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Lachsleder und Rindentuch
Für eine neue Handwerkskultur
 
Zeit und Kosten sind die zentralen Faktoren unserer Umgebung. Auch im Innenausbau prägen diese zwei Schlagwörter die Optik, Haptik und Qualität. Schnell muss alles fertig sein und das Budget darf nicht überschritten werden. Diese Haltung fördert die Verwendung von Materialien, die schnell zu verarbeiten sind, keine Unregelmässigkeiten zulassen und Garantiearbeiten ausschliessen. Das Resultat ist, dass wir unseren Alltag in einer Umgebung von kontrastlosem Kunstlicht, Tischen mit Kunstharzabdeckungen oder Oberflächen mit Kunststoff verbringen. Die reiche Handwerkskultur und die einzigartigen Materialien und Oberflächen gehen verloren. Doch gibt es geschicht-s-trächtige Materialien, handwerkliche Geschicke und neue Technologien, die den Produkten eine Geschichte geben und ihren Wert sichtbar machen.

Der Urlaub in fernen Ländern lässt uns schwärmen. Wir sehen herrliche Sonnenuntergänge, die die farbig leuchtenden Häuser fast unwirklich scheinen lassen. Wir bestaunen antikes Schaffen und sind fasziniert vom Kunsthandwerk. Auch in Mitteleuropa haben wir eine grosse Handwerkskultur. Wir verfügen über Handwerker, die genug haben von der Einheitsverarbeitung von Kunststoffen und die sich auf die Ausführung fast vergessener und neuer Techniken spezialisieren, Techniken, die einen Mehrwert an Haptik und Optik bieten. Wir sind in der Lage, alte Techniken mit neuen Technologien zu kombinieren. Oder nutzen geschichtsträchtige Materialien mit handwerklichem Geschick. Das Produkt bekommt eine Geschichte, die den Wert sichtbar macht.

Eine Geschichte ist das Belegen mit Holz, das Furnieren. Das Wort «furnieren» entstand im 16. Jahrhundert und ist abgeleitet vom französischen Ausdruck «fournir»: bestücken, beliefern. Es bezeichnet den Vorgang, weniger wertvolles Holz mit edleren dünnen Holzblättern zu belegen und so Ressourcen zu sparen. Noch heute ist hochwertiges Furnieren ein sehr anspruchsvolles Handwerk – nicht nur von Möbeln, sondern auch von Wandverkleidungen mit einem, je nach Material, einzigartigen Erlebnis.

Das Furnieren ist die Grundkenntnis, verschiedene Materialien aufzutragen. Holz ist ein Material, das richtig behandelt und weiterentwickelt, eine enorme Tiefe und Lebendigkeit haben kann. So verfügt zum Beispiel ein Platanenholz, das mit Ammoniak bedampft wurde, über eine unverwechselbare Dreidimensionalität. Die Technik des Bedampfens entspricht der Bezeichnung «Räuchern» und hat den Ursprung in der Pferdehaltung. Die Holzbretter wurden früher neben den Tieren in den Stall gehängt. Die chemische Reaktion der Gerbsäure im Holz mit dem ammoniakhaltigen Urin machte das Brett zäh und verlieh ihm eine dunkle Farbe. Holzställe erscheinen deshalb meist in dunklem Holz.

Auch echte Schiefersteine können zur -Gestaltung von Wänden in einer Dicke von 0,5 bis 1,5 mm furniert werden.

Zwei weitere furnierbare Materialien aus völlig unterschiedlichen Kulturen spiegeln die wohl perfekte Kombination des Rohstoffs mit dem Handwerk wieder. Es handelt sich dabei um das älteste Textil der Menschheit, das Rindentuch, und das geschichtsträchtige Fischleder.

