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Rollstempeltechnik im modernen Kontext
Handwerksarbeit mit traditionellen Musterwalzen
 
Der feuchte Dunst beim Abwaschen verdreckter Leimfarbenschicht beim Vorrichten, der Geruch von Reinheit nach dem Neustreichen der Stubenwände mit geleimter Schlämmkreide, das Geräusch der Musterwalze aus dem Werkzeugbestand des Malers, mit der dieser zuletzt die Wände von oben nach unten rollte… Solche Gerüche, solche Geräusche, solche Bilder sind Teil der Kindheitserfahrung, wie sie die Generation von Birger Jesch noch selbstverständlich mitbekommen hat. Plädoyer für den Einsatz der traditionellen Rollstempeltechnik in unserer Zeit.

Viele der Arbeiten, die heute Innenarchitekten übernehmen, gehörten bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Standardangebot guter Malermeister, von denen sich viele auch als Kreative verstanden. Otto Dix und Max Pechstein waren ausgebildete Maler. Heutige Handwerksmeister sind oft durch andere, häufig computisierte Arbeitsfelder absorbiert und in der Folge ästhetisch weniger geschult und sensibel als ihre Zunftgenossen vor hundert oder auch nur dreissig Jahren. Damals traf man am Bau den Kalker und Gipser, den Anstreicher, der den Untergrund vorbereitete, den Dekorationsmaler, der im sauberen Kittel die Oberflächen dekorierte, der schablonierte, marmorierte, maserierte, Striche und Bänder zog sowie die Kammzugtechnik und die Freihandmalerei beherrschte. Alles Fertigkeiten, die heute nur noch im Berufsbild des Kirchenmalers oder Restaurators zu finden sind. Als zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Mechanisierung der Flächenbelebung mit Rollstempeln in Mode kam, wurde dies von einigen der alten Malermeister noch als zu stereotyp beurteilt und abgelehnt.

Mechanisierung der Flächenbelebung mit Rollstempeln
Eines der innovativsten Verfahren zur Oberflächenbelebung im Malerhandwerk war früher − und ist heute wieder neu entdeckt − die Rollstempeltechnik. Seit der Erstpatentierung 1879 wurde das Verfahren, Wandflächen in kurzer Zeit gleichmässig zu gestalten, zum neuen Trend und erreichte seinen Höhepunkt in den 1920er bis 1960er Jahren. Ende des zwanzigsten Jahrhunderts gab es kaum mehr Hersteller, die jährlich eine neue Kollektion auf den Markt brachten und verschiedenste Walzapparate im Programm hatten. Eine ungarische Manufaktur, in der noch Walzen handgeschnitten wurden, schloss 2006. Billigprodukte sind zwar mittlerweile wieder erhältlich, zur Erzielung guter Ergebnisse jedoch nicht geeignet. Vorhandene und wiedergefundene Qualitätswerkzeuge aus der Nachkriegszeit sind bei pfleglicher Behandlung nach wie vor zu gebrauchen – vorausgesetzt, man verwendet die traditionellen Anstrichstoffe.

Anfänglich wurde die Rollstempeltechnik vor allem zur einfachen Strukturierung von Wänden, analog der Wickeltechnik, benutzt. Später sah man vom Wettbewerb beflügelte Design-Neuentwicklungen, zum Beispiel Versatzrapporte, Überlagerungen mehrerer Muster, sowie die Möglichkeit des mehrfarbigen Drucks in einem Arbeitsgang. Angeboten wurden auch Schablonen zur teilweisen Kolorierung und Ergänzung des Grundmusters, auch Stegwalzen, die ein sauberes Auftragen von lockeren Streumustern ermöglichten.

Wiederentdeckte Druckrollen aus Nachlässen einstmaliger Malerwerkstätten eigenen sich zur Gliederung und Gestaltung heutiger und neudefinierter Räume. Egal ob ein Ornamentklassiker oder eine Kreation aus dem Umfeld des Werkbund oder Bauhaus, die vom aufgedruckten Musterrapport ausgehende Stimmung und Illusion lässt sich sehr gut für eine gezielte Raumnutzung einsetzen.

Wandel der Zeit − Chance für das Handwerk
Wir heutigen Menschen verbringen zirka neunzig Prozent unserer Lebenszeit in geschlossenen Räumen. Diese Erkenntnis, verbunden mit dem Wissen über zunehmende Allergien durch Wohngifte, schafft ein neues Bewusstsein, das zum Umdenken und in der Folge zur vermehrten Anwendung traditioneller Baustoffe wie Kalk- und Lehmputze führt. Damit entsteht heute für den Gestalter, für die Gestalterin die Chance, mit erprobten, optimal eingestellten Materialien der Ökobranche und der Rollstempeltechnik aus dem einstigen «Arme-Leute-Verfahren» exklusive Flächen zu schaffen.

Zusammenhang von Flächenbelebungstechnik und Material
Die im vorliegenden Artikel beschriebene Flächenbelebungstechnik funktioniert mit Silikat-, Kalk-, Kasein-, Lehm- und Pflanzenleimfarbe. Möglich ist der Rollstempeldruck auch auf Glas und Emaille. Baustoffe und Beschichtungen aus vorwiegend mineralischem Material garantieren eine tuchmatte, diffusionsoffene Oberfläche, auf der die Bürstenstriche des Malers als individuelle «Zeichnung» gespeichert sind. Der optische Effekt dieser Beschichtungen erinnert bisweilen an Gobelins, die einen Raum adeln können. Das erzielte Musterbild beim Walzen zeigt die beim Stempeldruck typischen Quetschränder. Sie stehen − zusammen mit vereinzelten kleinen Fehlstellen − für das Handwerkliche. Eine Attraktion bester Güte für den aufmerksamen Blick, der in den Spuren des Arbeitsprozesses die Individualität des Malers entdeckt.


Kontakt
Birger Jesch und Tobias Ott, Werkstatt, Vertrieb, Archiv, www.musterwalzen.de, www.strukturwalzen.de
 
 
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Text Birger Jesch
Bild Birger Jesch und Tobias Ott
 
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