Home     
| Home |   | Sitemap |   | Testimonials |   | Partner |   | Links |   | Stichwortverzeichnis |   | Inscreenum |  

| Aktuelle Ausgabe
| Archiv
| Anzeigen
| Abo/Einzelausgaben
| Veranstaltungen/Dienste
| Über COVISS
| Redaktion/Verlag
| Leserbriefe
| Kontakt
| Impressionen
| Bestellung Buch




Im Dienst des harmonischen Ganzen
Getreu dem traditionellen Materialkanon
 
Das über 200-jährige, nicht denkmalgeschützte Wohnhaus ist ein nicht wegzudenkender Teil des in seiner ursprünglichen Bausubstanz weitgehend erhaltenen Weilers Uf Dorf
in Feldbach bei Hombrechtikon. Wie kann das Gebäude renoviert werden, ohne dass sein lebendiges Äusseres, sein Gesicht, geopfert wird? Fragen an Philipp Hostettler, Architekt und Vorstandsmitglied der IG altbau.

COVISS: Im Namen der IG altbau haben Sie ein 220-jähriges Objekt im Weiler Uf Dorf in Feldbach bei Hombrechtikon besichtigt, nachdem die Bauherrschaft einen sanften Umbau des Altbaus ernsthaft in Erwägung zieht. Wie war Ihr erster Eindruck?
Philipp Hostettler:
Der noch weitgehend erhaltene Weiler liegt auf einer sanften Terrassierung an einem Südhang in intaktem Landschaftsraum. Nach meiner Einschätzung sind die in sich ruhenden Ortsqualitäten hier ausserordentlich hoch. Die Ausformung der Landschaft, der Baum- und Staudenbewuchs, die Anordnung und Komposition der Bauten, die Innen-Aussen-Beziehungen bilden ein harmonisches Ganzes. Ich staune immer wieder, wie unsere Vorfahren den bevorzugten Bauplatz aufgrund ganzheitlicher Kriterien sehr sorgfältig auswählten.

COVISS: Wie beurteilen Sie das -Objekt Uf Dorf 5?
Philipp Hostettler:
Das Haus selber ist
ein klassisches Bauernhaus mit Wohnteil, Stallung und Heubühne, wobei durch den Einbau von Bad und Waschküche nur noch wenig an die ehemalige Stallung erinnert. Bemerkenswert ist der atypische Anbau mit Querfirst des Wohnteils nach Westen, der nach meiner Vermutung nur wenige Jahrzehnte nach Baudatum erfolgt sein musste, eventuell gar gemeinsam. Die Materialisierung und formale Ausbildung entspricht jener des Haupthauses, was die beiden Teile zu einer organischen Einheit verbindet. Die derzeitige Materialisierung der Gebäudehülle und Teile des Innenausbaus entstammen weitgehend einer umfassenden Renovation, die um zirka 1920 bis 1930 erfolgt sein musste; dies sind ins-besondere Schindel- und Bretterschirm, Kastenfenster, Jalousieläden im Äusseren sowie Krallentäfer, schmale Tannenriemenböden und Weichfaserplattendecken im Inneren.

COVISS: Wie beurteilen Sie den baulichen Zustand der Aussenhülle?
Philipp Hostettler:
Der Zustand der Grundsubstanz scheint mir einwandfrei. Aufgrund der Verwitterung sind die Aussenbauteile jedoch renovationsbedürftig. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass diese Bauteile etwa 80 bis 90 jährig sind, darf deren Zustand als ausserordentlich gut
bezeichnet werden. Ich bezweifle, dass die Fassadenbauteile heutiger Neubauten so alt werden. Bei den vor 100 bis 200 Jahren gebauten Häusern ist dies jedoch eine Selbstverständlichkeit. Aufgrund der traditionellen Materialisierung finden wir hier eine visuell sehr ästhetische Verwitterung von Bauteilen vor, die grossen Charme
hat und ein sehr lebendiges Gesamtbild zeigt. Genau darin liegt aber auch die grosse Herausforderung: Wie renoviere
ich ein solches Haus, ohne sein lebendiges Äusseres, sein Gesicht, zu opfern? Fassaden-eternit und Kunststofffenster haben schon manche Altliegenschaft zur gesichtslosen Hauskonserve verkommen lassen. Es liegt auf der Hand, dass ich bei solchen Objekten dem traditionellen Materialkanon − meist sind dies Holz, Kalkputz und Naturstein − treu bleibe. Diese Materialien erlauben eine lebendige Alterung und
erhalten den Charakter des Hauses.

