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Ursprüngliche Raumstimmung wiederherstellen
Rekonstruktion historischer Tapeten
 
Als Teil der Raumgestaltung liegen bedruckte Tapeten wieder voll im Trend. So bietet der aktuelle Tapetenmarkt eine vielfältige Palette von Tapeten in unterschiedlichen Gestaltungen, Farbigkeiten und Materialitäten an. Die Bandbreite umfasst ganz moderne und trendige wie auch «historische» Tapeten. Jeder Wunsch und Anspruch, jedes Bedürfnis scheint damit erfüllbar. Im Umgang mit historischen Bauten trifft dies nur beschränkt zu. Fast nie können fehlende historische Tapeten durch heute auf dem Markt erhältliche Tapeten ersetzt werden. Ergänzend zum heutigen Angebot bilden deshalb Rekonstruktionen oder angenäherte Interpretationen von Tapeten eine zusätzliche Möglichkeit, die ursprüngliche Raumstimmung wiederherzustellen.

Tapeten sind fester Bestandteil unserer Geschichte und Wohnkultur. Sie sind über Jahrhunderte hinweg stilles Zeugnis des jeweiligen Zeitgeschmacks sowie den dannzumal vorhandenen technischen Möglichkeiten. Vorläufer der Papiertapete waren Wandbekleidungen wie Gobelins, textile Bespannungen, Ledertapeten und bemalte Leinwandtapeten. In einem kontinuierlichen Prozess entwickelten sich als Ergänzung hierzu ab dem 15. Jahrhundert bedruckte Einzelblattpapiere zu bedruckten Tapetenbahnen, wie wir sie heute kennen. Grundlage für diesen Prozess waren die technischen Entwicklungen in der Papierherstellung und der Drucktechnik sowie deren Kombination. Dies führte zu einfachen bis raffinierten, in grösseren Mengen produzierbaren und damit auch bezahlbaren Tapeten unterschiedlichster Ausprägungen.

Geschichte der Tapete
In Europa finden sich ab dem 16. Jahrhundert erste bedruckte Papiertapeten im Wohnraum, so zum Beispiel im Christ College in Cambridge eine Deckentapete von 1509. Aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind verschiedene Renaissance-
Interieurs erhalten, in denen die Decken mit bedruckten Papieren verkleidet wurden. Als Tapetensujet fanden oft Imitationen von Holzmaserungen und Schnitzwerk Verwendung, die dann im Barockzeitalter des 17. Jahrhunderts wiederum durch florale Sujets abgelöst wurden. Über längere Zeit beeinflusste das Textildesign die Tapetengestaltung. Ende des 17. Jahrhunderts trafen in England die ersten chinesischen Papiertapeten ein, und Mitte des 18. Jahrhunderts entstand erstmals eine Ornamentik, die speziell für die Wanddekoration entwickelt wurde. Vorbilder waren vor allem Grotesken, wie sie Raffael (1483 bis 1520) für die vatikanischen Loggien aus der antiken Malerei abgeleitet hatte. Diese «Arabesken» entsprachen in ihrer strengen Spiegelsymmetrie wiederum dem damaligen Geschmack des Klassizismus. Die technischen Entwicklungen im 19. Jahrhundert ermöglichten neue Typen von Tapeten und ein reiches Angebot an Mustern und
Farbigkeiten. Aufgrund der rasanten Bevölkerungszunahme, dem steigenden Wohnbedarf und dem zunehmenden Wohlstand war auch die Nachfrage nach immer neuen Produkten und Tapeten gegeben.

Vom Einzelpapier zur Papierrolle
Wurden zu Beginn die Wand- und Deckenflächen mit einzelnen, kleinen handbedruckten Papierbogen beklebt, wurden später solche Papierbogen noch vor dem Drucken oder Bemalen zu Bahnen zusammengeklebt. Durch die Erfindung der Langsieb-Papiermaschine durch Nicholas-Louis Robert Ende des 18. Jahrhunderts konnten erstmals «Endlospapierbahnen» hergestellt werden. Dies führte zu einem grundlegenden Wandel in der Papierherstellung – das handwerklich hergestellte Papier wurde durch die hochproduktive industrielle Papierproduktion abgelöst. Endlich konnte damit auch die stetig steigende Nachfrage nach Papier befriedigt werden. Ab zirka 1830 wurden dann Tapeten in Form von Tapetenrollen gedruckt.

