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Rekonstruktion der Polychromie der Villa La Roche (II)
Le Corbusiers Prinzipien der Farbgestaltung
 
Man rätselte schon lange darüber, wie Le Corbusier die Farbenwahl seiner Salura-Kollektion von 1931 traf. In der Villa La Roche, deren Farbgestaltung der Herausgabe der ersten Salubra-Tapetenkollektion um nur wenige Jahre voranging, werden interessante Überlegungen zur Farbanwendung im Raum umgesetzt.

«Entièrement blanche la maison serait un pot à crème.» Ganz in Weiss gehalten, gleicht das Haus einem Sahnetopf, schrieb Le Corbusier 1926, ein Jahr nach dem Bau der Villa La Roche in Paris. Sein Auftraggeber Emanuel La Roche hatte Le Corbusier zuvor geschrieben: «Ich beauftragte Sie mit dem Bau einer Fassung für meine Kunstsammlung. Sie übergaben mir ein Gedicht mit Mauern.» Die Mauern der Villa waren polychrom, die vielen Farben ein unerlässlicher Beitrag zur Poesie. Leuchtend warme, weisse Wände dominierten. Sie wurden gegen dunkle Hintergründe inszeniert. Die Kunst hing mit Bedacht auf Wänden in Grau. Kräftige Farben schufen dynamische Akzente.

Le Corbusier folgte in seiner Farbauswahl und in der Platzierung der Farben bestimmten Prinzipien. Diese beschrieben er und Amadée Ozenfant 1920 in «Le Purisme», dem wichtigsten Manifest der puristischen Kunstauffassung. Die Salubra Farbklaviaturen von 1931 stellen eine Verfeinerung und Konkretisierung der 1920 skizierten Prinzipien dar.

Das Sichten und Zusammenfügen von Textfragmenten sowie die Untersuchung der Materialisierung von Le Corbusiers Farbkonzepten (COVISS 3/2012) rücken vier Prinzipien ins Licht, die Le Corbusier mehr oder weniger bewusst in seinen Farbgestaltungen befolgte. Zuerst werden vier Funktionen für Farben in der Architektur definiert: eine statische, eine konstruktive, eine dynamische und eine dekorative. Dann wird jede Funktion mit einer eigenen Palette von Farben belegt. Des weiteren werden die unbunten Farben im Bau verteilt. Und schliesslich werden vereinzelte, bunte Farbinterventionen geplant. Auf den folgenden Seiten sollen diese Prinzipien beschrieben und in den Kontext der Farbgestaltung der Villa La Roche gestellt werden.

Die vier Funktionen der Farbe in der Architektur
Amadée Ozenfant und Le Corbusier gelten als die Gründer des Purismus, einer Kunstbewegung, die sich nach dem ersten Weltkrieg in Paris etablierte. Ein Manifest der beiden zur puristischen Kunstauffassung erschien 1920 in der Zeitschrift «l’Esprit Nouveau». Im Artikel «Le Purisme» unterschieden Ozenfant und Le Corbusier drei Reihen von Farben, namentlich die «Grande Gamme» (grosse Reihe) der konstruktiven, formerhaltenden Farben, die «Gamme dynamique» (dynamische Reihe) der dynamischen, formverändernden Farben und die «Gamme de transition» (Reihe des Übergangs) der flächigen Farben.

Die grosse Reihe setzte sich vornehmlich aus Naturpigmentfarben zusammen. Als räumlich statische und untereinander ausgewogene Farben erzeugten sie natürliche Effekte. Die Formen der Konstruktion blieben intakt, denn diese zurückhaltenden Farben ordneten sich unter. Es waren die vom Wesen her konstruktiven Farben. Der Naturbezug der Reihe schaffte ein natürliches Vertrauen zu ihnen. Die Farben der grossen Reihe dienten der Konstruktion beziehungsweise der Steigerung der plastischen Effekte der Architektur.

