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Pigmente und Bindemittel
Handwerkliche Umsetzung von Beschichtungen
 
Das Kolorit der Bauten im Kanton Thurgau ist durch die traditionellen Materialien Kalk, Natur- und Kunststein, Holz und Ziegel geprägt. Dies geht so weit, dass sich auch deckende Anstriche oder neuere Materialien wie Faserzement, Beton und Kalkzementputz in den ursprünglichen Farbklang einfügen. Die Farbkultur des Kantons beruht also grösstenteils auf der Farbigkeit von wenigen grundlegenden Baumaterialien, die ein Grundkolorit definieren, aus dem sich die weitere Farbpalette entwickelt hat. Sie ist das Ergebnis einer lang tradierten und gepflegten Material- und Handwerkskultur.

Diesen überlieferten Materialien und Beschichtungstechniken ist nicht nur eine charakteristische Farbigkeit, sondern in der Regel auch ein ehrwürdiges Altern gemeinsam. Die Materialien lassen es zu, dass Oberflächen verwittern und sich im Laufe der Jahre eine charaktervolle Patina bilden kann − gleichsam wie ein menschliches Gesicht seine Erscheinung im Alterungsprozess zwar verändert, aber nicht an ästhetischer Qualität verliert. Diese Lebendigkeit der Oberfläche ist ein grundlegendes Merkmal von traditionellen Materialien und Handwerkstechniken und auch wichtiger Bestandteil der Thurgauer Farbkultur.

Pigmente und Bindemittel
Bis weit ins 20. Jahrhundert bewegte sich ein Maler in der Regel zu Fuss, mit einem Handwagen und im Winter mit einem Schlitten, später mit einem Veloanhänger zu seinen Kunden. In seinem Gepäck befanden sich die gängigsten Pigmente: Ocker und Umbra natur sowie gebrannt, grüne Umbra, grüne Erde, allenfalls etwas Kupfergrün, Rebschwarz oder anderes Holzkohleschwarz und Bleiweiss. Dazu kamen Kalk und Öl (Leinöl oder Nussöl) als Bindemittel, wobei Kalk immer auch die Funktion eines Pigments übernahm. Eiweisshaltige Bindemittel wie Milch oder Quark bezog der Maler vor Ort vom Bauern. Als Bindemittel eignete sich auch Ochsenblut, nach dem die rote Fachwerksfarbe oft benannt wurde, obwohl es nicht als farbgebendes Material diente.

Mit diesen Grundmaterialien konnte der Maler eine Kalkschlämme, aber auch Kalkkaseinfarbe, Kaseinfarbe, Ölfarbe und diverse Emulsionen auf der Baustelle anrühren. Da das Material grundsätzlich wertvoll war und der Maler bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts die Farben selbst in mühsamer Arbeit rieb, ging er sparsam mit Farben um. Indem er gewisse Rohstoffe vor Ort bezog, reduzierte er zudem beim beschwerlichen und zeitraubenden Transport Gewicht.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde praktisch zu jedem traditionellen Pigment ein günstigeres Ersatzpigment industriell hergestellt. Die roten Ocker aus Siena und Umbrien wurden zunehmend durch künstliches Eisenoxyd ersetzt, im Grünbereich die giftigen kupfer- und arsenhaltigen Grüntöne durch Chromoxydhydratgrün und Chromoxydgrün. Anstelle von Rebschwarz trat Oxydschwarz. Zinkweiss und später Titanweiss lösten das toxische Bleiweiss ab. Das Spektrum für Fassadenfarben wurde massgeblich erweitert, insbesondere durch buntere und reinere Farbnuancen. Im Zuge dieser industriellen Produktionsweise wurden Pigmente preiswerter, und eine sparsame Verwendung war nicht mehr zwingend. Allerdings veränderte sich mit diesen industriell hergestellten Pigmenten auch die Wirkung der Farbanstriche, da sie meist feiner sind. Anstriche mit natürlichen Pigmenten erscheinen lebendig und tief. Je nach Lichteinfall wirkt die nie ganz homogene Farbschicht mal dumpfer, mal leuchtender, mal farbstichiger.

