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Schweizer Handwerk nach Moskau gebracht (1)
16’500 Silberplättchen zieren Villendecke
 
Ein hiesiger Handwerksbetrieb erhält den Auftrag, in einer neuen Villa mit 2’500 m2 Wohn- und Spafläche die Oberflächen mit edlen Materialien zu versehen. Die mit Handwerk feinster Güte zu bearbeitende Fläche ist eindrücklich. Gefragt sind Know-how und Erfahrung eines Handwerksprofis aus Zürich. Nun steht die Villa aber nicht gleich um die Ecke im nächsten Dorf, auch nicht in einer Stadt im Nachbarkanton oder sonst wo in der Schweiz. Zielort dieses ausserordentlichen Auftrags ist Moskau.

Herbert Mäder, Malerhandwerk Herbert Mäder AG, Zürich, erhielt vom Zürcher Architekten Daniel Schindler, Zona Architektur und Inneneinrichtungen AG, den aussergewöhnlichen Auftrag: 230 m2 Decke sollen versilbert, 40 weitere Deckenquadratmeter vergoldet, Wände mit Seidentapeten bekleidet, Gold- und Vinyltapeten von Hand hergestellt werden. Nicht nur Wände, nein auch Decken sollen tapeziert werden, zum Beispiel im 23 m2 grossen Tresorraum. Im Spa-Bereich sollen die Wände, wo es keine Platten oder Natursteine gibt, mit speziellem, durchgefärbtem Kalkputz veredelt werden. Zusätzlich sollen Decken und Wände von über 5’000 m2 gestrichen werden: fast alle Decken in einem weissgebrochenen Ton, nicht bunte Wände mit dem Le Corbusier-Farbton «Gris Natur».

Ein Auftrag dieser Grössenordnung, eine Handwerksarbeit solchen Umfangs und Qualität stellt für den Handwerksbetrieb eine noch nie gesehene Herausforderung dar. Herbert Mäder und sein Mitarbeiterteam beschreiben sie so:

«Bereits die Vorbereitung für einen solchen Auftrag verlangt aussergewöhnliche Aufmerksamkeit. So mussten wir beim Offerieren an ungewohnte Dinge denken, zum Beispiel, was ein Visum oder ein Flug kostet, wie viele Flüge kalkuliert werden müssen …

Drei Besichtigungen vor Ort auf der Baustelle mussten genügen, um eine Liste von Materialien erstellen zu können. Nach und nach füllte sich unser Magazin mit Farben, Tapeten, Verbrauchsmaterial. Zuletzt hatten wir rund 6’500 Tonnen Material auf Euro-Paletten bereitgestellt. Das gesamte Material wurde von einem russischen Spediteur Anfang Januar 2011 bei uns in Zürich abgeholt. Wichtig war, dass der Container wegen den Farben und Tapeten geheizt werden konnte. Die Reise mit dem Material ging dann via Basel nach Riga, dort wurde es umgeladen und nach Moskau gebracht. Unsere Sorge war, ob denn auch alles Material ankommt, oder vielleicht dann doch plötzlich etwas fehlt … Aber aller Bedenken zum Trotz ist das gesamte Material sicher auf der Baustelle angekommen, wenn auch eineinhalb Wochen zu spät.

Am 23. Januar 2011 war es soweit: Acht Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sassen im Flugzeug nach Moskau. Wegen dem berüchtigten Verkehrsstau in Moskau nahmen wir den Nachtflug und kamen um zwei Uhr an. Auf dem Flughaften mussten wir dann zwei Stunden auf unseren Chauffeur, ein Polizist, warten.

Andere Länder – andere Sitten
Da unser Material zu diesem Zeitpunkt noch nicht da war, nutzten wir die Zeit und halfen den russischen Arbeitern beim Vorbereiten der Oberflächen in der Villa. Schnell mussten wir feststellen, dass auf dieser Baustelle die Oberflächenqualität nicht mit einer solchen, wie wir sie in der Schweiz gewohnt sind, zu vergleichen ist: Der Weissputz wird hier mit grossen Schwedenspachteln quasi im Kreuzgang aufgezogen. Der verwendete Weissputzspachtel ist nicht so hart wie in der Schweiz, der Aufbau wird mit zwei verschiedenen Materialien gemacht – die letzte Schicht ist quasi ein Glätter, der aber sehr weich und schwierig zum Schleifen ist. Auch mussten wir feststellen, dass hier nach der vollflächigen Einbettung eines rissüberbrückenden Gewebes mit nachfolgender Spachtelung auch noch ein Glasvlies mit Dispersionskleber eingebettet und wieder mit einer Spachtelmasse überzogen wurde. Diese fragwürdige Vorgehensweise mussten wir stoppen, bildeten sich doch auf den so gespachtelten Oberflächen schon nach kurzer Zeit Blattern.

