Home     
| Home |   | Sitemap |   | Testimonials |   | Partner |   | Links |   | Stichwortverzeichnis |   | Inscreenum |  

| Aktuelle Ausgabe
| Archiv
| Anzeigen
| Abo/Einzelausgaben
| Veranstaltungen/Dienste
| Über COVISS
| Redaktion/Verlag
| Leserbriefe
| Kontakt
| Impressionen
| Bestellung Buch




Gegenentwurf zu merkwürdigem Komfortverständnis
Das Holzhaus der Zukunft
 
Die Diskussionen um zukünftiges Bauen laufen eingleisig: Fast immer wird der zukünftige Heizenergieverbrauch in den Mittelpunkt gestellt. Wichtige Fragen zur Gesamtenergiebilanz und zur Sinnlichkeit des Wohnens werden ausgeklammert. Eine Einseitigkeit, die in die Sackgasse führt.

Denn so wird das Energieproblem nicht gelöst: Die Schweiz wird mit Einheitsarchitektur verschandelt, die nächste Generation sieht sich mit einem Sondermüllproblem konfrontiert, und viele Menschen fühlen sich in den modernen «Wohnmaschinen» nicht wohl. Menschenfreundliche Häuser verbrauchen wenig Energie im Betrieb, aber auch bei der Herstellung. So kann die Energiewende geschafft werden. Und so wird auch das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner solcher Häuser erheblich gesteigert. Viele einzelne Puzzleteile ergeben, richtig zusammengefügt, ein stimmiges Ganzes.

Baustoff Holz
Das «Holzhaus der Zukunft» ist aus Holz. Klingt logisch. Und doch reden wir hier nicht vom Chalet aus dem «bluemete Trögli». Auch nicht vom Blockhaus aus skandinavischen Trämeln. Dafür vom Haus aus Fichten und Douglasien aus dem Oberaargau. Holz ist ja der Baustoff, der im ganz ursprünglichen Sinn nachhaltig ist. Aber genau genommen stimmt das nur, wenn der Rohstoff aus heimischem Wald stammt. Quer durch die Kontinente gekarrt, ist auch Holz nicht mehr nachhaltig.

Graue Energie
Wir alle versuchen mit mehr oder weniger Eifer, die Betriebsenergie unserer Häuser zu senken. Das ist gut. Und der Erfolg lässt sich sehen. Nur wird immer aufwändiger gebaut. Wir stehen inzwischen vor vielen Ökohäusern, für die so beindruckend viel Energie verbaut wurde, dass man sich gar nicht mehr über den tiefen Energieverbrauch für das Heizen, Lüften, Klimatisieren freuen darf. – Die Gesamtenergiebilanz ist keine gute.

Im «Holzhaus der Zukunft» sagt man sich deshalb: Wir müssen das Thema graue Energie beim Bauen in den Mittelpunkt rücken. An der grauen Energie ist ja ohnehin nichts grau. Es geht um Zahlen, die schwarz auf weiss zeigen, wie gross die Energiemengen sein können, die wir verbauen.

Ähnlich verhält es sich mit den Treibhausgasen. Häuser muss man so beheizen, dass möglichst wenig CO2 in die Atmosphäre gelangt. Aber wissen wir denn auch, wie wir beim Bau unserer Häuser den CO2-Ausstoss vermindern können? An sich wüssten wir es. Der Bau eines Einfamilienhauses aus Beton führt zu fünfmal mehr Treibhausgasemissionen als der Bau eines Holzhauses von gleicher Grösse. Darum ist das «Holzhaus der Zukunft» nicht nur aus Holz: Es hat darüber hinaus auch keinen Keller. Es braucht diese mächtige Betonwanne nicht.