Vom Handdruck zum Maschinendruck
Im Gleichschritt mit der Papierherstellung entwickelten sich die Druckverfahren. Der aufwändige Handdruck mittels einzelner Holzmodel wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch den Maschinendruck immer mehr abgelöst und verdrängt. Mittels einzelner Druckwalzen aus Holz und Metall konnten die Tapetensujets rationell auf das Papier übertragen werden. Jeder Farbton des Musters bedingt jedoch eine spezifisch auf das Muster ausgelegte Druckwalze. Die Grösse des bedruckbaren Motivs wird dabei von der Breite und dem Umfang des Druckzylinders bestimmt und setzt eine entsprechend aufnahmefähige Druckmaschine voraus. Die Erfindung des Rotationsdruckes ermöglichte es letztlich, grosse Mengen von bedruckten Tapeten am laufenden Band herzustellen.

Heute werden Tapeten in unterschiedlichen Druckverfahren bedruckt (Flexodruck, Tiefdruck, Siebdruck, Prägedruck). Die Kombination dieser Verfahren mit den unterschiedlichen Trägermedien und den Farbsystemen ergibt theoretisch eine fast unbeschränkt grosse Tapetenpalette. Konnten bis anhin «Individualtapeten» vor allem über den Siebdruck hergestellt werden, wurden mit der Entwicklung des Digitaldrucks ergänzende Möglichkeiten geschaffen.

Tapeten – wesentlicher Bestandteil der Raumgestaltung und -wirkung
Die Wandflächen prägen die Raumwirkung nicht nur flächenmässig, sondern auch optisch. So nehmen wir in der normalen Raumbetrachtung zuerst die Wandflächen und erst dann die Deckengestaltung sowie die Bodenflächen wahr. Sind oder waren Tapeten ein Teil einer Raumgestaltung, so sind sie als integraler und untrennbarer Bestandteil der Raumfassung zu betrachten. Sie haben für die Raumstimmung den gleichen Stellenwert wie die Holzwerk- und Deckenfassung. Denn im Regelfall werden Räume als Gesamtes gestaltet und die einzelnen Elemente in Materialität, Form, Gestaltung und Farbigkeit sorgfältig aufeinander abgestimmt.

Eine ausführungstechnisch und optisch gelungene Gestaltung führt bekanntlich zu einem nachhaltigen und damit ressourcenschonenden «Produkt». Nicht zuletzt
wegen hoher Materialkosten war diese Haltung früher allgemein bekannter als heute. Raumfassungen – und damit auch Tapeten – lebten länger. Das Zusammenspiel der einzelnen Elemente erfolgte nicht beliebig, sondern gewollt. Selbstverständlich wurde auch verändert. Beschädigungen, Geschmackswandel oder neue Tapetenprodukte oder Farbigkeiten animierten zu Neutapezierungen. Solche führten aber nicht immer automatisch auch zu Veränderungen an der übrigen Raumfassung. Raumstimmung und -wirkung standen im Mittelpunkt: Gerade das 19. Jahrhundert zeichnet sich in dieser Hinsicht speziell aus. Dies gilt es vor allem auch im Umgang mit historischen Räumen zu beachten.

Anstrich – Markttapete – Tapetenrekonstruktion
Eine der Schlüsselfragen im Umgang mit historischen Bauten ist, wie mit fehlenden Teilen umgegangen werden soll oder darf. Bei fehlenden Tapetenbelägen sind grundsätzlich drei Haltungen möglich. Der fehlende Tapetenbelag wird durch einen passenden Anstrich, durch eine aktuell erhältliche Tapete (historisierend/zeitgenössisch) oder durch eine Tapetenrekonstruktion ersetzt. So unterschiedlich diese drei Möglichkeiten auch sind, sie haben in jedem Fall eine gemeinsame Zielsetzung zu erfüllen: Sie sind wesentlicher Teil, um die ursprüngliche Raumstimmung und -wirkung wiederherstellen zu können und damit den Raum in seiner Gesamtheit zu erschliessen.

