Home
| Home |   | Sitemap |   | Testimonials |   | Partner |   | Links |   | Stichwortverzeichnis |   | Inscreenum |  

| Aktuelle Ausgabe
| Archiv
| Anzeigen
| Abo/Einzelausgaben
| Veranstaltungen/Dienste
| Über COVISS
| Redaktion/Verlag
| Leserbriefe
| Kontakt
| Impressionen
| Bestellung Buch




 
Innovation kann man nur machen
Handwerk ist Ausdruck für Wahres
 
Zum 15. Geburtstag des Kurszentrums Ballenberg hat dessen Leiter, Adrian Knüsel, vor geladenen Gästen aus den Bereichen Handwerk, Kunst und Politik eine Rede gehalten. In leicht überarbeiteter Form findet nun das Plädoyer für das Handwerk im Magazin Eingang. Die Rede fokussiert den Wert des Handwerks im Spannungsfeld zwischen Wissen und Können in unserer hoch theoretisierten Wissensgesellschaft.

«Das Handwerk hat gestern Freitag eine so nicht erwartete Aktualität erhalten – Zitat aus dem Tagi: ‹Achtung, Piloten können nicht mehr fliegen – sie verlernen ihr Handwerk, wie eine Studie zeigt. Automatische Systeme nehmen ihnen alles ab. Mit verheerenden Folgen, die Piloten haben zu wenig Übung›. Nun, wir wissen, wie gefährlich es ist, mit einem Messer zu hantieren, wenn die Handgriffe nicht sitzen – und erst in einem Flugzeug zu sitzen, das von wenig geübten Piloten gesteuert wird…

Handwerk? Heute?? Hier???
Lassen Sie mich gleich mit dem Hier und den drei Fragezeichen starten. Wie sind wir hierher − nach Brienz − gekommen? Die Vorgängerinstitution, die Heimatwerkschule Mülenen in Richterswil, war in den Anfängen als Nebenerwerbsausbildung für Landwirte konzipiert und positioniert. Und das gut und über Jahre. Die Anfänge reichen in die 40er Jahre zurück. 1994 wurde die neue Stiftung Heimatwerkschule Ballenberg gegründet. Die beiden Stifterinnen sind das Freilichtmuseum Ballenberg und das Schweizer Heimatwerk. Nach der Gründung wurde dieses Haus, das neue Kurszentrum Ballenberg, geplant und erbaut. Im Sommer 1996 konnten die ersten Kurse ausgeschrieben und durchgeführt werden. Als ich 1997 zum Kurszentrum kam, stand das Haus mitten in der Sinnfrage: Was wollen wir anbieten, heutzutage? Die Bauern wurden da schon längst an ihren landwirtschaftlichen Bildungszentren zu interdisziplinären, zukunftsfähigen IT-tauglichen Allroundern ausgebildet. Das Angebot driftete damals Richtung ‹Hobbykurse›. In Zusammenarbeit mit Stiftungsrat und Vorstand begannen wir uns Fragen zu stellen wie: Sind wir eine zweite Klubschule? Was machen die besser als wir? Was machen wir besser nicht? Was können wir allenfalls besser? Wie bieten wir das an, was wir besser können? Was ist unser Kerngeschäft?

Zurück zu den Wurzeln – Bogenschlag zum Heute
Das Freilichtmuseum Ballenberg hat mitgeholfen, klare Antworten zu finden. Alles, was Sie im Freilichtmuseum sehen, ist Handwerk. Darauf basiert alles. Wir sehen im Ballenberg, dass alles, was hergestellt ist, eine bewusste Schönheit, Klarheit und Funktionalität hat. Bauten und Objekte sind immer Handwerk und Gestaltung. Daraus entsteht Kultur und kulturelle Vielfalt. Wir haben uns also auf unsere Wurzeln zurückbesonnen. Und den Bogen zum Heute geschlagen. Die Voraussetzungen waren und sind ideal: Umfeld von nationaler und internationaler Ausstrahlung. Ort, wo aktive Auseinandersetzung mit Kulturgut stattfinden kann. Kurszentrum, das immer mitwächst. Beziehungsnetz zu Handwerkern und Vermittlern. Möglichkeit, mit einer hochkompetenten, wissenschaftlichen Abteilung zusammenzuarbeiten.

Von Interesse ist auch, dass zu jener Zeit ein gezielter Abbau der Werkstattarbeit bei den Hochschulen für Kunst und Gestaltung stattfand. Daraus ergab sich eine neue Rolle für das Kurszentrum Ballenberg: Die Kooperation mit Fachpartnern im Bereich Handwerk und Gestaltung, die fachliche Positionierung in Kooperation mit den Inhalten des Freilichtmuseums Ballenberg. Ich erwähne hier einige der Themen, die prägend waren: Das Kalkbrennen mit dem internationalen Lime Symposium; das Haus, das traditionell von Grund auf neu und von Hand gebaut wurde; der Umbau Haus Matten mit den begleitenden Symposien im Rahmen von ‹echos – Volkskultur für morgen› der Pro Helvetia; das Seidensymposium; die Schindeltagung und weitere mehr.

