Home     
| Home |   | Sitemap |   | Testimonials |   | Partner |   | Links |   | Stichwortverzeichnis |   | Inscreenum |  

| Aktuelle Ausgabe
| Archiv
| Anzeigen
| Abo/Einzelausgaben
| Veranstaltungen/Dienste
| Über COVISS
| Redaktion/Verlag
| Leserbriefe
| Kontakt
| Impressionen
| Bestellung Buch




 
Das Internationale Jahrbuch der Oberfläche
Die neuen Oberflächen sind gefühlsecht
 
Die Oberfläche boomt und wird zunehmend zu einer eigenen Produktkategorie. Das Internationale Jahrbuch der Oberfläche will den Paradigmenwechsel vom Material zur Oberfläche, die Entmaterialisierung weiter Bereiche abbilden und begleiten. Während alle noch vom Material reden, wird hier die Oberfläche unskaliert grossformatig dargestellt − ihre ästhetischen Qualitäten werden einnehmend versinnlicht. Das Buch ergänzt die Flüchtigkeit elektronischer Medien um Qualität, Glaubwürdigkeit und Sinnlichkeit. Das Jahrbuch 2012 erscheint im Mai dieses Jahres.

Das Jahrbuch der Oberfläche ist konsequent ästhetisch. Es will keine lexikalisch vollständige Materialsammlung sein, sondern sucht selektiv und durchaus wertend die Entwicklung auf der Oberfläche zu erfassen. Wo ein überkommenes Materialethos bis heute die professionelle Gestaltung der Oberfläche verhindert – es gibt kaum Oberflächendesigner – sucht es für ihre sinnlichen Qualitäten zu sensibilisieren, um in einer zunehmend ökonomisierten und verwissenschaftlichten Welt die welt- und werterschliessende Kraft von Gefühlen zu bewahren.

Hunger nach dem Ungehobelten
Dass Sägerau die neue Holzoberfläche ist, kann nicht allein daran liegen, dass wir sie auf der Mailänder Möbelmesse gleich mehrfach gesehen haben. Damit etwas zum Trend werden kann, damit etwas massenhaft nachgeahmt wird, braucht es mehr als den Nachahmungstrieb. Es braucht auch das Bedürfnis dafür, das Verlangen, den Hunger danach. Und die müssen gross sein, wie sonst liesse sich erklären, dass ausgerechnet im modebewussten und stilsicheren Italien das «Ungehobelte» Mode und Stil wird. Das Aufgesetzte, das Gespielte, das unpersönlich Technokratische ist uncool geworden. Je mehr wir selbst in Rollen gedrängt werden, in denen es nur darum geht, eine gute Figur zu machen, sich gut zu verkaufen und uns perfekt zu inszenieren, durchschauen wir das uns täglich Dargebotene. Umso mehr sehnen wir uns nach dem Authentischen, nach dem Echten und Unverfälschten. Die coolsten Typen haben sich selbst entzaubert. Seit ihrem Crash ist das Vertrauen in Brocker und Banker massiv gestört. Und nicht nur in sie, in alle, deren «Leidenschaft» nicht gefühlsecht ist und nicht wirklich Verantwortung übernimmt.

Reduktion zugunsten der Oberfläche
Der Trend zum Authentischen ist keineswegs so neu. Er köchelt schon seit der Postmoderne der 1980er Jahre. Gleichzeitig mit den kühlen, dekorativen Formen und Farben und den nur scheinbar kostbaren Materialien in Design und Architektur entstand auch das, was wir später Lifestile nannten. Schnelllebige, vordergründige und zeichenhaften Rituale. Aber, erinnern wir uns, es war auch der unerhörte Moment, in dem Handwerklichkeit und Patina erstmals die heilige Kuh technischer Perfektion in Frage stellten. Seither allerdings befindet sich diese stetig auf dem Rückzug. Je cooler und puristischer die Formen in der Folge werden, desto lebendiger werden die Materialoberflächen. Der Purismus ist Reduktion zugunsten der Oberfläche. Kühle, formale Nüchternheit paart sich mit gefühlsbetonter Materialität, ja ist deren Bühne.

