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Wo der Stein regiert
Kulturzentrum hinter massiven Steinmauern
 
Der «Modelhof» im Thurgauer Dorf Müllheim fällt architektonisch aus dem Rahmen, seine Formensprache ist für die heutige Zeit ungewöhnlich. Technisch weist der Neubau bemerkenswerte Eigenheiten auf, speziell, was den Einsatz massiver Bauteile aus Naturstein betrifft. Seltene Formen stellten die Steinspezialisten vor nicht alltägliche Herausforderungen.

Bauherr des im Juni 2012 eingeweihten Modelhofs ist Daniel Model, Chef der international tätigen Model-Gruppe mit Hauptsitz in Weinfelden TG. Das architektonisch eigenwillige Gebäude dient in erster Linie als privates Kultur- und Schulungszentrum. Den Mittelpunkt bildet ein zweigeschossiger, mit einer Kuppel überdachter Innenhof, der als Musik- und Theaterraum mit Bühne ausgestaltet ist. An diese auf drei Seiten mit Säulengängen abgeschlossene Halle und in deren Untergeschoss sind zwanzig Schulungs- und Aufenthaltsräume angelegt.

Stilistisch lässt sich der Modelhof nicht leicht einordnen. Der Bauherr selbst sagte dazu einmal: «Ich mag das Archaische im Sinne des alles Überdauernden. Ich freue mich an klassischen Massen und am Verbindenden des Runden und des Geraden als Kulmination der Form.» Der Steinbildhauer Urs Strähl, Gründer und Leiter der nur einen Steinwurf vom Modelhof entfernten Bildhauerschule Müllheim, erstellte einen entsprechenden Entwurf. Als prägendes Gestaltungselement wählte er die Cassinische Kurve in Verbindung mit einem Rechteck im Goldenen Schnitt. Diese Kombination findet sich in unterschiedlichen Anwendungen, so unter anderem bei der Portalfassade, den Säulen und Treppen sowie den Fenster- und Türgewänden.

900 Tonnen Rorschacher Sandstein
Äusserlich präsentiert sich der Modelhof auf einem Grundriss von 46 x 29 m als rechteckiger, 17 m hoher Steinbau. An die nach Westen ausgerichtete Hauptfassade ist ein gemäss der Cassinischen Kurve geschwungener Mittelrisalit angefügt. Zwei ebenso geformte Treppen beidseits eines zentralen Wasserspiels münden oben in zwei seitliche Eingänge, die sich – vom Vorplatz aus unsichtbar – vor einer reich verzierten Haupteingangstür aus Bronze vereinen.

Für den Grossteil der Steinarbeiten wurde Rorschacher Sandstein eingesetzt, ein graues Naturmaterial, das durch die Firma Bärlocher Steinbruch und Steinhauerei AG aus Staad SG auf Gemeindegebiet von Thal abgebaut wird (siehe Box). Aus diesem traditionsreichen Sandstein sind ab dem Sockelgeschoss nicht nur sämtliche Mauern und Fenstereinfassungen sowie der vorspringende Risalit gestaltet, sondern auch die imposante Pfeiler-Bogen-Konstruktion des Innenhofs, der Bodenbelag sowie die Bühnentreppe und die Bühneneinfassung im Theater- und Konzertraum.
Das 82 cm dicke Fassadenmauerwerk wurde im sogenannten «englischen Fugenverband» versetzt. Über eine Höhe von 10,5 m wurden Steine im Format 60 x 30 x 18 cm hochgemauert. Es handelt sich um eine Binder-Läufer-Konstruktion, wobei auf jeder dritten Steinlage 50 cm tiefe Sandsteinbinder in das dahinterliegende Backsteinmauerwerk eingreifen und so für Stabilität sorgen. Die im Erdgeschoss rechteckigen und im Obergeschoss oben gerundeten Tür- und Fenstereinfassungen sind aus dem gleichen Sandstein gefertigt. Die Oberflächen sind geschliffen. Allein die steinerne Fassadenfläche aus Rorschacher Sandstein misst 1450 m2. Insgesamt wurden im Verarbeitungswerk der Firma Bärlocher rund 900 Tonnen bearbeitete Werkstücke hergestellt und auf der Baustelle in Arbeitsgemeinschaft mit der Firma Abraxas AG, Uerzlikon ZH, versetzt.

Die anspruchsvollsten Arbeiten in Rorschacher Sandstein finden sich im Innenhof. Neunzehn reich verzierte massive Säulen tragen die Bogenkonstruktion aus Sandstein. Die sogenannten Kämpferelemente, die Widerlager zwischen den Bögen und den Säulenkapitellen, wiegen je 1,3 Tonnen. Auch die Bühneneinfassung, die Bühnentreppe und der Fussboden sind aus dem gleichen Material. Für die runden Bauteile waren werkseitig achtzig verschiedene Radialsteine in unterschiedlichen Massen mit Gewichten von bis zu 1,5 Tonnen herzustellen. Wie Firmenchef Hans-Jakob Bärlocher erklärt, konnte sein Unternehmen bei der Produktion auf ein spezialisiertes betriebseigenes CAD-System zurückgreifen. Zur Fertigung der einzelnen Elemente liessen sich die Daten direkt auf die CNC-Maschinen übertragen. Vor dem Versetzen auf der Baustelle wurden diese Bauteile von örtlich beigezogenen Steinmetzinnen und Steinmetzen noch handwerklich überarbeitet und geschliffen.