Die dynamische Reihe setzte sich vornehmlich aus kräftigen, chemischen Farben wie Chromrot, Kobaltblau und Zitron zusammen. Als räumlich instabile und mächtige Farben schufen sie dynamische und formverändernde Effekte. Der Farbgebrauch veränderte die Wahrnehmung der Form der Konstruktion. Manche Formen schoben sich in den Vordergrund oder versetzten sich optisch nach hinten. Wieder andere wirkten flächenauflösend. Es waren die vom Wesen her destruktiven Farben. Ihre subjektive Wirkung war emotional stärker aufgeladen. Die Farben der dynamischen Reihe dienten der Modifikation und der Dekonstruktion der plastischen Effekte der Architektur.

Die Reihe der Übergangsfarben setzte sich aus Lasurfarben wie Smaragdgrün und Karminrot zusammen. Der Einsatz dieser Farben diente der Flächenfärbung und nicht der Konstruktion beziehungsweise Dekonstruktion. Ihre Wirkung geschah an der Oberfläche und nicht am Volumen. Dies waren die vom Wesen her dekorativen Farben.

Der Entwurf von Tapetenmusterbüchern bot Le Corbusier die Gelegenheit, die Funktionen zu überdenken und mit konkreten Farben zu belegen. Im Einleitungstext zum Musterbuch der Salubra Tapeten von 1931 erwähnte Le Corbusier eine weitere, wichtige Funktion der Farbe, nämlich jene, Atmosphäre zu stiften. Die weissen Bauten der Moderne wirkten zuerst fremd und kahl. Mit ruhigen, der Natur entlehnten Farben materialisierte Le Corbusier seine weissen Räume. Aufhellungen der Farben der konstruktiven Reihe kamen dafür zum Einsatz. Da sie zuverlässige Assoziationen zu den Grundfarben der Umwelt wie Himmel, Luft, Wiese, Sand, Steine und Lehm erweckten, leisteten sie ihren Beitrag zur Materialisierung der weissen, puristischen Architektur. Fernand Léger, den Le Corbusier 1920 kennenlernte, sprach in diesem Zusammenhang von einer statischen Funktion. Die Farben der statischen Reihe stiften der Architektur Licht und Harmonie.

Bei der Anordnung der Farben zu Klaviaturen in den Salubra Musterbüchern von 1931 platzierte Le Corbusier die Atmosphäre stiftenden Farben auf breite Querbänder. Die Klaviatur betitelte er mit der assoziativen Wirkung, die von diesen Farben ausging. Die erste Klaviatur zeigte Farben der statischen Funktion, die eine Assoziation zu Luft erweckten. Weitere Klaviaturen zeigten himmelblaue, erdige, samtige, sandige und frühlingsgrüne Farben. Alle konstruktiven Farben beriefen sich auf Pigmente, die weltweit und seit Menschengedenken für die Darstellung von Himmels- und Erdfarben verwendet wurden. Daher setzten die Puristen die Allgemeingültigkeit dieser Assoziationen voraus.

Auf den Querbändern der Klaviaturen 10 bis 12 waren Farben der puristischen «Grande Gamme», die von Le Corbusier nicht zu den atmosphärisch wirksamen Farben gezählt wurden. In der Übertragung des der Malerei geltenden puristischen Gedankenguts auf die Architektur, erfuhr die grosse Reihe der konstruktiven Farben eine Differenzierung. Die hellen Nuancen prägten die Atmosphäre im Raum. Die dunklen Nuancen korrigierten und gliederten die Architektur. Der Wortwahl von Fernand Léger folgend, sprechen wir hier von der statischen und von der konstruktiven Funktion der Farbe.

Die Belegung der Funktionen mit Farben
Die Zuweisung der 1920 verfügbaren Farben zu den Funktionen geschah nach folgendem Schema:

  1. Die statische Funktion, die Atmosphäre stiftet: Die Farben waren aus Aufhellungen von Farben aus Erdpigmenten (Ocker, Rotocker, Umbra und Schwarz), Ultramarin- und Pariserblau. Aufgrund der Pigmentwahl wirkte diese Palette von zarten Farben aus vorwiegend natürlichen Pigmenten natürlich und unauffällig.

