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Chaos aus Drinnen und Draussen (II)
Was überlebt?
 
Macht es Sinn, dass ein Gebäude 100 oder mehr Jahre besteht? Sollten wir nicht einfach für eine oder zwei Generationen bauen? Im Rahmen der diesjährigen Stein-Fachgespräche im Schloss Wartensee plädierte Werner Binotto, Architekt und Kantonsbaumeister St. Gallen, in seinem Einführungsreferat für nachhaltige Bauten, die «keine Maschinen, sondern ein einziges Chaos aus Drinnen und Draussen» darstellen.

Das derzeit vielleicht am meisten bewunderte Gebäude befindet sich auf 2’880 Meter Höhe neben einem Gletscher. Das Haus besitzt «eine herausragende Architektur mit integrierten Lösungen für den Energie- und Wasserhaushalt» (Neue Monte-Rosa-Hütte SAC, ETH Zürich, 2009). Nun könnte ich etwas sibyllinisch fragen: «Was sucht denn der Mensch da oben? Was will er in dieser Kälte? Lebt er da?» Das Beispiel zeigt, dass wir in der Lage sind, fast unabhängig zu sein. Es ist der Prototyp des zukünftigen Bauens, noch nicht ganz serienreif, aber wir arbeiten daran. Es ist aber auch, philosophisch betrachtet, die Spitze des Individualismus. Nun brauchen wir fast niemanden mehr, und die Welt um uns herum wird irrelevant. Es ist das, was für Malewitsch das weisse Quadrat auf weissem Grund war: das Ende der Suche nach der absoluten Malerei (Kasimir Malewitsch, Weisses Quadrat auf weissem Grund, Gemälde, 1918).

Die Zukunft
Die hohen Betriebskosten führen nach und nach zur Verringerung der Wohn- und Produktionsflächen. Die Produktion von kurzlebigen Produkten wird angesichts der zunehmenden Rohstoffverknappung zunehmend durch nachhaltige Produkte ersetzt. Diese erfordern zwar einen grösseren Unterhalt, generieren dafür einen geringeren Ressourcenverschleiss.

Eingebettet in eine Landschaft, die primär der Versorgung und der Naherholung dient, weisen Siedlungen nach einer gross angelegten Flurbereinigung eine mehrheitlich geschlossene Bauweise auf. Zusam-men mit einer effizienten Energieproduktion aus erneuerbaren Energiequellen wird eine nachhaltige Reduktion des Energie-verbrauchs erreicht. Die Bauten verfügen über einfache Strukturen und sind aus nachhaltigen Produkten erstellt. Kurze Wege zur Arbeit, zur Schule und für die alltägliche Versorgung optimieren die in-dividuelle Mobilität wesentlich. Selbstverständlich besitzt jede Familie eine oder mehrere Automobile, deren Betrieb jedoch relativ teuer ist und die deshalb nur für besondere Ereignisse eingesetzt werden.

Die Bedeutung der Region, der Stadt, des Quartiers, in dem man lebt, erfährt eine neue Bewertung. Die unmittelbare Umgebung wird intensiver be- und gelebt. Dadurch entsteht eine neue Sorgfalt mit deren Umgang und Gestaltung. Die Wertschätzung der unmittelbaren Dinge wird wieder intensiver und dadurch reicher. Nur noch wenige Vororte sind reine Schlafstädte. Die Stadt, das Dorf sind komplette, umfassende Organismen, in denen der Alltag durch Arbeiten und Wohnen bestimmt wird und dessen Einwohner politisch aktiv und kritisch sind…

Der Entwurf dieser Utopie basiert auf einer konzentrierten Lebensform, auf kurzen Wegen, auf der Wertschätzung der Unmittelbarkeit. Daraus lassen sich verschiedene Strategien für den Umgang mit Häusern erarbeiten. Für den strategischen Standortentscheid kommt den Zentren und Nebenzentren eine grosse Bedeutung zu. Diese sind gut erschlossen. Der Erhalt bestehender Bausubstanz wird als Wert ausserhalb der Geldwirtschaft erkannt, erhalten und umgenutzt. Der Nutzer ist bereit, seine betriebswirtschaftlichen Überlegungen langfristig auf das Wesentliche zu reduzieren und umfassend auf den Ort abzustimmen.

