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Tadelakt تادلاكت
Initiation in eine uralte Verputztechnik in Marrakech
 
Die den Tadelakt umgebende geheimnisvolle Fama zieht auch in unseren Breitengraden vermehrt Bauherren und Bauherrinnen in den Bann. Von dieser Anziehungskraft wurden denn auch Annegret Diethelm und Attilio D’Andrea nach dem Besuch eines Kurses zu traditionellen, geglätteten Kalkputzen am Conservatoire des Ocres in Roussillon und einigen Selbstversuchen erfasst. Nun wollten sie die Technik des Tadelakt an ihrem Ursprungsort in Marrakech vertiefter kennen lernen. Einblicke in einen faszinierenden Arbeits- und Verwandlungsprozess.

Tadelakt − Begriffserklärung und Werdegang des Meisters, des Maâlem
Tadelakt ist die berbersprachliche Umformung des arabischen Wortes Dalaka durch Beifügung von Ta- und -t: Ta-delak-t. Dalaka wird mit einreiben, frottieren, polieren, ausgleichen, ebnen, massieren, streicheln übersetzt. Der Meister, Maâlem (abgeleitet von allama – lehren), der den Tadelakt fertigt, wird Dallak genannt. Den gleichen Namen Dallak trägt der Masseur des Hammams und der Physiotherapeut.

Die Weitergabe des Wissens geschieht auf unmittelbare, mündliche Weise von Vater zu Sohn, von Meister zu Schüler in der intimen Atmosphäre der Werkstatt. Stufenweise wird der Talib (Schüler) eingeführt (initiiert) in die Geheimnisse des Handwerks durch Beobachtung der Gesten, der Bewegungen des Meisters, das Kennenlernen von Werkzeugen und Material. Er beginnt mit den undankbarsten Arbeiten (Reinigen und Vorbereitung des Werkplatzes) und erreicht durch stete Übung, Geduld und Leidenschaft den Status des Maâlem, des Meisters.

Zeit – sich Zeit nehmen, sich Zeit geben – ist die wichtigste Voraussetzung für die Ausführung und das Gelingen des Tadelakts. Maâlem und Talib ordnen sich den Regeln des Materials, aus dem der Tadelakt besteht − dem Kalk – unter, fügen sich in ihren Bewegungen in seinen Rhythmus ein.

Historisches
Die Spuren der Ursprünge des Tadelaktverputzes verlieren sich in der Vergangenheit. Verdichtete Kalkverputze gab es in historischer Zeit an verschiedenen Orten der Welt. Den Stucco Veneziano oder Stucco lustro kannte man schon im antiken Italien. Dass sich diese Verputztechnik gerade in Marrakech zu einem vollkommenen Handwerk entwickelte, liegt an den Muschelkalkvorkommen in der Umgebung, die naturgegeben aus einer perfekten Mischung der geeigneten Mineralien bestehen. Das älteste erhaltene Beispiel für deren Verwendung als Tadelakt in Marrakech ist die um 1100 kurz nach der Stadtgründung durch die berberischen Almoraviden erbaute, in späteren Zivilisationsschichten versunkene und erst 1952 wieder ausgegrabene Koubba Ba’adiyn, eine ursprünglich wohl zu einer Moschee gehörende Wasch- und Toilettenanlage. Ob die kriegerischen Nomaden aus der Sahara die Bautechnik des geglätteten, verdichteten Kalkverputzes selbst entwickelten, scheint unwahrscheinlich, vielleicht waren es eher Handwerker aus dem spanischen Andalusien, das seit 1190 ebenfalls zum Herrschaftsgebiet der Almoraviden gehörte. Wurde der wasserdichte Tadelaktverputz zu Anfang offenbar vor allem aufgrund seiner technischen Eigenschaften zweckentsprechend eingesetzt − zum Beispiel als Abdichtung des grossen Wasserreservoirs des im 12. Jahrhundert angelegten Menaragartens am Stadtrand, vor allem aber auch für die Hammams, die zahlreichen traditionellen Badeanlagen −, so führten die ästhetischen Qualitäten der glatten, schimmernden Oberflächen schliesslich auch dazu, Innenräume und Fassaden von repräsentativen Gebäuden mit Tadelakt zu verputzen, oft in ornamentaler Musterung. Seit etwa 30, 40 Jahren entwickelte sich Marokko zur Tourismusdestination, und Marrakech als eine der vier Königsstädte ist dabei einer der am häufigsten besuchten Orte. In den Bädern, Innenhöfen und Salons der Hotels und Riads, das heisst der herrschaftlichen alten Stadthäuser, die mehr und mehr zu Ferienresidenzen ausgebaut wurden, begegneten die fremden Gäste dem geheimnisvollen Leuchten des Tadelakts, der so nach und nach auch jenseits des Mittelmeers bekannt wurde und heute auch bei uns zunehmend Verbreitung findet.

