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Wärmebedarf um zwei Drittel reduziert
Neues Kleid für historisches Gebäude
 
Mit einem cleveren Konzept konnte der Wärmebedarf der ehemaligen Mühle Sissach um zwei Drittel reduziert werden. Das Objekt ist ein Musterbeispiel einer Erneuerung unter denkmalpflegerischen Aspekten.

In ihren ältesten Teilen geht die ehemalige Mühle Sissach auf das 13. Jahrhundert zurück. Über die Jahrhunderte entstand ein verwinkelter Gebäudekomplex mit einem prächtigen Satteldach. 1905 wurde das letzte Korn zu Mehl verarbeitet, danach diente das Haus als Wohnung für Arbeiter der nahegelegenen Seidenbandfabrik. Heute nutzen 13 Personen die auf drei Geschossen liegenden sechs Wohnungen. Aufgrund seiner architektonischen Substanz ist das Gebäude ein wichtiges Zeugnis im historischen Dorfkern und als Denkmal mit kantonaler Bedeutung geschützt. Deshalb gelten bezüglich Änderungen an den Fassaden restriktive Auflagen; an eine konventionelle Aussendämmung war nicht zu denken.

Für Emil Franov von der Carbotech AG war die Fragestellung sehr typisch: Wie bringt eine Architektin oder ein Energieplaner ein historisches Objekt ins 21. Jahrhundert? Wie lässt sich ein wertvolles Baudenkmal mit einem verbesserten Komfort und gleichzeitig mit einem niedrigen Energiebedarf verbinden? Mit welchem Aufwand an grauer Energie ist zu rechnen? Wie gross ist der CO2-Ausstoss? Die Mühle Sissach liefert Antworten auf diese Fragen. Und sie zeigt, wie wichtig Innovationen sind, um die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft zu erreichen.

500 Watt für das Wohnen
Heute verbraucht eine Person in der Schweiz etwa 6300 Watt an Energie. Gut ein Viertel davon, nämlich 1500 Watt, entfallen auf das Wohnen. Bei einem Gesamtbedarf von 2000 Watt sind lediglich 500 Watt für das Wohnen reserviert – ebenfalls 25 Prozent. Mit dem SIA Effizienzpfad Energie lässt sich dieses Ziel erreichen. Neben dem Betriebsenergiebedarf und der grauen Energie ist in diesen Richtwerten die durch das Gebäude induzierte Mobilität enthalten. Üblicherweise schneiden historische Gebäude bei der grauen Energie gut ab, weil sich der Aufwand für Erstellung und Instandsetzung über Jahrhunderte amortisiert. Dies gilt im besonderen Masse für die Mühle. Vor der Renovation entfiel fast die Hälfte des bauteilspezifischen Energieverlustes auf die Aussenwand (48 Prozent), knapp ein Viertel auf den Estrich respektive das Dach und 17 Prozent auf die Flächen zu «unbeheizt», worunter auch die Kellerdecke zu zählen ist. Mit lediglich fünf Prozent standen die Fenster in der Verlusteliste.

Neuartiger Dämmputz
Von den zehn Massnahmen weisen zwei einen besonders hohen Innovationsgrad auf – die Fassadendämmung und die neuen Fenster. Die Aussendämmung besteht aus einem neuartigen Aerogel-Dämmputz mit einer Wärmeleitfähigkeit von 0,028 W/mK. Zum Vergleich: Konventionelle Dämmstoffe liegen zwischen 0,03 und 0,05 W/mK. Der gemeinsam von der Empa und der Fixit AG entwickelte Dämmputz wurde mit einer Stärke von 5 cm auf das mit einem Anwurfmörtel vorbehandelte Bruchsteinmauerwerk aufgetragen. Den Abschluss bilden ein Deckputz sowie ein Anstrich mit Silikatfarbe. Allein die aerogelhaltige Schicht ergibt einen U-Wert von 0,5 W/m2 K. Statt der ursprünglichen 1,2 W/m2K sind es jetzt nur noch 0,4 W/m2 K. «Die Mühle ist das erste Objekt überhaupt, das – als Pilotprojekt der Hersteller und der Denkmalpflege – mit dieser Innovation ausgerüstet wurde», meint Emil Franov, «das Ergebnis übertrifft unsere Erwartungen.» Tatsächlich lassen sich mit dem Putz die Auflagen des Denkmalschutzes hervorragend erfüllen und gleichzeitig der thermische Komfort in den Wohnräumen verbessern und Heizenergie einsparen.

