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Neu auferstandene Farbigkeit
Vorwärts mit rückwärts gerichtetem Blick
 
Nach längerer Vorgeschichte erfolgte in den Jahren 2010/2011 die sorgfältige Renovation des «Friedheims» an der oberen Bahnhofstrasse in Affoltern am Albis, das seit 1976 Eigentum der politischen Gemeinde ist. Das 1905 erbaute Haus mit drei Wohnungen und kleinem Laden wurde haustechnisch auf den neusten Stand gebracht; moderne Küchen und Bäder ermöglichen zeitgemässes Wohnen, im Hochparterre ist eine Praxis für chinesische Medizin eingezogen. Die intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mit Hilfe von Lesebrille, Spachtel und Mikroskop gab den Blick auf den überaus farbigen Ursprung der Villa frei und legte den Grund für die neu erweckte Farbigkeit: vorwärts mit rückwärts gerichtetem Blick.

Der Löwenwirt Heinrich Winkelmann (1844 bis 1911) muss ein aussergewöhnlicher Mensch gewesen sein. Empfänglich für die Zeichen der Zeit, eröffnete er seinen Gasthof gleich neben der Station der 1864 eingeweihten Bahnlinie Zürich – Affoltern am Albis –  Zug – Luzern – Gotthard (Tunneleröffnung 1882) – Milano, die im Bauern- und Handwerkerdorf einen Bauboom sondergleichen auslöste. Affoltern am Albis verwandelte sich innert wenigen Jahren zu einem industriellen Zentrum, und der Bonstetter Pfarrer und Arzt Johann Jakob Egli verlieh dem Dorf durch die 1890 etablierten Kneippkuren mit zahlreichen Kurhäusern den Glanz mondäner Eleganz und Betriebsamkeit. In diesem Umfeld liess 1905 Heinrich Winkelmann vis-à-vis des «Löwen» an der neu entstandenen Achse zum Bahnhof hin die Villa «Friedheim» − wahrscheinlich Alters- und Ruhesitz − durch Baumeister Gottlieb Gautschi (1865-1930) errichten. Von der Oerlikon her kommend, erstellte dieser mit seinem Generalunternehmen ab 1898 sämtliche bedeutenderen Neubauten im Dorf.

Die Kopienbücher des Baumeisters Gottlieb Gautschi
Im «Bau-Vertrag» vom 8. Juni 1904 zwischen Bauherr Heinrich Winkelmann und Baumeister Gottlieb Gautschi nimmt die Persönlichkeit des resolut auftretenden Löwenwirts deutlichere Züge an, hatte dieser doch bereits vor Abschluss des Bauvertrags mit wichtigen Unternehmern selbst Verträge abgeschlossen, die Baumeister Gautschi übernehmen musste und, was in unserem Kontext wichtig ist, er «besorgte die Maler- und Tapeziererarbeiten selbst», das heisst nahm sich der Vergebung dieser Arbeiten selbst an. Deshalb fehlt der Vertrag mit dem Maler und auch dessen Name, während sämtliche Handwerkerverträge in den Kopienbüchern der Firma Gautschi erhalten sind. Vorhanden ist jedoch das «Vorausmass der Malerarbeiten», das Hinweise auf die verwendeten Farben beziehungsweise Bindemittel gibt: Ölfarbe und Lacke für das Holz (jeweils teurere Variante als Lasur), Metall für die Stuckdecken der wichtigen Räume, Leimfarbe für jene der untergeordneten Zimmer. Nicht erwähnt wird die Farbenwahl, wohl weil der Bauherr sich persönlich darum kümmerte.

Leidenschaft Farbe
Farbe muss Heinrich Winkelmanns Leidenschaft gewesen sein, wie es die Farb- und stark gemusterten, wildfarbigen Tapetenrestchen bezeugen, die überall im «Friedheim» unter den Überputzleitungen zum Vorschein gekommen sind. Ein blaues, ein rotes Zimmer, viel Grün, farbig gefasste Stuckdecken, leider fast ohne Befund, da spätere Erneuerungen nahezu alle Spuren tilgten. Fast als Ganzes erhalten geblieben ist die originale Fassung des Treppenhauses, das den ursprünglichen Laden mit kleiner Wohnung im Hochparterre und die beiden Wohnungen in den Obergeschossen verbindet. Dieser Originalzustand ist unter später flächendeckend aufgeleimtem, im Stil der 30er Jahre gemustertem, später ocker überstrichenem Rupfen zum Vorschein gekommen. Die Wohnungsabschlusstüren, sorgfältige, in einem vornehmen Orangebraun lackierte Schreinerarbeiten guten Holzes, sind in das Gesamtkonzept der herrschaftlichen Erschliessungszone eingebunden.