Die Steigerung der Materialität ist nun die dreidimensionale Haptik. Alle Welt spricht jetzt von «Haptik». Die Hersteller, weil sie neue Entwicklungsperspektiven eröffnet, die Materialbibliotheken, weil sie die Gestalter, die die Dinge nun mal für ein Leben gern anfassen, jetzt mit «Anfasszinationen» (Zitat Raumprobe) locken können. Auch wenn es – in Wahrheit – nicht so sehr um das sinnliche Erlebnis des Anfassens geht, sondern um mehr Authentizität und Glaubwürdigkeit für den blossen Augenschein. «Haptik» ist ein neues optisches Vergnügen. So gesehen ist «Haptik» der Megatrend, an dem derzeit fast alle Oberflächenhersteller arbeiten. Sie werden dabei kräftig unterstützt oder ernsthaft herausgefordert von neuen technischen Entwicklungen.

Oberfläche löst sich vom materiellen Substrat
In Architektur und Innenarchitektur trennt sich zunehmend Verkleidung von Statik und Funktion. Sandwich und Leichtbau, Kunststoffe und Composite nehmen den Werkstoffen ihre materielle Identität. Die digitale Wende hat nicht nur die Auflösung körperhafter Produkte zugunsten von Benutzeroberflächen oder vielfach gar ihre völlige Entmaterialisierung zur Folge. Inzwischen machen sich auf fast allen Materialsystemen digitale Oberflächentechniken breit, die immer neue Oberflächeneffekte generieren. Solcherart befreit vom Diktat der Mengenproduktion gewinnt die Ästhetik der Oberfläche rasant an Eigenständigkeit. Ein Paradigmenwechsel scheint sich anzubahnen: Die Hülle wird wichtiger als Form und Inhalt. Die Oberfläche löst sich mehr und mehr von ihrem materiellen Substrat. Die Internationale Zeitschrift und Schriftenreihe für Architektur bestätigt in ihrer Ausgabe vom März/April letzten Jahres: «Surface ist nicht allein die Übersetzung von Oberfläche. Surface hat sich zu einem eigenständigen Begriff verselbständigt und von seinem Untergrund gelöst. Seitdem bestimmt sie in hohem Masse die Architekturavantgarde und wurde zum diskreten Helfer der Stars.» – Seitdem stellt sich die Frage der Authentizität aber auch umso drängender.

Ein Fussbodenhersteller furniert HDF-Platten mit nachwachsendem Eukalyptus-Holz und bedruckt sie kontinuierlich im digitalen Ink-Jet-Verfahren direkt mit jedem beliebigen Holzbild. Da der Druck porentief eindringt und den Kantenradius umfasst, erzeugt er, richtiger gesagt, leiht er sich (von dem Furnier) einen authentischen Holzeffekt. Bei einer Mindestproduktion von lediglich 50 Quadratmetern kann man sich vorstellen, mit welcher Lust die Designer dort ständig neue Holzarten oder -effekte erfinden oder nach Kundenwunsch entwickeln. Ein Beispiel dafür liefert der Berliner Künstler Dieter Balzer, der die Farbe benutzt, um Formen zu unterlaufen. Bei seinem Fussbodendesign «shift» überlagert und zersetzt die farbliche Beschichtung das doch eher biedere Verlegeraster der schmalen Dielen (Bild 1). Dabei überlässt er, ganz im Sinne der konkreten Kunst, die Vollendung des kreativen Prozesses dem Betrachter, in diesem Fall dem Bodenleger. Die über sechs Dielen gedruckte Ausgangsfigur fügt sich je nach Art und Reihenfolge der Verlegung (ob zur Hälfte oder einem Drittel verschoben) zu immer neuen Strukturmustern, die auf der grossen Fläche des Bodens freilich ins Ornamentale umschlagen.