COVISS: Warum ist dieses gealterte und nicht mehr zeitgemässe Gebäude aus Ihrer Sicht erhaltenswert?
Philipp Hostettler:
Grundsätzlich einmal, weil es, wie gesagt, über eine gute Bausubstanz verfügt. Obschon es 220 Jahre auf dem Buckel hat, nimmt es mit etwas
Pflege locker nochmals 100 Jahre auf sich. Ich kenne Neubauten, die nach sieben bis zehn Jahren bereits eine Totalsanierung der Gebäudehülle erfuhren, weil diese
versagte. Ich staune immer wieder ob demverbreiteten Misstrauen gegenüber Altbauten und dem schier blinden Vertrauen vieler Menschen in die vermeintliche Langlebigkeit von Neubauten. Wenn heutige Neubauten 50 Jahre schadenfrei überstehen, können wir glücklich sein. Darüber hinaus wurde das Haus damals baubiologisch erbaut und hat ein Ambiente und einen Charme, dem nur wenige Neubauten das Wasser reichen können.

COVISS: Auf der verputzten Grundmauer aussen und im Kellerinnern sind Salzausblühungen und Algen erkennbar. Worauf lassen diese Spuren schliessen?
Philipp Hostettler:
Die alten Bruchsteinmauerwerke dieser Bauten sind gegen kapillar aufsteigende Feuchtigkeit nicht
geschützt. Folglich steigt Erdfeuchtigkeit, die mit Mineralsalzen angereichert ist, darin hoch. Früher wurden solche Sockelmauern mit reinen Kalkputzen versehen, im Aussenbereich mit hydraulischem Kalk. Danach wurden sie mit Sumpfkalkfarbe gestrichen, was der Feuchtigkeit ermög-lichte, fortwährend auszutreten und abzutrocknen. Um das zu verhindern, brachte man in den letzten Jahrzehnten bei vielen Haussockeln Zementputze an. Das Ergebnis: Die Feuchtigkeit wird im Mauerwerk eingesperrt. Der dichte Zementputz hat kaum Mikroporen wie der Kalkputz, in dem sich Mineralsalze ablagern können. Früher oder später bricht die Feuchtigkeit durch, hinterlässt unschöne Salzausblühungen und lässt dabei teils gar den Putz abplatzen. Die kapillare Steighöhe im Mauerwerk nimmt zudem zu. Wenn dann ein unkundiger Maler kellerinnenseitig noch eine schichtbildende Farbe, zum Beispiel Dispersion, verwendet, sind Schimmel- und Algenbefall und weitere Putzschäden vorprogrammiert (Bild 1 und 3).

COVISS: Was ist zu tun?
Philipp Hostettler:
Das Mauerwerk muss von solchen, die Feuchtigkeit einsperrenden Fremdmaterialien befreit werden.

COVISS: Die Bauherrschaft sieht eine energetische Sanierung des Hauses unter bestmöglicher Erhaltung der ursprünglichen Bausubstanz und Gebäudesprache vor. Ist das bei einem begrenzten Budget überhaupt möglich?
Philipp Hostettler:
Die grösste Schwierigkeit sehe ich weniger in schmalen Budgets als vielmehr in den U-Wert-lastigen Energievorschriften, die Bauherrschaften und umsichtige Architekten bei solcher Altbausubstanz vor bisweilen kaum lösbare Probleme stellen.

COVISS: Wie meinen Sie das?
Philipp Hostettler:
Von acht energierelevanten Kriterien für eine gute Aussenwandkonstruktion ist der U-Wert ein Faktor, der derzeit ungerechtfertigterweise favorisiert wird, obschon alle, die sich insbesondere mit massiv gebauten Altliegenschaften -beschäftigen, wissen, dass diese aufgrund ihrer optimalen passiven Solarnutzung über die Fassade und ihrer hohen Speicher-fä-higkeit trotz U-Werten von mehr als
1.0 W / m2 K viel weniger Energie benötigen, als ihnen rein rechnerisch zur Last gelegt wird. Das Objekt im Uf Dorf ist für mich ein gutes Beispiel dafür, dass mit dem Ausisolieren des Holzriegels mit 14 cm Zelluloseflocken oder mit einer hochkapillaren Holzwolle-Lehm-Dämmung im Zuge der Aussenhautrenovation das filigrane Erscheinungsbild der Fassade erhalten, gleichzeitig die inneren stimmungsvollen Holzverkleidungen kostensparend belassen und Wärmekomfort sowie Energieverbrauch des Hauses trotzdem optimiert werden können. Doch der heute geforderte, zu tiefe U-Wert − für mich nur einer von 30 relevanten Kriterien für eine taugliche Aussenwandkonstruktion − spricht dagegen. Im Klartext: Alleine ein tiefer U-Wert garantiert noch keinen tiefen Energieverbrauch, weshalb es unsinnig ist, deswegen ein Bauteil oder ein ganzes Haus auf Biegen und Brechen diesem Wert anzupassen.

