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Einblicke in eine faszinierende Kalktechnik
Kalk-/Terrazzoböden
 
Als in der Denkmalpflege tätige und an traditionellen Baumaterialien und Techniken interessierte Kunsthistorikerin ist Annegret Diethelm auf den Kalk-/Terrazzoboden Praxis-Workshop gestossen, den der Kirchenmaler und Restaurator Stefan Enzinger regelmässig bei der Firma LanaTherm in Sennwald anbietet. Die beiden Kurstage im November 2012 liegen diesem Artikel zugrunde, der erste Einblicke in eine uralte, bewährte und heute weitgehend in Vergessenheit geratene Technik eröffnen soll. Sie überzeugt durch Ästhetik, Ökologie, Wirtschaftlichkeit, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit.

Der Begriff Terrazzo wurde in Italien geprägt, wo diese Technik besonders gepflegt wurde. Terrazzo leitet sich vom italienischen terrazzare/einebnen ab. Kalk-/Terrazzoböden sind an Ort aufgebrachte, fugenlose, aus mineralischen Werkstoffen bestehende Böden. Es sind gestampfte Kalkestriche (fugenlose Kalkmörtelböden), in die Steine unterschiedlicher Körnung, Färbung und Beschaffenheit und andere Zuschlagsstoffe wie Ziegelschrot, Glassplitter, Perlmutter, Millefiori (venezianische Glasperlen) eingestreut oder in Muster verlegt werden können. Gegebenenfalls werden kalkverträgliche Pigmente beigemischt, um einen gewünschten Farbton zu erhalten. Dank ihrer Zusammensetzung aus Kalk und Gesteinszuschlägen versteinern die Böden gleichsam. Das Schleifen der gestampften, geglätteten Kalkestriche verleiht ihnen ihren edlen Glanz.

Einige Notizen zur Geschichte
Kalk gehört zu den ältesten und weltweit verwendeten Baumaterialien. Der älteste terrazzoähnliche Estrich aus geschliffenem Kalk ist in Göbekli Tepe in Südanatolien nachweisbar. Die Innenräume der bis in die Jungsteinzeit (11’000 vor Chr.) zurückreichenden Anlagen besassen in der Regel einen aus geschliffenem Kalk bestehenden Fussboden.

Plinius der Ältere (zirka 23 bis 79), der in seiner Naturalis historia (Naturgeschichte), das naturkundliche Wissen seiner Zeit zusammengefasst hatte, nennt den opus signium (Gemisch von groben und feinen Sandsorten, Mörtel, Ziegelmehl, Kies, Terrakotta- oder Keramikfragmenten) als Vater des Terrazzo und vermutet dessen Herkunft in der griechischen Kultur. Plinius der Ältere unterscheidet zwischen pavimenta (von lateinisch pavire/schlagen) und lithostrota (von griechisch lithos/Stein und lateinisch stratum/Streuung). Pavimenta meint jede Art des opus signium (Mörtel mit eingestampften Marmor- oder Ziegelstücken), lithostrota weist bewusst angeordnete Steinfragmente auf.

Auf dem Gebiet des heutigen Italien wurde der opus signium mit gebrochenen Kacheln, Ziegeln und Kalkmörtel hergestellt, was ihm eine rosa Färbung und den Namen pavimentum testaceum (testa/Ziegelstein/Tonscherbe) verlieh. Wurden Marmorsplitter als Zuschlagsstoff verwendet, hiess der Boden opus segmentatum. Ein heute noch erhaltener opus segmentatum aus dem 1. Jahrhundert nach Christus ist in der Kathedrale von Aquileia (Friaul) auf dem untersten Gebäudeniveau zwischen Basilika und Turm zu sehen.

Höhepunkte erreichte die Technik des Terrazzo in den Mosaikfussböden, bei dem kunstvolle Ornamente, Motive und Bilder in Kalkmörtel verlegt wurden, gegen Ende des römischen Reichs (5. Jh.) und im byzantinischen Reich (ab 4. Jh.).

Nach dem Untergang des Römischen Reichs überlebte die Kunst der Mosaikfussböden während Jahrhunderten im Friaul, um sich in Venedig und dann allgemein in der italienischen Renaissance nochmals zur vollen Blüte zu entfalten.

Um 1900 war Terrazzo allgemein eine beliebte Fussbodentechnik für Küchen, Hauseingänge, Flure, Bäder, Wintergärten usw. Nur wurde 1870 bis zirka 1920/30 bei der Terrazzoherstellung kein Kalk mehr, sondern Romanzement (auch Romankalk genannt) verwendet − ein gebrannter Kalkmergel (mit Tonen verunreinigter Kalk) mit hydraulischen Eigenschaften, der die charakteristische ocker/braune Färbung ergab.

