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Das Internationale Jahrbuch der Oberfläche
Die Emanzipation der Oberfläche vom Material
 
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In Architektur und Innenarchitektur trennt sich zunehmend Verkleidung von Statik und Funktion. Sandwich und Leichtbau, Kunststoffe und Composite nehmen den Werkstoffen ihre materielle Identität. Die digitale Wende hat nicht nur die Auflösung körperhafter Produkte zugunsten von Benutzeroberflächen oder vielfach gar ihre völlige Entmaterialisierung zur Folge.

Inzwischen machen sich auf fast allen Materialsystemen digitale Oberflächentechniken breit, die immer neue Oberflächeneffekte generieren. Solcherart befreit vom Diktat der Mengenproduktion, gewinnt die Ästhetik der Oberfläche rasant an Eigenständigkeit. Ein Paradigmenwechsel scheint sich anzubahnen: Die Hülle wird wichtiger als Form und Inhalt. Die Oberfläche löst sich mehr und mehr von ihrem materiellen Substrat.

Die Internationale Zeitschrift und Schriftenreihe für Architektur bestätigt in ihrer Ausgabe vom März/April 2011: «Surface ist nicht allein die Übersetzung von Oberfläche. Surface hat sich zu einem eigenständigen Begriff verselbständigt und von seinem Untergrund gelöst. Seitdem bestimmt sie in hohem Masse die Architekturavantgarde und ist zum diskreten Helfer der Stars geworden.»

Die Oberfläche ist nicht mehr die quasi naturgegebene materialtypische Erscheinung, nicht mehr die materialgerechte Verarbeitung des Substrats, sondern eine sinnliche Eigenschöpfung, in gewisser Weise die sensorische Erlösung vom Material.

Wurde früher nicht alles glatt gemacht, die Oberfläche einfach nivelliert? – Diese glatte Welt der Industrie geht zu Ende. Menschen wollen Dinge, die leben, Oberflächen, die Strukturen aufweisen, erfühlbar und deshalb begreifbar sind. Deshalb ist Haptik (vom Griechischen haptós: fühlbar) nicht nur ein momentaner Oberflächentrend, sondern ein Schlüsselwort für die Technologie des 21. Jahrhunderts. Die Haptik, sagt Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Universität Leipzig, ist das grösste Fenster unseres Gehirns in die Welt. Eine Vielzahl elementarer Informationen über Dinge und Sachen erhalten wir nur, wenn wir sie anfassen. Berührungsreize sind elementar, für das, was Menschen ausmacht. Als wir auf diese Welt kamen, konnten wir zwar sehen, aber sahen doch nichts. Wir mussten die Dinge um uns erst begreifen: anfassen, riechen und schmecken, in den Mund nehmen, werfen oder fallen lassen. Was wir so gewannen, speicherten wir schliesslich im optischen Bild von den Dingen ab. Und deshalb fassen wir die Dinge noch so gerne an.

Das Ungehobelte ist Mode und Stil geworden
Seit drei Jahren schon ist die sägeraue Holzoberfläche der dominierende Trend auf der Mailänder Möbelmesse, die bekanntermassen weltweit die Massstäbe setzt. Ausgerechnet im modebewussten und stilsicheren Italien ist das Ungehobelte Mode und Stil geworden. Dahinter steht wohl das Verlangen nach mehr – pauschal formuliert – Authentizität angesichts der zunehmenden Komplexität und Virtualität unseres Lebens. Das Aufgesetzte, das Gespielte, das unpersönlich Technokratische ist uncool geworden. Je mehr wir selbst in Rollen gedrängt werden, in denen es nur darum geht, eine gute Figur zu machen, sich gut zu verkaufen und uns perfekt zu inszenieren, durchschauen wir das uns täglich Dargebotene. Umso mehr sehnen wir uns nach dem Ursprünglichen, Echten und Unverfälschten. Die coolsten Typen haben sich selbst entzaubert. Seit ihrem Crash ist das Vertrauen in Brocker und Banker massiv gestört. Und nicht nur in sie, in alle, deren «Leidenschaft» nicht gefühlsecht ist und nicht wirklich Verantwortung übernimmt.

Der Trend zum Authentischen ist keineswegs so neu. Er köchelt schon seit der Postmoderne der 1980er Jahre. Gleichzeitig mit den kühlen, dekorativen Formen und Farben und den nur scheinbar kostbaren Materialien in Design und Architektur entstand auch das, was wir später Lifestile nannten. Schnelllebige, vordergründige und zeichenhaften Rituale. Aber, erinnern wir uns, es war auch der unerhörte Moment, in dem Handwerklichkeit und Patina erstmals die heilige Kuh technischer Perfektion in Frage stellten. Seither befindet sich diese stetig auf dem Rückzug. Die Formen werden immer puristischer, die Materialoberflächen umso lebendiger. Der Purismus ist Reduktion zugunsten der Oberfläche. Kühle, formale Nüchternheit paart sich mit gefühlsbetonter Materialität, ja ist deren Bühne.

Tatsächlich gealterte Materialien im Vordergrund
Ganz im Einklang mit diesem Trend werden im Internationalen Jahrbuch der Oberfläche 2013 nicht nur der «Used Look» und «Vintage», sondern tatsächlich gebrauchte und gealterte Materialien wie wieder aufgearbeitete Hölzer und Ziegelsteine aus Abbruchgebäuden im Vordergrund stehen. Die historischen Vorlagen werden jedoch vielfach von neuen Oberflächen übertroffen, die ebenso ursprünglich, handwerklich, fachmännisch, natürlich, wertig und langlebig erscheinen. Eine Steinoberfläche dieser Art sieht nicht aus wie Stein, sondern ist Stein. Eine 1-mm-Steinschicht auf 4-mm-Kork erlöst uns von den Nachteilen des Materials und gewährt uns die einem Bodenbelag höchst angemessenen Eigenschaften. Der überkommene Kult um das Material wird abgelöst von der Wahrheit der Materialität und der Funktionalität des Produkts.  
 
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Text Gerd Ohlhauser
Bild Surface Yearbook
 
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