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Sinn und Zweck von Labels
Neue Umwelt-Etikette auf dem Prüfstand
 
Die neu lancierte Umwelt-Etikette der Schweizer Stiftung Farbe möchte auf dem Markt für Innenwand- und Deckenfarben Transparenz schaffen. Das Label sei an Normen anderer bekannter Umweltzeichen angelehnt und integriere diese, ist in der Medienmitteilung zu lesen (COVISS 3/2012). Bei jener COVISS-Leserschaft, die sich bisher via Leserbrief zum neuen Label geäussert hat, löst die Etikette und deren Inhalte mehrheitlich gemischte Gefühle oder gar Kritik aus.

«Das Bedürfnis nach klaren ökologischen Beurteilungskriterien von Techniken und Produkten entspringt hauptsächlich den negativen Erfahrungen mit menschenverursachten Umweltproblemen oder gar Umweltkatastrophen. Wie viele Industrien, so hat auch die Farbindustrie in ihrer Geschichte Produkte auf den Markt gebracht, die umwelt- und gesundheitsbelastend waren und es zum Teil noch sind. Um dieser Problematik zu begegnen, hat sich die Schweizer Stiftung Farbe konstituiert, der vornehmlich der VSLF (Verband der Schweizerischen Lack- und Farbenindustrie), der SMGV (Schweizerischer Maler- und Gipserunternehmer-Verband), und der HEV (Hauseigentümer-Verband) angehören. Die von der Stiftung Farbe neu lancierte Umwelt-Etikette soll interessierten Kreisen wie Bauherren, Behörden, Planern und Verarbeitern ein Mittel an die Hand geben, sich einfach und schnell ein Bild über ökologische Eigenschaften und Gebrauchstauglichkeit von Innenwandfarben zu machen.

Ein Heilmittel?
Ja, gewiss. Die Einteilungskriterien der Umwelt-Etikette sind tatsächlich so gewählt, dass man davon ausgehen kann, mit einem Produkt der A- oder B-Klasse eine ökologisch sinnvolle und gebrauchstaugliche Innenfarbe zu wählen. Nicht verwunderlich, dass fast ausschliesslich Mineralfarben (Silikatfarben) in den Genuss einer A-Einteilung kommen. Aus der Sicht von KEIM erfreulich: Endlich erhält die Silikatfarbe die Würdigung, die ihr von weiten Kreisen der Farbindustrie über Jahrzehnte verwehrt wurde. Dennoch sind gewisse Vorbehalte angebracht, denn das Heilmittel ist kein Allerheilmittel.

Kein Allerheilmittel
Grundsätzlich ist nicht zu bezweifeln, dass hinter der Umwelt-Etikette eine konstruktive Haltung, gepaart mit einem Bestreben nach Transparenz und Einfachheit, steht. Aber gerade die Einfachheit des Labels verleitet zur Einfachheit in der Beurteilung: A = sehr gut, G = sehr schlecht. So besteht für den Malerstand die Gefahr, dass er aufgrund des Labels zum ‹Waschmaschinen- oder Autoverkäufer› mutiert. Auch diese Industriegüter werden mit einem allseits bekannten Label bezüglich ihres Energieverbrauchs gekennzeichnet, an dem sich die Umwelt-Etikette farblich und durch die alphabetische Einteilung stark anlehnt. Aber während bei Elektrogeräten und Autos lediglich die Energieeffizienz klassifiziert wird, vereint die Umwelt-Etikette für Farben diverse ökologische Aspekte mit Aspekten der Gebrauchstauglichkeit (Deckvermögen, Nassabriebbeständigkeit).

