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Wahrnehmung des Unmittelbaren
Architektur trotz Energieeffizienz
 
In seinem Eröffnungsreferat zur BSA Chefbeamtentagung am 9. September 2011 in Luzern liess Werner Binotto, dipl. Architekt HBK/BSA/SIA und Kantonsbaumeister St.Gallen, zum Thema «Architektur trotz Energieeffizienz» seinen gesellschaftskritischen Gedanken freien Lauf. Binotto postuliert, dass jede Energiepolitik, die einen generationenübergreifenden Anspruch habe, auf der Wahrnehmung des Unmittelbaren und auf einer umfassenden Sicht der Dinge basieren müsse.

«Meint der Tagungstitel ‹Architektur trotz Energieeffizienz›, dass Architektur ohne Energieeffizienz einfacher zu erreichen sei? Oder Architektur trotz allem, also auch gegen Energieeffizienz, erreicht werden kann? Quasi als Trotzreaktion: jetzt erst recht? Im Sinne eines letzten humanistischen Rückzugsgefechts? Oder zeigt der Titel der Veranstaltung einfach die Befindlichkeit der Architektenschaft
in Bezug auf die aktuellen Energiediskussionen?

Die Auseinandersetzungen zwischen Architektur und Energieeffizienz finden ja schon länger statt. Das war aber nicht immer so. Paul Mebes unterscheidet in der Baukunst zwischen Architektur und Bauen (Paul Mebes, Um 1800, 3. Auflage, München 1920). Im ersten Fall, der Architektur, ging es sicher nicht primär um Energieeffizienz, im zweiten Fall, dem Bauen, schon: im Wesentlichen um Effizienz, auch um Energieeffizienz. Deshalb frage ich mich, ob man ab gewissen Breitengraden südlich und nördlich des Äquators eigentlich jemals nicht energieeffizient gebaut hat? Ein Bauernhaus bei uns war doch immer energieeffizient, auch ein Turmhaus im indischen Kuluvalley ist vor allem eines: energieeffizient. Unsere Ostschweizer Bauernhäuser sind im Idealfall mit der Hauptfassade gegen «halb elf» ausgerichtet, das heisst in süd-südöstlicher Richtung. Dadurch wird die Sonne möglichst früh und möglichst lange von den Wohnräumen «eingefangen». Gegen Westen liegen der Stall und die Heutenne. Sie schützen gegen die Bise, die bei uns aus nordwestlicher Richtung einfällt. Die Tiere liefern Wärme und das Heu isoliert. Im Kulu-Valley befinden sich die Tierstallungen im Erdgeschoss. Darüber sind die Wohnräume angeordnet und im flachgeneigten Dach ist das Heu untergebracht. Der Wohnteil ist umrundet von einer Veranda, die im Winter geschlossen werden kann. Damit können die Wohnräume im Sommer wie im Winter mittels einer Pufferzone auf fünf Seiten auf die verschiedenen Jahreszeiten reagieren. Unter der sechsten Seite, dem Boden, befinden sich auch hier die Tiere, die mit ihrer Körperwärme eine eigentliche Fussbodenheizung generieren.

Es gäbe noch viele Beispiele archaischer Bauten, die mit einfachsten Mitteln energieeffizient sind und sogar eine bestimmte Behaglichkeit gewährleisten. Diese Bauten zeichnet der Dialog, den sie mit ihrer Umgebung führen, aus. Zuerst loten sie alle Vorteile des regionalen Klimas aus, prüfen sie und setzen sie möglichst effizient für ihre Zwecke ein. Erst in einem zweiten Schritt wird die verfügbare Technik, in der Regel eine Feuerstelle, so in das Gebäude integriert, dass diese wiederum effizient wirksam werden kann. Die Strategie dieser Konzepte basiert auf der Wahrnehmung des Unmittelbaren und einer umfassenden Sicht der Dinge.