Heizen mit einem Ofen
Das «Holzhaus der Zukunft» ist so gut gedämmt, dass der Energieverbrauch für das Heizen grundsätzlich mit jedem Heizsystem wunderbar tief ist. Aber in seiner schärfsten Variante legen die Bewohner im «Holzhaus der Zukunft» am Morgen einfach vier Scheiter in einen grossen Stückgutofen. Das reicht für den ganzen Tag. Die sich im Haus verteilende Wärme wärmt behaglich. Zugleich zeigt sich beim Heizen, was weglassen heissen kann. Dank der perfekten Gebäudehülle genügt ein einziger, am richtigen Ort platzierter Ofen. Sämtliche Radiatoren und alle Heizungsrohre können weggelassen werden.

Kein technischer Schnickschnack
Etwas kann man hier nicht: Während der Visite in Singapur per Smartphone die Storen im Elternschlafzimmer rauf- und runterlassen. Das «Holzhaus der Zukunft» ist nicht online. Es steht einfach da. Es ist im klassischen Sinn eine Immobilie und keine Maschine. So verkörpert es einen Gegenentwurf zum merkwürdigen, modernen Verständnis von Komfort: Dieses Haus will durch Natürlichkeit und Behaglichkeit komfortabel sein – und nicht durch Programmierung und Fernsteuerung.

Ein simples Haus erfordert modernste Technik
Simple Lösungen und Baustoffe, die wenig graue Energie beinhalten: Die ersten Puzzleteile ergeben das Bild eines Low-Tech Hauses. Das stimmt – und stimmt trotzdem nicht ganz. Das wirklich perfekte, wirklich ökologische Holzhaus folgt zwar dem Motto «Keep it simple». Aber um ein wunderbar simples Haus zu bauen, ist ausgeklügelte Technik bei der Fertigung erforderlich. Erst dank der enormen Effizienz von CAD-Planung und computergesteuerten Maschinen können heute perfekte, ökologische Holzhäuser gebaut werden, die überhaupt bezahlbar sind. Das «Holzhaus der Zukunft» ist zwar ein Gegenentwurf zu den technik-lastigen Wohnmaschinen. Aber es ist keine Absage an die Technik an sich: Der technische Fortschritt wird genutzt, um in weniger Technik leben zu dürfen.

Weglassen als Gewinn
Das «Holzhaus der Zukunft» ist ein Kunstwerk der Weglassung. Das Haus verzichtet auf den betonierten Keller, auf überflüssige Erkerchen, die nur die Gebäudehülle schwächen, auf übermässige Fensterfronten, Lüftungsinstallationen. Es hat keine Radiatoren, keinen Haustechnikraum, weil die ganze Technik in einem Schrank Platz hat.

Die Wände des zukunftsträchtigen Holzhauses sind nicht mit Dampfsperren versiegelt. Sie sind hygroskopisch, feuchteausgleichend, dampfdurchlässig. Sie nehmen Feuchtigkeit auf und geben Feuchtigkeit ab. Über eine Tonne Wasser steckt in der Masse eines modernen Einfamilienhauses aus Holz – ein riesiger, organischer Feuchtigkeitsspeicher, der lautlos, stromlos, durchzugslos dafür sorgt, dass die Luftfeuchtigkeit im Haus immer um die 50 bis 60 Prozent beträgt. Ein Wert, der für unsere Gesundheit als besonders zuträglich gilt. Weil das Haus seine eigene, organische «Klimaanlage» ist, braucht es keine Zwangslüftung. Die künstliche Belüftung würde die Selbstregulierung des Raumklimas nicht unterstützen, sondern behindern. Das Raumklima würde schlechter. Was es für die Gesamtenergiebilanz heisst, eine Lüftung einzubauen, die es nicht wirklich braucht, erscheint offensichtlich.

Kluge Vereinfachung
Wer heute behauptet, eine nach streng ökologischen Kriterien gebaute Wand aus natürlichen Materialien mache die Klimanlage überflüssig, wird selbstverständlich dem Lager der «Minergiekritischen» zugeordnet. Trotzdem mag ich mich nicht auf den Minergiekritiker reduzieren lassen. Die Minergie-Wegbereiter haben sehr viel dazu beigetragen, dass die Debatte über energiesparendes Bauen und Wohnen versachlicht wurde. Das «Holzhaus der Zukunft» versteht sich einfach als grundlegend andere Antwort. Es steht für kluge Vereinfachung statt für techniklastige Lösungsansätze.

