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Kritische Stellungnahme
Wellness-Farben ohne Wellness-Effekt
 
In COVISS 6/2011 ist ein der Colores Handels AG mit dem Titel «Katalytisch das Raumklima verbessern – Wellnessfarbe mit aktiver Luftreinigung» erschienen. Dieser Artikel hat Dr. Uwe Erfurth, Diplomchemiker und Sachverständiger für Anstriche und Putze des Instituts für Bautenschutz IfB sowie Laborleiter der SwissBauCo GmbH Schweizer Baucontrolling bewogen, einen Leserbrief zu schreiben. COVISS, das unabhängige Magazin, publiziert die kritische Stellungnahme in voller Länge. Sie regt zur Diskussion umstrittener Inhalte an und stellt so einen Beitrag zur Klärung dar.

«Jeder weiss, dass man bei Marketing-Aussagen einer Anzeige oder eines PR-Artikels nicht alles für bare Münze nehmen darf. Doch im oben genannten Artikel sind so viele unrichtige Aussagen, dass man diese meines Erachtens richtigstellen muss.

‹Katalytisch das Raumklima verbessern›
Als Wirksubstanz wird Silber genannt. Silber ist kein Katalysator. Die Wirkung des Silbers beruht letztlich auf der Ionenbildung zu Ag+. Dazu ist Wasser notwendig. Inwieweit in einer Raumfarbe Wasser vorliegt, damit es zur Ionenbildung kommt, bleibt offen. Katalysatoren zur Raumluftverbesserungen sind Titandioxid in spezieller Form und Kristallstruktur, und auch meist nano-skalig! Je kleiner die Partikel sind, desto grösser ist die Oberfläche: Auch metallisches Nano-Silber wirkt deshalb antibakteriell, weil es mit Wasser an der grossen Oberfläche von Nanosilber leichter zu Ag+-Ionen reagiert. Man muss also beachten, dass dieser Reaktionsvorgang nur mit Wasser funktioniert. Vielleicht geht man davon aus, dass, wenn Schimmelpilze da sind, auch genug Wasser da sein muss. Ziel eines richtigen Raumklimas sollten aber trockene Wand- beziehungsweise Anstrichoberflächen sein; das alleine würde schon den Schimmelpilz verhindern und das Nanosilber entbehrlich machen.

Nano oder Mikro?
Interessant wäre nun zu wissen, was denn nun wirklich an Silber drin ist: Nano oder Mikro? Wo sind die Grenzen? Darüber erfährt man auch im Sicherheitsdatenblatt nichts. Auffällig ist nur eins, dass die genannte Firma Remmers im Jahr 2009 mit einer Nanosilberfarbe auf den Markt kam. Nachdem aber das Umweltbundesamt im Oktober 2009 eine Warnung gegenüber Nano-Materialien aussprach, wurde in der Werbung aus Nano schnell Mikro. Hier muss man fragen dürfen: Was ist nun wirklich drin? Bei der von Colores genannten Relius-Farbe heisst es in einer Pressemitteilung der Firma Relius:

‹CleanCoat – Die Premium-Innenwandfarbe. Mit Sicherheit eine starke Abwehr für die Wand – In sensiblen Bereichen wie Arztpraxen, Krankenhäusern, Altenheimen, Kindergärten, Küchen oder Schwimmbädern herrschen strenge Hygienevorschriften. Die Anforderungen an eine Innenwandbeschichtung sind dort extrem hoch. Sie soll absolut robust und gleichzeitig leicht zu reinigen sein. Die neue Premium Innenwandfarbe RELIUS CleanCoat mit Silberionen-Technologie erfüllt all dies in Bestform: Sie ist nicht nur besonders widerstandsfähig, sondern mit geprüfter Sicherheit stark gegen den Befall mit Bakterien ausgerüstet.›

Silberionen sind jedoch zweifelsfrei nanoskalig! Im Colores-Artikel ist nun aber zu lesen:
‹Sowohl Relius wie auch Remmers setzen (…) auf die Verwendung von kleinsten Silberteilchen in der Farbe. Von Silber ist hinreichend bekannt, dass es gegen Bakterien und Pilze wirksam ist. Silber ist aber im Gegensatz zu Bioziden gesundheitlich unbedenklich, und die verwendeten Silberteilchen liegen im Mikro-Bereich und nicht im Bereich der Hautdurchgängigen Nanoteilchen.›

In der Publikation des BUND zum Nanosilber erfährt man:

‹Silber ist, nach Quecksilber, das giftigste Schwermetall für tierische und pflanzliche Wasserlebewesen. Silber wirkt in sehr niedrigen Konzentrationen giftig auf Fische und Krebs sowie auf Algen und weitere Wasserpflanzen. Auch Bakterien wie die Stickstoff fixierenden Bodenbakterien reagieren sehr empfindlich. Dabei erfolgt die biozide Wirkung bereits bei Konzentrationen, die deutlich unterhalb der Wirkgrenzen anderer Schwermetalle liegen. Die Mehrzahl dieser Untersuchungen wurde mit gelöstem Silber durchgeführt – Silber liegt als Ion vor.›

Untersuchungen der Eawag und der Empa haben gezeigt, dass aus Fassadenfarben das Silber besonders schnell ausgewaschen wird und die Umwelt belastet. Das ist bei Innenfarbe zwar nicht zu befürchten, aber eins ist klar, je verbreiteter der Einsatz von Nano- oder Mikro-Silber ist, umso mehr wird die Umwelt toxisch belastet. Von Wellness also keine Spur!