«Gott ist Licht!» und «Sei energieeffizient!» ist nicht dasselbe
Interessant ist der Titel «Architektur trotz Energieeffizienz» dann, wenn man sich überlegt, dass unsere Auslegung von Energieeffizienz stilbildend geworden ist − vergleichbar mit Bernard von Clairvaux's Ausspruch: «Gott ist Licht!», der für die Gotik stilbildend wurde. Er hat der Kirche eine neues «Corporate Identity» gegeben und die Bauwirtschaft für die Umsetzung der neuen Doktrin zur vollständigen Erneuerung gezwungen. Für die formale Ausbildung des Raumes mussten die Konstruktion, die Logistik und nicht zuletzt das Management der Baustelle neu erdacht werden. Ungefähr im gleichen Ausmass erlebe ich die Veränderungen im Bauwesen, die im Rahmen der Verbesserung der «Energieeffizienz» stattgefunden haben. Wir wurden zu einem neuen konstruktiven Denken gezwungen. Natürlich entstanden daraus neue Konstruktionen, eine neue Baukultur und damit eine neue Architektur. Das ist vorerst wertfrei zu lesen. Aber wenn der Mensch in unseren Breitengraden schon immer energieeffizient gedacht und gebaut hat, sollten wir kein Aufheben davon machen. «Energieeffizienz» als stilbildendes Element ist wertfrei und besitzt nicht den notwendigen thematischen Tiefgang, der zu einem nachhaltigen «Stil» führen kann. Was schon immer ein selbstverständliches, menschliches Bedürfnis in unseren Breitengraden war, gegenwärtig als Bedingung jeder Konstruktion und Ästhetik, wird nun scheinbar zum eigentlichen und alleinigen Beweggrund architektonischer Tätigkeit. Die Botschaft «Energieeffizienz» kann somit weder Architektur noch ordentliches Bauen generieren. Die aktuell definierte «Energieeffizienz» wird kaum nachhaltig, da es sich hauptsächlich um ein marktwirtschaftlich definiertes «lifestyle-Produkt» handelt.

Wenn, so gesehen, «Energieeffizienz» kaum zu einer architektonischen Thematik führen kann, stellt sich die Frage, wie es trotzdem dazu kommen konnte. Aus meiner Sicht haben zwei Ereignisse in den 70er Jahren zur heutigen Situation geführt: Das Ölembargo und die Wegwerfgesellschaft. Am 6. Oktober 1973 wurde uns vor Augen geführt, wie stark unser Leben vom Öl abhängt. Die Wegwerfgesellschaft, wie wir sie heute kennen, konnte nachweislich erst nach der Überwindung der Mangelwirtschaft der Nachkriegsjahre wirklich entstehen.

Ölembargo – vollständige Trennung zwischen Aussen und Innen
Das Ölembargo löste im Bauwesen eine historische Veränderung aus. Unsere Kultur, vor allem diejenige nördlich der Alpen, ist seit Menschgedenken damit beschäftigt, Schutz vor Regen, Schnee und Kälte zu schaffen. Nun wird es von zentraler Bedeutung, die produzierte Wärme solange wie möglich im Haus zu behalten. Um dieses Ziel zu erreichen, werden neue Berufe wie zum Beispiel der Bauphysiker geschaffen. Der Haustechniker wird vom Supporter zu einer zentralen Figur in der Planung. Mitte der 80er Jahre etablierte sich die Erkenntnis, dass die dichte Aussenhaut der Gebäude von entscheidender Bedeutung sei. Mit der konstruktiven Umsetzung dieser Haltung erfolgte meines Erachtens der entscheidende Schritt hin zu einer neuen Baukultur, an dessen Anfang wir heute stehen: der vollständigen Trennung zwischen Drinnen und Draussen. Meines Erachtens ist es nicht die Energieeffizienz, sondern in der Folge davon die dichte Bauweise, die einen grundlegenden Kulturwechsel beim Bauen herbeigeführt hat. Bis zu diesem Zeitpunkt fand über die Aussenhaut eines Gebäudes ein intensiver, nicht kontrollierter Austausch zwischen Drinnen und Draussen statt. Das Ziel der neuen Baukultur ist die vollständige Versiegelung der Aussenhaut. Ein Austausch findet nur noch mechanisch und kontrolliert statt.

Die «Energieeffizienz» allein kann viele Fragen nicht klären. Die aktuelle Diskussion nach der Frage der Qualität der Energie, ob sie «sauber» sei oder nicht, verdeutlicht diese Grenze. Mit dem beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie wird diese Frage noch brisanter. Und das vor dem Hintergrund des jährlich steigenden Energiebedarfs. Wenn wir bei unserer Definition von Lebensqualität bleiben, werden wir das Rennen verlieren, egal welchen Weg der Energiebeschaffung wir wählen.