Mit der industriellen Herstellung von keramischen Platten und der Erfindung neuzeitlicher Bodenbeläge wie Linoleum u. ä. verlor der Terrazzo in der Architektur an Bedeutung.

Arbeitsabläufe
Stefan Enzinger führte die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer praxisbezogen an unterschiedliche Kalk-/Terrazzotechniken heran, so dass diese wenigstens eine Ahnung von den Möglichkeiten, die in dieser Technik stecken, erhielten und auch die erste Scheu gegenüber der Fabrikation eines ornamentalen Terrazzo verlieren konnten.

  1. Als Untergrund für Kalk-/Terrazzoböden eignen sich alle festen Untergründe, wie Beton, Kies, Estriche, Holz, Foamglas, Bitumen usw.; ungeeignet sind weiche Untergründe und instabile Materialien.

  2. An Materialien werden Bindemittel (Sumpfkalk, Branntkalk, hydraulischer Kalk) und Zuschlagstoffe (Sande, Splitt in verschiedenen Sieblinien, Ziegel in verschiedenen Sieblinien, Pigmente, Glas, Metalle) benötigt.

  3. Gemischt wird der Mörtel im Freifallmischer, Zwangsmischer, mit dem Handmischer, dem Mörtelhaken. Die Mischung soll möglichst trocken sein, um Schwundrisse zu vermeiden.

  4. Verdichtet wird mit Hammer, Bretter, Holzschlegel usw.

  5. Geglättet wird mit Glättekellen, Japanspachteln, venezianischen Kellen.

  6. Der gestampfte, geglättete Kalkboden muss langsam trocknen; er kann mit Sand oder Folie abgedeckt werden. Erst nach etwa einem Jahr ist das Schleifen möglich.

  7. Der fertige Kalk-/Terrazzoboden kann mit neutraler oder rückfettender Seife, mit Wachsen, Parafinen oder trocknenden Ölen behandelt werden. Als Pflegemittel muss die gleiche Substanz wie jene des Finishs gewählt werden.


Schlichter Kalkestrich aus trockengelöschtem Kalkmörtel
Beim Trockenlöschen wird ein Mörtelkuchen, schichtweise abwechslungsweise aus grobem Sand (Betonkies) und Branntkalk (ungelöschtem Kalk/CaO) aufgebaut und mit etwas Wasser übergossen (Verhältnis Branntkalk:Betonkies=1:7). Der Branntkalk reagiert im Kontakt mit dem Wasser und zerfällt unter Hitzeentwicklung (bis 450oC) zu Kalkhydrat (Ca (OH)2). Nach einer Ruhezeit von einigen Tagen wird der Kuchen abgestochen, gemischt und kann als Kalkmörtel, zum Beispiel zur Herstellung eines Kalkbodens, verwendet. Dazu wird der Kalkmörtel etwa in einer Schicht von 9 cm auf die Unterlage gegeben und mit einem Stampfwerkzeug aus Holz oder Stein gestampft und verdichtet und abschliessend mit der Glättekelle geglättet. Diese Böden waren die klassischen Böden in mittelalterlichen Kirchen.

Ein- oder zweischichtiger Terrazzo mit Ziegelschrot
In den Zwangsmischer wird zuerst der Sumpfkalk, dann der Ziegelschrot gegeben (Verhältnis Sumpfkalk:Ziegelschrot =1:4).Wird zweischichtig gearbeitet, muss der Ziegelschrot für den Unterboden gröber sein als jener der zweiten Schicht. Die zweite Schicht muss sofort aufgetragen werden, bevor sich eine Sinterhaut als Trennschicht bildet. Stampfen und Glätten bleiben sich gleich.

Ornamentaler Terrazzo
Auf den gestampften Unterboden werden die Schablonen gelegt, die mit dem Kalkmörtel im gewünschten Farbton gefüllt werden. Es folgen das Glätten und das Einfügen dekorativ verlegter Stein- oder anderer Muster, die dann mit Mörtel zugedeckt werden.

Nach einem Jahr langsamer Trocknungszeit können die Böden geschliffen, nochmals gespachtelt und wieder geschliffen werden − ein langwieriger Arbeitsvorgang, der Geduld und Ausdauer fordert, dessen Ergebnis jedoch alle Mühe mehr als entschädigt.

Weitere Informationen und Kurse
Stefan Enzinger,
Kirchenmaler und Restaurator,
Werkstätten für Denkmalpflege,
A-5113 St. Georgen bei Salzburg
www.enzinger-rw.com
LanaTherm Naturbaustoffe, Widdermoos, CH-9466 Sennwald, www.lanatherm.ch
 
 
Ausgabe "2013/2 - März" bestellen
 
Text Annegret Diethelm, AD&AD, 6675 Cevio, www.adad.ch
Bild Annegret Diethelm, AD&AD, 6675 Cevio, www.adad.ch
 
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