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Beton und Farbe
Quo vadis, Farbe und Beton?
 
Für viele sind «Sichtbeton» und «Farbanstrich» zwei unvereinbare Begriffe. Nur hat Sichtbeton hier und Sichtbeton dort kaum dieselbe Qualität, sieht mal schöner, mal eher misslungen aus, muss repräsentieren oder bloss eine funktionale Aufgabe erfüllen. Auch Anstriche unterscheiden sich voneinander, sind nicht einfach nur Anstriche, jedoch zum Beispiel deckend oder lasierend, mit der Bürste oder mit dem Roller, mit Dispersions-, Leim- oder Mineralfarbe appliziert. Das ergibt verschiedene Welten in Ausdruck und Haptik des mit Farbe behandelten Betons. Umso mehr ist gefordert, wer unbehandelten Sichtbeton mit Farbe bearbeitet.

COVISS: Jo Finger, Auf Ihrer Homepage ist zu lesen, Truecolour stehe für den bewussten Einsatz von Farbe als Gestaltungsmittel in der Architektur. Was bedeutet das konkret für den professionellen Umgang mit Beton und Farbe?

Jo Finger: Zuerst einmal steht diese Aussage für den Anspruch, das Kommunikationsmittel Farbe verantwortungsbewusst einzusetzen, das heisst nicht missbraucht als Selbstzweck und schon gar nicht als Vehikel zur Selbstdarstellung und Beweihräucherung.

COVISS: Und weiter?

Jo Finger: In Bezug auf Materialisierungsabsichten bedeutet diese Aussage, mit den zur Verfügung stehenden Medien entweder das Wesen des Farbträgers zu erklären oder zu negieren und dadurch den Eigenwert des Farbmaterials zum Ausdruck zu bringen. Somit ist das Spektrum des Machbaren abgebildet, und das Gestalten beginnt.

COVISS: Viele Ihrer Arbeiten rund um Beton und Farbe zeugen von einer gewissen Experimentierlust, von einem sich freien Bewegen im Spannungsfeld zwischen unbehandeltem, lasierend und deckend gestrichenem Sichtbeton. Teilen auch Sie diesen Eindruck?

Jo Finger: Schön, wenn sie diese Wahrnehmung haben und unsere Projekte der letzten zehn Jahre dies kommunizieren. Im Übrigen teilen Sie diese Einschätzung mit Architekten, die unser Know-how bezüglich Oberfläche und Farbe abrufen.

COVISS: Woran dürfte das Ihrer Meinung nach liegen?

Jo Finger: Die Ursache liegt wohl generell im undogmatischen Umgang im Gestalten mit Farbe beziehungsweise deren zu Material werdenden Wirklichkeiten und im Repertoire der Möglichkeiten an sich. Im Speziellen wurden und werden wir mit Aufgaben konfrontiert, die ein breites Spektrum der Machbarkeiten dieses zumindest vorerst indifferenten Werkstoffes abdecken: Formen, Ingredienzien farblich steuern, opak und lasierend beschichten oder mechanisch bearbeiten, um nur einige Verfahrenstechniken zu nennen.

COVISS: Inwiefern spielen Materialität und Art der Verarbeitung des gewählten Anstrichstoffs bei Ihren Entscheidungen und Vorschlägen eine Rolle?

Jo Finger: Eine wichtige Rolle, wenn Bauherrschaft und Architekt für diese Fragen sensibilisiert sind. Das ist a priori nicht immer der Fall. So ist es eher die Regel, dass von Farbe als Farbwert im Sinn von visuellem Eindruck gesprochen wird, weniger von der Dimension der Stofflichkeit. Auch die Art und Weise, wie ein Material auf den Untergrund gebracht wird, wird häufig marginalisiert.

COVISS: Wann achten Sie auf eine konsequente Weiterführung des mineralischen Aufbaus vom Beton zur Farbe, und wann durchbrechen Sie diesen durch das Applizieren von zum Beispiel petrochemischen Anstrichstoffen auf Beton und warum?