Im Artikel von Colores liest man ferner:

‹Noch vor gar nicht langer Zeit kamen die ersten LF- (lösemittelfreien) und dann die ELF- (emissions- und lösemittelfreien) Farben auf den Markt. Damals hat man den Ansatz verfolgt, eine gute Farbe dürfe keine schädlichen oder belästigenden Inhaltsstoffe haben, die bei der Trocknung und während dem Gebrauch aus der Farbe emittieren. Grundsätzlich schon mal ein sehr guter Ansatz, in jedem Fall besser als vieles, was mit den Schlagworten ‹Bio›, ‹schadstoffarm›, ‹aus natürlichen Baustoffen› beworben wird. Nicht alles, was mit ‹Bio› gekennzeichnet ist, ist automatisch gesund, und was die einen als ‹schadstoffarm› bezeichnen, kann für einen Allergiker eine Katastrophe sein.›

Die sogenannten LF (lösemittelfreien Farben) waren ja bereits ein grandioser Betrug am Verbraucher, wie einer Grafik der Firma Sto zu entnehmen ist:

Aus der Grafik geht klar hervor, dass in sogenannten lösemittelfreien Farben (LF) zwar keine VOC mit einem Siedepunkt bis 250ᄚC enthalten sind, dafür aber höher siedende organische Verbindungen, die viel langsamer verdunsten und somit die Bewohner viel länger belasten. Sowas nennt man doch Etiketten-Schwindel, oder nicht? Die LF-Farben waren also kein Fortschritt. Und wenn, dann müssten die Farben als ELF (emissions- und lösemittelfrei, weichmacherfrei) klassifiziert werden.

Zum Thema VOC ist anzumerken, dass es dazu in Deutschland eine strenge Richtlinie gibt. Dieser Richtlinie kann man entnehmen, dass die gesamte Konzentration an VOC nach Beschichten eines Raumes mit Wandfarben nach drei Tagen (TVOC) nicht grösser sein darf als 10mg/mᄈ. Hat aber eine Innenwandfarbe – wie nach Euronorm 13 300 zulässig – einen Gehalt an VOC von nur 1,5%, dann beträgt die TVOC-Konzentration nach drei Tagen mehr als 5’000mg/mᄈ! Solche Angaben wären bei einer Innenfarbe interessant, aber dazu findet man auch in den von Colores beworbenen Farben nichts, auch nicht bei den Herstellern. Bei Relius kann man noch nicht einmal ein Sicherheitsdatenblatt der Clean Coat finden.

Zusammenfassung
Silber wirkt nicht katalytisch, sondern ionisch. Aus dem Artikel kommt nicht hervor, in welcher Form das Silber in den genannten Farben vorliegt. Silber ist auf keinen Fall ungiftig. Silber ist umwelttoxisch und kann über die Nahrungskette (Fisch) aufgenommen werden. Wie gross ist der Anteil an VOC in den genannten Farben? Warum wurde die Farbe nicht als ELF klassifiziert?

Ausblick
In meinen Augen ist es schon abenteuerlich, wie die Industrie mit ungeklärten Fragen umgeht. Das Vorsorge-Prinzip wird trotz all der Skandale wie mit PCB, -Lindan, etc. nicht beachtet. Dabei weiss jeder -Baufachmann, dass auf trockenen Wänden weder Schimmelpilze noch Keime -wachsen. Richtig ist, dass gerade Dispersionsfarben bei kurzzeitigen hohen Raum-luftfeuchten wegen der geringen Dampf--durchlässigkeit zur Oberflächenfeuchtigkeit neigen, weshalb man zur -Silberausrüstung gegriffen hat. Verwendet man zum Beispiel lösemittelfreie, hydrophile Silikatfarben innen, kann man auf jede biozide Ausrüstung verzichten. Nicht verzichten kann man allerdings auf das Lüften, also den Abtransport von zu hoher Luftfeuchte, auch nicht bei sogenannten Wellnessfarben.»


Stellungnahme von Colores
«Natürlich haben Sie recht! Die Wirkung ist Ag-kationisch, nicht Ag-katalytisch. Wir danken für die gute Darstellung der Wirkungsweise von Silber. Die technischen Merkblätter und die Sicherheitsdatenblätter finden Sie unter www.colores.ch.»
Dr. D. Römer, Colores Handels AG


 
 
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Text Dr. Uwe Erfurth
 
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