Architektur wurde zur marktstrategischen Komponente in der Wohlfühlgemeinschaft
Bauen wurde seit Ende der 60er Jahre zunehmend zu einem Markt. Entsprechend marktwirtschaftlich wird es nun analysiert, hinterfragt und organisiert. Marktwirtschaftliche Überlegungen prägen heute weitgehend die Baukultur. Unter anderem hat das zum fast vollständigen Verschwinden des Bauherrn und dessen Ersatz durch den Investor geführt. Ein scheinbar kleiner Unterschied, aber von grosser Bedeutung. Denn ob ein Bauherr eine konkretes Bedürfnis erfüllt haben muss oder ob ein Investor primär eine möglichst hohe Rendite generieren möchte, ist ein entscheidender Unterschied. Auch die Architektur, nicht nur die «Energieeffizienz», wurde zur markstrategischen Komponente in der Wohlfühlgemeinschaft. Investoren definieren mittel Lobbying Standards, die man für den Wert einer Baute zu erfüllen hat. Damit diese Standards gewährleistet sind, werden entsprechende Labels definiert. Dabei werden normale Mittel der Marktwirtschaft eingesetzt. Gerade im Bereich des energieeffizienten Bauens hat man diesen Weg gezielt beschritten − und wurde dadurch zu einem Teil der Marktwirtschaft. Diese orientiert sich an einem ständigen Wachstum, und dessen goldenes Kalb ist die Wegwerfgesellschaft. Natürlich schlägt sich das in der Qualität der Bauten und der Lebensdauer der Bauteile nieder. Vor dem Hintergrund dieser marktwirtschaftlichen Überlegungen muss sie gezielt beschränkt werden.

Inwieweit sind wir in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft tatsächlich an nachhaltigem oder energieeffizientem Bauen interessiert? Ist das nicht ein marktwirtschaftlicher Widerspruch? Hat ein Konsument, ein Verbraucher überhaupt eine Wahl für die Nachhaltigkeit? Kann er anders denken? Und entsprechend anders leben und bauen? Darf er das überhaupt oder wird er dadurch zum Reaktionär? Vor diesem Hintergrund frage ich mich, inwieweit wir ein Energieproblem haben, oder ob sich nicht vielmehr die Frage nach der Definition von Lebensqualität stellt. Auch bei einer Deckung unseres Energiebedarfs mittels sauberer Energie bleiben Fragen des Betriebs und der Ressourcen offen. Im Rahmen der alljährlichen kantonalen Investitionsplanung für die nächsten beiden Jahrzehnte stelle ich fest, dass die neuen, technisch hoch ausgerüsteten Bauten zu steigenden Betriebs- und Unterhaltskosten führen − trotz Energieeffizienz! Noch können wir das Ausmass nicht genau definieren, aber im schlechtesten Fall führt das voraussichtlich ab den 30er Jahren zu einer Kostenverdoppelung.

Die Aufrechterhaltung unserer Lebenskultur mittels sauberer und nachhaltiger Energiegewinnung wäre die Entdeckung des «Perpetuum mobile». Es ist jedem persönlich überlassen, wie die Alchemisten auf der Prager Burg an die Entdeckung des Steins der Weisen zu glauben. Allein der Glaube, das ist nicht zu unterschätzen, kann Berge versetzen oder zumindest sehr viel bewegen. Aber darf ich als Kantonsbaumeister in der Erwartung dieser Entdeckung so weiterbauen? Aus der Sicht eines Immobilienbesitzers mit einem ziemlich heterogenen Gebäudepark tendiere ich im Hinblick auf einen möglichst moderaten Unterhalt auf «Lowtech»-Gebäude. Natürlich ist die Frage der angemessenen Energieeffizienz zu beachten. Ich bin aber überzeugt, dass unser «Energieproblem» nicht technisch gelöst werden kann, weil unser Verhalten auf immer mehr Energiekonsum ausgelegt ist. Die Situation wird sich erst dann verändern, wenn ein anderes Lebensgefühl Einzug gehalten hat.»


Wann überlebt ein Gebäude?

Kantone betreiben in der Regel Bauten aus den letzten 500 Jahren. Für das Überleben der Bauten sind in der Regel der Ort und die Funktionstüchtigkeit entscheidend. Bauten an strategisch ungünstigen oder bedeutungslosen Orten werden aufgegeben, ebenso solche, die nicht mehr funktionstüchtig sind. Natürlich sind nicht wenige dieser Bauten heute geschützt und stehen deshalb ausserhalb des üblichen «Evolutionskreislaufs».

Manche historische Bauten werden heute als betrieblich ungünstig beurteilt. Früher entsprachen sie dem Ideal, und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie das wieder einmal werden. Diese Beurteilungen sind Momentaufnahmen. Sie relativieren sich bei zunehmendem Alter der Bauten. Überlebt haben sie aufgrund ihrer Bausubstanz und der meistens anspruchsvollen oder manchmal sogar wertvollen Architektur. Diese haben sie erhalten, weil sie eine ideelle Bedeutung hatten, sei es religiöser, politischer oder allgemeiner gesellschaftlicher Natur. Die Gebäude besitzen eine inhaltliche Botschaft, die über die Funktion hinausweist. Der Inhalt ist weder reiner formal-künstlerischer Natur noch ist er zum Beispiel «Energieeffizienz». Beides genügt nicht, ein Gebäude überleben zu lassen.
 
 
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Text Werner Binotto
Bild COVISS
 
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