Home     
| Home |   | Sitemap |   | Testimonials |   | Partner |   | Links |   | Stichwortverzeichnis |   | Inscreenum |  

| Aktuelle Ausgabe
| Archiv
| Anzeigen
| Abo/Einzelausgaben
| Veranstaltungen/Dienste
| Über COVISS
| Redaktion/Verlag
| Leserbriefe
| Kontakt
| Impressionen
| Bestellung Buch




 
Mauern zum Anlehnen
Wenn Altersspuren berühren
 
Was ist es, was den aufmerksamen Betrachter innehalten lässt, seine Neugierde weckt? Die alte Bausubstanz? Die besondere Stimmung des Gebäudes? Die gelebte Zeit?

Fast unauffällig – aber eben nur fast – steht sie da, in der Häuserzeile an der Stadtmauer von Diessenhofen, mit bevorzugter Lage und Blick ins Grüne: die Flum-Scheune. Auf der anderen Seite, dort wo sich der Eingang befindet, teilt sie die Kirchgasse mit weiteren Wohnbauten, ebenso den nahen Blick auf die Kirche. Die Flum-Scheune drängt sich niemandem auf. Wer sich aber für das spezielle Ensemble interessiert, dem gibt sie Teile aus ihrer langen Lebensgeschichte preis. Tauchen wir ein!

Ein Hauch von Farbe hält das Gebäude optisch zusammen
2007 hat der damalige Besitzer und Architekt, Hans Rudolf Rohner, mit der Sanierung des Ensembles begonnen. Sein oberstes Credo: sanft sanieren – ohne dass die Stimmung des Hauses verloren geht; die Tiefe der Jahre spürbar lassen. Erst auf den zweiten Blick sollen die Eingriffe sichtbar sein.

Die verwendete mineralische Lasur ist die ideale Vermittlerin zwischen dem Gestern und Heute: Die mit einer Kalkfarbe gestrichene Kalkmörtelfassade konnte durch die mineralische Lasur gefestigt werden. Mit ihrer kalkulierbaren Farbigkeit und Transparenz ermöglicht sie, die Geschichte des Hauses sichtbar zu lassen und das Gebäude mit allen Flickstellen und Erneuerungen optisch zusammenzuhalten.

Mauerkern aus dem 12. Jahrhundert
Den baugeschichtlichen Nachforschungen und Abklärungen von Alfons Raimann aus dem Jahr 1988 ist zu entnehmen, dass die evangelische Spitalverwaltung den Bau 1809/10 an die Besitzer der Nachbarliegenschaft verkaufte. 1868 wird die Fuhrmanns-Familie Flum als Besitzerin dieser Liegenschaft ausgewiesen; ebenso gehört die Scheune nebenan, fortan Flum-Scheune genannt, nun zu ihrem Besitz. Zu dieser Zeit bestehen bereits die Anbauten auf der Süd- und der Westseite.

In einer Ansicht von 1798 ist das Haupthaus in seiner heutigen Form bereits gebaut, es fehlt der Gebäudeteil südlich, und anstelle des Pultdachanbaus fiel der Blick auf die zinnenbekrönte Stadtmauer. Es wird vermutet, dass die Stadtmauer der Gründungszeit sich zwischen dem Hauptgebäude und dem Pultdachanbau befindet. Teile des ebenerdigen Mauerkerns werden − mit Vorsicht − im 12. bis 14. Jahrhundert angesiedelt.

Eine Besonderheit stellt das so genannte Gesindezimmer im 1. Obergeschoss des Haupthauses dar, der einzige feste Einbau mit Fensteröffnungen auf die Kirchgasse. Der Name stammt aus der Zeit, als das Gebäude zum Spital gehörte. Die Stuckdecke ist teilweise erhalten, die schönen Beschläge an Fenstern und Läden sind intakt, auch haben die Fenster noch die alte, feinteilige Sprossung.

Die Fassade wird als roher, unschöner, grober Kellenwurf bezeichnet, mit älteren, darunterliegenden Abrieben, ehemals freie Fachwerkteile und Mauerstücke. Unter «Wertung und Anregungen» führt Alfons Raimann unter anderem auf, dass das gesamte Gebäudeensemble einer dringenden Sanierung bedürfe, wobei das Haupthaus als erhaltenswert und die Gesindestube im 1. Obergeschoss als besonders wertvoll einzustufen seien. Vorgeschlagen wird der Einbau von Wohnungen, um unter anderem eine bessere Ausnutzung zu erreichen.

