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Rekonstruktion der Polychromie der Villa La Roche (I)
Farbe als Material − Architektur als Skulptur
 
Nach umfassender Renovation eröffnete 2009 die Villa La Roche in Paris wieder ihre Tore. Nun strahlt das Gebäude erneut wie eine «Sinfonie der Prismen», wie damals Bauherr Raoul La Roche schon sagte. Über Jahre und Renovationszyklen hinweg veränderte sich die innere Polychromie auf nicht zu übersehende Weise. Die Fachwelt wunderte sich denn auch über das Ausmass der Veränderungen. Wie und warum hatten sich die Farben zwischen der Erstfassung von 1926 und der letzten sichtbaren Fassung so stark verändert?

Im Zeitraum von 80 Jahren verursachten wiederholte Renovierungsanstriche unbeabsichtigte und dennoch grosse Farbverschiebungen. Interessante, in der Villa La Roche umgesetzte, konzeptuelle Überlegungen von Le Corbusier zu Wechselwirkungen zwischen Licht, Architektur und Farbe wurden dabei unsichtbar. Nun zeigt das Ergebnis einer fachgerechten Farbrekonstruktion der Polychromie der Villa La Roche exemplarisch auf, wie Le Corbusier Farbe zur Bekräftigung der plastischen Sprache seiner Architektur einsetzte. Mit den beabsichtigten Farbmaterialien gestrichen, wird die Bedeutung von Farbe − ganz im Sinne Le Corbusiers − als Mittel zur Ausgestaltung einer bewohnbaren Skulptur erkennbar.

Angleichung des Farbtons, der Farbzusammensetzung und der Körnung
Im Jahr 2001 lieferte kt.COLOR Farben für die Restaurierung der inneren Polychromie der Villa La Roche in Paris. Nur wenige Jahre später entschied sich die Stiftung zu einer umfassenden Renovierung. In Auftrag gegeben wurde eine Analyse der Polychromie der zwischen 1923 und 1926 von Le Corbusier und Pierre Jeanneret erbauten Villa. Zwischen der sichtbaren Farbe und den ursprünglichen Farbschichten wurden erhebliche Diskrepanzen festgestellt. Schliesslich wurde die Instandsetzung der ursprünglichen Farbfassungen beschlossen. Für die Farbrekonstruktion entwickelte kt.COLOR eine Methode der Analyse, die alle Übersetzungen zu Referenzfarben eines Farbsystems und zu farbmetrischen Messungen umgeht, indem sie sich auf den direkten Abgleich von Farben unter dem Lichtmikroskop beruft. Die Anwendung dieser Rekonstruktionsmethode sorgt für die Angleichung des Farbtons, der Farbzusammensetzung und der Körnung des Farbmaterials zum Original. Dabei entstehen Farbrezepturen, die all diese Aspekte einer Farbe berücksichtigen und rekonstruieren lassen. Herkömmliche Methoden der Farbrekonstruktion hätten zu weiteren Substitutionen geführt. Die zweite Renovierungsetappe sorgte 2009 für Anstriche, die den bauzeitlichen in ihrer Materialität sehr nahe kamen.

Farbliche Veränderungen im Zuge von Renovierungen
Das Farbkonzept der Villa La Roche umfasst siebzehn Farbnuancen. Ein weiches Weiss mit dem Farbton von Milchrahm sorgt für das warme Licht des Baukörpers. Davon abgesetzt sind sechzehn weitere Farbnuancen. Die meisten Flächen der Villa wurden siebenmal überstrichen. Die Veränderungen der Farbtöne von einer Renovierungsetappe zur nächsten waren nicht zu übersehen: Das Weiss der Villa wurde im Verlauf der Jahre heller und kälter; rote und gelbe Farbnuancen bunter und greller; grüne, graue, blaue und braune Farbnuancen grauer und flacher. Manche Farben wie zum Beispiel LC 26.045 Vert Villa La Roche und LC 26.030 Bleu Charron veränderten sich grundsätzlich. Aufgrund dieser Verschiebungen gingen der sichtbare Zusammenhang und die natürliche Wirkung der Farbpalette von 1926 verloren, traten doch anstelle der Leim-, Öl-in-Wasser Emulsions- und Ölfarben der Bauzeit Acryl- und langölige Kunstharzfarben. Wie kamen diese ästhetisch unvorteilhaften Veränderungen, die den differenzierten Umgang mit Farbe unter zunehmend plastifizierten Farbschichten verbargen, zustande?

Materialveränderungen und die Folgen
Als Le Corbusier Farben für seine Villa brauchte, bestellte er Leime, Öl und spezifische Pigmente. Die Farben der Villa La Roche setzten sich aus folgenden Pigmenten zusammen: Ocker, Rotocker, Siena natur und gebrannt, Umbra natur und gebrannt, Englischgrün (Pariserblau mit Zink- oder Chromgelb), Chromgelb, Weiss (das heisst Blei- und Kreideweiss), Ultramarinblau, Bleu Charron (Pariserblau mit Schwerspat) und Elfenbeinschwarz. Es war Aufgabe des Malers, aus diesen Pigmenten und Bindemitteln die Leim-, Tempera- und Ölanstriche für die Wände im erwünschten Farbton herzustellen. Typische Farboberflächen aus dieser Zeit zeigen grobteilige Pigmente in körnigen Farbschichten, die starke Lichtreflektionen hervorrufen. Diese innere Struktur der Malschichten sollte sich im Verlauf der Jahre verlieren. Spätere Malschichten erscheinen glatter und homogener. Materialveränderungen begründen diesen folgenschweren Wandel. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts ersetzten neue, farbintensive Pigmente und Bindemittel aus Erdölderivaten die in der Villa La Roche eingesetzten ursprünglichen Materialien. Im vorliegenden Fall ersetzten synthetische Eisenoxidpigmente die Ocker- und Umbrapigmente aus der Natur, organische Pigmente das umweltschädliche Chromgelb. Titanweiss trat anstelle von Bleiweiss, Kalkmilch und Kreideweiss, Russschwarz verdrängte das erheblich tiefere Beinschwarz. Kalk-, Leim-, und Leinöl-Anstriche verschwanden unter Acryl- und Kunstharzbeschichtungen.