Mit «Mini» in Richtung 2000 Watt
Das Konzept für die Mühle Sissach basiert auf vier Säulen:
«Miniwatt»: Bestmögliche Lösungen für einen tiefen Energiebedarf realisieren
«Minifossil»: Fossile Energien konsequent ersetzen
«Minispace»: hohe Belegung anstreben, wenn die Räume geeignet sind
«Minicar»: Möglichst an Bewohner ohne Autos vermieten

Erneuerung der Mühle Sissach − 10 Massnahmen
- Aussenwärmedämmung (Denkmalschutz)
- Neue Fenster (Denkmalschutz)
- Dämmung Estrichboden mit Zelluloseflocken
- Dämmung Kellerdecke
- Fensterleibungen innen dämmen (üblicher mineralischer Dämmputz)
- Einbau einer Wohnungslüftungsanlage
- Beste Geräte im Haushalt (Label A++ und A+++)
- Wechsel von Heizöl/Stückholz auf Pellets/Stückholz
- Speicheröfen in Wohnungen revitalisiert oder neu eingebaut
- Pellets statt Elektroboiler für die Wassererwärmung


Raffinierte Fenster
Aerogel-Matten bringen ebenfalls sehr gute Dämmwerte (Tabelle 1). Allerdings bedingen derartige Matten Bohrungen für die Befestigung. «Obwohl diese Anker aus Kunststoff sind und keine Wärmebrücken darstellen, bewerteten wir die dafür notwendigen, relativ zahlreichen Löcher in den historischen Mauern als suboptimal», kommentiert Franov diese nicht realisierte Lösung. Die Aerogel-Matten wurden jedoch, wie andere Dämmstoffe (Tabelle 1), für spezielle Bereiche eingesetzt, um zu optimalen Lösungen zu kommen. Sehr zufrieden ist der Energieexperte mit den Fenstern. Ein auf historische Fenster spezialisierter Hersteller lieferte eine Konstruktion mit schlanken Rahmen. Der hohe Glasanteil ermöglicht eine gute Tageslichtnutzung; zudem erfüllen die filigranen Rahmenteile die Wünsche der Denkmalpflege. Dass diese Kombination gelingt, ist umso erstaunlicher, als dass die eingebaute Dreifachverglasung einen Ug-Wert von 0,49 W/m2 K aufweist. So tiefe Werte sind nur mit einer Krypton-Füllung erreichbar. Raffiniert gelöst, auch nach Einschätzung der Denkmalpflege, ist die Positionierung der Sprossen: An der äusseren Oberfläche des äussersten Glases ist eine Sprosse flächenbündig aufgelegt. Auf der gleichen Höhe, aber auf der inneren Oberfläche desselben Glases – also im äusseren Scheibenzwischenraum – ist eine zweite Sprosse eingefügt. Die beiden nur durch das Glas getrennten Teile wirken optisch als eine Sprosse. Auch hier gilt: Innovationen ermöglichen Lösungen, die noch vor kurzem undenkbar waren. Dies wird durch den Energiecoach, Urs Renggli von der Alteno AG, bestätigt: «Durch die geschickte Kombination von Massnahmen kommt dem Projekt eine Vorbildfunktion zu», kommentiert Renggli das sanierte Haus. «Deshalb hat die Mühle Sissach durchaus Multiplikationspotenzial, denn historische Gebäude sind in der Schweiz zahlreich.»

Wärme aus Holz
Einen weiteren grossen Beitrag zur CO2-Minderung leistet die Haustechnik. Der bestehende Stückholzkessel bleibt weiter in Betrieb und wird insbesondere im Winter von den Eigentümern mit Holz aus der Umgebung beschickt. Statt des Ölkessels liefert ein neuer automatischer Pelletskessel als Zweitheizung Wärme für Heizung und Warmwasser, wenn der Stückholzkessel ausser Betrieb ist. Die Holz-Speicheröfen in einzelnen Wohnräumen kommen bei Bedarf zum Einsatz. Bei den Bewohnern sind sie aufgrund der Strahlungswärme beliebt. Weiter in Gebrauch sind die alten Radiatoren. Sie werden heute aber mit einer reduzierten Vorlauftemperatur von 55 Grad Celsius mit Heizwärme versorgt (im Auslegungsfall bei einer Aussentemperatur von -8 Grad Celsius). Rund ein Drittel der Holzwärme wird heute für die Wassererwärmung benötigt. Statt der einzelnen Elektroboiler in den Wohnungen erfolgt die Wassererwärmung zentral über den von den Holzkesseln alimentierten Wärmespeicher mit einliegendem Warmwasserbehälter (Typ «Rossnagel»). Die Lufterneuerung erfolgt, wie bei Minergie-Häusern üblich, über eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Die Verlegung der Rohre zur Luftführung stellte Energieplaner Franov vor einige knifflige Probleme, die aber in enger Zusammenarbeit mit den Handwerkern gelöst wurden. In Verbindung mit den anderen baulich-technischen Massnahmen verbessert die Lüftungsanlage die Wohnqualität deutlich.