Das Rindentuch wurde bis ins 19. Jahrhundert den Monarchen der zweitältesten Dynastie des noch existierenden Königreichs Buganda, heutiges Uganda, vorbehalten. Es handelt sich um die äusserste Schicht des ostafrikanischen Feigenbaums Mutuba. Die Rinde wird sorgfältig vom Baum abgelöst, gekocht, zu einem Tuch flachgeklopft und anschliessend getrocknet. Damit der nackte Baum regenerieren kann, wird er kunstvoll mit Bananenblättern eingewickelt. Mit dieser traditionellen, aufwändigen Handarbeit entsteht ein zirka sechs Quadratmeter grosses Unikat. Dank eines Entwicklungshilfeprojekts aus dem Jahre 2005 der GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) wurde die Produktion wieder aufgebaut und sichert heute hunderten kleinbäuerlichen Familien in Uganda ein Einkommen.

Das Material enthält keinerlei Textilhilfsmittel oder sonstige Additive wie Pestizide, Herbizide oder Fungizide. Durch Astlöcher entstandene offene Stellen werden durch Nähte und Flicken geschlossen. Das rot-braune Tuch ist robust, transluzent, glänzt nicht und hat eine gewachsene textile Struktur. Es überzeugt durch eine fantastische Tiefenoptik und den spannungsreichen Gegensatz zwischen archa-ischer Ursprünglichkeit und neuzeitlichen, nahezu unbegrenzten Veredelungs- und Verwendungsmöglichkeiten.

lm Osten Sibiriens, am Unterlauf des Fluss-es Amur, dem 4500 km langen «schwarzen Drachenfluss», lebte Jahrhunderte lang ein indigenes Volk von Fischern. Fisch bildete die Basis der Ernährung, aus seiner Haut entstanden Bekleidungsstücke, Zelte, Taschen, Ritual- und Schmuckobjekte. Dazu wurden die Häute getrocknet, mit einem Holzhammer weich geklopft und anschliessend in einer dickflüssigen Masse aus verschiedenen Pflanzen gegerbt. Das gesammelte Wissen dieser nahezu ausgestorbenen Minderheit zusammen mit mehrjähriger Forschung und hochentwickelten Ledergerb-Technologien gewährleisten, dass seit 2005 aus dem «Abfallprodukt» Fischleder, im speziellen Lachsleder, ein umweltfreundliches, erstklassiges Leder hergestellt wird. Das Fischleder aus Lachs ist leicht und dennoch reissfest, dünn und doch robust. Seine Licht-, Reib- und Farbechtheit ist hochwertiger als bei herkömmlichem Leder gleicher Stärke. Das Abfallprodukt ist chromfrei gegerbt und wird auf pflanzlicher Basis gefärbt. Dabei werden ausschliesslich Tiere verwendet, die aus Aquakulturen mit artgerechter Haltung und aus Biolachsfarmen stammen. Durch die vegetabile Gerbung behalten die Lachslederhäute die Tiefenwirkung und die Zweifarbigkeit, welche spannende Gestaltungsmöglichkeiten bieten.

Bei der Wahl des furnierten Materials ist auch die Veredelung der Oberfläche wichtig. Eine noch so schöne Oberfläche kann man mit der falschen Menge an Lack «töten». Die Oberfläche verliert ihre Tiefe und ihre Samtheit. Dies ist auch am Beispiel der farbigen Häuser aus dem Urlaub festzustellen. Diese Wände werden mit natürlichen Pigmenten gestrichen und erfreuen uns deshalb mit einer zauberhaften Leuchtkraft. Kosten- und Zeitdruck sollten uns nicht wichtiger sein als die Lebendigkeit natürlicher Materialien, die Faszination für alte Handwerkskünste und die innovative Kraft neuer Technologien. Das Handwerk wird es mit Stolz und einer hochwertigen Verarbeitung danken.