Nebenwirkungen
Diese Vermischung von Ökoprofil und Gebrauchstauglichkeit in einem Label ist recht problematisch, weil sie auf dem Altar der Einfachheit zahlreiche Produkteigenschaften und Potenziale opfert. Diese Problematik manifestiert sich beispielhaft an der Einteilung der Kalkfarbe. Weil Kalk als Anstrichmaterial nicht so satt deckend und auch weniger nassabriebbeständig ist, wird er in die Kategorie C eingeteilt. Man bedenke: die Kulturkonstante Kalkfarbe, die seit tausenden von Jahren unsere gebaute Umwelt prägt und mit ihrem Kalklüster einzigartig schmückt, deren Ökoprofil und gesundheitliche Verträglichkeit fast unerreicht günstig sind, muss sich bei der Umwelt-Etikette hinter diversen Dispersionsfarben einreihen, die mit einem B gekennzeichnet sind. Eine deckendere oder scheuerbeständigere Farbe ist nicht zwingend eine bessere, geschweige denn eine schönere Farbe. Farbe in ihrer Materialwirkung und Eigenart ist viel mehr als Deckvermögen und Nassabriebbeständigkeit. Gerade mit der Berücksichtigung der Nassabriebbeständigkeit und des Deckvermögens nach DIN 13300 verleitet die Umwelt-Etikette womöglich latent zur gestalterischen Monokultur. Hier muss das Malerhandwerk die Regie übernehmen und darf sich nicht unnötig einschränken lassen. Es liegt im Weiteren auch in der Kompetenz des Malers und der Malerin zu beurteilen, ob beispielsweise eine lösemittelhaltige Farbe (F oder G) womöglich nicht doch im einen oder andern Fall ökologisch angebrachter wäre als eine günstiger eingeteilte Farbe.

Wann wird die Umwelt-Etikette angewandt?
Zitat Stiftung Farbe: ‹Die neue Schweizer Umwelt-Etikette bewertet die gesamte Produktpalette der Innenwandfarben und erleichtert damit die Auswahl für möglichst umweltverträgliche und gebrauchstaugliche Produkte.› Diesen Anspruch vermag die Umwelt-Etikette in den meisten Fällen zu erfüllen, aber sie befreit niemanden von der Notwendigkeit, auch weiterhin, selbständig, kritisch und kreativ zu denken und zu handeln.»

Thomas Klug, Geschäftsführer
KEIMFarben AG




«Im Grundsatz ist es für den Verbraucher und Anwender natürlich eine sehr dankbare Angelegenheit, wenn er durch ein Label oder Gütezeichen auf einen Blick eine Information über Risiken oder Unbedenklichkeiten von Bauprodukten erhält. Gerade in einem immer unübersichtlicher werdenden Markt erfreuen sich daher Gütezeichen einer grossen Nachfrage. Bei allen Labeln oder Gütezeichen stellt sich aber noch lange vor der Bewertungsmatrix und den angewandten Analysemethoden die Frage, welche Interessen durch das Label bedient werden. Gerade bei Umwelt- und Gesundheitsdeklarationen sollten die Prüfinstitutionen und Label-Entwickler tatsächlich UNABHÄNGIGE Institutionen ohne betroffene Eigeninteressen sein. Das einzige Eigeninteresse einer Zertifizierungsstelle sollte die Durchführung möglichst vieler Prüfverfahren – egal wie das Ergebnis ausfällt − sein.

Im Fall der ‹Umwelt-Etikette› stellt sich die Frage nach den Interessen deutlich. Im Gewand einer ‹Stiftung› erscheinen hier die Anwender-Verbände selbst. Da bei diesen jedoch auch eine Vielzahl der Hersteller mit vernetzt sind, ist für den Aussenstehenden nicht erkennbar, ob es sich nicht um eine weitere ‹Selbstdeklaration› handelt. Im Werbetext will das Gütezeichen tatsächlich den Anschein einer unabhängigen Prüfeinrichtung erwecken (‹objektiv – transparent – unabhängig›). Die Unabhängigkeit wird mittels ‹Überwachung durch die unabhängige Stiftung› deklariert. Nur ist die Überwachung nicht gleichzusetzen mit einer von vornherein unabhängigen Prüfung und Zertifizierungsbegleitung.

