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Tadelakt – mineralischer Glanzputz
Wasserfeste Oberflächen voller Magie
 
Tadelakt ist eine traditionelle marokkanische Putztechnik. Dank vielseitiger ästhetischer Besonderheiten und positiver Anwendungseigenschaften stösst Tadelakt bei schweizerischen Bauherren und Architekten auf grosses Interesse. Die Verarbeitung des natürlichen Materials aus Muschelkalk setzt erhöhtes handwerkliches Geschick voraus und erfordert von den Bestellern einen offenen Blick für die inhomogene Einzigartigkeit des Tadelakts. COVISS hat mit zwei Tadelaktspezialisten gesprochen und ihnen auf ihr Handwerk geschaut.

COVISS:
Was bedeutet Tadelakt?
Daniel Haller: Der Tadelakt, gesprochen «Tade-Lakt», ist ein antiker marokkanischer Kalkputz. Das arabische Wort leitet sich vom Verb «dalaka» für reiben, streicheln, kneten und massieren ab.

Thomas Künzi: Tadelakt ist eine Mischung aus Calcit, also Muschelkalk, mergeligem Ton und Sand. Diese Mischung kann durchaus auch Holzkohlereste und Holzstückchen enthalten, nachdem sie nach traditionellem Verfahren im Holzofen gebrannt worden ist. Der Ausdruck des verarbeiteten Materials ist nur schon deshalb unvergleichlich.

COVISS: Wofür verwendete man die Tadelakt-Technik in der Antike?
Daniel Haller: Zunächst wurde diese Technik zur Abdichtung von Zisternen angewendet. Dann wurde Tadelakt in den Hammams, den orientalischen Bädern, und auch in Palästen ausgeführt. Traditionell wird die Tadelakt-Technik von Berbern ausgeführt, die ihr Wissen um die richtige Verarbeitung von Generation zu Generation weitergeben.

COVISS: Und heute?
Daniel Haller: Heute wird Tadelakt in der modernen Architektur als faszinierender, natürlicher, wasser- und hitzebeständiger Baustoff geschätzt. Natürliche Verputze wie Lehm oder eben Tadelakt mit ihren besondern Eigenschaften sind bei Hausherren und Architekten gefragt, sicher auch, weil ein ökologisches Bewusstsein eine solche Nachfrage zusätzlich verstärkt.
Thomas Künzi: Lassen Sie mich hinzufügen, dass der neue, europäische Wellness-Trend seine Wurzeln in jahrhundertealten Baderitualen der orientalischen Kultur hat. Es ist nahe liegend, dass man nicht nur das Ritual an sich, sondern auch das Material übernimmt. Eine Jahrhundert alte Technik, die bis heute der Technisierung standgehalten hat, spricht auch für das traditionell verwendete Material.

COVISS: Kann auch hochwertiger Kalk aus der Schweiz für die Tadelakt-Technik verwendet werden?
Thomas Künzi: Nein. Denn wie ich bereits erwähnt habe, ist Tadelakt ein Material, das aus verschiedenen Komponenten besteht, die ihm den einzigartigen, unvergleichlichen Charakter geben. Und in dieser besondern Zusammensetzung ist Tadelakt «made in Switzerland» nicht erhältlich.

COVISS: Was macht Tadelakt so anders im Vergleich zu heimischen Kaltputz-Techniken?
Thomas Künzi: Tadelakt ist wasserfest, nicht wasserdicht! Und Tadelakt ist diffusionsoffen. Sie haben ein steinartiges Material mit einer eleganten Oberfläche, ähnlich wie polierter Marmor – also keine perfekte Sieblinie, dafür eine natürliche, lebendige Oberfläche.

Daniel Haller: Tadelakt kann einlagig etwa fünf Millimeter stark und zweilagig in jeweils zwei bis drei Millimeter dicken Schichten auf einen mineralischen Untergrund aufgebracht werden. Die erste Schicht dient als Grundierung und bleibt ungefärbt und rau. Die zweite Schicht wird mit der Traufen geglättet und anschliessend, sobald das Material die Konsistenz von Knete erreicht hat, mit einem handgrossen, an einer Seite plan geschliffenen Fluss- oder Halbedelstein in kleinen, kreisenden Bewegungen verrieben.

COVISS: Mit welchem Effekt?
Daniel Haller: Mit dem Effekt, dass die Poren geschlossen werden, womit auch die von Thomas Künzi erwähnte natürliche Wasserfestigkeit gegeben ist. Bei mehrmaligem Polieren mit dem Stein beginnt der Putz zu glänzen. Während er noch in der Carbonisationsphase ist, wird bevorzugt eine Seife aus schwarzen Oliven mit einem Pinsel oder Sprüher auf den Putz aufgetragen, die mit dem Kalk chemisch reagiert und eine alkalische, hydrophobe Seifenlaugen-Schutzschicht entstehen lässt. Kleinste Poren werden geschlossen, und es entsteht zusätzlicher Glanz.