Die Charakteristik einer Tapete wird, vereinfacht, aus folgenden Punkten gebildet: Dessin, Motivgrössen, Rapport, Trägermaterial, Materialität, Farbigkeit, verwendetes Farbsystem, Struktur und Glanzgrad. Je mehr dieser Punkte bekannt sind, umso genauer kann ein Ersatz gesucht oder eine allfällige Rekonstruktion erstellt werden. Die fehlende «Tapetenfläche» mit einem farblich auf die übrigen Elemente abgestimmten Anstrich zu füllen, ist eine einfache, aber anspruchsvolle Lösung, wird doch eine im Regelfall mehrfarbige, durchwirkte Tapetenfassung auf einen einzigen flächigen Farbton reduziert. Denkmalpflegerisch ist diese Lösung die klarste – Original und Beifügung sind klar unterscheidbar. Oft verliert der Raum dadurch aber auch die ihm zugedachte Raumstimmung.

Der aktuelle Tapetenmarkt bietet eine breite Palette von Tapeten aus unterschiedlichen Epochen an; im Idealfall findet sich genau die gesuchte oder zumindest eine der ursprünglichen Tapete ähnliche beziehungsweise in das Raumprogramm passende Tapete. Doch gelingt dies trotz intensiver, internationaler Suche nicht immer. Eine Tapete besteht, wie bereits erwähnt, aus vielen Einzelfaktoren. Würde das Dessin vielleicht noch passen, stimmen allenfalls die Farben nicht. Eine Farbänderung ab Werk ist im Rahmen der industriellen Fertigung und aufgrund der oft benötigten geringen Tapetenmenge meist nicht vertretbar. In verschiedenen historischen Räumen konnten dennoch fehlende Tapetenbeläge mit passenden, aktuell erhältlichen Tapeten ersetzt werden. Solche Tapeten sind für den Kenner zwar durchaus als Neuzutat erkennbar. Da ihr Dessin jedoch meist auf historischen Vorbildern basiert, konnte die ursprüngliche Raumstimmung aber wieder angenähert erschlossen werden.

Mehrfach befasst man sich aber auch mit Räumen, bei denen gerade die ursprüngliche Tapete durch ihre besondere Gestaltung die zentrale Rolle für die Raumstimmung bildete. Solche Tapeten zeichnen sich ausnahmslos durch ein spezielles, auf dem Markt nicht erhältliches Dessin aus. In diesen Fällen ist die angenäherte Rekonstruktion der ursprünglichen Tapete die einzige Möglichkeit, die besondere Raumwirkung wiederzuerlangen und den Raum in seiner Gesamtheit wieder fassbar zu machen. Im Idealfall sind originale Tapetenresten oder Tapetenbefunde die besten Rekonstruktionsgrundlagen.

Angenäherte Rekonstruktionen sind mit Einschränkungen auch anhand von historischen Abbildungen möglich. Anhand
solcher lassen sich mindestens die formalen Eckwerte einer Tapete – wie Dessin, Grösse und Rapport – bestimmen. Liegen zur Tapetenfassung auch dazugehörende Originalbemalungen oder Farbbefunde vor, kann in Ansätzen auch die Tapetenfarbigkeit interpretiert und in eine zur damaligen Zeit mögliche und zur übrigen Raumgestaltung passende Farbigkeit umgesetzt werden.

