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Problem in Qualität verwandelt
Farbsinfonie mit Kalkverputz
 
Das Rustico im Tessiner Vallemaggia war früher ein Stall. 1960 liess der Vater des heutigen Eigentümers das einfache, aus Trockenmauern und einem Steindach bestehende Gebäude in ein Ferienhaus mit drei Zimmern, Küche, kleinem Bad, Loggia und Schopf umbauen. Es war die Zeit, da die Tessiner scharenweise ihre kümmerlichen Kleinbauern-betriebe auf-gaben und sich, von speziellem Fachwissen weitgehend unbelastet, lieber als Maurer oder gar Bauunternehmer betätigten. Entsprechend unbedarft fiel die Ausführung des Umbaus aus.

Ein halbes Jahrhundert später präsentierte sich das Haus im Innern mit feuchten, nur unzulänglich beleuchteten Räumen, dunklen Klinker- und grauen Teppichböden, die Wände überzogen von einem zeittypischen, aber unschönen Strukturputz dubioser Zusammensetzung, überstrichen mit mehreren Schichten absperrender Dispersionsfarbe in fleckigem Weiss. Eine Gesamtrenovation war dringlich: Feuchtigkeitssanierung, Erneuerung der Haus-technik, Ersatz von Küche, Bad, Fenstern, Heizung.

Warme Höhle
Die Bauherrschaft wünschte, die Raumstruktur zu belassen. Der Ausbau sollte aber eine deutliche Aufwertung erfahren. Klar war: in diesem halb ins Gelände eingetieften Gebäude liess sich keine lichte Wohnung nach aktuellen Vorstellungen realisieren − dem standen die Intentionen der Bauherrschaft, die Bauordnung und der Charakter des Hauses selbst entgegen. Das Problem musste also in eine Qualität verwandelt werden, und die hiess: Eine geborgene, warme Höhle schaffen − für Licht, Sonne und Weite standen ja ein grosszügiger Garten und eine grossartige Umgebung zur Verfügung. Mittel zur Erreichung dieses Ziels sollten primär Material und Farbe der Wandoberflächen im Innern sein, während das Äussere im angestammten Stein- respektive Verputzgrau belassen blieb – Akzente setzen hier einzig die in Tessiner Bautradition neu aufgebrachten «Collarini», das heisst Fenster- und Türumrahmungen aus weissem Kalk.

Das Material
Für alle Wandoberflächen und die Decken des Erdgeschosses wurde aus Gründen der bauphysikalischen Ansprüche (maximale Diffusionsfähigkeit) und der ästhetischen Wirkung (hohe Leuchtkraft) ein rein an-organischer Sumpfkalkverputz gewählt (Glück-Weissfettkalk aus Hallein, Österreich, Vertrieb LanaTherm Naturbaustoffe, Sennwald). Erst mussten aber der bestehende Deckputz bis auf den mineralischen Grundputz (Hydrokalk und Zement) entfernt und die Risse mit einer Netzarmierung saniert werden. Der neue Deckputz wurde zweischichtig von Hand aufgebracht, die erste Schicht weiss, Körnung 0 bis 1 mm, Stärke 3 mm, die zweite Schicht eingefärbt, Körnung 0 bis 0,5 mm, Stärke 4 mm.

Farbgebung und Oberflächen
Der Deckputz wurde mit Farbpigmenten eingefärbt, mit gelbem und rotem Ocker aus Roussillon in der Küche und in den Wohn- und Schlafräumen, Ultramarin im Kinderzimmer und Rebschwarz im Bad. Das Farbkonzept hatte zum Ziel, die Wohn- und Schlafräume in das warme Licht der untergehenden Sonne zu tauchen, die «kalten» Farben im Bad und im Kinderzimmer setzen dem einen Kontrast entgegen, der die Wärme der Gelb- und Rottöne einerseits potenziert, andererseits dem Auge eine Erholung gönnt. Den gleichen Effekt erzielen die grauen und schwarzen Granitböden und teilweise blaugrau eingetönten Decken im Erdgeschoss, während die Riemenböden aus Kastanienholz, die rötlichen Keramikfliesen des Wohnzimmers und die in rötlicher Leinölfarbe lasierten Holzdecken im Obergeschoss die warme Farbgebung der Wände aufnehmen und variieren.

