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Nachwachsende und recycelte Dämmstoffe
Dämmen mit Blick auf das Ganze
 
Nachhaltige Dämmstoffe setzten sich durch, vor allem, wenn sie zum gleichen Preis wie die gängigen angeboten würden. Damit es soweit kommt, ist Information das geeignete Mittel, potentielle Abnehmer, Architekten und Hausherren, von den Vorteilen nachwachsender oder recycelter Dämmmaterialien zu überzeugen. Denn wo Wissen und Verständnis wächst, steigt die Verantwortung gegenüber Mensch und Umwelt – und die Haltung, dass der Preis allein nicht der alles entscheidende Faktor sein darf.

COVISS: Herr Haas, «Wärmedämmung» ist heute beinahe zu einem Schlagwort geworden. Gut gedämmte Fassaden werden mittlerweile nicht mehr allein von «Alternativen» oder «Grünen» gefordert. Und wirkungsvolle Gebäudeisolation findet man auch ausserhalb des Minergie-Standards. Hat diese Entwicklung nebst den unbestrittenen Vorteilen auch Nachteile?
Stefan Haas: Es stimmt, dass gemäss gesetzlichen Bestimmungen immer schärfere Vorschriften eingehalten werden müssen und somit die Dämmstärken der einzelnen Bauteile immer grösser werden. Diese Entwicklung ist sinnvoll, denn auf diesem Weg kann der für die Klimaerwärmung verantwortliche CO2-Ausstoss reduziert werden. Leider werden aber nach wie vor über 30 Prozent Kunststoffdämmstoffe eingesetzt. Die Herstellung dieser Dämmstoffe ist immer noch problematisch, da umweltschädigende und gesundheitsgefährdende Stoffe bei der Produktion entstehen. Zudem ist Erdöl der Ausgangsstoff. Sinnvoller wäre, vermehrt Dämmmaterialien aus nachwachsenden oder recycelten Rohstoffen zu verwenden. Diese machen leider momentan erst fünf Prozent aus.

COVISS: Wie sinnvoll ist es überhaupt, ein Gebäude mit Dämmmaterial dick einzupacken?
Stefan Haas: Aus energetischer Sicht ist das Einpacken sehr sinnvoll. Man muss allerdings beachten, dass eine bessere Dämmung und luftdichte Konstruktionen zu immer luftundurchlässigeren Bauten führen. Dichte Gebäudehüllen und Fenster verhindern den früher gegebenen Luftaustausch durch Ritzen. Bei ungenügender Lüftung können aber leicht Feuchtigkeitsschäden auftreten. Ein Gebäude sollte deshalb immer als ein Ganzes mit Heizung und Lüftung betrachtet werden.

COVISS: Und aus architektonischer Sicht?
Stefan Haas: Energetisch gesehen, müsste heute vor allem alte Bausubstanz besser gedämmt werden – aber bitte unter Berücksichtigung architektonischer und denkmalpflegerischer Aspekte. Kunstvolle und historische Fassaden dürfen nicht einfach mit hochmodernen Dämmmaterialien überdeckt werden. Vielmehr muss im Einzelfall entschieden werden, mit welchen geeigneten Dämmmassnahmen die historische Bausubstanz erhalten werden kann. So ist vielleicht das Anbringen einer Innendämmung angezeigt, vor allem dann, wenn nicht auf allen Fassaden-Aussenseiten gedämmt werden kann. Und man darf nicht vergessen: Wärmedämmungen an Fassaden verändern den architektonischen Ausdruck: Die Fensterleibungen werden grösser, auch ist der Lichteinfall nicht mehr derselbe.

COVISS: Welche Materialien eigenen sich aus Ihrer Sicht in unseren Breitengraden am besten für eine nachhaltige Wärmedämmung und welche nicht?
Stefan Haas: Meiner Meinung nach kann jedes geprüfte Wärmedämmmaterial eingesetzt werden. Sicherlich macht es bei uns aber nicht wirklich Sinn, ein Gebäude vollständig mit Kokosfasern oder Baumwolle, die bei uns nicht angebaut werden, zu dämmen. Die Wahl sollte deshalb auf Dämmmaterialien fallen, die in unseren Breitengraden verfügbar sind und hier hergestellt werden. Jedes Material sollte also dort eingesetzt werden, wo es aus bauphysikalischen, wärmetechnischen sowie baubiologischen und bauökologischen Überlegungen am sinnvollsten ist.

COVISS: Worauf muss allgemein beim Dämmen geachtet werden?
Stefan Haas: Durch das Dämmen verändern sich die bauphysikalischen Eigenschaften des Bauteils. So kann sich eventuell der Taupunkt verschieben, und bei einer falschen Materialwahl kann die Gefahr von Feuchtigkeitsschäden zunehmen. Ausserdem muss bei Dämmmassnahmen immer entschieden werden, ob eine dampfdiffusionsoffene oder -geschlossene Bauweise angezeigt ist, ob aussen oder innen gedämmt werden soll, wie man mit Wärmebrücken umgehen will. Diese Entscheidungen führen schliesslich zu einer bestimmten Materialwahl und zur Konstruktionweise. Leider werden gerade Dämmmassnahmen bei Erneuerungen viel zu oft einseitig angeschaut. Aus finanziellen Überlegungen werden ganze Bauteile nicht gedämmt. Dabei wird vergessen, dass an einem andern Ort Wärmebrücken entstehen. Entscheidend ist, dass zusammen mit einem Energiefachmann oder andern Spezialisten an alle energetischen Schwachpunkte gedacht wird, zum Beispiel Leibungen, Balkonanschlüsse, Rollladenkästen, Brüstungen, Perimeterdämmung, Lukarnenwände.

