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Renovation mit Kalk im historischen Kontext
Variationen in Kalk
 
Kalk in unterschiedlicher Erscheinungsform ist einer der ältesten und weltweit eingesetzten Baustoffe. Als Bindemittel in Farbanstrichen und Mörteln war er in der Architektur bis ins 19. Jahrhundert unverzichtbar, wurde dann mit der Erfindung des Zements und den Derivaten der Erdölindustrie in den Hintergrund gedrängt, um ab 1960 bei der Renovation historischer Gebäude erneut an Bedeutung zu gewinnen. Die Handwerker, Kunsthandwerker und Künstler der verschiedenen Weltgegenden haben unterschiedliche Techniken im Einsatz des Kalks in Bau und Kunst entwickelt, so spezialisierten sich die Meister aus Marrakech auf die nur ihnen eigene Technik des Tadelakts. All diese Techniken gehorchen jedoch den gleichen, vom Material Kalk diktierten Regeln. Der Bericht über den Einsatz des Baustoffs Kalk bei der Renovation eines historischen Bauernhauses im Kanton Zürich soll zeigen, dass sich alle Kalktechniken − auch jene, die ausserhalb Europas entwickelt wurden − sowohl untereinander als auch mit der traditionellen Architektur unserer Breitengraden vertragen.

Unmittelbar am Haslibach am Fuss des Kirchenhügels in Maschwanden liegt ein stattlicher Bauernhof. Das Hauptgebäude, ein Wohnhaus mit Trottgebäude unter gemeinsamem Satteldach, dürfte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts errichtet worden sein. Während der vergangenen 350 Jahren hat das Wohnhaus verschiedene Veränderungen erfahren. Die ursprünglichen Bohlenwände wurden da und dort durch Fachwerkkonstruktionen ersetzt, zwei Fassaden mit einem Schindelschirm versehen und die Innenausstattung teilweise erneuert. Während sich die bis ins beginnende 20. Jahrhundert hinein neu eingefügten Elemente gut integrierten, wurden die jüngsten, von den Bedürfnissen nach verbessertem Wohnkomfort diktierten Eingriffe ohne grosse Rücksicht auf die historische Bausubstanz ausgeführt.

Die grosse Scheune, die zusammen mit dem Haupthaus den bachseitigen Hofplatz winkelförmig fasst, stammt aus dem Jahr 1826, wobei die Westecke des ursprünglichen, ebenfalls zum Hof des 17. Jahrhunderts gehörenden Ökonomiegebäudes in den Neubau integriert wurde. 1882 wurde das Hauptgebäude um einen Wagenschopfanbau mit offener Durchfahrt erweitert. Zum Hof gehören ein Waschhaus und ein Bienenhaus. Der bis vor wenigen Jahrzehnten landwirtschaftlich genutzte Hof wurde 2010 von der Feldmann-Immoblien AG Muri erworben und wird seither sukzessive einer reinen Wohnnutzung zugeführt.

2010 wurden die vier Gebäude des Hofes sowie die Umgebung durch einen Unterschutzstellungsvertrag zwischen der Gemeinde Maschwanden und der Eigentümerin geschützt. Im Sinn eines Kompromisses (Rentabilität einerseits, Erhaltung der historischen Bausubstanz andererseits) wurden die Schutzvorschriften für das ausserordentlich gut erhaltene Haupthaus strenger gefasst als für die Nebengebäude.

Dank der Offenheit des heutigen Eigentümerpaars gegenüber einer einfühlsamen Restaurierung und Renovation des an historischen Bauelementen überaus reichen Wohnhauses präsentiert sich dieses nach weitgehendem Abschluss der Umbauarbeiten Anfang 2013 in historisch authentischer Gestalt, ohne dass die Bewohner auf die Annehmlichkeiten heutigen Wohnens verzichten müssten.

Von grosser Bedeutung für das Gelingen war die Wahl der Baumaterialien und Oberflächengestaltung: Sanfte Reinigung des Holzes (kein Sandstrahlen), konsequente Anwendung von Ölfarbe für die Anstriche und Kalk für die Verputze.