Es gibt bereits einige unabhängige Prüfzeichen auf dem Markt, wovon sicherlich ‹natureplus› derzeit eines der am breitesten abgestützten ist. Die neue Umwelt-Etikettee assoziiert in ihrer Selbstdarstellung ähnlich unabhängige Prüfbedingungen durch die Bezeichnung ‹in Anlehnung an bekannte Kennzeichnungen›. Eine solche Zertifizierung kann es aus meiner Sicht nicht geben. Entweder sie ist unabhängig, oder sie ist es nicht. ‹In Anlehnung› an unabhängige Prüfkriterien und verfahren ist schon im Grundsatz unmöglich. Das Kronzeugentum der ‹Unterstützung durch Verbände, Behörden und Politik› unterstreicht die These eines interessengestützten und bezahlten Selbstdeklarations-Labels, da weder Verbände noch Politik grundsätzlich frei von zielgerichteten (auch unternehmerischen) Interessen sind.

Das einzige Interesse, dem ein Umwelt- oder Gesundheitslabel dienen sollte, ist aus meiner Sicht ganz klar der Erhalt der natürlichen Umwelt sowie die Gesunderhaltung des Menschen in seiner (gebauten) Umwelt. Die Realität sieht allerdings gerade im Farbenbereich anders aus. Vielfach dominieren Interessen: der Anwender nach einfacher Verarbeitung; der Hersteller nach Einbindung günstiger Rohstoffe; der Händler nach optimalen Vermarktungsargumenten. Diese Interessen müssen bei einem Gütesiegel klar ausgeschaltet werden. Das ist bei der Umwelt-Etikette nicht unbedingt erkennbar.

Auffallend ist das Deklarationsraster, das zwischen wasserlöslichen und lösemittelhaltigen Anstrichstoffen unterscheidet. Nach Bewertungssystem schneiden wasserlösliche Farben deutlich besser ab (GRÜN) als lösemittelhaltige Farben, was aus meiner Sicht zuallererst einen kundenorientierten Reflex der späten 1980er Jahre bedient. Da wasserlösliche Farben nur gering riechen, werden sie emotional unschädlicher empfunden. Dass die problematischen Inhaltsstoffe (Topfkonservierungsmittel, Füllmittel, Effekte, Pigmente usw.) aber durch die Wasserlöslichkeit direkt in Abflüsse und das Ökosystem des Wassers gelangen, wird komplett ausgeblendet. Dabei richten dort gerade die Weichmacher (Phtalate) unheilbaren Schaden an, indem Organismen wie Fische degenerieren, unfruchtbar werden und nachhaltig geschädigt werden.

Rein natürlich basierte Anstriche hätten nach dem Deklarationsraster keine Chance, über die schlecht erscheinende Kennzeichnung ‹F› (ORANGE-ROT) hinauszukommen, da hier vielfach natürliche Öle als ‹Lösemittel› eingesetzt werden und keine Wasserlöslichkeit gegeben ist. Allerdings lohnt es sich bei Lösemitteln nicht nur genau hinzuschauen, um welche Art von Stoffen (petrochemisch oder natürlich) es sich handelt, sondern auch, wie sie verarbeitet werden. Bei einer Verarbeitung in regelgerecht ausgestatteten Beschichtungseinrichtungen werden ablüftende Inhaltsstoffe nicht ins Gebäude gebracht und
ein schneller, vollständiger Abbbindungsprozess ausgelöst. Bei Wasserlacken findet oft keine vollständige Aushärtung (und Bindung von petrochemischen Inhaltsstoffen) statt. Diese dünsten dann geringe Mengen an Schadstoffen während Jahrzehnten im Gebäude aus, während werkslackierte (lösemittelhaltige) Beschichtungen bereits abgelüftet und abgebunden auf den Bau kommen. Zudem sind dünnere Schichtdicken möglich.