«Haptische» Strukturen werden derzeit noch – kongruent zur Maserung – auf solche Holzwerkstoffe auflackiert, es ist aber sicherlich nur noch eine Frage der Zeit, bis sie digital geprägt oder wie die Wellendekore in MDF oder Mineralstoff bereits vor dem Druck CNC-gesteuert eingefräst werden. Analog dem Auflackieren werden übrigens inzwischen auch Möbelfolien und dekorbeschichtete Spanplatten mit gravierten Druckwalzen «haptisch» nachgerüstet, ebenfalls kongruent zur Holzmaserung, beziehungsweise synchron, wie man in der Branche zu sagen pflegt. Als Beispiel sei hier die in Koproduktion eines Dekordruckers und Holzwerkstoff-Herstellers entwickelte Oberfläche Nussbaum Parini genannt. Das «Embossed in Register» genannte Verfahren führt zu einer ungekannt authentischen Holzoptik und -haptik. Die präzise der Maserung folgende, fein und differenziert im Register geprägte Pore veredelt die ursprüngliche Eleganz, die dem Nussbaum von Natur eigen ist, zusätzlich. Sie unterstützt diskret seine fein bewegte Gradlinigkeit und nuancierte Farbigkeit.
Ein Teppichhersteller bringt «Haptik» auf seine Standard-Auslegeware, indem er mit so genannter Thermogravur digital jede Struktur, jedes Ornament aus dem Material schmilzt – auch hier ab wenigen Quadratmetern Mindestmenge.

Steinoberflächen kannte man bis dato poliert, sandig, körnig oder kristallin geraut, und das Interesse richtete sich eher auf die Schönheit der mineralischen Struktur. Nun steuern Programme Meissel digital über die Oberfläche und thematisieren die spröde Härte des Steins mit einer unbegrenzt erscheinenden Vielfalt von Texturen (Bild 5). – «Haptiken», die in diesem Fall sicher keine «Anfasszination» ausüben. – Dieses Beispiel (Bild 4) aus einer solchen Kollektion der neuen kreativen Momente, die in einem Stein stecken, weckt eine Ahnung dafür, wohin das noch führen kann. Auf kaum einem anderen Material kann man so schöne Spuren hinterlassen wie auf Stein.
Die Schichtstoffhersteller, offenbar animiert von Reliefplatten, die aus mehreren Furnierschichten gepresst oder aus Massivholz gefräst werden, übertreffen sich neuerdings gegenseitig mit «haptischen» Holz-, Stein-, Metall und sonstigen Materialstrukturen. Die Oberflächenstruktur «Longline» ist eine stark abstrahierte Struktur gebürsteten Holzes, «Sculpted» (Bild 2) eine ornamentalere Variante davon, «Wooden Spirit» und «Stone Mountain» naturnahe Holz- und Steinstrukturen, «Aluline» eine Alubürstenstruktur, die aber durch mehr Tiefe und Linienlänge eine höhere Prägnanz gewinnt. Die Oberfläche «Illusion» (Bild 3) schafft auch ohne «Haptik», allein mit unterschiedlich gerichteten feinen Schleifstrukturen eine vielfach changierende, sehr plastisch wirkende Optik, die den Matt-Glanz-Effekt, ein originäres Oberflächenthema der letzten Jahre, in neue Dimensionen führt.

Eine neue Ebene der Authentizität erklimmt die brandneue Biokompositplatte «RE-Y-STONE». Dass sie ohne Kunstharze vollständig aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, verleiht ihr schon rein materiell eine hohe Seriosität. Da sie jedoch dicker ist als die klassische Schichtstoffplatte, lassen sich mit ihr auch viel tiefere Strukturen verwirklichen. Und wie um die Natürlichkeit der Platte auch ästhetisch zum Ausdruck bringen zu wollen, verpasste ihr der Hersteller «Haptiken» getrockneter Wurzelfasern, dickflüssigen Baumharzes, eingeschlossener Luftbläschen, ledrigen Pergaments und so weiter. Und weil das Material noch dazu abzukanten ist, erscheint es als «massive» Platte noch glaubwürdiger.