Rücksicht auf die Umgebung
Man kann die Landschaft nicht nur mit sondermüllreichen Billigbauten zersiedeln, sondern auch mit Holzhäusern. Alleine mit der Devise «Holz» lässt sich die Hüslipest nicht kurieren. Ein Holzhaus wird erst dann zum «Holzhaus der Zukunft», wenn es die Landschaft nicht ignoriert. Am wohlsten ist ihm nicht auf der frisch eingezonten, grünen Wiese, sondern im gewachsenen Quartier, wo es eine zweifelhafte, mit Öl befeuerte Altbaute ersetzen darf. Und ganz generell gehört zu diesem Holzhaus gute Architektur. Einen steilen Hang bis zum Gehtnichtmehr aufzuschütten, um eine topfebene Fläche zu kriegen, auf die sich dann ein «Ökohäuschen» aus dem Katalog stellen lässt, hat weder mit Ökologie noch mit guter Architektur etwas zu tun.

Sinnlichkeit
Auf dem schönsten und vorletzten Puzzleteilchen steht «Sinnlichkeit». Das «Holzhaus der Zukunft» folgt den Sinnen. Es hat Zimmer − die riechen gut. Es hat Wände − die fühlt man gerne an. Es ist ein Haus, das einem gut tut, voller Bilder und Hoffnungen: Hier will man leben, weil die holzbeplankten Aussenwände ebenso schön und charaktervoll altern, wie man selber altert.

Provokation
Auf dem allerletzten Puzzleteilchen steht «Provokation». Die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger dürfen sich gerne vom «Holzhaus der Zukunft» provozieren lassen. Es erinnert sie daran, dass die Arbeit überhaupt noch nicht getan ist, wenn wir für das Bewohnen unserer Häuser immer weniger Energie brauchen. Es erinnert sie daran, dass beim Bauen der Energieverbrauch – das Mass an grauer Energie – steigt statt sinkt. Wenn aber die Betriebsenergie sinkt, während die Energieverbräuche für das Bauen steigen, ist für die Energiewende nichts gewonnen. Wer weiss: Vielleicht gefiele ihnen ja die Idee, künftig radikal tiefe Gesamtenergiebilanzen für Häuser vorzuschreiben? Das würde echte Innovation fördern. In einem ersten Schritt liessen sich zum Beispiel Energieetiketten für alle Baustoffe einführen. Ich verspreche: Das gäbe bereits eine ziemliche Aufregung – ausser bei den Bewohnerinnen und Bewohnern im «Holzhaus der Zukunft».


Das Holzhaus der Zukunft – Jetzt Buch bestellen

Markus Mosimann zählt zu den Wegbereitern des modernen Holzhausbaus in der Schweiz. Mit seinem Holzforum entwickelte er über die Jahre eine konsequent ökologische Holzrahmenbauphilosophie. Mosimann leitet ein kleines Unternehmen für Holzhausbau, das erklärtermassen eine Nullwachstumsstrategie verfolgt.

Mosimann ist gemeinsam mit dem Journalisten Marc Lettau Autor des Buches «Das Holzhaus der Zukunft». Rotpunkt-verlag, 2012, ISBN 978-3-85869-482-9, www.holzhausderzukunft.info

Kontakt
Markus Mosimann, Holzforum − Das Kompetenzzentrum für den Holzhausbau, www.holzforum.ch 
 
Ausgabe "2013/8 - Dezember/Januar 2014" bestellen
 
Text Markus Mosimann
Bild Markus Mosimann
   Weiteres zum Thema
 
Oekologie am Bau | Nachhaltigkeit am Bau und …      
Handwerk und Wert | Handarbeit ist eine Arbeit, die ...      
Wärmedämmung | Die Sensibilisierung auf …      




Lifecom


Xen-On


Verkehrshaus