Ein Anstrich mit synthetisch hergestellten Pigmenten wirkt wegen seiner dichten und letztlich flachen Oberfläche oft leblos und hart. Dies ist auf das Pigment und auf die Verwendung moderner organischer Bindemittel zurückzuführen. Zudem färben die modernen weissen Pigmente, die zur Aufhellung von Farben verwendet werden, so stark, dass die Farben leicht süss und pastellig wirken. Dabei geht oft der farbliche Grundcharakter eines Pigments verloren. Ähnliches gilt für Grautöne (meist modernes Eisenoxydschwarz, aufgehellt mit Titanweiss), die zum Bläulichen tendieren und daher kühl und monoton wirken.

Anstriche auf Putz
Die traditionellen Fassadenputze waren mit der Kelle geglättete Lehm- oder Kalkputze, die wenn möglich noch feucht («al fresco») mit einer Kalkschlämme über zogen wurden. Spätere Anstriche erfolgten auf trockener Putzfläche («al secco»). Da reine Kalkanstriche relativ rasch abwittern und regelmässig erneuert werden müssen, waren auch Anstriche in Kalkkasein beliebt, die sich insbesondere auf alten Putzen eigneten oder wenn Flecken und Ähnliches zu überstreichen waren. Gewöhnlich wurden mehrere dünne Anstriche übereinander gelegt, wobei mit Kalkkasein die höhere Abriebfestigkeit zu erreichen ist als bei «al secco» aufgetragenem Kalk. Mit zunehmendem Kaseinanteil im Anstrich nimmt allerdings die Wetterfestigkeit ab, sodass Kalkkasein eher für geschützte Stellen unter Vordächern oder an Dachuntersichten geeignet ist.

Auf Initiative des aus Zürich stammenden Dekorationsmalers Christian Schmidt kam in der Schweiz um 1900 die in Deutschland entwickelte keimsche Mineralfarbe auf. Zu erneuernde Fassaden- und Gefachverputze konnten nun auch in dieser Technik gestrichen werden, die eine der Freskotechnik vergleichbare Erscheinung garantiert.

Bei Gefachen von Fachwerkbauten wurde meistens ein Lehmputz als Grundputz angelegt, auf den ein Deckputz auf Kalkbasis kam. In der Forschungsliteratur wird darauf hingewiesen, dass der Lehm gut angefeuchtet und aufgeraut werden muss, da der Kalkputz nur mechanisch haftet. Aufgrund der beschränkten Flächen wurde mit eher kleinen Werkzeugen oder gar mit den Händen verputzt. Die dadurch stets etwas unebenen Gefachverputze kalkte man üblicherweise «al fresco». Ritzlinien im frischen Verputz zeigten die Grenzen zur optischen Begradigung der Balken an. Die Balken wie auch die Begradigungen erhielten ihren Farbanstrich erst im nächsten Arbeitsgang.

Seit den 1960er Jahren sind für Anstriche auf Putz moderne Farben mit Kunstharzzusätzen im Handel. Verbreitet ist heute unter anderem Silikonfarbe (auch Silikon-emulsionsfarbe, Dispersionssilikonfarbe, Silikonmineralfarbe genannt), Aussen-dispersionsfarbe und Organosilikatfarbe (auch Dispersionssilikatfarbe und Einkomponentensilikatfarbe genannt). Alle diese modernen Farben sind relativ stark hydrophob, das heisst sie weisen Wasser meist gut ab. Was als Schutz des Äussern erwünscht sein mag, bringt aber auch Probleme mit sich: Feuchtigkeit aus dem Gebäudeinnern staut sich, der Wasserdampf kann im entscheidenden Moment und in kurzer Zeit nicht wieder abgegeben werden, was zu Abplatzungen der Farbschicht und im schlechtesten Fall zu einem beschädigten Putzaufbau führen kann. Organosilikatfarbe ist heute eine mögliche Wahl, wenn auf einem Putz -bereits organische Anstrichstoffe aufgebracht sind. Auf einem Untergrund mit organischen Anteilen lassen sich nämlich keine rein mineralischen Anstriche mehr anbringen. Die optische Erscheinung der Organosilikatfarbe kommt Anstrichen in Mineralfarbe relativ nahe. Aus historischen und ästhetischen, aber auch aus Gründen der Bauphysik und der Renovierbarkeit bleiben Kalk- oder Mineralfarben bei Renovierungen jedoch stets erste Wahl. 
 
Ausgabe "2014/1 - Februar" bestellen
 
Text arbkultur im Thurgau pflegen und gestalten (Quelle), Denkmalpflege im Thurgau Band 15, Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau (Hrsg.)
Bild arbkultur im Thurgau pflegen und gestalten (Quelle), Denkmalpflege im Thurgau Band 15, Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau (Hrsg.)
 
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