Sorgfalt im Umgang mit der Bausubstanz gefordert
Der unscheinbare Bau steht seit ein paar Jahrzehnten leer, und seine Geschichte vor 1800 liegt im Dunkeln. Eine Sanierung beziehungsweise ein Umbau erfordert besonderes Gespür im Umgang mit der Bausubstanz, weil sie zum Teil an die heutige Stadtmauer grenzt und nahe beim Kirchplatz liegt.

Bezüglich Farb- und Materialgebung sollen bei bestehenden, zu sanierenden Bauteilen die Altersspuren ablesbar bleiben. Bei zu ersetzenden Bauteilen (Untersichten, Dachsparren, Fensterläden und -gewände) soll sich die Farbgebung an die vorgefundenen Farbspuren anlehnen.

Heute ergänzen einander vor allem im Innern Alt und Neu. Über eine moderne Stahltreppe mit eingebautem Lift sind alle Stockwerke erreichbar. Mittels Stahl und Glas wurden die bewohnbaren Flächen von den «Kaltflächen» getrennt. Boden- und Deckeneinbauten, Balken und Balkenergänzungen und eine neue Dachstützenkonstruktion wurden nach altem Wissen bearbeitet und erneuert oder gar neu eingepasst. Die Stuckdecke der Gesindestube und nicht mehr verwendbare Einbauten wurden ergänzt respektive erneuert. Küche und Bad entsprechen als moderne Elemente den heutigen Wünschen.

Mit bescheidener Farbigkeit gefestigtes Gebäude
Farblich wirkt das Innere des Gebäudes schlicht und zurückhaltend: dunkler Stahl bei Treppe mit Lift, mehrheitlich kalkweisse Wände im Kaltbereich, nuancierte Weissstufen bei neuen Flächen. Für die Gesindestube sind die noch leicht schimmernden Grüntöne aus vergangenen Zeiten nachgemischt worden. Ihre erneute Verwendung lässt die frühere Raumstimmung erahnen.

Die Fassade war bröckelig, der alte, noch vorhandene, jedoch ausgewaschene Kalkputz war nicht mehr fest. Um dem alten Körper kein unpassendes neues Kleid überzustülpen, wurde die Fassade gereinigt und Flickstellen ausgebessert. Der bestehende Putz und der noch vorhandene, ausgewaschene Farbanstrich wurden gefestigt. Damit die Spuren der Zeit, die Geschichten der gealterten Mauern, sichtbar bleiben, lasierte man die Ost- und Südseite zwei- bis dreimal fein mit Purkristalat-Farbe. Auf der Westseite wurde auf der bis anhin ungestrichenen Fassadenfläche eine Lasurschicht aufgebracht, um das Haus optisch zusammenzuhalten.

Heute steht das Ensemble da, eingebettet in der Häuserzeile, gefestigt und in bescheidener Farbigkeit, mit seinen sichtbaren Spuren aus einer anderen Zeit.

Zeit, sich einlassen zu können, sich etwas eingehender mit einem Objekt zu beschäftigen, ist schon fast ein Luxus, doch die Patina, die Altersspuren, verdienen unsere Aufmerksamkeit; sie sind kostbar, weil «die Zerstörung der Altersspuren mit einem Verlust an Lebenswärme» einhergeht (Georg Dehio um 1900).


Bauinfo

Objekt: Flum-Scheune, 8253 Diessenhofen

Umbau / Neubauteile: Hans-Rudolf -Rohner, Architekt, 6300 Zug

Farb- und Materialberatung: Ursula -Ochsenbein, dipl. Farbgestalterin HF, Horw – www.farbraeume.ch

Lasur: Purkristalat 2K-Silikatfarbe, -Keimfarben AG, 9444 Diepoldsau, www.keim.ch

Eine Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege des Kantons Thurgau
 
 
Ausgabe "2014/2 - März/April" bestellen
 
Text COVISS (Quelle: Ursula Ochsenbein)
Bild Ursula Ochsenbein
 
   Weiteres zum Thema
 
Farbgestaltung | Der Einsatz von Farbe in der …      
Handwerk und Wert | Handarbeit ist eine Arbeit, die ...      
Lasurtechnik | Für viele Handwerker und …      
Mineralische Oberflächen | Rein mineralische Produkte …      
Renovation | Das erfolgreiche Zusammen von Alt …      




Lifecom


Xen-On


Verkehrshaus