COVISS: Welche Rolle spielt der Preis?
Stefan Haas: Heute wird leider oft nur aufgrund der Wärmedämmfähigkeit und des Preises entschieden. In Zukunft sollten vermehrt auch umweltrelevante Faktoren wie Herstellungsenergie, Transportwege, Inhaltsstoffe, Entsorgung und gesundheitliche Auswirkungen eine Rolle bei der Materialentscheidung spielen.

COVISS: Umso wichtiger ist der Aspekt der Information…
Stefan Haas: Ganz gewiss. Tatsächlich sind viele Kunststoffdämmstoffe, was die Wärmeleitfähigkeit anbelangt, den nachwachsenden oder recycelten Dämmstoffen nach wie vor überlegen. Dabei wird aber oft vergessen, dass nicht nur der winterliche Kälteschutz, sondern auch der sommerliche Wärmeschutz und das Feuchtigkeits- und Brandverhalten von Bedeutung sind. Die nachwachsenden Dämmstoffe weisen ein sehr gutes Feuchtigkeitsverhalten auf und dämmen auch noch bei feuchtem Zustand optimal. Die Holzweichfaserplatten schneiden beim sommerlichen Dämmschutz am besten ab. Wissen sollte man auch, dass die meisten nachwachsenden Dämmstoffe bei der Herstellung vergleichsweise wenig Energie brauchen und problemlos entsorgt werden können. Der Einsatz von Dämmstoffen aus Recyclingmaterial ist aus ökologischer Sicht ebenfalls sehr sinnvoll.
Da eignen sich vor allem die Zelluloseflocken und Schaumglas, die aus 100 Prozent Rezyklat hergestellt werden.

COVISS: Wo sind Nachteile auszumachen?
Stefan Haas: Auch so genannt nachhaltige Dämmstoffe bestehen nicht zu hundert Prozent aus nachwachsenden Bestandteilen. Bis zu 15 Prozent des Gesamtmaterials besteht aus Flammschutzmittel oder Stützfasern. Bei Schafwolle kommt ein Insektizid gegen Motten zum Einsatz.

COVISS: Welche nachhaltigen Dämmstoffe empfehlen Sie?
Stefan Haas: Nebst den bereits am meisten verbreiteten Zelluloseplatten oder -flocken und Holzweichfaserplatten können sicherlich auch Hanf- und Flachsprodukte mit gutem Gewissen empfohlen werden. Schafwolle ist in der Schweiz genügend vorhanden und sollte vermehrt für Dämmzwecke eingesetzt werden. Kork wird aus Kostengründen nur wenig verwendet, obwohl Kork nachhaltig aus Eichenhainen gewonnen wird, womit das Überleben dieser ökologisch wertvollen Eichen gesichert werden könnte.

COVISS: Welches sind denn die Hauptgründe, dass sich nachhaltige Materialien (noch) nicht voll durchsetzen?
Stefan Haas: Die Dämmstoffe aus nachwachsenden Materialien wie zum Beispiel Flachs, Hanf, Zelluloseflocken, Holzweichfaserplatten, Schafwolle und Kork oder aus recycelten Materialien sind immer noch meist teurer. Würden diese Materialien gleich viel kosten wie Stein- und Glaswolle und Kunststoffdämmstoffe, würden zweifellos mehr nachwachsende oder recycelte Dämmstoffe verwendet. Momentan machen die mineralischen Dämmstoffe noch über 50 Prozent aus. Die Zelluloseflocken und die Holzweichfaserplatten sind diejenigen nachhaltigen Dämmstoffe, die am meisten verwendet werden. Flachs und Hanf kommen nur selten zum Einsatz. Grund dafür sind unter anderem die teure Produktion und die immer noch geringe Bekanntheit. Vermutlich ist das Vertrauen in diese Stoffe bei den Architekten noch nicht gross genug.

COVISS: Was ist zu tun?
Stefan Haas: Zu informieren, wie Sie das mit Ihrem Magazin regelmässig tun. Wirkung zeigt auch das Label «natureplus». Es zeichnet Baumaterialien aus, die zu 85 Prozent aus nachwachsenden oder mineralischen Rohstoffen bestehen. Das Label, zu dessen Bekanntheit Ihr Magazin wiederum entscheidend beiträgt, trägt dazu bei, dass diese Dämmstoffe einfacher zu erkennen sind und deren Glaubwürdigkeit gestärkt wird. Natürlich sollten vermehrt auch grössere Bauinvestoren auf diese Produkte setzen. Sie könnten ihr umweltbewusstes Verhalten ja positiv für ihre eigenen Werbezwecke nutzen. Der wirkliche Durchbruch gelingt, sobald grössere namhafte Dämmstoffhersteller diese Produkte zum gleichen Preis wie die gängigen Dämmstoffe anbieten. 
 
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Text Gregor Eigensatz
Bild Isocell
 
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