Fischleder
Seit Urzeiten gerben mandschurische Völker am Unterlauf des Flusses Amur in Ostsibirien die Haut der gefangenen Fische. Die Fischhaut diente als robustes Material für Kleider, Zelte, Boote und für spirituelle Anlässe. Leider ging in den letzten Jahrzehnten das Wissen über den Werkstoff und die Technik des traditionellen Gerbens mit dem Zurückdrängen dieser Völker verloren. Vor einigen Jahren wurde diese natürliche Gerbung wieder entdeckt und mit dem Abfallprodukt Lachshaut weiterentwickelt. Die aus biologischen Fischkulturen stammende Haut wird mit Mimosa und Kastanie gegerbt und ist 100 Prozent Chromfrei. Die Struktur, Haptik und Farb-intensität ist einmalig und eignet sich für Anwendungen im hochwertigen Innenausbau.

Flüssigmetall
Am California Institut of Technology entwickelten Forscher eine neue Revolution in der Metallverarbeitung. Den Ingenieuren gelang eine auf amorphen Strukturen von Atomen basierende Technologie, die Metalle wie zum Beispiel Kupfer, Bronze, -Eisen, Aluminium, Messing, Zink, Platin und Gold ohne Erhitzen bei Raumtemperatur flüssig verarbeitbar macht. Das so entstandene Material ist nicht toxisch, nicht elektrisch leitend, UV-beständig und nickel-frei. Die durch Spachteln oder -Lackieren aufgetragene Schicht entspricht nach der Aushärtung den Eigenschaften des gewählten Metalls. Durch Schleifen und Polieren kann die Oberfläche verändert werden. Auch Oxidationen, Patina und Rost ist möglich.

Platane geräuchert
Platanen-Bäume können über 300 Jahre alt werden. Sie sind 25 bis 50 Meter hoch und erreichen einen Umfang von bis zu zwei Metern Durchmesser. Oft werden sie wegen ihrer Blätter mit dem Ahorn verwechselt. Typisch für die Platane ist das weisslich-grüne Mosaik der Rinde. Das Holz der Platane erkennt man durch seine grossen und auffälligen Holzstrahlen sowie seine mehrfarbigen Gelb-, Rot- und Brauntöne. Das «Räuchern» von Platane verleiht dem Holz eine Caramelfarbe mit einem spektakulären Lichtspiel und einem einzigartigen Tiefenglanz. Das Verfahren zum Räuchern von Holz wurde nach Beobachtungen in Viehställen entwickelt. Die Ammoniakgase aus den tierischen Ausscheidungen führten zu einer allmählichen Verbräunung von Wandverkleidungen aus Holz. Heute wird das Holz beim «Räuchern» punktuell mit Ammoniak bedampft. Der Farbton hängt von der Menge der im Holz vorhandenen Gerbsäure ab. Die Reaktion ändert nicht nur die Optik, sondern auch die Geschmeidigkeit und die Widerstandsfähigkeit.

Marienkirche Antikglas
Im Jahre 1343 begann der Bau der Marienkirche in Danzig und wurde im Jahre 1952 fertig. Sie wurde die grösste Backsteinkirche der Welt. Mit einer Länge von 105,5 und einer Breite von 66 Metern bietet sie für 25’000 Menschen Platz. Im zweiten Weltkrieg, im März 1945, wurde die Marienkirche durch die Rote Armee schwer beschädigt. Der hölzerne Dachstuhl brannte aus und 14 der grossen Gewölbebogen kollabierten. Die Glasfenster wurden total zerstört. Bei den Gläsern handelte es sich um ein einzigartiges mundgeblasenes Antikglas, das durch eine markante Winden- und Schlierenstruktur auffiel. Diese Optik war einzigartig und wurde jeweils mit der Beifügung von Glasscherben zum flüssigen Glas erreicht. Dank historischer Nachforschung wird das Glas mit den ausgeprägten Lufteinschlüssen, sogenannten Ochsenaugen, wieder hergestellt und in der Grösse 60 × 90 cm produziert. 
 
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Text Arch Trans 22
Bild z. V. g.
 
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