Die neue Rolle des Kurszentrums Ballenberg – hier!!! – drei Ausrufezeichen – war gefunden. Wir können hier den Austausch bestandener Fachleute in Gang setzen. Interdisziplinär. Über ihre Kernkompetenz hinaus. Mit der Entwicklung von Lehrgängen. Wir bieten inzwischen neben dem schon fast legendären Filz-Bildungsgang solche für das Schmieden, Weben und die Schuhmacherei an. Weitere sind in Planung. Wir haben uns eine Position in der Bildungslandschaft erarbeitet und hoffen, dass dereinst unsere Bildungsgänge auch von Seiten des BBT Anerkennung finden. Erste Gespräche sind geführt. Mit dem Prix Jumelles für gutes Handwerk und gute Vermittlung im Handwerk setzen wir neue Massstäbe. Wir verstehen uns als Bildungshaus und unterscheiden uns von Ausbildungsstätten. Bildung verstehen wir breiter und umfassender und nicht primär zielgerichtet.

Kommen wir also zum Heute. Was hat Handwerk in der heutigen Zeit zu suchen. Offensichtlich geht es bei dieser Frage ans Lebendige, wenn wir an die Piloten-Frage denken: Ist die Welt ein bisschen daran, das Handwerk zu verlernen? Sitzen die Handgriffe heutzutage nicht mehr? Und doch leben wir in unserer komplizierten Welt von der Hoffnung, dass die Leute an den entscheidenden Positionen schon wissen, was sie tun. Und vor allem dass sie können, was sie tun müssen…

Was hat sich verändert von früher zu heute?
Ebenfalls diese Woche war den Medien zu entnehmen, dass immer mehr Jugendliche einen Hochschulabschluss ‹als Erstabschluss› haben. Eine gute Bildung – das ist gut. Aber ist uns eine der Kehrseiten dieses Bildungs- oder Matura-Hypes in allen Teilen bewusst? Im eigenen Umfeld habe ich dieses Beispiel erlebt: Der 15-Jährige fragt seine Eltern, ob es denn schlimm wäre, wenn er eine Zimmermannslehre machen würde. Oder ein zweites Beispiel, um die Lage zu illustrieren: Alle wollen wir ein schönes Stück Fleisch essen, aber niemand darf Metzger werden, ohne dass man beim Berufswunsch Metzger gleich eine tiefgehende, gefährliche psychische Störung vermutet… Der junge Zimmermann macht übrigens heute ein Nachdiplomstudium Kulturmanagement! Ich bin darüber froh und auch nicht. Sicher gibt das ein Kulturmanager, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht und der weiss, dass man Geld mit beider Hände Arbeit zuerst verdienen muss, bevor man es ausgeben kann. Auf der anderen Seite fehlt wieder ein junger, aufgeweckter Zimmermann… Schön. Schade. So ist das. Das bringt mich nun definitiv zum Thema Handwerk.

Offensichtlich sind wir heute unterwegs zur Wissensgesellschaft. Wir wissen von vielem, wie man es machen müsste – theoretisch. Bei der sogenannten ‹Umsetzung› hapert es dann oft, und man wird sich schmerzlich bewusst, dass das eigentliche Handwerk, die Grundlage zum Tun, fehlt. Mit Blick auf die benachbarte und befreundete Geigenbauschule und die anwesenden Musiker erlaube ich mir eine kleine Klammerbemerkung: Der Musiker scheint heute einer der wenigen Berufe zu sein, bei dem noch allen sonnenklar ist, dass er etwas können und nicht nur wissen muss. Und für dieses Können muss der Musiker üben… Klammer zu. Wir sehen nun also die grosse Diskrepanz beim Thema Handwerk: Piloten, Managerinnen, Banker, Bodenleger, Malerinnen und Metzgerinnen müssen – müssten – ihr Handwerk beherrschen. Das gilt – eigentlich – als Qualitätsanspruch und Grundlage.