COVISS: Worauf ist beim Auftragen und Gestalten besonders zu achten?
Daniel Haller: Auf den Untergrund. Denn geradeso wichtig wie die Verarbeitung des Tadelakts ist der absolut Formstabile Untergrund. Am besten bewährt sich Tadelakt auf Beton, Kalkputz, Zementputz, Lehmkalkputz und gemauerten Flächen.

Thomas Künzi: Zu beachten ist auch, dass Tadelakt nur in feuchtem Zustand bearbeitet werden kann. Umso bedeutender ist der richtige Zeitpunkt für die einzelnen Arbeitsschritte. Erfahrung ist hier unabdinglich.

COVISS: Was für Effekte lassen sich mit Tadelakt erzielen und unter welchen Voraussetzungen?
Thomas Künzi: Wenn Tadelakt mit Wasser in Berührung kommt, verändert er seine Oberfläche, fängt an zu leben. Viele kleine Risse werden sichtbar. Wieder ausgetrocknet, sind sie für das Auge unsichtbar. Mit einer bestimmten Technik können die Risse aber auch dauerhaft sichtbar gemacht werden. So ist Tadelakt mit der Oberfläche von Raku-Keramik vergleichbar.

Daniel Haller: Die Oberfläche des Tadelakts wird mit einer nassen Holzkelle und mit kreisenden Bewegungen flach gerieben oder wunschgemäss geformt, anschliessend durch Pressen mit einer Plastikkelle das Fett des Kalks an die Oberfläche gedrückt. Was bleibt, ist ein Dünnfilm, der mit einem Stein poliert wird, bis die Oberfläche glänzt. Bevor sie ausgehärtet ist, können ebenfalls mit einem Stein Strukturen eingearbeitet werden. Diese nasse Technik erlaubt zum Beispiel, Bewegungen in die Oberfläche einzuarbeiten, die durch verschiedene Lichtwinkel unterschiedliche Reflektionen ergeben. Nach einer gewissen Zeit kann im Anschluss mit einer Plastikkelle geglättet werden. Dadurch werden die mit dem Stein kreierten Strukturen mehr oder weniger verschwinden, beziehungsweise sind ein letztes Mal beeinflussbar.

COVISS: Und wie beschreiben Sie die Farbwirkung von Tadelakt?
Daniel Haller: Die Farbwirkung von Tadelakt ist nicht wie bei eingefärbten Putzen gleichmässig, sie ist direkt von der Verarbeitung abhängig. Da, wo das Material stärker verdichtet wird, entsteht ein dunklerer, tieferer Farbton. Bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen wirkt die Farbe einer Tadelaktoberfläche jedes Mal anders.

COVISS: Tadelakt wird oft in Beziehung mit traditionell weichen und runden Formen wahrgenommen. Eignen sich Baustoff und Technik auch in einem modernen architektonischen Kontext der klaren Linien, Kanten und der leuchtenden Farben?
Thomas Künzi: Auf jeden Fall. Tadelakt ist zum Beispiel eine hervorragende Alternative zu Sichtbeton. Scharfe Kanten lassen sich mit rostfreien Kantenprofilen problemlos gestalten. Auch ist die Farbpalette an kalkechten Pigmenten sehr gross. Weil der Tadelakt mit Pigmenten eingefärbt wird, kann hier sehr gut auf individuelle Farbwünsche eingegangen werden.

COVISS: In welchen Räumen und Bereichen kommt Tadelakt am ehesten zum Einsatz?
Daniel Haller: Tadelakt ist dank seiner hohen Stossfestigkeit und seiner marmorähnlichen Oberfläche ideal für Wellness-Bereiche, für Bäder, Kamine, Tischplatten, Treppen, Säulen und andere, auch ornamentale, Anwendungen.

COVISS: Ist die Notwendigkeit von Fugen auch beim Tadelakt ein Thema?
Daniel Haller: Die bearbeitete Fläche in sich ist fugenlos. Anstossende Bauteile mit unterschiedlicher Stabilität sollten wegen den Spannungsunterschieden getrennt sein.

Thomas Künzi: In einem Dampfbad jedoch lassen sich Boden, Wand und Decke völlig fugenlos in einem Stück gestalten.

COVISS: Was macht die Faszination Tadelakt aus?
Thomas Künzi: Tadelakt kann nur von Hand hergestellt werden – ohne jede maschinelle Verarbeitung.

Daniel Haller: Die schimmernden Oberflächen üben eine Faszination aus, der sich wohl niemand ganz entziehen kann. Man muss diese Flächen einfach anfassen. Tadelakt hat etwas Unmittelbares, Ursprüngliches und deshalb Unwiderstehliches, Anziehendes. 
 
Ausgabe "2006/6 - Oktober" bestellen
 
Text Gregor Eigensatz
Bild Daniel Haller, Tierrafino.NL
 
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