Die Verwendung von Kalk bei der Renovation
Kalk kam bei der Innenrenovation des alten Wohnteils verschieden zum Einsatz. Sämtliche Kalkarbeiten wurden von Jamal Daddis ausgeführt, der seine Ausbildung in traditioneller marokkanischer Kalktechnik in Marrrakech und eine Weiterbildung in dekorativen Maltechniken in Frankreich erhalten hat (siehe COVISS 1/2012).

Die im 20. Jahrhundert unschön verputzten Füllungen der Fachwerkkonstruktion der Wände des Hausflurs im Erdgeschoss wurden zurückgeschliffen und mit einer mit Marmorsand angereicherten, leicht pigmentierten Kalkschlämme gestrichen, so dass Unebenheiten ohne zu grossen Materialauftrag ausgeglichen werden konnten.

Geglätteter Kalkputz auf innengedämmten Wänden
Die Aussenwände der Zimmer im Obergeschoss wurden mit einer Innendämmung versehen. Dabei befestigte man Heraklitplatten auf einem Lattenrost, der in einem gewissen Abstand von den Bohlen- und Fachwerkfassaden angebracht wurde, wobei darauf geachtet wurde, dass sich die Konstruktion des Gebäudes und die Trägerkonstruktion der Platten nicht berührten. Damit soll das Risiko der Rissbildung vermindert werden, da sich ein Holzhaus immer bewegt. Der Raum zwischen Fassade und Platten wurde mit Zelluloseflocken hinterblasen. Auf den Heraklitplatten brachte man einen grobstrukturierten Grundputz, einen reinen Kalkputz, auf. Nach einer Abbinde- und Trocknungszeit von vier Wochen applizierte Jamal Daddis den Feinputz, einen reinen Kalkmörtel aus Marrakech. Das intensive Verdichten und Glätten des leicht beigefarbenen Kalkmörtels rückte die Erscheinung der feinen Kalkoberfläche in die Nähe eines traditionellen marokkanischen Tadelakt. In Küche und Bad erhielten auch die Innenwände einen geglätteten Verputz mit Kalk aus Marrakech.

Tadelakt in den Nassräumen
In den drei Badezimmern kamen sowohl geglättete Kalkputze als auch Oberflächen mit Tadelakt zur Anwendung, wobei immer der Kalk aus Marrakech gewählt wurde. Die sich nur um Nuancen unterscheidenden Kalkoberflächen finden sich in einem äusserst feinen, harmonischen Zusammenspiel. Subkonstruktion und Wandaufbau sind für die geglätteten Kalkputze und die Tadelaktoberflächen die gleichen. Im Obergeschoss entstanden aus einem Zimmer durch Einziehen einer Trennwand (Heraklitplatten auf Ständerkonstruktion) zwei Badezimmer, wobei die Dusche von beiden Räumen her betreten werden kann und in einem der Räume eine Badewanne steht. Tadelakt wurde aufgrund seiner wasserabstossenden, jedoch dampfdurchlässigen Eigenschaften zur Verkleidung der Dusche, der Badewanne sowie um die Toiletten und Lavabos eingesetzt. Das Eigentümerpaar wählte für sämtliche Oberflächen den leicht beigen Naturton des Kalks aus Marrakech. Allein für die beiden Duschwände wurde der Kalk durch Zugabe von Pigmenten (Oxydblau, Oxydschwarz) blau eingefärbt.

Begriffe und Arbeitsabläufe

Der Kalkkreislauf

Kalkstein: Kalk wird aus dem Kalkstein, aus dem 20 Prozent der Erdoberfläche besteht, gewonnen. Kalkstein enthält Calciumcarbonat CaCO3, Ton, Silicium und in einigen Brüchen Magnesium MgCO3 (Dolomitenkalk).
Kalkbrennen: Die Kalksteine werden im Kalkofen bei einer Temperatur um die 1000 Grad (je nach Zusammensetzung des Steins) gebrannt . Durch das Brennen verwandelt sich das Calciumcarbonat (CaCO3) in Calciumoxid/gebrannten Kalk/Branntkalk/Ätzkalk (CaO). Diese Verwandlung ist möglich durch das Ausscheiden von Kohlendioxid (CO2): CaCO3 - CO2 = CaO.
Kalklöschen: Durch Zufügen von Wasser entsteht Calciumoxid (CaOH2). Bei diesem Prozess wird Wärme frei. Es entsteht Löschkalk, gelöschter Kalk, Kalkhydrat.
Abbinden/Karbonisation: Nach Aufbringen des Kalkmörtels verdunstet das Wasser. Der Kalk verwandelt sich, indem er das Kohlendioxid der Luft aufnimmt, zurück in Calciumcarbonat/Kalkstein (CaCO3 ).