Die Farbgestaltung der Villa La Roche
«Stahlbeton befreit den Grundriss; das Haus befreit sich von seinen verbundenen, geschlossenen Räumen. Die Farbe, die den Charakter der Wände danach bestimmt, ob sie im vollen Licht oder im Schatten steht, kann das Auge durch die komplizierten Räume des freien Grundrisses führen, sie kann das Raumgefühl vertiefen: das Rot entfaltet seine Qualitäten im vollen Licht, das Blau vibriert im Schatten, usw.: die Physik der Farben. Eine Physiologie der Empfindungen: Rot, Blau, Gelb, usw., spezifische Empfindungen. Dunkel, Schatten, Licht: ebenso. Man kann eine architektonische Komposition darauf aufbauen. Die Kalkmilch leuchtet aufgrund der Wand, die dunkel ist (Umbra gebrannt oder natur), wegen der Wand, die warm wirkt (Ockertöne), aufgrund der Wand, die zurückweicht (Blaunuancen, etc.). Ganz in Weiss gehalten wäre ein Haus wie ein Sahnetopf.» Le Corbusier setzte diese seine Gedanken 1926 in der Villa La Roche um.

Beim Betreten der Villa befindet man sich in einer grossen Eingangshalle. Gewisse Flächen im Hintergrund wurden mit Umbra gebrannt und ultramarinblau gestrichen. Die Plastik der Halle offenbart sich dem Eintretenden durch die geschickte Platzierung von Fenstern und dunklen wie hellen Flächen. Weisse Farbe machte bestimmte Formen sichtbar, dunkle setzte jene in den Hintergrund, die optisch unsichtbar werden sollten. Der Besucher steht nun in einer Skulptur. Die Zuweisung von hellen und dunklen Farben zu Flächen, die sichtbar beziehungsweise unsichtbar werden sollen, ist charakteristisch.

Der Treppenaufstieg führt zu einem schmalen Durchgang. Hier greift Le Corbusier mit einer blauen Farbe in das Geschehen ein. Ging es im Eingangsbereich um die Inszenierung der weissen Fläche dank Zurückstufung der Wände im Schatten mit dunklen Farben, so geht es hier um etwas anderes: Die blaue Farbe LC 26.030 Bleu Charron wird enge Passagen wie diese hier und anderswo in der Villa erweitern.

Nun gelangt man in die Galerie, in der Raoul La Roche einst seine Gemäldesammlung ausstellte. Hier wird Farbe zum Träger puristischer und kubistischer Malereien. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufhellung des dunklen Raums und führt dem Betrachter oder der Betrachterin die stolze, geschwungene Rampe vor Augen. Vorstellungskraft ist gefragt. Denn der Fussboden war 1926 dunkler, natürlicher und weniger rosa, der hintere Bereich des Raumes nicht hellblau, sondern dunkelbraun gestrichen. Damit verschwand er im Halbdunkel, und die Rampe trat hervor. Sie festigte sich im Raum, denn Le Corbusier inszenierte sie mit dem Rot der puristischen Malerei, der gebrannten Erde aus Siena. Die Wand hinter der Rampe steht im Schatten: sie wird dunkler abgesetzt, die gegenüberliegende Wand ist heller. Diese Abstufung sorgt im schmalen Raum für Weite.

Im Esszimmer erfüllt die Farbe eine weitere Funktion. Wände und Decke sind gleich gestrichen, und die Form des Raumes wird nicht verändert, sondern erhalten. Hier wird nichts gezeigt, nichts kaschiert, die Aufmerksamleit des Besuchers wird nicht auf das Schönere umgelenkt. Die erdige, hellrote Farbe spendet hier eine warme Atmosphäre.

Farbwirkungen lassen sich vom Farbmaterial nicht trennen
Die wohltuende, atmosphärische Wirkung der Farbe beruht auf den heute wieder eingesetzten Naturerden. Die vorherige Farbfassung war zwar ähnlich im Farbton, aber das zur Aufhellung der roten Erde eingesetzte Titanweisspigment und das Bindemittel aus Acrylpolymeren hatten dem Raum etwas Künstliches verliehen. Farbwirkungen lassen sich vom Farbmaterial nicht trennen. Schon Goethe hatte das erkannt. Und darum berief sich Le Corbusier in seinen Farbgestaltungen auf spezifische Pigmente.

Le Corbusier – Farbanwendung im Raum
In einem zweiten Teil in COVISS 4/2012 präsentieren wir Erkenntnisse, die sich auf die Anwendung von Farbe im Raum durch Le Corbusier beziehen. Man rätselte schon lange darüber, wie Le Corbusier die Farbenwahl seiner Salubra-Kollektion von 1931 traf. In der Villa La Roche, deren Farbgestaltung der Herausgabe der ersten Salubra-Tapetenkollektion um nur wenige Jahre voranging, werden interessante Überlegungen zur Farbanwendung im Raum umgesetzt (Red.).
 
 
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Text Katrin Trautwein
Bild Michel Richard
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