Als endlich unser Material angeliefert worden war, konnten wir nicht, wie vorgesehen, die Paletten mit Hilfe eines Krans in den Keller hieven und mit dem Palettrollwagen ins Magazin ziehen. So erhielten wir vom russischen Bauleiter 15 Arbeiter aus Kasachstan, die dann die gesamten 6’500 Tonnen in den Keller ins Magazin trugen!

Spätestens ab diesem Zeitpunkt wussten wir, dass die Arbeiter viel billiger sind als ein Kran … Es ist für uns kaum zu glauben, aber ein zehn Zentimeter dicker Unterlagsboden, 2’500 m2, wird mit der Karette eingebracht, kein Pumpen wie in der Schweiz! Auch haben wir gesehen, dass hier zu jeder Jahreszeit betoniert oder gemauert wird. Beim Beton werden trotz Chemie zur Beschleunigung der Trocknungszeit die Eisen unter Strom gestellt, bis sie glühen. Die eingefrorenen Backsteine werden mit dem Bolzenbrenner aufgetaut …

Versilbern der Decke
Unsere eigentlich erste Arbeit begann mit den Vorarbeiten der rund 230 m2 grossen Pooldecke mit seitlicher Wölbung. Schleifen, spachteln, grundieren, die Fläche noch einmal überziehen, wieder grundieren und zweimal Vorlack streichen.
So bereiteten wir die Decke auf das Versilbern vor. Eine grosse Herausforderung waren die Turmgerüste. Diese entsprachen nicht dem, was wir von unseren Baustellen her kannten. Da es auf der ganzen Baustelle zu wenig solcher Gerüste gab, mussten wir täglich mit den russischen Kollegen darum kämpfen. Die Raumhöhe bewegte sich übrigens zwischen 3,85 und 7 Metern.

Die rund 16’000 Stück Silber- und 4’000 Goldplättchen in der Grösse 140 x 140 mm wurden mit einem separaten Paket mit DHL nach Moskau geschickt. Doch wir konnten das Paket nicht aus dem Zollfreilager herauslösen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als bei meinem Lieferanten Michael Brandenberger in Thalwil noch einmal dieselbe Menge zu bestellen.
Dieses Mal wurde das Paket aber mit dem Privatjet des Bauherrn, der gerade in der Schweiz weilte, nach Moskau geflogen. Ein Tag später war es auf der Baustelle.

Nun begannen wir mit dem Einteilen der Decke in verschiedene Felder. Denn nach dem Auftragen der 12-Stunden-Mixtion musste die Fläche innerhalb von etwa vier Stunden versilbert sein. Ansonsten bestand die Gefahr, dass die Klebekraft zu sehr nachliess. Da während des Tages grosser Lärm auf der Baustelle war, entschlossen wir uns, das Versilbern in die Nachtstunden zu verlegen. Dies führte zwar zu ungewohnten Arbeitszeiten. Sie erwiesen sich jedoch als richtig: Zu dritt, jeder mit seiner eigenen Musik im Ohr, konnten wir innerhalb von anderthalb Wochen die gesamte Decke versilbern. Die Arbeit erforderte ein gutes Auge und eine ruhige Hand. Speziell waren sicher die seitlichen Rundungen mit Innen- und Aussenwölbungen in der Decke. Das Silber musste immer gleich geklebt werden, und so standen dann in den beiden verschiedenen Wölbungen die Silberblättchen plötzlich auf dem Kopf …

Die Freude über die nun fertige Decke war von allen Seiten gross. Auch der Bauherr war über die erste fertige Oberfläche erfreut. Es ist unglaublich, wie verschieden die Decke je nach Sonneneintritt in den Raum erstrahlt. Bei Sonnenuntergang ist das Silber in eine warme Oberfläche verwandelt, die ihrerseits den Raum wieder in einem zauberhaften Licht erscheinen lässt.
 
 
Ausgabe "2011/4 - Juni" bestellen
 
Text Herbert Mäder; COVISS
Bild Herbert Mäder; COVISS
 
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