    Die Farben der Querbänder der Klaviaturen stellten die wichtigsten Farben der Architektur dar. Sie wurden in ganzen Räumen eingesetzt. Die Rückwand der Galerie der Villa La Roche war mit einer Farbe der statischen Reihe, LC 26.073 Sienne naturelle pâle, gestrichen. Sie versetzt die Gemäldegalerie heute wieder in ein freundliches, sonniges Licht. Sie beeinflusst die Formsprache des Raums überhaupt nicht.

  2. Die konstruktive Funktion, die die Aufmerksamkeit lenkt: Die Farben waren aus Ocker (rot und gelb), weiteren Erden, Schwarz, Weiss, Ultramarin- und Pariserblau, den Grünnuancen der Landschaftsmaler. Aufgrund der Pigmentwahl wirkte diese Palette von mitunter satten Farben aus anorganischen Pigmenten natürlich und harmonisch.

    Typische Tarnfarben wie Dunkelbraun oder solche, die Präsenz markieren, wie Siena gebrannt, lenkten die Aufmerksamkeit auf eine natürlich wirkende Weise. Sie dienten der Kaschierung von Unschönem und der Hervorhebung von Schönem. Sie waren auf den Querbändern der letzten Klaviaturen und auf den kleinen Tasten aller Klaviaturen in grosser Anzahl vertreten. Sie wurden an einzelnen Flächen eingesetzt. In der Aufnahme der Villa gestaltet eine dunkle Tarnfarbe aus Umbra gebrannt, LC 26.130 Terre d‘ombre brûlée, jene Wände, die sich der Aufmerksamkeit entziehen sollten. Der Blick streift darüber hinweg und sucht das Lichte und Helle. Eine Bewegungsrichtung ist vorgegeben.

  3. Die dynamische Funktion, die den Raum modifiziert oder dekonstruiert: Die Farben waren aus synthetisch hergestellten, anorganischen Pigmenten wie Kobaltblau hell, Paolo Veronese Grün (ein Ersatzpigment für Schweinfurter Grün), Chrom und Kadmium Rot- und Orangenuancen, Zinnoberrot und Zitron. Aufgrund der Pigmentwahl verfügte diese Palette von Farben aus anorganischen Pigmenten über Möglichkeiten, den optischen Eindruck der Architektur massiv zu verändern.

  4. Die dekorative Funktion, die eine Fläche bekleidet: Synthetisch hergestellte, organische Pigmente wie Chromgrün feurig, Karmin aus Alizarin-Krapplack und alle Farben aus transparenten Pigmenten. Aufgrund der Pigmentwahl wirkte diese Palette von bunten Lasurfarben oberflächlich und dekorativ. Damit war freilich keine Entwertung, sondern eine Absicht gemeint.

    Typische dynamische Farben (dynamische und dekorative Funktion) wie Zinnoberrot und Lasurfarben wie Karminlack erschienen sparsam und punktuell. Sie waren nur auf den kleinen Tasten der Klaviaturen zu finden. In der Villa Roche erschienen sie gar nicht.


Die Verteilung der unbunten Farben im Bau
Die wichtigsten ersten neun Blätter der Salubra I Klaviaturen zeigen Seite für Seite drei verschieden helle, verwandte Farben. Dahinter verbirgt sich das Prinzip des «Chiaroscuro», die Arbeit mit Hell-Dunkel-Kontrasten zur Hervorhebung von Formen und Erzeugung von plastischen Tiefen. Im Text «Le Purisme» beschrieben Ozenfant/Le Corbusier das wichtige Prinzip der Arbeit mit Hell und Dunkel. Formen wurden mit hellen Farben sichtbar und mit dunklen Farben unsichtbar gemacht. Der Besucher wurde mit hellen Farben zum Licht gelockt, mit dunklen Farben zur Ruhe gebracht. Schmale Räume wurden mit abgestuften, unbunten Farben geöffnet, die dunkle Wand in den Schatten gesetzt. Mit dunklen, natürlichen Farben vertiefte Le Corbusier Räume, kaschierte Peinlichkeiten und lenkte den Blick des Betrachters auf die helle Wand just um die Ecke oder hinter das Fensterglas. Farben auf Gemälden intensivierten sich gegen dunkle Hintergründe. Die geschickte, gezielte Platzierung von unterschiedlich hellen und dunklen Farbwerten definierte Vordergrund und Hintergrund und differenzierte Erscheinung und Nebenerscheinung. Die Farben der statischen und konstruktiven Reihen erfüllten diese Aufgaben.