Handwerk ist also auch eine Haltung. Eine Wertvorstellung? Ist Handwerk nur das, was am Ende von Hand gemacht worden ist? Oder das, worauf man durch handwerkliche Auseinandersetzung kommt? Im Handwerk lernt man, sich in eine Materie zu knien. Man lernt das Üben. Man lernt, dass man vieles nicht per Markieren und die berühmte Delete- Taste spurlos wieder rückgängig machen kann. Man erfährt – aus erster Hand und eigenhändig – dass alles eine Konsequenz hat. Man lernt das Lernen aus Fehlern. Man macht dauernd Erfahrungen – die ganze Welt schreit nach Leuten mit Erfahrung. Man erfährt auch einmal, dass nur beherzte Aktion weiter bringt. Dass es durchaus Freude und Sinn macht, Aufgaben mit gezielter Gewalt und Kraft zu
lösen: So zum Beispiel in den Schmiedekursen, beim Schmieden von Damaszenerstahl. Gewalt, oder nennen wir es Kraft, plus Hirn, plus Ästhetik, plus Feinschliff, plus Schaffung eines fertigen Endproduktes, plus Kundenfokussierung – das Messer muss dem Benutzer – zum Beispiel dem Profimetzger – perfekt in der Hand liegen. Man wird ein Macher, eine Macherin. Auch das eine hochgesuchte Spezies – eigentlich. Das Wirtschaftsmagazin ‹Brand eins› hat einmal eine ganze Nummer dem Thema Können gewidmet und geschrieben: ‹Können ist Wissen plus Training plus Individualität.› Training heisst nichts anderes als üben und die Sache meistern lernen. Individualität heisst nicht Egozentrik, sondern Handschrift, Eigenheit, Charakter. Individualität, wie wir sie verstehen, heisst, sich mit hundertprozentigem Engagement, mit seinem ganzen Wesen, seinen Stärken und mit Spass und Lust in den Dienst einer Sache zu stellen. Und tatsächlich sieht es ‹Brand eins› in der Analyse genau so, ich zitiere: ‹Ein Könner wird nur, wer liebt, was er tut.› Und weiter: ‹Wissen ist nur der Humus, auf dem das Können gedeihen kann, aber nicht muss.› Automatisch kommt es also nicht, das Können! Schon Erich Kästner hat treffend gesagt: ‹Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es!›

Ich werde jetzt ganz konkret und mache den Versuch einer Zusammenfassung in fünf Sätzen:

  1. Der Macher ist im Akt der Herstellung wirklich frei. Wer frei ist, ist handlungsfähig und nicht ohnmächtig.

  2. Im Handwerk stellen wir uns der Chance und Prüfung des Scheiterns. Man wächst an der Schwierigkeit der Aufgabe und an der Widerspenstigkeit des Materials.

  3. Wissen kann man kommunizieren, Können muss geübt werden. Innovation kann man nicht denken, nur machen.

  4. Können ist die Basis für jede gewerblich-industrielle Entwicklung, Produktion und reale Wertschöpfung.

  5. Handwerk ist dem Material verpflichtet und blufft nicht. Das Faktum (lat. gemacht) gilt als Ausdruck für Wahres.

Handwerker sind also Könner!

So sind wir wieder beim Kurszentrum Ballenberg und seiner Kernkompetenzangelangt: Das Kurszentrum Ballenberg ist der Ort, wo Können und Wissen − ganz im Sinn der UNESCO-Konvention über die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes − verbunden, vermittelt, demonstriert und weitergegeben wird. Mit der neuen Bibliothek und dem Medienraum, den über 1‘200 Büchern, der Materialmustersammlung, den Lehrfilmen und Anleitungen haben wir den Wissensspeicher im Haus. Dafür jetzt einen eigenen Raum zu haben, darüber freuen wir uns ganz besonders und bedanken uns bei der Spenderin und allen weiteren über 200 Gönnerinnen und Gönnern, die dazu beigetragen haben herzlich! Das Kurszentrum Ballenberg ist reicher, farbiger geworden. Und jetzt kommt das Besondere: Wir sind wohl schweizweit eine der ganz wenigen Bildungsinstitutionen, die Ihnen keine Karriere und keine Aufstiegschancen durch die von uns angebotenen Kurse, ausgestellten Kursbescheinigungen oder Zertifikate verspricht! Unser Gewinnversprechen ist nur, dass Sie hier kompetenter werden im Tun. Unser Credo heisst SELBER. Entscheidend ist die praktische, fachliche Kompetenz. Die Sinnlichkeit des handwerklichen Lernens stimuliert das Denken. Selber etwas können, macht unabhängig. Umso erstaunlicher ist für uns, dass wir nach 15 Jahren kontinuierlicher Unterstützung und hervorragender Zusammenarbeit mit dem SECO, für die wir uns an dieser Stelle bedanken wollen, unseren Jahresbeitrag, der ungefähr 10 Prozent unseres Jahresbudgets ausmachte, ab 2012 verlieren werden.

Schade. Schön. Schade.

Richtig schön ist aber, dass Sie heute hier sind und dass Sie mit uns an die Zukunft glauben. Handwerk hat Zukunft. Handwerk muss Zukunft haben. Sonst könnten wir ja nirgends mehr hinfliegen. Fürs erste freue ich mich, dass wir hier heute gemeinsam auf die Zukunft anstossen und nicht fliegen, aber gerne heute Abend da und dort ein bisschen abheben. Auch das muss man manchmal können. Danke.» 
 
Ausgabe "2012/2 - März/April" bestellen
 
Text Adrian Knüsel
Bild Kurszentrum Ballenberg
 
   Weiteres zum Thema
 
Handwerk und Wert | Handarbeit ist eine Arbeit, die ...      




Lifecom


Xen-On


Verkehrshaus