Fazit: Das einzige Auto vor dem Sechswohnungshaus «Mühle Sissach» macht deutlich: Hier liegt die Autodichte deutlich unter dem Durchschnitt. Insofern ist das Objekt ein Musterbeispiel für einen ganzheitlichen Ansatz – ganz im Sinne von «Mit Mini in Richtung 2000 Watt». Neben der Minimierung des Energiebedarfs sowie der Substitution fossiler und hochwertiger elektrischer Energieträger – insbesondere für die Boiler – sind es vor allem die Mobilität und die Belegung der Wohnungen, die in dieses nachhaltige Konzept passen und dem gut einem Dutzend Bewohner eine hohe Wohnqualität bieten.

Kontakt

Energieplanung:

Emil Franov
dipl. Umweltnaturwissenschafter ETH
Carbotech AG, 4002 Basel
e.franov@carbotech.ch
www.carbotech.ch

Aerogel Hochleistungsdämmputz: Fixit AG, 5113 Holderbank, info@fixit.ch, www.fixit.ch
Empa, Überlandstrasse 129, 8600 Dübendorf, rainer.klose@empa.ch, www.empa.ch


Ortsbildverträgliche Aussendämmung mit Hochleistungswärmedämmputz
«Denkmalschutz heisst in erster Linie Substanzschutz. An der Substanz haften die Spuren der menschlichen Tätigkeit, sie macht die Authentizität des Denkmals aus, sie ist eine unersetzbare Informationsquelle zur Geschichte eines Objekts. Dieser Maxime folgte die Denkmalpflege auch bei der erfolgten Gesamtsanierung der seit 1975 unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Mühle in Sissach.

Die Mühle wird bereits 1323 erstmals erwähnt. Ihre heutige Grösse dürfte sie 1672 erreicht haben. 1905 wurde der Mühlebetrieb aufgegeben und das Gebäude zu Wohnzwecken tiefgreifend umgebaut. Bei der Aussensanierung von 1974 ersetzte man den historischen Verputz durch einen Zementverputz. Der Verwendung des neuen Aerogel-Dämmputzes bei der zwischenzeitlich abgeschlossenen energetischen Sanierung stimmte die kantonale Denkmal- und Heimatschutzkommission zu, um dessen Verwendbarkeit für eine ortsbildverträgliche Aussendämmungen an Gebäuden im vorerst einmaligen Pilotprojekt Mühle zu testen. Für die Sanierungen denkmalgeschützter Objekte
erscheint der neue Dämmputz nicht
prädestiniert, denn einerseits entsprechen die Inhaltsstoffe des Dämmputzes nicht denen eines historischen Verputzes, andererseits ist aufgrund des nicht druckfesten Dämmmaterials zwingend die Verwendung eines Netzes unter dem Deckputz erforderlich, beides Punkte, die eigentlich nicht denkmal-
verträglich sind.

Die Zustimmung zum Pilotprojekt erfolgte unter Voraussetzung, dass an der Mühle kein historischer Verputz vorhanden ist sowie unter der Bedingung,
dass der Dämmputz nicht dicker als der vorhandene Verputz aufgetragen werden darf. Denn die Fenstergewände als historisches Schmuckelement mussten
erhalten bleiben und weiterhin leicht über die Putzebene vorstehen. Zudem musste der neue Putz bauphysikalisch unbedenklich und rein mineralisch sein.

Auch unter diesen Bedingungen erlaubt es der neue Hochleistungswärmedämmputz, trotz einer geringen Dämmstärke eine effiziente Dämmung zu erreichen. Er ermöglicht damit
eine ortsbildverträgliche Aussendämmung an Gebäuden, bei denen kein Substanzerhalt gefordert ist. Fenster- und Türgewände sowie weitere typische Gestaltungsmerkmale aus Werkstein oder Holz, die wichtig für ein unverwechselbares Erscheinungsbild eines Gebäudes und eines Ortes sind, können aufgrund der geringen Putzstärke somit auch bei einer energetischen Sanierung weiterhin sichtbar bleiben.»


Dr. Walter Niederberger, Kantonale Denkmalpflege, Liestal
 
 
Ausgabe "2013/3 - Mai" bestellen
 
Text Othmar Humm, Fachjournalist Technik + Energie
Bild Emil Franov
 
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