Leidenschaft Material
Zur Farbe gehört das Material, auf dessen Qualität Heinrich Winkelmann ebenso grossen Wert gelegt hat. Hochwertige Holzböden aus Pitchpine (englisch pitch pine – Pechkiefer), schwerem, kernholzreichem Kiefernholz aus dem Südwesten der USA und Mittelamerika, das schiffladungsweise importiert und in den Gründerzeitvillen verwendet wurde und heute kaum mehr erhältlich ist, da die grossen, alten Bäume weitgehend gefällt sind. Die mehr als hundertjährigen Feldertüren aus einheimischem Holz mit bewusst ausgesuchter Maserung stehen noch heute im Lot. Sorgfältig gearbeitet sind die gut erhaltenen Terrazzoböden im Treppenhaus und zum Teil in den Entrées.

Die Verschleierung
Nur wenige Jahre konnte Heinrich Winkelmann sich seines «Friedheims» erfreuen. Die veränderten Lebensweisen seiner Nachfolger haben zu rasch sich folgenden Wechseln der Oberflächen geführt, zuerst zwar noch farbig, jedoch in einfacheren Mustern, bevor die einstige Farbigkeit unter gleichmachenden Beige- und Weisstönen verschwand, was den Charakter der von Historismus, Jugendstil und damals äusserst moderner Bautechnik geprägten Villa tiefgreifend veränderte.

Wiederentdeckung und aktuelle Umsetzung der historischen -Farbigkeit
Mit der etappenweisen, besser «fetzchenweisen» Wiederentdeckung der ursprünglichen Farbigkeit wurde das vorgesehene Konzept einer modernen Renovation in abgetönten Weisstönen fallengelassen. Bauherrin, Architektinnen, Denkmalpfleger, Restauratoren, Maler und Malerinnen, Chemikerinnen, Farbenfirmen usw. machten sich gemeinsam auf den Weg, versuchten, sich die für heutige Augen ungewohnte Farb- und Musterkombination Heinrich Winkelmanns vorzustellen und nach erfolgter Untersuchung der Farbfragmente unter dem Mikroskop (Katrin Trautwein, Uster) eine Farbigkeit zu entwerfen, die mit einem Bein auf dem his-torischen Befund steht und mit dem andern im heutigen Farbempfinden. Konkret -heisst das: Im Hochparterre näherte man sich in der Fassung des Täfers dem ursprünglichen Spiel der Grüntöne, die farbige Wohnung im 1. Obergeschoss besitzt heute ein hellblaues, ein rotes und zwei grüne Zimmer (Anstrich auf Papiermakulatur, um dem Charakter der einstigen Tapeten näher zu kommen), kombiniert mit hellgrau gestrichenem Täfer. Die Wohnung im 2. Obergeschoss ist in sanfter Variation abgetönter Weisstöne gestrichen. Aus restaurierungstechnischen und finanziellen Gründen wurde die weinrote Deco-Tapete im Erkerzimmer des 2. Obergeschosses nicht sichtbar belassen, sondern überdeckt. Die Türen wurden teils nach historischem Vorbild lackiert, teils passend zur Farbgebung des Raumes gestrichen. Unabdingbar zu Farbkonzept und Farbstimmung gehören die rötlichen Pitchpineböden, die originalen Terrazzo- und neuen Parkettböden in gedämpfter Eiche. Der Materialleidenschaft des Bauherrn entsprach man mit der konsequenten Wahl der aus bewährten, traditionellen Pigmenten hergestellten Farben der Farbmanufaktur kt.COLOR, Uster, Ölfarben für die Holzelemente, Leimfarben für die Decken, Organosilikatfarben für die Wände. Sämtliche Malerarbeiten mit Ausnahme jener im Treppenhaus führte das Malergeschäft Theo Fischer GmbH aus, dessen Gründer Joseph Fischer ziemlich sicher jener Maler ist, der 1905 von Heinrich Winkelmann persönlich als Maler für die Verwirklichung seiner Farbträume gewählt worden war. Keine Kompromisse ging man im Treppenhaus ein, das – mit Ausnahme der nur noch als «archäologische Fenster» präsenten Tapete – von den Restauratoren und Restauratorinnen der Fontana & Fontana AG, Jona-Rapperswil, restauriert und teilweise rekonstruiert wurde.


Bauinfo

Bauherrin:
Gemeinde Affoltern am Albis

Architektur: Silvia Schneebeli,
dipl. Arch. ETH, 8001 Zürich
Warch GmbH, Gabriela Weber,
Arch. SIA, 8005 Zürich

Denkmalpflegerische Begleitung: Annegret Diethelm, Dr. phil. I, AD&AD,
8476 Unterstammheim und 6675 Cevio

Restaurierung: Fontana & Fontana AG, 8645 Rapperswil-Jona

Farben: Katrin Trautwein, kt.COLOR AG, 8610 Uster

Malerarbeiten: Theo Fischer GmbH,
8910 Affoltern am Albis

 
 
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Text Annegret Diethelm
Bild Annegret Diethelm und Attilio D’Andrea (Zustand vor, während, nach der Renovation); Katrin Trautwein (mikroskopische Aufnahme); -Elvira Angstmann (Zustand nach der Renovation)
 
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