Vor diesem Hintergrund lassen sich Strategien für die Frage des Überlebens eines Bauwerks entwickeln. Dabei rücken drei Aspekte in den Vordergrund: Die Setzung, die Nutzbarkeit und Funktion, die Struktur und Architektur.

Setzung
Bauten, die sich gut in eine ortsbauliche Struktur integrieren, stehen in aller Regel nicht zur Diskussion. Neue Stadtquartie-re, wie sie in fast allen mitteleuropäischen Städten immer wieder entstanden sind, orientierten sich bis in die zwanziger Jahre mit ihrer inneren Struktur weitgehend an historischen Vorbildern, thematisieren also ihre eigene Geschichte. Ausserdem sind diese Bauten technisch und konstruktiv den historischen Bedingungen verbunden. Die Konstruktion und die Materialisie-rung führen zwangsläufig zu einer gewissen Zusammengehörigkeit und schaffen eine Homogenität des Ganzen.

Fazit: Die Integration eines Bauwerks in bestehende Strukturen macht seinen Erhalt sinnvoll. Deshalb ist seine Stellung, Orientierung und Setzung von nachhaltiger Bedeutung. Die Setzung eines Bauwerkes ist bedeutender als die architektonische Qualität, da diese im Zug des normalen Unterhalts in jeder Generation neu zur Diskussion gestellt werden kann.

Nutzbarkeit
Beim Sanieren und Umbauen der verschiedenen Gebäude aus unterschiedlichen Zeiten fällt auf, dass die Bauten aus der Nachkriegszeit, also nach 1950, weit komplexer sind als die Bauten zum Beispiel aus dem 19. Jahrhundert. Der Unterschied besteht bei der Struktur und der Konstruktion. Konstruktiv sind die historischen Bauten in aller Regel monolithisch gebaut und statisch häufig überdimensioniert. Viele historische Bauten besitzen eine grosszügige Struktur, die den Nachkriegsbauten bis in die Gegenwart abgeht, was letztere für die Nutzung weniger flexibel macht. Die Einschränkungen machen sich vor allem in wesentlich geringeren Raumhöhen bemerkbar. Bei historischen Profanbauten kann man in aller Regel von einem Raummass um die 4,50 Meter ausgehen. Mit dem Einzug der Moderne wurde das Bauen einer Rationalisierung und Optimierung unterzogen. Die knapperen Raumzuschnitte entstanden als Programm in der Zwischenkriegszeit. Vor dem Hintergrund der Mangelwirtschaft der frühen 50er Jahre wurde die Rationalisierung noch verschärft. Berühmte Vertreter der modernen Architektur plädierten und engagierten sich für neue Normwerke im Hinblick auf eine kostengünstige industrielle Produktion. In den 60er Jahren wurden diese optimierten Raumgrössen der Vorkriegszeit festgeschrieben. Unter anderem wurde die minimale Raumhöhe von 230 cm eingeführt, ein Mass, das bis heute in vielen Bauordnungen anzutreffen ist. Und wie das so ist, wurde dieses Mass nicht als Minimum verstanden, sondern es wurde zum «Mass aller Dinge», wurde im wahrsten Sinne des Wortes «massgeblich». Dabei handelte es sich um eine kulturpolitische Entscheidung, die unsere Städte und Ortschaften, aber auch unser Wohnen nachhaltig beeinflusst haben. Minimale Zimmergrössen wie auch Treppen- und Korridorbreiten wurden definiert und festgelegt. Der einsetzende grosse Wohnungsbauboom seit den sechziger Jahren basiert auf solchen minimalen Vorgaben. Diese definieren auch den wirtschaftlichen Rahmen, also die Rendite. Strukturell sind deshalb die grossstädtischen Dimensionen der Bauten aus der Vergangenheit, vor allem aus dem 19. Jahrhundert, seit den Nachkriegsjahren verschwunden.