Für die Rekonstruktionen werden verschiedene Druckverfahren eingesetzt: Schabloniertechnik, Siebdruck sowie Digitaldruck, nicht aber der klassische Hochdruck mittels Musterwalzen, müssten doch für die einzelnen Dessins jeweils verschiede Musterwalzen hergestellt werden…

Bei Rekonstruktionen ist die genaue Nachbildung der einzelnen Muster und Farbigkeiten eine selbstverständliche Vorgabe, die Suche nach geeignetem, in der Oberflächentextur dem Original möglichst entsprechenden und auf das jeweilige Druckverfahren abgestimmte Trägermaterial für den Tapetendruck eine echte Herausforderung. Denn dieses Trägermaterial muss ja nicht nur gut bedruckbar, sondern vor allem auch alterungsbeständig und tapezierfähig sein. Im Leimfarben- und Siebdruck kann auf grosse Erfahrung, stabile Farbbindemittel sowie lichtbeständige Pigmente und Farbstoffe zurückgegriffen werden. Im doch noch relativ jungen Digitaldruckverfahren gilt es, zuerst die Systemübersicht zu erlangen und die Systemsicherheit zu erhalten. Insbesondere werden durch verschiedene Tests die Alterungsbeständigkeit von Papier und Drucktinte abgeklärt. Als vorsorglichen Schutz werden die digital gedruckten Tapeten meist mit einem zusätzlichen Schutzlack überzogen.

In einer ersten Phase werden bei Tapetenrekonstruktionen die notwendigen Rekonstruktionszeichnungen, Vorlagen, Schablonen und Masken erstellt. In einer zweiten Phase erfolgen die Probedrucke, Papierbemusterungen, die Verfeinerung oder Anpassung des Layouts sowie das Feinabstimmen der Farbigkeiten bis zum Gut zum Druck. Anschliessend werden in einer dritten Phase die entsprechend benötigten Mengen Bahnen hergestellt. Der Aufwand für die ersten beiden Phasen
ist vom Sujet und dessen Farbigkeit, vor allem aber auch von der Erfahrung der weiteren Beteiligten abhängig und darf nicht unterschätzt werden. Die Herstellung der einzelnen Bahnen ist als gesonderter Teil zu betrachten.

Fazit
Tapeten sind fester Bestandteil unserer Geschichte und Baukultur. Sie waren immer wichtiger Teil einer Raumgestaltung. Heute sind sie wieder im Trend. Aufgrund neuer Herstellungsverfahren sind unzählige Gestaltungsmöglichkeiten mit Tapeten offen. Aber wie immer gilt es – gerade auch bei einer Rekonstruktion von Sujets- und Dekorationselementen – allen relevanten Faktoren Rechnung zu tragen: Suche nach dem optimalen Trägermaterial, das sich für das gewählte Druckverfahren eignet und in Textur und Glanzgrad dem Vorbild entspricht, dazu alterungsbeständig ist und sich gut tapezieren lässt. Jede Tapetenrekonstruktion ist ein subtiles Herantasten an die Vorgaben und technischen Möglichkeiten. Erfahrung und Aufwand dürfen dabei nicht unterschätzt werden. Gelingt dies alles, kann mit solchen Tapetenrekonstruktionen wieder ein substanziell wichtiger Teil für gute Raumstimmungen geschaffen werden.

Bauinfo

Objekt:
Villa Burghalde, Baden
Baudatum: 1904/1905
Architekten: Robert Curjel&Karl Moser
Renovation/Restaurierung: 2009
Architekten: Meletta Strebel Architekten, Zürich

Objekt: Haus Phönix, Ermatingen
Baudatum: ca. 1880
Renovation/Restaurierung: 2008/2009
Architekten: ARGE
Jörg Singer + Andreas Brühlmann,
Ermatingen
Objekt: Villa Stadlin, Zug
Baudatum: 1895
Architekten: Hermann Müller-Scheer
Renovation/Restaurierung: 2008
Architekten: Zünti&Partner Architekten, Zug

Kontakt
Fontana&Fontana AG, Buechstrasse 4, 8645 Jona, Telefon 055 225 48 25,
info@fontana-fontana.ch,
www.fontana-fontana.ch

Die Fontana&Fontana AG führt Tapetenrekonstruktionen zusammen mit geeigneten Partnern aus, zum Beispiel für die Objekte Villa Stadlin, Haus Phönix und Villa Burghalde mit Swissprint Production GmbH, Stallikon.
 
 
Ausgabe "2010/5 - Juli/August" bestellen
 
Text Claudio Fontana
Bild Fontana&Fontana
 
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