!» 
 
Ausgabe "2014/8 - Dezember" bestellen
 
Text Annegret Diethelm, AD&AD, www.adad.ch
Bild Annegret Diethelm; Bea Grünig; Urs A. Furrer
 
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