Stage bei Jamal Daddis in Marrakech
Jamal Daddis bietet mehrmals im Jahr Tadelakt-Stages in Marrakech an, die über das Erlernen der Technik hinaus Einblicke in die Kultur und das Leben in Marokko geben (www.atelier-pittoresque.com ).


Die Kunsthistorikerin und der Architekt aus dem Tessin fanden in Jamal Daddis, der in St. Etienne bei Lyon sein Atelier führt und in Marrakech bei einem Maâlem (Tadelakt-Meister) das Handwerk erlernt hat und in intensivem Kontakt mit seiner Heimatstadt steht, und aber auch in seinem Kollegen Hassan Imaghrå ihre eigenen Maâlemin (Lehrmeister), die die beiden Schweizer mit Geduld und Aufmerksamkeit in die Regeln der Kunst des Tadelakts einzuführen vermochten. Ein Erlebnisbericht.

Stationen auf dem Weg zum Tadelakt
«Bei unserem Eintreffen auf dem Werkplatz in Marrakech waren die Wände der Küche und des Esszimmers, die wir zu viert im Lauf einer Woche im Mai 2011 mit Tadelakt verkleiden sollten, bereits mit einem groben Grundputz (Kalk mit etwas Zement) versehen. Grundregel für Verputzarbeiten ist die Beachtung der Haftung zwischen den aufeinanderfolgenden Schichten, das heisst die tragende Schicht muss gröber sein als die folgende. Ebenfalls bereits am Vorabend in einem Blechfass eingesumpft worden war die Mischung aus gelöschtem Kalk mit seinen natürlichen Zuschlagstoffen. In einem ersten Schritt vermischten wir die eingestreuten Rot- und Gelboxydpigmente mit dem von Natur her leicht graugetönten Kalkputz. Es können alle kalkverträglichen Pigmente zum Einfärben des Verputzes verwendet werden. Nach Entfernung allzu grober Verputzpartikel wurde der Grundputz genässt, wobei im trockenheissen Maiklima von Marrakech weit mehr Wasser notwendig ist als im feuchteren Klima der Schweiz. Nach der Beurteilung einer kleinen Testfläche begannen wir alle mit dem Auftrag des ockerfarbenen Verputzes mit der wohlriechenden Zedernholztaloche, wobei die Bewegung immer von unten nach oben erfolgen muss. Als die Wand vollständig mit einer dicken Schicht recht flüssigen Verputzes bedeckt war, folgte die lange Zeitspanne der kreisenden Bewegung der Taloches: ‹Talocher bien! Talocher bien!› Erst als die Oberfläche begonnen hatte, andeutungsweise glatt und etwas trockener zu werden, das heisst der Abbindungsprozess eingesetzt hatte, folgte der Griff zum ‹Plastique›, dem handgrossen, aus einem Kessel ausgeschnittenen und am Rand sorgfältig mit Schmirgelpapier zugeschliffenen Stück Plastik, und der eigentliche Vorgang der Verdichtung und Glättung des Verputzes konnte beginnen. Dieser Arbeitsschritt kann mit dem Vorgang des Modellierens verglichen werden, besonders dann, wenn es darum geht, Ecken und Kanten organisch zu formen. Ruhe, Konzentration, Sorgfalt und Geduld sind notwendig: ‹Tranquille, tranquille – doucement, doucement!› In gleichsam meditativer Weise gleiten die vier ‹Plastiques› pausenlos, sanft und ruhig über die immer glatter, dichter werdende Kalkputzschicht. Durch das Hineindrücken der gröberen Partikel in die Tiefe der Verputzschicht wird die Oberfläche immer dichter, reflektiert das Licht immer stärker, wodurch sie sanft zu leuchten und glänzen beginnt. Abgeschlossen wird die Verdichtung mit dem Polierstein, einem auf einer Seite glattgeschliffenen Flusskiesel, der sich in die hohle Hand einschmiegt. Es wird poliert und gedrückt – ‹Serrez bien!› − bis die ‹Laitance›, die Kalkmilch als weisser Schleier auf der Oberfläche erscheint. Dann ist es genug! − Am nächsten Morgen trugen wir mit dem Schwamm die mit Wasser verdünnte ‹Savon noir› auf, die Olivenölseife. Durch ein abschliessendes Polieren mit dem ‹Caillou›, dem Polierstein, wird diese natürliche Seife in Kalkseife umgewandelt, die den Tadelakt schmutz- und wasserabstossend macht, ohne dessen Diffusionsfähigkeit zu beeinträchtigen. Ein Abwischen des überflüssigen Seifenwassers... – den Rest der Arbeit besorgt die Zeit, die Luft, das langsame Trocknen, bei dem sich die Farbe aufhellt, die Vollendung des Kalkkreislaufes, während dem sich der Kalkverputz in einem jahrzehntelangen Prozess in seinen Ursprung, den Kalkstein zurückverwandelt.