Jo Finger: In der Praxis werden wir häufig mit unterschiedlichsten Anforderungen konfrontiert. Es gibt aber kein allgemeingültiges Rezept, keine Gesetzmässigkeiten. Eine Empfehlung oder Gestaltungsabsicht ordnet sich immer der Konzeption unter, der wichtige Fragen zugrunde liegen wie zum Beispiel, ob man es mit einem Ort- oder Fertigbeton zu tun hat, welche Funktion der Beton hat, ob er Teil der Konstruktion oder Blendwerk ist …

COVISS: Ihre Entscheidungs- und Ausführungsprozesse und die daraus entstehenden Resultate am Bau wirken alles andere als zufällig. Welche Haltung verbirgt sich hinter Ihren Farbgestaltungen, die sich von einem Objekt zum andern zum Teil in Materialität und Ausführungsart markant unterscheiden?

Jo Finger: Farbe ist, wie ich schon sagte, kein Selbstzweck, sondern ist als Leistungsgrösse im Gesamtkontext der Architektur zu begreifen. Ihre Dimensionen in Wirkung und Materialität sind sorgfältig zu ergründen, um adäquate Lösungen, das jeweilige Projekt, zu generieren. Farbe ist nur ein Teil des Ganzen und sollte als ein solcher verstanden werden, was jedoch Missverständnisse und Missbräuche nicht ausschliesst.

COVISS: Das Beispiel «Alterswohnheim Lindenpark» dokumentiert einen zurückhaltenden und doch nicht zu übersehenden Farbeinsatz an Teilen der Aussenfassade. Wie würden Sie den gewählten goldbronzenen «Hauch» von Farbe und Glanz auf Sichtbeton im Wechselspiel zu den sandgestrahlten Lindenfrüchten-Motiven erklären?

Jo Finger: Bei diesem «Kunst und Bau»-Projekt ging es neben den inhaltlichen Fragen darum, wie das 110 Meter lange Brüstungsband aus Ortbeton grafisch zu bespielen sei. Das Ziel war, ein integratives Element der Architektur und ein Identität stiftendes für den Lindenpark zu kreieren. Quasi synchron zum Layout wurden verschiedene Umsetzungstechniken erprobt. Den stärksten Ausdruck fanden wir in Kombination der applikativen Technik des Lasurauftrags mit der abrasiven Technik des Sandstrahlens.

COVISS: Völlig anders erscheint die aus Betonelementen bestehende Fassade beim Objekt an der Alderstrasse in Zürich: Die durch vorgefertigte Betonelemente gegebene strukturierte Fassade hat einen deckenden, anthrazitfarbenen Anstrich erhalten. Aus welchen Überlegungen?

Jo Finger: Das hatte mit der Frage zu tun, ob die präzise vorfabrizierten Betonelemente in ihrer zur Gesamtheit gefügten Erscheinung wirken sollten. Die dominante Textur, der textile Charakter, die Hierachien von Ebene und Tiefe sollten in keiner Weise durch eine inhomogene, wolkige oder dilettantisch applizierte Beschichtung negiert oder in Frage gestellt werden.

COVISS: Kundenbedürfnisse und -erwartungen müssen sich nicht immer mit Ausrichtung und Haltung des Farbspezialisten decken. Gibt es Grenzen, die Sie in Ihrem Berufsalltag eines Farbberaters auf keinen Fall überschreiten würden?

Jo Finger: Um mit Keith Haring zu antworten: Nichts ist so erfrischend wie ein beherzter Schritt über die Grenzen.



Jo Finger
Farbdesigner FH; Eidg. Dipl. Signaletiker
Truecolour Farbenplanung & Signaletik
www.truecolour.ch 
 
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Text Gregor Eigensatz
Bild Andri Stadler, Luzern
 
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