COVISS: Welche Massnahmen lassen sich relativ einfach, aber mit grossem Effekt beziehungsweise hoher Effizienz umsetzen?
Philipp Hostettler:
Können die energetischen erbesserungsmassnahmen aus Budgetgründen nur etappiert erfolgen, empfehle ich in einem ersten Schritt das Ausdämmen der Balkenlage über dem Dachgeschoss mit Zelluloseflocken. Hierzu lassen sich die mittleren Bodenbretter des Dachbodens oft sehr einfach öffnen (Bild 6). Diese Dämmmassnahme ist kos-tengünstig durchzuführen und bringt -energetisch einen hohen Nutzen. Ähnlich bietet sich die Dämmung der Kellerdecke an.

COVISS: Wo orten Sie mögliche Schwierigkeiten?
Philipp Hostettler:
Wenn die Balkenlage einen Schiebeboden mit einer Schlackenschüttung hat, müsste dieser zuerst entfernt werden, was jedoch das vollständige Abdecken der Holzbodenbretter nötig machen würde. Nicht immer kann dann auch der Hohlraum unter dem Schiebeboden mitisoliert werden. Hier muss mit dünneren Düsen eine Lösung gesucht werden.

COVISS: Die Bauherrschaft möchte den bestehenden Kachelofen weiter nutzen. Erachten Sie dies im Rahmen einer energetischen Sanierung als sinnvoll?
Philipp Hostettler:
Ein Kachelofen garantiert immer noch äusserst angenehme, physiologisch optimale Strahlungswärme, die auch bei einem Ölembargo oder Stromunterbruch genossen werden kann. Das Brennholz bringt der Bauer von nebenan aus den umliegenden Wäldern. Ökologischer und nachhaltiger geht es nicht.

COVISS: Welches Heizsystem sehen sie in Ergänzung zum Kachelofen, wenn auch die Räume im Obergeschoss und das geplante Büro im Schopfteil beheizt werden sollten?
Philipp Hostettler:
Keine einfache Frage, zumal jene Energiesysteme, die wirklich hocheffizient und ökologisch sind, derzeit noch nicht zur Verfügung stehen. Nicht weil die Technik dafür nicht da wäre, sondern weil deren Verbreitung aus macht-politischen Gründen bewusst verhindert wird. Aber dies ist eine andere Geschichte. Sicher wäre eine Holzzentralheizung für die Zeit, die wir wohl noch auf diese gänzlich neuartigen Systeme warten müssen, eine gute Wahl, wenn deren tägliche Bedienung im Winter durch die Besitzerschaft gewährleistet wird. In den bestehenden Räumen könnte die Wärme über Radiatoren verteilt werden, im neu auszubauenden Schopfteil vorteilhafter als reine Strahlungsheizung mittels Wandheizung.

COVISS: Wie würde das Warmwasser aufbereitet?
Philipp Hostettler:
Das genau gegen Süden exponierte Dach des Anbaus bietet sich für Warmwasserkollektoren geradezu an. Im Winter müsste der Boiler auf die Holzheizung umgeschaltet werden können.

COVISS: Was kann die IG altbau der oben genannten Bauherrschaft anbieten?
Philipp Hostettler:
Die Interessensgemeinschaft altbau mit ihren regionalen Werkgruppen von altbauversierten Handwerkern und Planern bietet Hausbesitzern auf Objekt, Budget und Wunschliste zugeschnittene Dienstleistungen an. Sei es eine intensive und umfassende Objektberatung von zwei bis drei Stunden, sei es eine umfassende Planung eines anspruchsvollen Vorhabens oder eine reibungslose und engagierte bauliche Umsetzung. Da wir keine Produkte verkaufen, denken und handeln wir für das Haus und die Auftraggeberschaft. Unser Herz schlägt für Altbauten. Wer sich als Hausbesitzer um-sichtige Baufachleute mit hoher Schnitt-stellenkompetenz wünscht, die für diese Substanz Know-how und Feingefühl haben, ist bei der IG altbau an der richtigen Adresse. 
 
Ausgabe "2011/1 - Februar" bestellen
 
Text Gregor Eigensatz
Bild Marlis Eigensatz, Alpnach Dorf
 
   Weiteres zum Thema
 
Baubiologie | Nachhaltigkeit am Bau und …      
Handwerk und Wert | Handarbeit ist eine Arbeit, die ...      
Holz-Oberflächen | Holz ist ein sehr gefragter ...      
Mineralische Oberflächen | Rein mineralische Produkte …      
Oekologie am Bau | Nachhaltigkeit am Bau und …      
Renovation | Das erfolgreiche Zusammen von Alt …      
Umbauten | Das erfolgreiche Zusammen von …      
Wärmedämmung | Die Sensibilisierung auf …      




Lifecom


Xen-On


Verkehrshaus