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Seit über zehn Jahren Gesteine pulverisiert
Pigmente sind mehr als Farben
 
Der Kunstschaffende Urs A. Furrer pulverisiert seit über zehn Jahren Gesteine. Mit den Pigmenten malt und experimentiert er. Beim Interview erzählt er, was ihm die Gesteinsfarben bedeuten und warum er sich an die Schweizerische Geotechnische Kommission (SGTK) wandte.

Milena Conzetti: Herr Furrer, Sie sind ein Künstler, der sich mit Geologie befasst, wie kommt das?

Urs A. Furrer: Ich pulverisiere Gesteine aus der Schweiz, im Moment vorwiegend aus den Bündner Bergen, wo ich lebe – und die so gewonnenen Pigmente brauche ich als Farbe zum Malen. Ich habe mittlerweile ein Farbalphabet mit 151 Farben aus den Schweizer Bergen. Diese Vielfalt und die Nuancen, die finde ich faszinierend. Ich probiere auch aus, was sich mit den Pigmenten alles machen lässt: Schminke, Textilien färben, Wandanstriche, oder auch: wie schmecken sie? Bei der Arbeit mit den Pigmenten und in der AlpWerkstatt, wo ich zum Beispiel mit Kindern und Erwachsenen Steinpigmente herstelle, merke ich: Diese Gesteinsfarben sind mehr als synthetische Farben aus der Tube. Sie schaffen Beziehungen, sie berühren emotional – den richtigen Begriff für ihre Wirkung habe ich noch nicht gefunden. Mich interessiert auch: was ist das schwärzeste Schwarz? Das leuchtendste Weiss? Weil mich wunder nimmt, was dahinter steckt und womit ich arbeite, habe ich mich an die SGTK gewendet.

Und was kam dabei heraus?
Erstmal war ich ganz erstaunt, dass Rainer Kündig, Konrad Zehnder und Donat Fulda grosse Freude an den Gesteinsfarben hatten. Sie haben sofort mitgeredet und sich gefühlsmässig ähnlich ausgedrückt wie ich als Künstler. Es war gleich ein schöpferisch-konstruktiver Austausch. Ich könnte mich ja nie in ihrer naturwissenschaftlichen Sprache sinnvoll unterhalten. Auch wenn ich wollte, könnte ich das alles nicht mehr lernen. Das hat mich sehr beeindruckt. Die SGTK hat einige meiner Pigmente mit ihren Methoden untersucht, mit Binokularlupe, Polarisationsmikroskop, Röntgendiffraktion und weiteren Tests, um herauszufinden, aus welchen Mineralien und Bestandteilen das Gesteinsmehl besteht. Das ist sehr spannend für mich. Ich beschäftige mich ja auch mit der Frage, wie diese Farben überhaupt entstanden – und da bin ich bald bei Fragen, mit denen sich auch Geologen befassen: beim Aufbau und der Entstehung der Welt. Und: Was ist unter meinen Füssen? Da gehören Geologie und Kunst zusammen. All diese Fragen sind in den Pigmenten drin.

Mit dem Wissen über die Bestandteile könnte ich auch versuchen herauszufinden, welche Körner besonders positiv wirken und diese dann verstärken. Vielleicht entsteht die besondere Wirkung der Farben auch dadurch, dass der Mensch teilweise aus den gleichen Elementen besteht wie das Gestein. Ist das anziehend? Es wäre sicher höchst interessant, einmal mit einem Neurologen über die Wirkung der Pigmente zu sprechen oder zu messen, welche Energie diese abstrahlen.

Was ist denn das Besondere bei den Steinfarben?
Ich hatte ein Schlüsselerlebnis, noch bevor ich mich mit den Steinen beschäftigte. Für eine Auftragsarbeit schuf ich zwei Bilder mit Material aus Zollikon: eines mit Pigmenten von Zolliker Kraftorten und schönen Plätzen in der Natur, das andere mit pigmentiertem Material aus Strassenputzmaschinen, Schotter und anderen verschmutzten Dingen. Bei der Ausstellung erhielt ich von mehreren Personen die Rückmeldung, dass das eine Bild – das mit dem Schmutz – sehr beunruhigend wirke, eine Besucherin kam gar ins Schwitzen. Da ich beim Malen der Bilder Ähnliches an mir feststellte, hat mich das nicht gewundert, sondern bestätigt. Und ich merkte, aha, das gewählte Material hat eine Wirkung!

Die Ausstrahlung der Naturfarben kriegt man mit synthetischen Farben einfach nicht hin, und jede Steinfarbe ist ein Geheimnis ohne Rezeptur. Bis jetzt habe ich nur mit den natürlichen Pigmenten erlebt, dass alle Betrachtenden emotional berührt, fasziniert und bezaubert sind. Dieses Material löst Kraft aus und schafft Beziehung. Die Qualität der gewählten Farbe ist also sehr wichtig, das hat Wirkung. Natürlich vor allem dort, wo man lebt. Die Steinfarben bleichen zum Beispiel nicht aus. Man kann es auch mit Nahrungsmitteln vergleichen: Da achte ich ja auch auf die Herkunft und will lieber «Bio» essen als etwas Synthetisches. Das ist eine Frage der Lebensqualität. Für mich ist es zudem eine grosse Freiheit, die Farbe nicht beeinflussen zu können, sondern einfach entgegenzunehmen, was die Natur mir gibt. Ich bin jedes Mal von Neuem entzückt, welche Farbe beim Pulverisieren eines Gesteins entsteht. Ich kann ja eigentlich gar nichts für diese Farbenvielfalt, für diese Faszination und Kraft. Ich bin ja eigentlich faul: Ich zermahle nur Steine, eine simple Idee. Braucht es Faulheit, um andern so eine Freude zu bereiten?

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, aus Steinen Farbpigmente herzustellen?
Ich war oft in Bachbetten auf der Suche nach Zeichen unterwegs, also nach Quarzspuren in Tonschiefern. Diese Spuren waren wie Geheimnisse, die ich malen wollte. Aber den Farbton des Schiefers bekam ich zu Hause mit den gängigen Künstlerfarben einfach nicht so hin, wie ich ihn gefühlt hatte. Plötzlich hatte ich die Idee, den Stein direkt zu verpulvern. Ich strich ihn auf und als er trocken war, gab es kein Halten mehr. Ich war gefesselt! Plötzlich störten auch die vielen Nuancen und Abweichungen nicht mehr. Da wusste ich: Hände weg vom synthetischen Zeugs und ab in die Berge! Nie hätte ich gedacht, dass das solche Ausmasse annehmen könnte und so intensiv wird. Nun ist mein Projekt, die Schweizer Alpen zu pulverisieren. Letztes Jahr bekam ich vom Steineklopfen einen Tennisarm, jetzt habe ich einen Occasionsshredder gekauft. Ich merke auch, dass der Begriff «Farbe» für die Pigmente zu wenig weit greift. Ich suche nach einem Begriff, der diese Ausstrahlung, die Beziehung, die Kraft und so weiter verbindet. Ich bin sehr gespannt, was da alles noch passiert und entsteht. 
 
Ausgabe "2013/1 - Februar" bestellen
 
Text Milena Conzetti; Geosciences Actuel (Quelle)
Bild Urs A. Furrer
 
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