Fazit: Somit ist ein zweiter wichtiger Grund für das Überleben eines Bauwerks die grosszügige Struktur. Sie gewährleistet eine grösstmögliche Nutzung über eine lange Zeit hinweg und macht Um- und Einbauten einfach. Es besteht kein Grund, darüber nachzudenken, ob man sie ersetzen will. Die Langlebigkeit führt zu einer nachhaltigen Rendite.

Energiepolitik
Die grösste Gefahr für die bestehende Bausubstanz geht heute von der Fokussierung auf die Energiefrage aus. Diese einseitige Betrachtungsweise lässt wenig bis keinen Spielraum offen. Es handelt sich um die späte Reaktion auf die Ereignisse der frühen 70er Jahre, aber auch um eine gezielte Strategie der Bauwirtschaft zur Arbeitsbeschaffung.

Die inzwischen auf Gesetzesebene festgeschrieben Richtwerte haben dazu geführt, dass aus heutiger Sicht kaum ein Gebäude, das älter als fünf Jahre ist, den Anforderungen entsprechen kann. Wenn es nicht bereits als architektonisch oder historische wertvoll klassiert wurde, ist es ein potentielles Opfer. Deshalb sind alle Bauten aus der Moderne gefährdet. Sie weisen wenig flexible Strukturen auf und sind statisch knapp bemessen. Oft ist die Bausubstanz aufgrund der unerprobten neuen Materialien und Konstruktionsweisen in einem schlechten Zustand. Alleine diese Gründe genügen, um die Frage nach dem Sinn einer Weiterverwendung zu stellen. Da die Aussenhülle meistens schlechter ist als diejenige der Vorkriegsbauten, dürfte dieser Punkt vor dem Hintergrund der aktuellen Energievorschriften das Schicksal vieler Durchschnittsbauten besiegeln.

Was überlebt?
Bauten, die geschützt werden, haben in Zukunft eine spezifische Geschichte. Die ausserordentlichen Kombinationen von Bauherren und Architekten werden noch wichtiger sein, als sie es in der Vergangenheit schon waren. Das Werk eines Architekten wird an Bedeutung zunehmen. Seine Person steht für die Kontinuität in einem Schaffensprozess und seine Auseinandersetzung mit seiner Zeit. Zusammen mit unterschiedlichen Bauherrschaften wird seine Arbeit für die Geschichte von Bedeutung werden. Eine einfache Struktur in wertvollen Materialien mit hohem Verarbeitungsstandard zahlen sich langfristig aus. Eine Baute, die hundert Jahre betrieben werden kann, wird immer wirtschaftlicher sein, als wenn in der gleichen Zeit zwei oder drei Neubauten erstellt werden müssen.

Wir sind die erste Generation, die ernsthaft überlegen muss, dreissigjährige Bauten abzubrechen und neu zu erstellen. Dabei lassen sich die neuen Bedürfnisse in zwei grosse Gruppen teilen. In der einen sind alle Sicherheitsfragen versammelt, in der anderen geht es um mehr Raum für das Individuum. Oder anders ausgedrückt: je mehr Raum das Individuum hat, um so mehr sucht es nach Sicherheit.

Deshalb sollen wir wieder Bauten erstellen müssen, die hundert Jahre Bestand haben, Bauten, die eine einfache und klare Struktur haben, grosszügig gedacht und gebaut sind, Bauten, in denen die Technik auf ein Minimum reduziert ist, Bauten, die keine Maschinen sind, sondern ein einziges Chaos aus Drinnen und Draussen. 
 
Ausgabe "2010/7 - Oktober" bestellen
 
Text Werner Binotto
Bild Tonatiuh Ambrosetti, Lausanne, Lugano
 




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