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Wo der Kalk regiert
Verputztes Hofgewölbe für beste Akustik
 
Das architektonisch eigenwillige Gebäude «Modelhof» im Thurgauischen Müllheim dient als privates Kultur- und Schulungszentrum. Den Mittelpunkt bildet ein zweigeschossiger, mit einer Kuppel überdachter Innenhof, der als Musik- und Theaterraum mit Bühne ausgestaltet ist. Seltene Formen stellten nicht nur die Steinspezialisten vor nicht alltägliche Herausforderungen (siehe COVISS 7/2012), sondern in besonderem Mass das auf sorgfältige Restaurierungen spezialisierte Gipserhandwerk. Denn für ein geeignetes Putzsystem zur Beschichtung der Holzpanelendecke musste man sich auf Erfahrungswerte besinnen, die von der Gegenwart bis weit in die Vergangenheit der Baukunst zurückreichen.

Die im Hof, im Festsaal und in der Bibliothek erstellten Gewölbedecken mit einer geschlossenen Bretterverschalung auf einer Holzunterkonstruktion aus Holzbalken und Rippen sollen dem hohen Anspruch an die Raumakustik gerecht werden. Aus ästhetischen Gründen sollte die Holzoberfläche mit einer maximal 25 mm mächtigen Putzschicht mit glatter Oberfläche und einem mineralischen Anstrich beschichtet werden. Sämtliche Produkte sowie die handwerklichen Kreationen am Bau sollten eine langfristige Lebensdauer gewährleisten und natürlichen Ursprungs sein.

Die technische und materielle Umsetzung stellte für die Putzbeschichtung eine grosse Herausforderung dar. Um den Qualitätsansprüchen gerecht zu werden, mussten im Vorfeld mit Spezialisten bauphysikalische und statische Fragen geklärt werden wie zum Beispiel, mit welchen statischen und bauphysikalischen Einflüssen hinsichtlich Nachhaltigkeit und späterer Nutzung zu rechnen sei; mit welchen flankierenden Massnahmen bauphysikalische Bedingungen optimiert werden könnten; ob Kontrollen oder Messeinrichtungen nötig seien beziehungsweise wer solche gewährleiste… Das Ergebnis der Vorabklärungen mit dem Statiker und Bauphysiker konnte bestehende Bedenken nicht aus dem Weg räumen: Die Gewölbe sind und bleiben auch in Zukunft statischer und bauphysikalischer beziehungweise klimatischer Beanspruchung ausgesetzt, wobei die jeweiligen Dimensionen und Auswirkungen nicht vorauszusehen sind. Bauseits wurde deshalb beschlossen, die Gewölbeschale durch offene Schlitze am Gewölbeansatz zu hinterlüften und mit elektrisch bedienbaren Gaubenfenstern für regelmässigen Luftaustausch zu sorgen. Das Gewölbe soll zusätzlich mit einer geschlossen verlegten Aufsparrendämmung aus 30 cm starken Holzfaserdämmplatten isoliert werden. Zwischen der Holzverschalung und der Dämmung gewährleistet ein Hohlraum von 30 cm die Hinterlüftung.

Historische Putzaufbauten dienten als Vorbild
Um ein geeignetes Putzsystem zur Beschichtung der Holzpanelendecke zu finden, griff man auf Erfahrungswerte zurück, die von der Gegenwart bis weit in die Vergangenheit der Baukunst zurückreichen. Sämtliche modernen, industriell gefertigten Produkte konnten nicht die erste Wahl sein, wurden jedoch nicht ganz ausser Acht gelassen. Historische Verputze auf Holzunterkonstruktionen, die sich über Jahrhunderte bewährt haben, sind in vielen denkmalgeschützten Objekten vorzufinden, mit deren Erhaltung sich vor allem der Restaurierungsbetrieb von Kradolfer Gipserhandwerk seit vielen Jahren auseinandersetzt. So stösst man immer wieder auf gut erhaltene Kalkmörtel, die eine gute Verbindung mit Holzunterkonstruktionen und Holzputzträgern aufweisen. Rissbildungen in der Art feiner Haarrissmuster gehören dabei zum System und dienen der Ableitung von Kräfteeinwirkungen, die konstruktiv und auch klimatisch bedingt entstehen. Bei diesen Mörteln handelt es sich meistens um tierhaararmierte Sumpfkalkmörtel mit weicher Konsistenz und Sandkörnungen von 0 bis 8 mm. Sie wurden einst als Baustellenmischungen mit regionalen Rohstoffen hergestellt und mit einer gleichmässigen Auftragsdicke verarbeitet. Bei der Restaurierung von historischen Putzaufbauten müssen die jeweiligen Reparaturmörtel vom Handwerker selbst entwickelt und gekonnt verarbeitet werden, damit ein bauzeitliches Materialgefüge eines Decken- oder Wandverputzes auf Holzunterkonstruktion wieder hergestellt oder vervollständigt werden kann. Dabei blickt das Kradolfer Gipserhandwerk auf 50 Jahre Berufserfahrung zurück.