Die Farbverteilung der Villa La Roche richtet den Blick auf weisse Formen. Stützmauern, Heizkörper, Verengungen und Fensterrahmen werden mit dunklen, unbunten Farben der konstruktiven Reihe in den Schatten gesetzt. Der Blick schweift vom Dunklen zur hellen Landschaft, zu Architektur, zu farbigen Gemälden.

Die Arbeit mit bunten Farbinterventionen
Wohl zuletzt und von grosser Sorge um unerwünschte Effekte begleitet, setzte Le Corbusier bunte Farbakzente aus chemischen Farben ein. Er kannte die Wirkungen von reinen, bunten Farben − dieses Wissen gehörte zur Grundausstattung der malenden Architekten der frühen Moderne. Um Moden und der Gefahr der Vergänglichkeit aus dem Weg zu gehen, mied er grelle Farben. Klassische Künstlerfarben wie Zinnoberrot, Orange, Chromgelb kamen sparsam zum Einsatz. Ihre spezifischen Farbqualitäten waren Le Corbusier durchaus bewusst: die hervortretenden, sich in der Fläche festigenden Eigenschaften roter Farben; die nach vorn strahlenden, im Schatten nicht wirksamen Effekte gelber Farben; die unfassbaren, zurückweichenden, im Schatten stabilen Qualitäten blauer Farben; die Instabilität im Licht der violetten Farben. So musste eine rote Wand im Licht stehen, eine Verengung einseitig blau sein. Starke, nicht natürliche Farben wurden indes gerne als Lackfarben für Fensterumrandungen oder Treppengeländer und kaum auf ganzen Wänden eingesetzt. Die Gegenüberstellung von zwei 1920 entstandenen Ölgemälden von Le Corbusier stellt die Hierarchie der beiden Prinzipien der Arbeit mit Farben dar. Das erste Ölbild zeigt eine mit hellen und dunklen, unbunten Farben plastisch organisierte Formenvielfalt. Dies ist die schlichte Anwendung des Chiaroscuro – die Hell-Dunkel Arbeit mit Licht und Schatten. Das zweite Gemälde zeigt die gleiche formelle Organisation, aber mit anderen Farben. Eine Ockernuance erfüllt eine konstruktive Funktion, die Gitarre rückt nach vorn. Kühle Ultramarinnuancen schaffen bildnerische Tiefe. Das Rohr verliert innen seinen tiefen Schatten und gewinnt Solidität... Diese Kunstauffassung zeichnete die puristische Malerei sowie den architektonischen Gestaltungsprozess von Le Corbusier aus.

Dekonstruktive Farbkonzepte aus dynamischen Farben erschienen im Le Corbusier-Repertoire erst nach dem zweiten Weltkrieg. Dekorative Farbeffekte an einzelnen Wänden aus Lasuren, Tapeten oder Wandteppichen erschienen zu jedem Zeitpunkt seines gestalterischen Schaffens. Die disziplinierte Arbeit an der Form und die Führung des Lichts und des Besuchers durch den Bau gemäss den ersten drei Prinzipien hatten Vorrang. Doch die Arbeit mit Farbe an sich, vom Wissen um die Gefahren des allzu Bunten und falsch eingesetzten geleitet, durfte auch ein Augenzwinkern und Lebensfreude hervorrufen. 
 
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Text Katrin Trautwein
Bild Michel Richard, FLC/ADAGP
 
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