Wie tief das Thema «Haptik» die Oberfläche erfasst hat, mag die Hingabe eines Massivholzverarbeiters zeigen. Er begnügt sich bei der Herstellung von Dielen für Möbel, Boden, Wand und Decke nämlich nicht mit der angesagten sägerauen «Haptik». Die später auf Schichtholzträger verleimten Bretter werden zum Beispiel gebürstet, in durchfeuchtetem Zustand unregelmässig quergehobelt, was die sägeraue «Haptik» erzeugt, und dann in einem speziellen Verfahren luftgetrocknet, was zu topografischen Unebenheiten führt. Die Natur des Holzes, seine Reaktion auf äussere Einwirkungen wird freigelegt. Man könnte es auch räuchern, dämpfen, bleichen, es reagierte immer wie Holz. Selbst noch beim finalen Ölen, Wachsen oder Seifen gibt es etwas von seiner materiellen Natur preis. Könnte es sein, dass uns solche Oberflächen deshalb besonders authentisch erscheinen, weil sie nicht subjektiv gestaltet sind, sondern weil sie sich mehr oder weniger objektiv aus dem Material und seiner Bearbeitung ergeben? Die Halbwertszeit grafischer Ornamentik spräche dafür.

Das könnte auch die Erklärung dafür sein, dass der nackte Beton zur bevorzugten Bühne avantgardistischen Produkt-, Möbel- und Einrichtungsdesigns geworden ist. Auf seiner authentischen, objektiven Materialität kommen dessen puristische Formen maximal zur Wirkung. Erst recht, wenn sie nicht mit glatten Siebdruckplatten geschalt und gezähmt wurde, sondern gar durch nachträgliches Bearbeiten wie Auswaschen, Sand- oder Flammstrahlen, Stocken, Spitzen, Scharrieren, Schleifen oder Polieren vielfältig freigelegt ist. Die Tapetenkollektion eines Berliner Architekten ist eine Art Typologie dieser vielfältigen Materialitäten von Sichtbeton: geschliffen, rau, grossporig, Typ Plattenbau, Berliner Mauer und Waschbeton.

Beton ist tatsächlich nicht nur der wichtigste, vielseitigste und innovativste, sondern auch der authentischste Baustoff der Gegenwart. Seine materiellen Merkmale und die Spuren der Verarbeitung treten völlig unverbrämt auf der Oberfläche zu Tage.

Um den von der Leichtbauplatte ausgelösten Oberflächen-Boom wenigstens ansatzweise betrachtet zu haben, sei eine Aluwabenplatte mit einer Deckschicht aus eloxiertem Spiegelaluminium angeführt. Durch die gespiegelte Unschärfe scheint sich die Platte auch auf der Oberfläche zu entmaterialisieren und in völlige Leichtigkeit aufzulösen. Sie ist da und doch nicht da, Spiegelbild und doch noch materielle Oberfläche. Sie wird gerade von dem renommierten japanischen Architekturbüro Sanaa (Zollverein-Kubus, Essen) für eine Dependance des Louvre im französischen Lens verbaut. In dem aussen und innen damit verkleideten Gebäude werden nur noch die Bilder an der Wand, nur noch die ausgestellten Kunstobjekte konkret sein.

Virtuelle Oberfläche für die Bemusterung
Das Jahrbuch gibt es auch online unter www.surface-yearbook.de.
Unter www.eSurface.de entsteht derzeit ein sorgfältig kuratiertes Oberflächenportal, auf das man auch mit dem iPad zugreifen kann. Im Fullscreen-Modus wird das iPad so zur virtuellen Oberfläche für die Bemusterung vor Ort.
 
 
Ausgabe "2012/1 - Januar/Februar" bestellen
 
Text Gerd Ohlhauser
Bild Surface Yearbook
 
   Weiteres zum Thema
 
Farbgestaltung | Der Einsatz von Farbe in der …      
Holz-Oberflächen | Holz ist ein sehr gefragter ...      
Keramik-Oberflächen | Keramikoberflächen sprechen eine topmoderne ...      
Lasurtechnik | Für viele Handwerker und …      
Licht und Oberflächen | Ohne Licht keine Farben …      




Lifecom


Xen-On


Verkehrshaus