Luftkalk – hydraulischer Kalk
Luftkalk wird aus reinem Kalkstein gewonnen, hydraulischer Kalk aus einem Kalkstein, der mehr als fünf Prozent Ton enthält. Luftkalk bindet in Kontakt mit Luft ab, hydraulischer Kalk bindet als Erstes in Kontakt mit Wasser ab, härtet dann in Kontakt mit Luft.

Sumpfkalk – Kalkschlämme
Sumpfkalk ist eine Aufschlämmung von gelöschtem Kalk (Calciumhydroxid, Ca(OH)2). Wird dem teigartigen Sumpfkalk mehr Wasser zugeführt, wird er Kalkschlämme genannt.

Kalkverputz
Kalkverputz ist ein Kalkmörtel, eine Mischung von gelöschtem Kalk und Sand
(Mischungsverhältnis 1 Teil Kalk, 2 bis 5 Teile Sand). Der auf einem Putzträger aufgebrachte Kalkmörtel verwandelt sich mit den Jahren durch Aufnahme von Kohlendioxid in Kalkstein zurück, die verputzten Wände versteinern gleichsam.

Chaux de Marrakech – Kalk von Marrakech
Um einen traditionellen marokkanischen Tadelakt zu realisieren, ist die Verwendung des Kalks von Marrakech, der aus dem Kalkstein aus der Region von Tansift gewonnen wird, notwendig. Er wird während 24 Stunden in traditionellen Öfen gebrannt, die mit Palmblätter und Olivenzweigen eingefeuert werden. Die Brenndauer beträgt 24 Stunden, die Temperatur variiert zwischen 850 und 1100 Grad. Kalk von Marrakech ist ein Luftkalk mit einem Anteil von weniger als zwei Prozent hydraulischem Kalk, Mineralien (Sand, Quarz) und Unreinheiten (Asche des Brennmaterials). Er wird so gebraucht, wie er ist; es wird kein weiterer Sand zugefügt.

Geglätteter Kalkputz
Beim Glätten des aufgetragenen Kalkmörtels wird der Verputz verdichtet; die gröberen Sandkörner werden hinuntergedrückt, die feinsten treten an die Oberfläche, so dass diese glatt und leicht glänzend erscheint.

Tadelakt
Der Kalk von Marrakech wird am Vorabend eingesumpft. Am nächsten Tag wird der Kalkverputz auf den groben, abgebundenen Grundputz mit der Traufel von unten nach oben aufgetragen und kreisförmig verrieben. Der nächste Arbeitsschritt besteht aus dem Verdichten und Glätten des Kalkputzes mit der Maurerkelle und dem Plastikspachtel (Teigschaber). Es folgt das weitere Verdichten und Glätten, abwechslungsweise mit dem Plastikspachtel und dem Galet, dem Polierstein. Dieser Vorgang wird solange wiederholt, bis eine leichte Kalkmilch austritt und die Oberfläche sanft zu glänzen beginnt. Nach einem oder zwei Tage wird wasserverdünnte savon noir/Olivenölseife mit dem Schwamm aufgetragen und nochmals kreisförmig mit dem Galet poliert. Durch Verseifung wird die Oberfläche wasserabstossend, bleibt jedoch dampfdurchlässig. Zum Abschluss wird die überschüssige Seife sanft mit dem Schwamm abgewaschen.

Kontakt und Auskünfte
Annegret Diethelm, Baubegleiterin Denkmalpflege, Büro AD&AD, 6675 Cevio,
Telefon 091 754 24 23, info@adad.ch,
www.adad.ch
Jamal Daddis Kunsthandwerker,
Dekorationsmaler, 84400 Villars, Frankreich
Telefon 0033 661 07 90 10,
daddis.jamal@neuf.fr,
www.ateliers-pittoresque.com
 
 
Ausgabe "2013/3 - Mai" bestellen
 
Text Annegret Diethelm
Bild Jamal Daddis; Attilio D'andrea; Peter Diethelm; Annegret Diethelm
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