So nachhaltig wie möglich
Der Gebäudesockel des Modelhofs ist ebenfalls massiv ausgebildet. Hier besteht die Mauer aus etwas helleren Bausteinen in Tessiner Gneis im Regelmass 90 x 27 x 40 cm und einem fest damit verzahnten inneren Backsteinmauerwerk. Das Tessiner Unternehmen Ongaro SA, Cresciano, lieferte rund 2000 massive Werkstücke aus Cresciano Gneis. Für einige besonders reich profilierte Bauteile, so für das Eingangsportal und das dreistufig profilierte Triptychon (eine klassische Steinmetzarbeit mit doppelt gebogenen Flächen), wurde als drittes Steinmaterial der graue Bollinger Sandstein verwendet. Diese Bauteile fertigte und lieferte die Müller Natursteinwerk AG, Neuhaus SG.

Dass durchwegs regionale oder zumindest schweizerische Natursteine eingesetzt wurden, hat unter anderem mit dem erklärten Willen des Bauherrn zu tun, das Bauwerk so ökologisch und nachhaltig wie möglich zu errichten. Auf lange Transportwege sollte verzichtet werden. Auch bei der Wahl des Holzes für die Böden in den Schulungs- und den übrigen Räumen galten die gleichen Kriterien. Auf eine Wärmedämmung wurde beim Modelhof übrigens verzichtet. Die energetischen Vorschriften liessen sich auch mit anderen konstruktiven Lösungen einhalten, insbesondere mit der beschriebenen dickeren Mauerstärke.

Rorschacher Sandstein – zeitlos natürlich
Die Steilhänge oberhalb von Rorschach und Staad sind seit Jahrhunderten als Steinabbaugebiet bekannt. Viele historische Bauten rund um den Bodensee sind Zeugen davon. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestanden hier mehrere Dutzend kleinere und kleinste Steinbrüche, die insgesamt mehrere hundert Steinbrecher beschäftigten. Heute gewinnt und verarbeitet allein die Firma Bärlocher Steinbruch und Steinhauerei AG, Staad, mit modernster Abbau- und Weiterverarbeitungstechnik eine weitaus grössere Menge als alle die damaligen Brüche zusammen. Ein elektrisch betriebenes umlaufendes, mit Industriediamanten bestücktes Seil ist in der Lage, stündlich bis zu 15 m3 Steinfläche aus dem Fels zu sägen. Auf diese Weise werden zunächst häusergrosse Blöcke aus der Bruchwand herausgeschnitten, danach in kleinere Blöcke unterteilt und im angegliederten Werk zu Produkten für den Hoch-, Tief- und Gartenbau verarbeitet. Die jährliche Gesamtproduktion beträgt etwa 12’000 Kubikmeter Naturstein. Der Rorschacher Sandstein ist ein feinkörniges, sehr homogenes, graues Material mit einem Stich ins Grünliche. Er wird in der ganzen Schweiz, aber auch im Ausland, insbesondere in Deutschland und Österreich, abgesetzt.
www.baerlocher-natursteine.ch


Bauinfo

Objekt:
Modelhof Müllheim

Bauherrschaft: Daniel Model, Weinfelden/Schweiz

Entwurfsarchitekt: Urs Strähl, Steinbildhauer, Müllheim/Schweiz

Architekt (Detailplanung): Reto Egloff, Architekt USI SIA, Neu St. Johann und Müllheim/Schweiz

Projektleiter/Bauleiter: Jwan Strähl, Bildhauer, Müllheim

Bauingenieur: A. Keller AG, Weinfelden

Lieferanten Naturstein: Bärlocher Steinbruch und Steinhauerei AG, Staad/Schweiz (Rorschacher Sandstein); Ongaro SA,
Cresciano/Tessin/Schweiz (Cresciano Gneis); Müller Natursteinwerk AG, Neuhaus/Schweiz (Bollinger Sandstein)

Versetzarbeiten Naturstein: Arbeitsgemeinschaft Modelhof, bestehend aus Abraxas AG, Uerzlikon/Schweiz, und Bärlocher Steinbruch und Steinhauerei AG, Staad

Handwerkliche Natursteinarbeiten: Bildhauerschule Müllheim; Hemmi Bildhauer GmbH, Bischofszell/Schweiz

Kontakt und weitere Infos: www.modelhof.ch
 
 
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Text Kunst+Stein, Robert Stadler, Naturstein-Fachjournalist, Zürich
Bild Robert Stadler
 
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