1000 Jahre…
‹Une technique millénaire d’enduit à la chaux − eine tausendjährige Kalkverputztechnik›, so lautet der Untertitel des Buches ‹Le Tadelakt› von Jamal Daddis, das Schritt für Schritt in Bild und Text auf anschauliche Weise den Vorgang von Anfang bis Ende darlegt, sowie Hintergründe und weitere Informationen liefert (Verlag Edisud, Aix-en-Provence, 2007, Neuauflage 2011). ‹Tausendjährig› – damit ist in erster Linie natürlich die tausendjährige Geschichte dieser faszinierenden Oberflächentechnik gemeint. In weitestem Sinn kann dieses ‹tausendjährig› auch auf den ganzen Ablauf übertragen werden: vom Kalkstein in den Kalkbrennofen übers Löschen zum Einsumpfen, Auftragen, Verdichten und Glätten zum Abbinden und damit zur langsamen Rückverwandlung in den Ursprung Stein. Der Mensch als Handwerker, als ‹Maâlem›, als ‹Dalaka›, greift für eine kurze Zeitspanne in diesen Kreislauf ein, indem er rohe Mauern mit Hilfe des natürlichen, geduldig und leidenschaftlich aufgetragenen Materials zum Leuchten bringt. Diese Oberflächen überdauern Jahrhunderte, wie bei der Betrachtung der Koubba Ba’adiyn zu erkennen ist.

Dass in unserer Zeit der stets fortschreitenden Beschleunigung fehlende Geduld, fehlendes Verständnis, fehlendes Können und der Wunsch der Bauherren und Bauherrinnen nach dekorativen Wandoberflächen zur Erfindung von schnell zu verarbeitenden Ersatzprodukten für den echten Tadelakt von Marrakech geführt haben, ist leider eine Tatsache. Doch nie erreichen diese Produkte den Glanz, den geheimnisvollen Schimmer der schlichten, mit Meisterschaft ausgeführten, letztlich einfachen Technik des Tadelakt, die ‹nur› das erfordert, was heute allzu oft auf der Baustelle fehlt: Zeit, Geduld, Leidenschaft, eine gewisse Sanftheit, das Befolgen von Regeln und Rhythmus eines der ältesten Baumaterialien.» 
 
Ausgabe "2012/1 - Januar/Februar" bestellen
 
Text Annegret Diethelm und Attilio D'Andrea
Bild Annegret Diethelm und Attilio D'Andrea
 
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