Eingefärbter Verputz wirkt je nach Oberflächenstruktur sehr unterschiedlich. Der feinkörnige Deckverputz wurde in den Wohn- und Schlafzimmern unmittelbar nach der Aufbringung mit einer Metall-taloche mit einem Kunststoffspachtel
sorgfältig geglättet, wodurch die Farbschicht einen leichten Seidenglanz mit dezent wolkiger Erscheinung erhielt. Der vortretende Körper des offenen Kamins im Wohnzimmer hingegen wurde mit der Talochekante aufgeraut, um die skulpturhafte Körperlichkeit dieses Elementes hervorzuheben. Im Bad und in der Küche wurde der Verputz mit Spachteln zusätzlich verdichtet und mit geschliffenen Steinen und Savon noir in marokkanischer Tadelakttechnik poliert, so dass eine glänzende, wasserdichte und abwaschbare, in der Erscheinung leicht marmorierte Oberfläche resultierte. Eine besondere Gestaltung war der Rückwand im Esszimmer vorbehalten. In Sgraffitotechnik wurden hier Motive aus der Umgebung des Maggiatales (Wald und Fels) aus dem mehrschichtig polychrom aufgebrachten Verputz gekratzt, wobei alle im Haus verwendeten Farben in einer Gesamtkomposition vereint wurden.

Der Sumpfkalkverputz garantiert einen baubiologisch einwandfreien Wandaufbau mit hervorragender Feuchtigkeitsregulierung und teilweise antiseptischer Wirkung. Die Einfärbung des Verputzes bringt die Plastizität des massiven Natursteinmauerwerks mit seinen tiefen Fensternischen und raumartigen Türleibungen besonders wirkungsvoll zur Geltung. Die Farbe wird so als Material wahrgenommen, das je nach Tages- und Jahreszeit, Wetter und Lichtquelle eine erstaunliche Tiefenwirkung und intensive, aber nicht aufdringliche Leuchtkraft entwickelt, die mit einem blossen Anstrich nicht zu erreichen ist.

Teatro San Materno Ascona − Berichtigung
Trotz sorgfältiger Recherchen haben sich im Artikel über die wieder erstandene Farbgebung im Teatro San Materno in Ascona (COVISS 4/2010) Fehler eingeschlichen. Die folgenden Informationen stammen von -Andreas Küng, docente-ricercatore an der SUPSI und Leiter der Abteilung Konservierung und Restaurierung am IMC.

Die Innenräume des Teatro San Materno präsentierten sich vor der Renovation nicht nur in «belanglosem Weiss», sondern in -allen möglichen Farben, die oft sogar den originalen entsprachen, jedoch eine -andere Tonalität besassen. Die jüngste Farbfassung des mehrschichtigen, aus unterschiedlichen Zeiten stammenden An-striches wurde mit einer acrylharzhaltigen Farbe vorgenommen.

Die originale Farbe des Weidemeyer-theaters war eine traditionelle Leimfarbe, die neben dem wasserlöslichen Bindemittel «Leim» als Hauptbestandteil Kreide (gleichzeitig weisses Pigment und Füllmittel) -enthielt sowie natürliche und künstliche Pigmente, oft sogenannte «verlackte Pigmente», das heisst auf verschiedenen -Substraten fixierte organische Farbstoffe. -Unterschiedliche Gründe führten zum Entschluss, die Innenräume des Theaters -nicht in originaler Leimfarbe, sondern in -einer Keim’schen Mineralfarbe (Silikatfarbe) zu streichen.

Die heutigen Farbtöne entsprechen nicht ganz genau den originalen. Diese sind -jedoch in jedem Zimmer anhand kleiner originaler Farbfenster ablesbar geblie--ben. Auch wenn die heutige Farbgebung des Theaters aus den 30er Jahren des
20. Jahrhunderts weder in Materialwahl noch -Tonalität vollständig der origina-len entspricht, so wirkt die starke Farbig--keit des kleinen Theaters, eines ausser-ge-wöhnlichen architektonischen Werks, als Zeuge der Freude und der Könner--schaft eines -Architekten -der frühen Moderne.
 
 
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Text Attilio D‘Andrea
Bild Attilio D‘Andrea
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