Bemusterung mit faserarmiertem Sumpfkalkmörtel
Mit diesem Wissen und mit der Erfahrung im Umgang mit historischen Putzaufbauten entschied man sich, eine Arbeitsprobe beziehungsweise Bemusterung mit faserarmiertem Sumpfkalkmörtel direkt am Deckengewölbe auszuführen. Zuerst glaubte man, eine dünne Trennlage zwischen Putz- und Holzuntergrund einbauen zu müssen, um letztere vor Feuchtigkeit zu schützen und ein Dehn- und Schwundverhalten des Holzes zu vermeiden. Bemusterungen mit und ohne Trennflies ergaben aber, dass die Feuchtigkeitsaufnahme des Holzes sehr gering ausfiel und der Aufwand für die Fliessmontage verhältnismässig gross ist. Also verzichtete man auf diesen Arbeitsschritt und montierte den Putzträger aus Rippenstreckmetall, Stärke 6 mm, mit Edelstahlklammern direkt auf das Tonnengewölbe. Eine kraftschlüssige Verbindung des Streckmetalls mit der Holzverschalung wurde vermieden, indem man die Befestigungsklammern mit einem Abstand von zirka 10 bis 12 mm zum Holz eingeschossen und das Streckmetall mit Draht daran angebunden hat. So konnte gewährleistet werden, dass der Putzträger von oben und unten im Sandwichsystem mit dem Kalkmörtel umschlossen war. Die Musterarbeit wurde mit dem vorgesehenen Schichtaufbau ausgeführt und mittels Abrissproben nach drei bis vier Wochen auf seine Qualität getestet. Nach einem gemeinsamen Fachgespräch mit dem Architekten und der Bauleitung zur Tauglichkeit und Risikoabwägung wurde der gemeinsame Entscheid zu dieser Ausführung gefällt.

16 Tonnen Mörtel für Putzhaut des Hofgewölbes
Mit Ausnahme der Schlussabglättung wurden sämtliche Sumpfkalkmörtel auf der Baustelle mit einem Zwangsmischer hergestellt und von Hand weiterverarbeitet. Als Sandzuschlagsstoffe für die Grundputze wurden gewaschene und ungewaschene, also Fluss- und Grubensande, und für den mehrschichtigen Deckputz Kalksteinsande aus dem Jura mit Körnungen 0 bis 1 mm verwendet. Neben dem Bindemittel Sumpfkalk dienten feine Kunststofffasern (12,7 mm für den Grundputz, 6 mm für den Deckputz) zur zusätzlichen Putzarmierung. Die erste Kalkmörtelschicht erhielt eine fünfprozentige Zugabe von Gips. Für die Schlussabglättung des Deckputzes wurde eine Kalkglätte der Firma Haga verwendet. Etwa 16 Tonnen Mörtel bilden die verputzte, aus sechs Schichten bestehende und 25 mm dicke Putzhaut des Hofgewölbes, dessen fertigen Oberflächen mit vier Sumpfkalktünchen al fresco gefasst wurden. Die Gesamtfläche des Hofgewölbes beträgt zirka 460 qm. Das die meiste Zeit in gleicher Besetzung arbeitende Team führte die Verputzarbeiten von der ersten bis zur letzten Schicht aus. Die eigentlichen Arbeiten nach der Konzeptentwicklung begannen am 20. Juni am Hofgewölbe und endeten mit der Fertigstellung des gleichen Putzaufbaus an den Gewölben der Bibliothek und des Festsaales am 24. Oktober 2011. Nachträglich wurden im März 2012 die bauseits vorgefertigten Stuckrosetten der Hoflüster mit Gipskleber und Schrauben montiert.

Ein Miteinander auf Augenhöhe
«Der Bau des Modelhofs in Müllheim war ein unglaublich spannender und interessanter Prozess, der zu einem Ergebnis geführt hat, das alle Beteiligten begeistert. Die einzigartige Atmosphäre der Zusammenarbeit widerspiegelt sich unter anderem im eigens vom Bauherr eingerichteten Mittagstisch, zu dem alle beteiligten Handwerker eingeladen wurden. Dieser respektvolle Umgang zeichnete den gesamten Arbeitsprozess am Modelhof aus. Es herrschte ein Miteinander auf Augenhöhe, das sich durch jede Arbeitsphase zog – von der Entwicklung und Planung bis zur Ausführung der letzten Handgriffe. Durch diese angenehme und anregende Atmosphäre entstand ein Klima, in dem alle ihr Potenzial einbringen und ausschöpfen konnten. Und genau dieses Klima war es auch, das uns jeden Tag (mit Ausnahme von zwei Sonntagen) auf die Baustelle trieb, denn einzelne Arbeitsschritte mussten genau dann ausgeführt werden, wenn das Material sie zuliess. Aber nicht nur der Mittagstisch, die angenehme Stimmung und der respektvolle Umgang zwischen allen Beteiligten entschädigten und spornten zu Höchstleistungen an, sondern für uns war es bewegend und emotional, an diesem herausragenden Objekt mitarbeiten zu dürfen – nicht zuletzt, weil hier Handwerk gelebt wurde. Ich möchte deshalb diese Gelegenheit nutzen, mich im Namen des gesamten Teams bei der Bauherrschaft und allen Beteiligten für die einzigartige Zusammenarbeit zu bedanken.»


Bauinfo

Bauherr und Auftraggeber:
Dr. Daniel Model, Model Management AG, Industriestrasse 33 8570 Weinfelden

Entwicklung, Entwurf und Objektplanung: Urs Strähl, 8555 Müllheim Dorf

Architekten: Reto Egloff, Architekt SIA, 9652 Neu St. Johann

Bauleitung: Iwan Strähl, 8555 Müllheim Dorf

Gipserarbeiten: Kradolfer Gipserhandwerk, 8570 Weinfelden − Jörg Kradolfer, Frank Bergmann, Eugen Bucher, Walter Brauchli, Anibal Parente Baptista, Artur Wagner, Patrik Appel, Antonio Liechetta, Jasmin Restle, Fernando Sanchez, Beatrice Sobisch

Malerarbeiten: Martin Vock AG, 8570 Weinfelden

Zeitraum: Juni bis Oktober 2011 
 
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Text Frank Bergmann
Bild Kradolfer Gipserhandwerk
 
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