Die sehr publikumsfreundliche Unterscheidung in GUT (wasserlöslich) oder SCHLECHT (Lösemittel) wird aus meiner Sicht der Komplexität bei Anstrichstoffen nicht gerecht. Zudem ist das Labelsystem offensichtlich auf synthetische Anstriche (‹benutzerfreundlich›) ausgerichtet und kann rein natürliche Farben gar nicht angemessen bewerten. Bei einer Umwelt- und Ökobilanz spielen nämlich auch produktionsbedingte Nebenprodukte und Abfälle eine Rolle. Diese werden hier gar nicht erst erfasst oder als produktbezogene Problematik erwähnt.

Bei Anstrichstoffen ist aus meiner Sicht einzig der Weg einer VOLLDEKLARATION unproblematischer Inhaltsstoffe (überprüfte Angaben von Herstellern) oder eine UNABHÄNGIGE Produktprüfung sinnvoll, um Umwelt- und Gesundheitseigenschaften nachzuweisen. Das neue Label ‹Umwelt-Etikette› erweckt den Anschein eines weiteren ‹halbseidenen› Prädikats, das mehr der Vermarktung von Produkten in einer zunehmend kritisch eingestellten Gesellschaft dient als dem unvoreingenommenen Nachweis eines angemessenen und behutsamen Umgangs mit der Umwelt und dem Nutzer.»

Christian Kaiser, Dipl.-Ing. Architekt SIA,
Baubiologe IBR/IBN, natureplus Schweiz




«Ein Label wie die neue Umwelt-Etikette, das Anstrichprodukte über ihre Nachhaltigkeit beurteilt, ist anfangs Jahr entstanden. Erfüllt es diese Aufgabe?

Dass der Umwelt mit ihren Ressourcen Sorge getragen werden soll, erscheint mir als wichtig, wenn nicht sogar selbstverständlich. Dieses Ziel zu erfüllen ist nicht einfach und stellt eine echte Herausforderung an alle dar. Nachhaltigkeit ist ein sehr komplexes Thema und lässt sich nicht nur in die Hauptgruppen wasser- oder lösemittelgetragener Produkte einteilen. Auch die weiteren im neuen Umwelt-Label aufgeführten Kriterien genügen nicht, eine ganzheitliche Beurteilung über die Nachhaltigkeit der Produkte und deren Anwendung zu erhalten. Folgende Punkte wurden nicht mit einbezogen: Situative Anwendung des Produkts − es ist entscheidend, wo das Produkt eingesetzt wird und welches Anforderungsprofil es erfüllen soll; Renovationszyklus; Renovierbarkeit (Aufwand, Abfälle, Kosten); Herstellung; Produktionsort usw.
Fazit: Ein Produkt, das in der aktuell geschaffenen Tabelle in der Gruppe B eingeteilt ist, kann unter Berücksichtigung der oben zusätzlich aufgeführten Kriterien je nach Situation in einer anderen Gruppe erscheinen.

Eine weiter nicht zu unterschätzende Überlegung ist die Handhabung. Welche Richtlinie soll zum Beispiel die öffentliche Hand verfolgen? Vermutlich und aus verständlichen Gründen wird sie die Empfehlung oder Weisung erteilen, nur Produkte, die in der Gruppe A oder B eingeteilt sind, zu verarbeiten. Somit werden in vielen Situationen die obigen Kriterien nicht berücksichtigt.

Die eingangs gestellte Frage, ob das Label seine auf Aufgabe erfülle, beantworte ich mit einem klaren Nein. Das Label ist zu oberflächlich, vernichtet gute Produkte, und die fachlichen Kenntnisse der Malerunternehmer und unternehmerinnen werden übergangen. Die Gesellschaft erfreut sich in falscher Annahme an einem weiteren Umweltlabel, wie man sie längst zum Beispiel von den Auto- und Küchengeräteherstellern kennt. Es darf nicht sein, dass unter dem Deckmantel ‹Umwelt und Nachhaltigkeit› Labels geschaffen werden, die vor allem der Wirtschaft dienen. Eine ganzheitliche Überarbeitung des Labels erachte ich deshalb als zwingend!»

Peter Ziebold, Malermeister, Zürich 
 
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